Zum Inhalt springen

Monat: Dezember 2011

Mal wieder Sensible Soccer?

Weihnachtsferien.

Früher spielte man darin mit den erhaltenen Spielen und -zeugen. Heute hat man schon alles, was man braucht, und wünscht sich nur dann und wann die Freude zurück, die man noch empfand, etwas zu bekommen, was nicht jederzeit verfügbar ist. Heute ist alles jederzeit verfügbar, nur Zeit hat man nicht mehr so viel und echte Weihnachtsferien ohnehin nur die Lehrer unter uns.

Ein paar leere Momente bleiben sicher dennoch zu füllen, und da könnte man ja mal wieder Sensible Soccer spielen, so in den Ferien.

5 Kommentare

Die dunkle Seite des Mondes

Letztens passierte mir etwas ganz Fürchterliches, ungewollt natürlich. Normalerweise reist man zum Ruhrstadion in Bochum immer vom Hauptbahnhof aus an, das heißt von Westen her. Entweder mit der Straßenbahn oder wenn einem langweilig ist oder man es zu Hause wirklich nicht mehr ausgehalten hat, zu Fuß. Dann läuft oder fährt man einige wenige Hundert Meter bis zum Stadion, allerdings läuft man zusammen mit Dutzenden, Hunderten anderen, und es entsteht genau jene Form der Vorfreude, wegen derer man hauptsächlich ins Stadion geht. Gerade im Ruhrstadion ist es weder die gute Sicht noch die exquisite Toilettenanlage, die einen lockt, sondern eben das Flair. Und genau das beginnt schon beim Anmarsch vom Hauptbahnhof aus. An den Eckkneipen, so viele sind’s zwar leider nicht bis zum Stadion, treffen sich Kuttenträger mit sonstigen Einheimischen oder vom modernen Leben aus Bochum Hinweggespülte, die für die Spiele ihres Clubs gerne in die Heimat reisen, je näher man dem Stadion kommt, desto mehr Menschen strömen aus den verschiedenen Seitenstraßen auf die Castroper Straße und auch wenn man keinen einzigen von ihnen kennt, erweckt es dieses Gefühl der Verbundenheit in der Liebe zum Fußball, das gepaart mit der ausufernden Vorfreude aufs Spiel genau jene Melange aus Empfindungen ergibt, für die man noch ein Wort erfinden müsste, weil sie einzig dem Weg zu einem Fußballspiel vorbehalten ist.

„Vorfußball“, „Stadionsucht“ vielleicht oder „Gleichgehtslosigkeit“.

Ganz entscheidend bei dieser sehr speziellen Situation des Anmarsches auf das Ruhrstadion ist aber, dass man das Stadion schon von relativ Weitem sehen kann, während man auf es zuläuft. Das gilt zwar aufgrund ihrer Größe für alle modernen Stadien, die wenigsten modernen Stadien stehen aber noch mitten in der Stadt, mitten in einem Wohnviertel, in dem an anderen Tagen tatsächlich Menschen ihrem Alltag nachgehen. Man sieht es also auf sich zukommen und im Schritttempo an Größe zunehmen. Die Vorfreude steigt nicht nur innerlich an, sondern hat in ihrer wachsenden optischen Repräsentation des Stadions auch noch ein Sinnbild zu liefern. Bei all den modernen Stadien, moderner Stadtplanung und überkandidelten künstlich gewollten Sinnbildern — wo gibt es so ein natürliches Sinnbild wie diesen Hinweg zum Ruhrstadion schon (noch)?

Letztens allerdings befuhr ich die A40, alte Leute sagen „Ruhrschnellweg“ dazu, etwas jüngere, aber auch nicht mehr Taufrische können sich den Witz vom „Ruhrschleichweg“ nicht verkneifen, weil ja doch immer Stau auf dieser Autobahn ist, und wenn kein Stau ist, dann ist eben Baustelle. Letztens befuhr ich also die A40 in Richtung Dortmund mit einem ganz anderen Ziel als dem Ruhrstadion und es war ohnehin mitten in der Woche und kein Spieltag. Da drückte es mir plötzlich ein wenig auf der Blase. Noch reicht die Kohle nicht für einen Wagen mit Autopilot, also schied das Entleeren der Blase im Stile eines Radrennfahrers während der Fahrt als Option aus. Ich würde wohl tatsächlich eine Örtlichkeit aufsuchen müssen, wofür man zunächst mal hätte wissen müssen, wo sich eine solche in der Nähe befindet. Die A40 ist anders als man denken könnte, führt sie doch mitten durch dicht besiedeltes Gebiet, relativ frei von Tankstellen. Und eine der wenigen davon hatte ich gerade passiert, also musste ich wohl oder übel runter von der Autobahn.

