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Monat: Februar 2012

Auf dem Vulkan tanzende Biere

Mit dem Testspiel heute gegen Frankreich geht es langsam in die vorletzte Kurve Richtung EM 2012. Da ich selbst in Bremen im Stadion weilen werde, kann ich heute nichts dazu bloggen, weshalb ich eine andere Geschichte erzähle.

Ich war jung, ich brauchte das Geld. Nicht dass ich solches jetzt nicht mehr brauchen würde, aber ich bin nicht mehr jung. Und das ist gut so. Denn dass ich nicht mehr so jung bin wie 1996 ist in vielerlei Hinsicht gut, für diese Zwecke hier aber vor allem in einer.

Nie wieder würde ich eine Schicht ganz gleich wie gut bezahlter Arbeit annehmen, wenn ein Finale eines großen Turniers am selben Tag ansteht. Selbst wenn, wie im Falle von 1996, die Arbeit in einer Kneipe mit Großbildleinwand und perfektem Blick auf das Spiel zu verrichten ist. Doppelter Lohn, wegen des großen Andrangs aber vierfache Arbeit und kaum Zeit, das Spiel ernsthaft zu verfolgen. Wie gesagt, das Gute am Nichtmehrjungsein ist, dass man die meisten Fehler bereits begangen hat und im Normalfall nicht wiederholt. Naiv wie ich war, dachte ich, dass doch sowieso niemand während des Spiels Bier bestellen würde, schließlich müsste man genau dann ja das Spiel verfolgen und würde nur in der Halbzeitpause und vor dem Spiel bestellen.

So aber hatte ich an jenem 30. Juni 1996 Thekendienst in einem der wenigen akzeptablen Läden meiner Heimatstadt und die Massen waren schon in der Woche zuvor anlässlich des Halbfinals gegen England in rauen Mengen in den Laden geströmt. So rau, dass manche Leute bis in den Flur stehen mussten und wohl nur die Hälfte des Bildes sahen. Also auch nur den halben Andy Möller, wie er an einer der Eckfahnen des Wembleystadions den jubelnden Pfau gab, der durchaus dazu geeignet war, die englischen Fans in ihrem Heimstadion zu provozieren. Anlass war natürlich das gewonnene Elfmeterschießen gegen den Gastgeber und das war wohl der einzige Tag im Leben des Andy Möller, an dem ihn alle Fußballdeutschen mochten.

Jedenfalls war der Laden auch am Tage des Finales proppevoll und das wirklich Neue am Public Viewing ist eigenlich nur der Umstand, dass es draußen stattfindet. Rudelgucken an sich war auch damals schon üblich, 1990 zum Beispiel im Kino (nicht ich, aber andere) und 1996 eben in dieser Kneipe. Als der Tag begann, war Oliver Bierhoff übrigens noch nur ein Ergänzungsspieler, den kaum einer kannte, weil er seine Karriere in Italien vorantrieb. Bekanntlich war das zwei Stunden nach Anpfiff völlig anders. Ohne diese beiden titelbringenden Tore wäre er vielleicht jetzt kein Manager der Nationalelf geworden, weil er es gar nicht erst zum Stammspieler in der Nationalmannschaft gebracht hätte.

An den Spielverlauf selbst habe ich wenig Erinnerungen, obwohl immerhin nur alle 2 Minuten der Griff an den Kühlschrank nötig war. Schwieriger waren da die Bestellungen im „Saal“, wo Stuhlreihen dicht gedrängt vor der Leinwand aufgereiht waren und die Gäste immer wieder nach großen Bestellungen riefen, die kellnerlike auf einem Tablett hingeschafft werden wollten. Was auch ganz gut gelang, wenn auch mit Mühe, denn natürlich sprangen immer wieder alle auf, wenn sich eine Torchance für die Deutschen abzeichnete.

Dass es Matthias Sammer war, damals Mit-, heute Gegenspieler von Oliver Bierhoff, der den Foulelfmeter zum 0:1 durch Patrik Berger verursachte, musste ich tatsächlich nachlesen, nicht aber natürlich den Ausgleich durch den Danone-Boy. Zum Zeitpunkt des 1:1 war ich gerade in Sicherheit und nicht in der Masse der Menschen mit einem Tablett unterwegs. Da sich die kleine Pointe der Geschichte jetzt schon abzeichnet, rasch weiter zu ihrem Ende: Verlängerung, nachdem Bierhoffs Ausgleich alle erleichtert und daran erinnert hatte, wieso man auch hierhin gekommen war: zum Biertrinken.

Große Bestellungsrunde, auf ins Getümmel und als ich mitten in den Zuguckern stand, fiel nach nur 5 Minuten in der ja nach Golden-Goal-Regel gespielten Verlängerung das 2:1-Siegtor für Deutschland. Ich befand mich mit einem Tablett rundum voll mit Bier in dieser Menge, die aufsprang und den Raum hüpfend und jubelnd zum „Tollhaus“ werden ließ, während ich in artistischer Manier die wertvolle Ladung rettete, indem ich sie erst hoch über allen Köpfen hielt und im nächsten Moment samt Tablett in Richtung Fußboden abtauchte.

Was für ein Triumph! Deutschland Europameister, und alle Biere gerettet, die mir danach trotzdem aus den Händen bzw. vom Tablett gerissen wurden. Die Menge strömte auf die Straßen, wo nur Sekunden nach Abpfiff schon ein Autokorso begonnen hatte. Da ruckzuck fast niemand mehr in der Kneipe anwesend war und der Chef die Stellung hielt, schaffte ich es ebenfalls in eines der teilnehmenden Autos und merkte, dass man irgendwie schlecht jubeln kann, wenn die Menschen alle getrennt voneinander im Auto sitzen. Das bisschen Hupen ist da eher so lala. Mein erster Autokorso als Insasse, und bis heute auch mein letzter. Aber immerhin als doppelter Sieger: Die auf dem Tablett tanzenden Biere nicht in den Vulkan fallen gelassen und eben Europameister.

Und jetzt Ihr: Wo und wie habt Ihr den letzten Titelgewinn 1996 erlebt?

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Luciens Lienen-Moment

Zur Einstimmung auf die nächste Folge der Darbietung der Trainerkünste des Lucien Favre und seiner Borussia heute Abend gegen den Hamburger SV ein Blick in die Geschichte. 2006 war er Trainer des FC Zürich. Und traf in jener Saison auf einen Trainerkollegen, Pierre-Albert Chapuisat, mit dem ihm etwas ganz Besonderes und ganz besonders Bitteres verbindet, siehe Titel des Beitrags. Wie es damals war, im September 1985, als Favres Knie zertrümmert wurde und die beiden Beteiligten sich vor einem ordentlichen Gericht wiedersahen, davon berichtete das Schweizer Fernsehen anlässlich des Wiedertreffens der beiden Protagonisten an der Seitenlinie.



Merkwürdigerweise wie so oft bei solch haarsträubenden Fouls: „Der Schiedsrichter pfiff nicht mal Freistoß.“ Allerdings: Chapuisat wurde fristlos (!) von seinem Verein entlassen.

(Dank an Dominik.)

(Nebeneffekt dieses Videos: Man versteht ein bisschen besser, aus welchen Gründen Lucien Favre in Berlin gescheitert sein könnte („lost the locker room“) — dieses Deutsch vom alten Chapuisat, der ganz offensichtlich kein Muttersprachler ist, hält man doch keine 2 Minuten aus, ohne den Mann für debil zu halten oder das Grinsen kaum unterdrücken zu können. Falls Favres Deutsch damals auf diesem Niveau war, wird er es sehr schwer gehabt haben, sein Standing bei den Spielern, die ja häufig gerade erst dem Schüleralter entwachsen sind, zu wahren.)

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Zwischen den Feiertagen ganz grau

Eben las ich etwas, was mich beinahe selbst zum Heulen gebracht hätte, etwas, was sonst zugegebenermaßen vor dem Rechner ziemlich selten passiert. Es wäre aber ohnehin kein Heulen aus Traurigkeit oder aus Rührung gewesen. Sondern eher aus einer Mischung heraus, die aus Verzweiflung und Bestätigung bestünde, dass das, was den Fußballfan in den Wahnsinn treibt, wirklich wahr und wahrhaftig ist. Durch das Lesen des Zitats diesem Wahnsinn ins Auge gesehen und dann so gekreischt, wie es sonst der Job von weiblichen, jugendlichen Darstellerinnen in Horrorfilmen ist, wenn der Mörder mit dem Messer zur Tür hereinkommt. Und ein Entrinnen nicht möglich ist. Ein Entrinnen vom Fußballfansein. Wie ich in einem anderen Beitrag vor einiger Zeit formulierte „Infiziert ist infiziert.“

Man kann nicht willentlich zum Nicht-Fan werden. Ein Heulen aus Konfrontation mit der Realität also, oder vielmehr der Erkenntnis, dass real ist, was man allzu gerne immer wieder wegschieben würde: Man hat überaus reale Emotionen wegen eines Geschehens, auf dessen Ausgang man Nullkommagarkeinen Einfluss nehmen kann. Man ist den Ereignissen ausgeliefert, deren Inhalt in seiner Bedeutung fürchterlich surreal ist. Denn gäbe es kein Fußballspiel, würde sich nichts an der Welt verändern. Was man schön an den Konsequenzen des Umstands spürt, dass ein Spiel ausfällt. Was verändert sich dann im Leben? Nichts. Die Auswirkungen dieser surrealen Realität eines durchgeführten Spiels aber sind ganz schmerzhaft real. Die Pein, wenn man verloren hat, ist nichts anderes als jene ganz reale Pein, die man beim Verlust anderer Dinge oder Wünsche und Träume empfindet. Und ich nehme an, ohne es beweisen zu können, dass auch die Blutbahn eines Menschen, dessen Team gerade verloren hat, dieselben Hormone aufweist, wie die eines Menschen, der in einem realen Wettkampf den Kürzeren gegen einen Gegner zog.