Das war irgendwo in Bochum, wohlgemerkt hinter der Abfahrt „Ruhrstadion“, aber dort, wo ich herunter fuhr, gab es keine Tankstelle zu sehen. Dem weiteren Straßenverlauf gefolgt, „weiter, immer weiter“, das verlangte alleine schon der Blasendruckzustand und doch war noch immer keine Tankstelle zu sehen. Und wie man so herumlaviert, in unbekannter Gegend ausreichend konzentriert Auto zu fahren, gleichzeitig nach Toiletten Ausschau haltend, fällt einem gar nicht auf, welche Hinweise auf den Wegweiserschildern auftauchen.

Gesucht und geflucht, über die nächste rote Ampel geärgert, drübergefahren, als sie grün wurde und plötzlich erhob sich zu meiner Rechten das Ruhrstadion in den Ruhrgebietshimmel. Das war ein Schock. Einerseits zwar eine Erleichterung, denn gegenüber vom Ruhrstadion befindet sich eine nicht zu kleine Tankstelle, die an Spieltagen wohl den halben Wochenumsatz mit dem Verkauf von Bierdosen macht.

Andererseits aber ein Schock. Aus einem gewöhnlicher als gewöhnlichen Stadtviertel herauskommend, wo sich Autohaus an Trinkhalle an Wäscherei an Supermarktparkplatz reihen, von der völlig verkehrten Seite auf das Ruhrstadion zu stoßen, hat die Einzigartigkeit jenes Erlebnisses, vom Hauptbahnhof aus darauf zuzulaufen ein wenig beschädigt. Nicht gänzlich ausgelöscht zwar, doch das blöde Gefühl dessen, wie profan das Ruhrstadion eigentlich in seiner ganzen Wurschtigkeit in einem noch wurschtigeren, noch profaneren Stadtviertel liegt, das man von der Autobahn aus erreicht, wenn man mal pieseln will, das wird mir beim nächsten Fußmarsch vom Hauptbahnhof aus den Genuß ein wenig vermiesen.

Hat man einmal hinter die Kulisse, hinter die Fassade geblickt, kann man nicht mehr so tun, als wüsste man nicht, dass alles nur aus Schaumstoff gebaut ist. Oder auch doch, man kann so tun, man braucht aber ziemlich lange, bis man wieder vergisst.

Diese Chemische Wäscherei, dieses Lampengeschäft und dieser Schreibwarenladen, das Profane einer Postfiliale. Der plötzlich aufblitzende Beton. Das ist nicht jene Idee vom Ruhrstadion, die meine Sehnsucht erfüllen soll. Beim nächsten Mal also wieder zu Fuß vom Hauptbahnhof aus.

2 Kommentare

Hau weg dat Ding

Brasilien — Zaire bei der WM 1974 im Gelsenkirchener Parkstadion.



Regelkunde machen wir dann morgen …

2 Kommentare

Niemals zu den Bayern gehen

Letztens trat die Frage danach auf, was genau es ist, das Mario Gomez Saison für Saison unsympathischer werden lässt. Jemand twitterte, dass er oder sie es so empfände, da fiel mir auf, dass ich mit dieser schleichenden Veränderung des (von sehr hohem Niveau startenden) Wohlgesinntseins nicht alleine bin.

Doch wie kommt’s?

Ein Teil der Erklärung könnte sein, dass man niemals zu den Bayern gehen darf, will man nicht einen Teil seiner Sympathie einbüßen. Anders gesagt: Wer seit jeher schon da ist, wie Rensing, Müller Gerd und Thomas, aber auch Rummenigge 1 und 2, wer vorher gerade mal lokal relevant woanders tätig war, muss nie diesen Schritt öffentlich gehen, der so enorm Sympathien kosten kann.

Neben seinem steigenden — zu Recht zwar-aber — Selbstvertrauen lässt Mario Gomez immer häufiger in Interviews eine gewisse lenaeske Schnippischkeit heraushängen, die unangemessen bis teils arrogant erscheint. Nicht alle Menschen dieser Welt sind für die Schlagzeilen der Zeitungen in Minutenzähl- und Krisenzeiten verantwortlich und auch sein Ferrari im Bauch der Allianz-Arena steht nun mal deshalb da, weil die Menschen solche Zeitungen mit gerne gezücktem Portemonnaie erwerben.