Was diese meine Regung — kein Entrinnen — auslöste, waren die Worte von Anke Gröner, die sich in ihrem Blog Gedanken dazu macht, wie und ob ihre durch das Fußballgucken ausgelösten Emotionen echt sind:

… wenn ich nach einem Film traurig bin. Oder neuerdings nach einem Fußballspiel. Irgendetwas macht irgendetwas mit mir, und ich lasse es zu. Meine Emotionen sind echt, auch wenn sie von etwas herrühren, das im Prinzip nichts mit mir zu tun hat. Die Emotionen haben eine andere Qualität wie die nach Streitereien mit dem Kerl oder freudigen Nachrichten im Freundeskreis. Aber sie sind trotzdem echt.

Es tut wirklich weh, das zu lesen. Nicht, weil es in irgendeinerweise frevelhaft oder naiv wäre, sondern weil es daran erinnert, wie oft man schon gelitten hat wegen dieses Scheiß-Fußballs, wegen dieses Nichts, das es ja eigentlich ist, und wie real und wie niederschmetternd diese Erlebnisse waren. Und wie da jemand noch scheinbar nichtsahnend im Kosmos der Gefühle rund um den Fußball herumfühlt, der noch so Niederschmetterndes bereit hält, auch wenn sich „Barcelona“ in diesem Leben wohl nicht mehr wiederholen wird. Aber Ähnliches ganz sicher. Das Taubste, was ich in meinem Leben erlebte, war die Rückfahrt im Zug vom so kurz vorm Ziel verlorenen WM-Halbfinale 2006 aus Dortmund, und wenn ich mich dieses Ergebnisses erinnere, breche ich — anders als damals — heute tatsächlich fast in Tränen aus. Das war damals nicht möglich, der Schock war so stark, dass er vor enormer Trauerreaktion schützte: Taubheit als Schutz vor zu großer, unbewältigbar erscheinender Trauer. Genauso wenig war der nächste Tag besser. Und auch 2010 nicht.

Dieses ständige Verlieren und Ausscheiden macht es ja auch so fragwürdig, dass man im Fußball bei einer WM oder EM keine weiteren Plätze ausspielt wie beim Handball oder Eishockey. 32 Mannschaften fahren hin, 31 kehren mit einer Niederlage bzw. dem Ausscheiden als letztem Erlebnis heim. Kämpft sich Irland wacker durch die Vorrunde, schaltet im Viertelfinale Spanien aus und verliert im Halbfinale gegen übermächtige Engländer (kleiner Scherz), ist das die Erfahrung, die die Spieler, aber vor allem ihre Fans mit nach Hause nehmen: Verloren. In der Bundesliga wird nur der Erste am Ende Meister. Alle anderen gewinnen gar nix, nicht mal einen Blumentopf — und wer ganz unten steht, der muss sogar fürchten, im nächsten Jahr plötzlich samstagsmorgens (!) um 13h gegen Paderborn (!) antreten zu müssen. Da werden Ängste beinahe übermenschlich groß.

Natürlich ist das vollkommen verrückt, wegen eines Fußballspiels oder eines Abstiegs zu heulen oder überhaupt irgendeine (echte – wobei die Frage auch erlaubt sein muss, was überhaupt „falsche“ Emotionen sein sollen und ob nicht per se alles, was man empfindet, echt ist) Emotion darüber zu empfinden, aber, und das ist der Punkt: man hat es sich ja nicht selbst ausgesucht.

Beim DRadio Wissen, interviewt von einem Nur-WM-Gucker, wurde ich mit der Aussage konfrontiert: „Ihr (Fußballblogger) nehmt Eure Sache aber schon ganz schön ernst?!“ Was mich dazu veranlasste, letztens zu schreiben, dass Fußball selbstverständlich eine vollkommen ernste Angelegenheit ist, viel ernster als alles Fotografieren, Kochen oder Reisen der Welt zusammen und man sich die Frage danach, ob Fußballblogger ihr Bloggen und ihren Fußball ernst nehmen auch sparen kann — denn wer bitteschön hat je beim Kochen, beim Reisen oder beim Fotografieren verloren oder ist gar abgestiegen?

Ich schreibe das alles im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, und auch im Bewusstsein dessen, dass es öffentlich sein wird, jeder es lesen kann und Außenstehende das für infantil, prollig oder auch kitschig halten werden, wegen einer Niederlage beim Fußball zu leiden, aber genau das ist es, wovon Hornby spricht, das ist es, was die Leute meinen, wenn sie von „echten“ Fans sprechen und das ist es, was diese Fans von WM-Event-Guckern unterscheidet. Man kann nach einer Niederlage oder dem Abstieg nicht einfach mittels Fernbedienung umschalten und einen Film gucken, der einen in andere Emotionen versetzt.

Auch die Platzstürme, so lächerlich diese von außen wirken, in den letzten Jahren in der Bundesliga geschahen aufgrund sportlicher Frustration: In Berlin nach dem Abstieg und in Frankfurt nach dem so gut wie feststehenden Abstieg. Das sind doch (mehrheitlich) keine Menschen, die sich aus Langeweile oder aus Männlichkeitsgehabe prügeln wollen, sondern ihrer für sie so extrem schwer zu bewältigenden Frustration der Niederlage Raum geben wollen, am liebsten gar, man sehe sich die Bilder an, das Geschehene rückgängig machen würden.

Hörte man Rainer Calmund in jener Zeit zu, als Leverkusen gegen den Abstieg kämpfte, dann sah man das Abstiegsgespenst, das ihn jede Nacht beim Zubettgehen besuchte, förmlich selbst vor sich. Nicht weil er so ein guter Schwadronierer ist, sondern weil man es selbst kennt, und diese oder ähnliche Phasen des drohenden Scheiterns miterlebt hat — mitsamt seinen Auswirkungen auf das ganz normale Leben.

Und hier erklärt sich — zu einem Teil — auch das Nichtanerkennenwollen der Bayernfans als „ernstzunehmende“ Fans durch Anhänger anderer Vereine. Denn was im Erfolgsfalle passiert, das ist zwar beneidenswert und irgendwie sexy, Erfolg eben, auch wenn Bayern seine Titel meistens typisch deutsch errang: Hässlich, aber erfolgreich.

Es geht aber nicht um die Fragen, die sich rund um den Erfolg drehen, sondern um jene, welche Konsequenzen der Misserfolg hat. Bayern-Fans spielen nicht das selbe Spiel wie alle anderen. Was man ihnen insofern zurecht vorwerfen darf, als es tatsächlich so ist, dass sie nicht das selbe Spiel spielen wie alle anderen. Bayernfans spielen mit doppeltem Boden, oder besser: Mit Fangnetz. Wenn Bayern Misserfolg hat, dann ist dennoch niemals die Liga-Zugehörigkeit in Gefahr. 1965 aufgestiegen, danach in fast 50 Jahren ganze zwei Mal ernsthaft überhaupt in der unteren Tabellenregion gewesen. Bayern kann — nach menschlichem Ermessen — nicht absteigen, was das Leiden über Misserfolge aus Sicht der anderen falsch, künstlich und ergo nicht echt erscheinen lässt. Denn richtiger Misserfolg, welcher quasi aus der Vernichtung, dem Abstieg nämlich, besteht, ist bei Bayern gar nicht möglich. Ausnahmslos alle anderen Clubs können aber jederzeit in Abstiegsgefahr geraten, und das ist allen Teilnehmenden auch bewusst, weshalb die Angst, Enttäuschung und Frustration eines Bayernfans aus Sicht eines jeden, der tatsächlich absteigen kann, das entscheidende Kriterium fehlt: Ein echtes Scheitern existiert für Bayernfans gar nicht.

Diesen Umstand darf man Bayernfans andererseits allerdings nicht vorwerfen, da sie sich ebenso wenig wie alle anderen selbst ausgesucht haben, Bayern-Fan zu sein. „Der Verein wählt Dich“, sagt man so wahr wie inzwischen ausgelutscht, was natürlich nur eine schöne Metapher dafür ist, dass man meistens keinen rationalen Grund dafür angeben kann, warum man mit einem Verein in Liebe gefallen ist (ich weiß, dass das die englische Ausdrucksform ist, bei einem Fußballverein passt es aber so gut).

Man fällt in Liebe mit einem Verein, Betonung auf fallen, und da rauscht aus dem Hinterkopf schon wieder das Grauen heran, welches Hornby so allzu treffend mit seinen einleitenden Worten in Fever Pitch beschrieben hat. Und ich denke, auch wenn es sogar einige geben soll, die das Buch nicht gelesen haben, es ist völlig ungefährlich für mich, diesen kitschigen, prolligen, infantilen Beitrag hier zu veröffentlichen, denn hier schauen ohnehin nur jene rein, welche zustimmend in sich hinein nicken, wenn sie Hornbys Worte lesen (uberoft zitiert, aber trotzdem:)

Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.