Die positiv zu verbuchende Eloquenz Mario Gomez‘ schlägt dann in die gegenteilige Wirkung um. Weil er sich viel zu demonstrativ herausnimmt, etwas anders zu sein. Er als der intelligente Fußballprofi — dabei dürfte die Quote der absoluten Analphabeten (dies jetzt als Metapher) in den Kadern der Bundesliga seit ihrer Einführung recht gleich geblieben sein — ist überhaupt geistig in der Lage, zu widersprechen, gar zur Süffisanz fähig. Dabei wäre es besonders klug, all jenen Überschriften, die zu Unrecht an seiner fachlichen Qualität zweifeln, mit der bestmöglichen Antwort zu begegnen: Nicht mal ignorieren.

Zweitens wäre da die Frisur. Okay, das ist Ansichtssache, die alte [Link leider tot] hatte mehr Spitzbübisches, irgendetwas hinter den Ohren und vielleicht auch im Nacken. Die neue [Link leider tot] ist durch und durch durchgestylet und lässt keinen Raum mehr für jene Nahbarkeits-Phantasien, dass man ihn auch auf dem Dorfplatz um die Ecke treffen könnte und nach der Partie mit ihm ein Schnitzel essen geht. Denn ins P1 kommt man als Normalo nicht mit rein.

Drittens ist es natürlich sein selten dämlicher Torjubel, der insbesondere seit Erwerb der neuen Frisur (siehe „zweitens“) an Dämlackigkeit nicht mehr zu überbieten ist. Ein Torero will er sein. Ein Torero aus Unlingen. Unlingen liegt bei Bad Saulgau, Dürrenwaldstetten und Biberach an der Riß. Unlingen, von wo aus man den Hausberg Bussen sieht, der Wallfahrtsort für ganz Oberschwaben ist. Oberschwaben — nicht Andalusien.

Gewiss, die Existenz eines spanischen Vaters ist unbestritten ein legitimer Anlass, sich spanisch zu gerieren, ohne dass es manieriert wirken sollte. Tut es aber. Es sagt nicht nur, ich bin zwar hier in Bayern oder damals beim Vauäffbäh zu Hause, aber so ganz dann doch nicht. Ich nehme zwar gerne Euer Eintrittsgeld, und doch bin ich keiner von Euch.

Es ist nicht seine Schuld, dass Gesten wie jene von Menschen, die gerade nur zum Spiel und für ein bisschen Männlichkeitsgedöhns einen Stier töten, in Ländern, in denen man keine Stierkämpfe kämpft, lächerlich und aufgesetzt wirken. Es ist aber seine Schuld, dies nicht zu erkennen und seinen blasierten Torjubel beizubehalten.

Viertens mag es die Tatsache sein, dass seit seiner wiedergewonnenen Treffsicherheit ein jedes seiner Tore bedeutet, dass ein Sieg der Bayern in einer Partie wahrscheinlicher wird. Was man nun mal als jemand, der ausgemachten Gefallen an Geschichten des Scheiterns gefunden hat, wenn sie in München spielen und mit Klinsmann oder van Gaal besetzt wurden, nicht begrüßen kann. Als er noch nicht gesetzt war, unter Aloysius Paulus Maria, da hatte es kaum Bewandtnis, wie Mario Gomez nun jubelte oder nicht. Vielleicht verwendete er damals auch noch gar nicht seinen lächerlichen Dolchstoß-Torjubel, weil dieser in so einer allgemeinen Phase der Krise doch zu überheblich gewirkt hätte.

Allein dass man sich nicht erinnert, ob er damals schon stierkämpfte oder nicht, beweist, dass damals andere Sachen wichtiger waren. Zum Beispiel die Frage, wie viele Tore der Gegner schoss. Es war also durchaus im Bereich des Möglichen, dass der FC Bayern ein gerade laufendes Spiel verlieren konnte. Mit jedem Mal, dass Gomez‘ Torjubel jetzt in den Mittelpunkt rückt, wird gewisser, dass das Spiel nicht mehr wichtig ist, weil es bereits entschieden ist. Was eben nicht für eine spannende Bundesliga-Saison spricht, egal, wann es passiert.

Fünftens, nicht zu verwechseln mit erstens, fällt es vielleicht auf ihn zurück, dass er mal ein anderer als ein Bayern-Spieler war. Sogar Deutscher Meister war er schon mit einem anderen Verein. Etwas, was nur ganz wenige Bundesligaspieler von sich behaupten können. Aber er ging halt hin zu den Bayern, ohne Not. Und das ist eben immer die Frage, bei allen Neuers, Götzes, Schlaudraffs, Reus: Sie hätten ja auch woandershin gehen können. Wer die Klasse hat, für Bayerns Stammbesetzung eingekauft zu werden, nicht als Füllmaterial wie Petersen, Thiam oder Raymond Victoria, der würde auch in der Premier League unterkommen.

Jemandem, der schon immer da war, Schweinsteiger, Augenthaler, Breitner, kann man das zwangsläufig nicht vorwerfen. Denn diesen einen Makel haben sie sich nicht erlaubt: Zu den Bayern zu gehen.

20 Kommentare

Tango 81

Spielte man damals im Osten tatsächlich mit Fußbällen vom Klassenfeind?

Wäre ja kaum zu glauben, wenn es kein Foto gäbe. Oder ist das ein Imitat?

6 Kommentare

Sparwatten ja nix

… in der DDR, nicht mal Videos. Deshalb musste Jürgen Sparwasser sein Tor auf seiner persönlichen Webseite auch Bild für Bild von Hand selber malen.

Oder was ist das für eine seltsame, animierte Einrichtung dort auf der Startseite?

Merkwürdig auch, dass Jürgen Sparwasser nur Länderspiele absolvierte (siehe „Statistik“), aber kein einziges Ligaspiel. Hat man ihn wohl in der DDR immer für die Nationalmannschaft geschont. Warum dann aber doch schon so früh Schluss war mit der Nationalmannschaftskarriere, das verrät seine Webseite nicht.


[photopress:juergen_sparwasser.jpg,full,centered]

Jürgen Sparwassers Webseite.

Ein bisschen was hatte man dann doch in der DDR, nämlich Ideen dafür, wie man eine Biographie nennen könnte. Gleich drei Stück Ideen, wow, so viele. Logisch, dass man sich da einfach nicht entscheiden konnte und eben alle drei Ideen auf den Titel des Buchs drauf geschrieben hat.

„Ich, Jürgen Sparwasser, meine Biografie“.

Wir haben verstanden.

6 Kommentare

Lucas versüßende Herdfolie

Passend zum vollen Bauch am Heiligen Abend zwei Anekdoten zum Thema Profifußballer und Essen in einem Beitrag:

Um Thomas Doll rankte sich die Legende, dass er während seiner Zeit bei Lazio Rom monatlich Restaurantrechnungen in vierstelliger (D-Mark) Höhe sammelte. Fit blieb er offenbar trotzdem. Ob das daran lag, dass man 1991 bis 1993 noch nicht ganz so viel laufen musste wie 2011, um im Fußball einen Schritt schneller als die besten der Welt zu sein, oder daran, dass er stets so gesundheitsbewusst bestellte, wenn er sich auswärts bekochen ließ, konnte noch nicht geklärt werden.

Wohl aber, dass es jemanden gibt, der ganz gewaltig in diese nicht kleinen Fußstapfen von Thomas Doll hereinschritt, als er seinerseits aus Italien kommend eine Zeit lang in Deutschland in der höchsten Liga Fußball spielte.

Luca Toni war Stammgast in Münchens Edel-Restaurants. Der Feinschmecker genoss das Leben in München in vollen Zügen — nur nicht in den eigenen Wänden: Den Einbauherd in seiner Wohnung benutzte er nicht einmal. Beim Auszug klebte noch die Schutzfolie am Gerät.

Ja, doch, da kommt Neid auf. Nicht mal drüber nachdenken, selbst zu kochen, ist einer der vielen Vorteile, die man als Profi genießt. Neben jenem, dass man jobbedingt so viel durch die Gegend läuft, dass das gute Essen nicht ansetzt.

6 Kommentare

Tod und Hass!

Mögen all Eure Wünsche in Erfüllung gehen, liebe Hassende. Wenn die gehassten Klubs gestorben sein werden, wird endlich niemand mehr da sein, gegen den Eure eigene Mannschaft antreten könnte.

3 Kommentare