Fußballfansein bedeutet in aller Regel Misserfolg zu haben, selbst Bayern wird nicht wirklich jedes Jahr Meister, nicht mal jedes zweite, alle anderen Vereine eigentlich so gut wie nie, vielleicht zwei Mal im Leben, bei den meisten eher gar niemals. Fußballfansein bedeutet warten, zwischen den Hunderten 1:1 und 0:0, die man ertragen muss, endlich einen rauschenden 5:0-Abend erleben zu dürfen. Ja, „zu dürfen“, denn das hat der Fußballgott, eine andere schöne Metapher für den Zufall und den Lauf der Dinge, die man im Fußball so wenig wie in keiner anderen Sportart planen kann, irgendwann mal entschieden, dass zwischen den wenigen Höhepunkten etliche Darbietungen, die mit großer Qual verbunden sind, liegen.

Borussia Mönchengladbach hat nicht nur deshalb zur Zeit vergleichsweise wenige Neider, weil der Fußball Favre’scher Machart so schön anzusehen ist. Der gemeine Fußballfan erinnert sich auch, wie es den Fans dieser Mannschaft lange Zeit ging. Ihre Anhänger schritten beinahe über Jahrzehnte von einem Fegefeuer durchs nächste, ganze Saisons, in denen Gladbach auswärts zwei oder drei Punkte holte — in einer kompletten Saison, in 17 Spielen gerade schlappe drei Mal nicht verloren. Für Außenstehende klingt das viel zu brachial, „Fegefeuer“ und derlei aufgeblähter, sich selbst überhöhender Quatsch, aber tatsächlich ist es das, was der Fußballfan real erlebt. Er leidet, in echt, ohne Einschränkung. Und er hat es sich weiterhin nicht selbst ausgesucht.

Fußballfansein ist vor allem das: Warten, Warten, Warten und frustriert sein. Und gleichzeitig nicht wegsehen können, auch wenn es wieder schief geht, wie es eigentlich immer schief geht. Nicht wegsehen können, weil man an jenem einen Tag dann eben genau das 5:0 verpassen würde, auf das man die ganze Zeit gewartet hat. Die Vorfreude, die eine Busladung voller Fußballfans auf dem Hinweg zum Stadion verströmt, ist angesichts der harten Realität eigentlich fehl am Platze: 50 Prozent seiner Insassen werden auf dem Rückweg Trauer tragen — und sie wissen um diese Regel, auch wenn sie natürlich auf das Gegenteil hoffen.

Eine in diesen Dingen unbedarfte Freundin fragte mich mal, warum ich ins Stadion ginge, ob ich mich dort an der Gewalt erfreuen würde oder am Singen teilweise grenzdebiler Gesänge oder am Rhythmischen Klatschen in der Gruppe, fast wie beim Militär oder was ihr sonst noch aus ihrer Sicht Unangenehmes einfiel. Nein, das interessiert alles nicht wirklich, das sind nur Randerscheinungen, die man auch wegnehmen könnte, natürlich ist die Antwort eine andere und sie ist ganz einfach: Ich gehe ins Stadion, weil ich mich über den Sieg freuen will. Nur weiß ich natürlich nicht, ob es dazu kommen wird. Ich hoffe, dass es diesmal klappt, dass mir der Zustand der Freude vergönnt ist, weil der Fußballgott (aka Herrscher der Unwägbarkeiten dieses Sports) es so will.

Doch leider ist nicht an jedem Tag Tag der Überraschungen bei einer WM, Underdog schlägt Favorit. Meistens ist 1:1-Tag, es regnet, und die Füße werden nass. Oft ist es sogar 0:2-Tag. Und dann geht man traurig und enttäuscht nach Hause, und diese Empfindungen sind zweifelsohne so real wie der Schnupfen am nächsten Tag real ist, wie die Schwere auf den Schultern, der Brust, die einen am nächsten Morgen aufs Kissen zurückdrückt, weil man gestern wieder verloren hat. Ja, man, nicht der Verein und die Spieler verlieren, man selbst verliert und am Ende ist es das, was das Ganze so problematisch und so unangenehm macht, das Fußballfansein: Man fühlt sich im Anschluss an eine Partie ganz real wie ein Verlierer, ohne dass man den Ausgang auch nur im geringsten hätte beeinflussen können. Und die Nase tropft.

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Youri Mulder gek?

Was das niederländische Wort „gek“ bedeutet, muss man wohl wenige Minuten nach Beendigung des Karnevals nicht mal einem Nicht-Rheinländer erklären.

Bei Twitter in Holland war jedenfalls letztens „Youri Mulder“ Trending Topic. Wobei letztens schon vergangenes Jahr war. Sein Trenden lag daran, dass Youri Mulder in der vorigen Champions-League-Saison als vermeintlicher Experte im holländischen Fernsehen auf die Frage von Kommentator/Moderator Tom Egbers, wer denn diesen starken FC Barcelona in der Champions League stoppen könne, ernsthaft mit

„Schalke 04″

antwortete.

Somit war Youri Mulder aus der Kombination von zwei Gründen Trending Topic.

Zum Einen, weil die Twitterati seine Aussage wiederholten.

Zum Anderen weil viele im Anschluss besorgt fragten:

„Youri Mulder gek?“

Wir würden eher sagen: vereinstreu.

Bis zur Blamage als Experte, wenn nötig.

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Unbekanntes aus … der CSSR

Der tschechoslowakische Pokalsieger wurde von 1969 bis zum Ende dieses Bundesstaates in zwei getrennten Vorläufen ermittelt. Es wurde je ein tschechischer und ein slowakischer Pokalsieger ermittelt.

Die beiden jeweiligen Sieger bestritten im Anschluss ein Finale um den tschechoslowakischen Pokalsieg, welcher alleine zur Teilnahme am Europapokal der Pokalsieger berechtigte.

Es gab also in dieser Zeit nie ein innertschechisches oder innerslowakisches Pokalfinale in der CSSR. Einzig von 1961/62 bis 1968/69 wurde ein gesamttschechoslowakischer Pokalwettbewerb durchgeführt.

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Wie man eine schweigende Stille noch schweigender machen kann

So etwas passiert nur besonders begabten Fettnäpfchenjägern, zu denen ich immer dann zähle, wenn es mal wieder so weit ist. Woran das Perfide ist, dass man das nie im Vorhinein weiß.

Letztens aber traf ich zu spät am Stadion ein, irgendwelche ÖPNV-Kapriolen hatten ein pünktliches Eintreffen verhindert. Da schon die 2. Halbzeit begonnen hatte, die Häuschen für die Stehplatzkarten geschlossen waren und ich keine 20+ Sitzplatz-Euro für nur noch 20 Minuten Spielzeit verballern wollte, biss ich also in den sauren Apfel, die Partie nicht live im Stadion zu sehen, sondern anhand des draußen zu hörenden Jubels oder Nichtjubels darauf zu schließen, ob nun Heim- oder Gastmannschaft ein Tor erzielt hätten.

Wie ich da so vor mich herumstand, fiel mein Blick auf einen kleinen VW-Bus, vor dem Menschen ein Zeltdach aufgespannt hatten und um ein Radio herumsaßen, das die Live-Übertragung von dieser Partie in die Umgebung plärrte.

Was für eine tolle Idee von diesen Jungs, was für ein toller Zufall, dass ausgerechnet dann jemand hier eine Art Sit-In macht, mit Bier, mit Radio, wenn ich zu spät komme, um noch ins Stadion zu gelangen! Langsam herangetastet, die Jungs guckten etwas mürrisch, ob wegen des Spielstands oder wegen meiner Annäherung, war zunächst nicht zu eruieren.

Einem ebenfalls zu spät Gekommenen würden sie schon nicht verwehren, die paar Minuten bis zum Schlusspfiff mitzuhören und eventuell zu feiern. „Ebenfalls zu spät Gekommenen?“, machte mein Hirn immer noch nicht stutzig.

„Ihr sitzt hier so rum?“

„Jo.“

„Warum geht Ihr nicht rein?“

Bingo. Und tschüß, Trainer Baade. Ja, ging dann sehr schnell bis zur U-Bahn nach Hause. Und fühlte sich ziemlich doof an.

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Otto, Experte fürs Onanieren

Otto Rehhagel ist sich nicht zu schade, mal wieder ein paar Sprüche nach altem Muster rauszuhauen. „Ich bin das Gesetz“ und dergleichen aus der Zeit gefallener Sermon mehr. Aber das war ja auch nicht anders zu erwarten, an Selbstvertrauen hat es den unbeirrt aller tatsächlichen Qualifikationen gerne ordentlich auf den Putz hauenden Menschen aus dem Ruhrgebiet selten gemangelt.

Jedenfalls jenen Ruhris vom Schlage des Altenessener Otto Rehhagel. Da genügt ein kurzer und kurzweiliger Blick in die Historie seiner Bon- und auch Malmots. So nannte er schon 1983 die Spielerfrau das beste Trainingslager, das es gebe, und wusste auch auszuführen, warum das so ist. Wenn Spieler im Trainingslager seien, ohne dass ihre Frauen sie besuchen könnten, „müssen ja alle onanieren, auf der Toilette oder irgendwo.“

Ob es mit dieser entschärfenden Maßnahme getan sein wird, Hertha BSC vor dem erneuten Abstieg zu bewahren, werden die nächsten 12 Spiele zeigen. Das Modell Lattek/Sammer als Blaupause mag funktioniert haben, damals geriet aber ein eigentlicher Kandidat fürs obere Drittel der Tabelle in den Abstiegssog. Dass man bei Hertha über Spieler (und trotz Babbel eventuell ein Spielsystem) verfügt, die mindestens Platz 15 rechtfertigen, ist seit ziemlich genau 2,5 Jahren äußerst fraglich. Bislang fehlt der Nachweis, der recht unabhängig von Rehhagels künftigem Wirken zu erbringen wäre.

In welchen Zeiten Rehhagels beste Phase als Trainer lag, macht der Artikel deutlich, aus dem das obige Zitat stammt. Ganz zu Anfang ist übrigens zu lesen, dass der gute alte Loddar mit diesem seinem wirren Paarungsverhalten nicht erst dann begann, als ihm Gleichaltrige zu alt geworden waren.

Was es sonst noch so mit Lothar Emmerichs selbst tituliertem „Stengel“, viel zu alten Zimmermädchen und Stan Libudas rasender Eifersucht auf sich hatte, erzählt mal wieder ein Beitrag aus einem immer besuchenswerten Archiv. Man möge sich aber bitte nicht wundern, wenn die Augen beim Lesen kräftig stauben. 1983 und davor miefte der Herrenclub Bundesliga noch ein wenig mehr nach nicht ganz so verschämt ausgelebter Männlichkeit als heute.

Schlitzohr nimmt Elfe.

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Räuberpistolero Ralf

Das Aktuelle Sportstudio im ZDF ist nicht der richtige Ort, um über Depressionen zu reden, so langsam sollte man es einsehen. Und so legitim es auch ist, dass Ralf Rangnick nicht alle Begebenheiten rund um seine Erkrankung auspacken möchte — dann soll man ihn schlicht nicht einladen oder zumindest nicht zu diesem Thema befragen.

Denn was soll es anderes sein als eine Räuberpistole, wenn er davon schwadroniert, dass er „das Essverhalten geändert“ habe, um von einer Depression zu genesen. Das mag ein kleiner Baustein der Lösung sein, aber zu suggerieren, das sei alles gewesen, grenzt vor einem Millionenpublikum schon an böswilliger Irreführung. Auch dass er in einer Klinik war, ist nicht schön und vermeintlich nicht förderlich für die Reputation, erwähnt er aber nur auf Umwegen (… wenn ich mal wieder zu Hause war …).

Wie gesagt, seine verschleiernden Antworten sind legitim. Wenn es ein Thema gibt, bei dem man nur halbe Wahrheiten erzählen darf, dann ja wohl bei seinem eigenen Gesundheitszustand. Dann muss man damit aber auch nicht in ein Interview gehen, welches dies zum Thema hat. Und das ZDF ist sicher nicht dafür zuständig, Ralf Rangnick auf dem Arbeitsmarkt zu reintegrieren, was wohl seinerseits die Hauptmotivation für sein Erscheinen war.

Was man allerdings schön lernen konnte, war der Unterschied dazwischen, wenn ein Millionär zum Arzt geht oder Kassenpatient Michel. Ralf Rangnick wird von Kopf bis Fuß auf alle möglichen Hormonwerte durchgecheckt, es gibt eine sehr konkrete Diagnose, die offensichtlich schnelle Heilung ermöglicht. Kassenpatient Michel stopft man mit dem handelsüblichen Zeug voll, in der Hoffnung, dass es entweder wirkt oder ausreichend sediert. Insofern doch ganz erhellend, was es gestern im ZDF zu sehen gab, wenn auch nicht im beabsichtigten Sinne.

Ansonsten sollte man im Sportstudio einfach über Sport berichten, statt Verwirrung zu stiften. „Essverhalten geändert“ — wenn es nicht so traurig wäre, müsste man lachen über diese Räuberpistole.

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Im Schneckentempo ist das neue pomadig

Im Schneckentempo. Oder irgendeine andere Wendung. Bitte, Jupp Heynckes, aber auch alle anderen Fußballtrainer und -besprecher, wählen Sie sich einfach eine aus. Als Service und damit wir auf jeden Fall zu einer Entscheidung kommen, haben wir alle denkbaren Möglichkeiten mitgebracht, aber, bitte, bitte, wählen Sie endlich eine Alternative und beerdigen Sie gemeinsam mit uns das schon Patina angesetzt habende „pomadig“. „Transusig“ hätte auch was, wie auch gerne „gesetzt“.

Alle Alternativen kosten das Gleiche, daran soll’s also nicht scheitern.

bedächtig, behäbig, beschaulich, betulich, betusam, gemächlich, gemessen, gesetzt, in aller Ruhe, langsam, ohne Eile/Hast, schleppend, schwerfällig, träge; (umgangssprachlich) im Schneckentempo; (emotional) seelenruhig; (umgangssprachlich abwertend) lahm, schlafmützig, tranig, transusig; (norddeutsch) macklich

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Ich möchte in keinem Land leben, …

… in dem sich der Präsident so wenig für Fußball interessiert, dass er nicht weiß, wie man den Vornamen „Jérôme“ ausspricht und ihn für einen „Jeh-roh-meh“ hält.

Das Video zur ganz schlimmen Laudatio von Christian Wulff, in der er nicht weiß, wie man „Jérôme“ richtig ausspricht, ist leider (bei youtube) nicht zu finden, obwohl es bei der selben Ehrung passiert sein muss wie im unten stehenden Video. Deshalb leider hier nur diese andere Angelegenheit, in der Gerhard Delling demonstriert, wie käuflich er ist und wie wenig er sich als unabhängiger Journalist empfindet.*

Die Angelegenheit mit der Aussprache des Vornamens von Boateng ist aber kein Hirngespinst. Der Autor dieses Beitrags hat es live im Fernsehen mitgehört, wie Christian Wulff damals, 2010, nicht wusste, wie man diesen Vornamen ausspricht. Und ja, es ist eine Banalität.

Ich möchte aber vor allem in keinem Land leben, in dem der Präsident sich so wenig für Fußball interessiert, dass er nicht weiß, wie man alle 23 Namen des doch so erfolgreichen (8:1** Tore aus 2 Siegen gegen England und Argentinien) WM-Kaders ausspricht. Das wäre einem Präsidenten, der sich für Fußball interessiert, niemals passiert.



(Video dient nur der Illustration, anschauen nur bei akuter Schlaflosigkeit, darin passiert absolut nichts.)

Ich möchte allerdings auch in keinem Land leben, in dem Piotr Trochowski für seine Fußballkünste geehrt wird. Und nicht zuletzt möchte ich in keinem Land leben, in dem man Fußballer überhaupt von Staats wegen auszeichnet. Dann wäre es auch ganz gleichgültig gewesen, ob der Präsident die Namen der Spieler kennt oder nicht.

* Wir erinnern uns, dass dies nicht der einzige Vorgang dieser Art war.

** Nein, der Ball tupfte deutlich vor der Linie auf.

(Muss noch schnell raus, bevor der Präsident ein Ex-Präsident sein wird, wie sich immer deutlicher abzeichnet.)

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Drei Mal ganz oben von fast allen anderen

Immer wenn ich mal wieder im Bauch der Allianz-Arena an den Duplikaten der gewonnen Pokale des Vereins vorbeikomme, summe ich innerlich diese Liste vor mich hin.

1974 – Atvidabergs FF, Dynamo Dresden, ZSKA Sofia, Ujpest Budapest, Atletico Madrid
1975 – Freilos, 1. FC Magdeburg, FC Ararat Eriwan, AS St. Etienne, Leeds United
1976 – Jeunesse Esch, Malmö FF, Benfica Lissabon, Real Madrid, AS St. Etienne

Und kann mich nicht entscheiden, ob ich die erste Runde 1976 oder die erste Runde 1975 für entscheidender für den weiteren Werdegang dieses Vereins von Welt halte.

Das waren noch Zeiten, als der Wettbewerb noch ein Pokalwettbewerb war. Und ganze vier Gegner reichten, um am Ende der Gewinner zu sein.

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2B2F aufgeklärt: Guck auf die Füße

„Guck nur auf den Ball“, so lautet eigentlich die Anweisung, die man Verteidigern mitgibt, die Gefahr laufen, von einem wild übersteigernden und sonst rumhapelnden Angreifer umdribbelt zu werden. Guck allein auf den Ball, nur der ist wichtig, nicht welche Bewegung die Beine des Gegenübers antäuschen, sondern wohin sich der Ball bewegt. Half sogar, bei einem bis dahin ausgesprochen leicht auszuspielenden Verteidiger dessen Zweikampfquote innerhalb von Sekunden — durchs Geben dieser Anweisung — enorm zu verbessern.

Für Angreifer kann das natürlich nicht funktionieren. Er besitzt den Ball ja, der Verteidiger hat nur Füße (und Beine) auf dem Platz stehen. Doch auch hier liegt die einfache Lösung eines bislang als Rätsel geltenden Phänomens darin, etwas beim Gegenüber genau zu betrachten. Da er keinen Ball besitzt, sind es im Falle des Angreifers die Füße des Verteidigers.

Der eine oder andere erinnert sich an den im Titel zu 2B2F verkürzten „Big Bombastic Frantic Freezer“ von Marco Reus, der es ihm ermöglicht, mühelos durch seine Gegner zu dribbeln, so als wären diese am Boden angefroren. Oder als stünde für sie einen Moment die Zeit still, in dem sie sich nicht bewegen können, für Marco Reus aber nicht, der schnell hindurchhuscht.

Des Rätsels Lösung ist tatsächlich so banal wie die Einleitung vermuten lässt. Gleichzeitig ist es aber faszinierend, wie simpel der Weg zum Erfolg sein kann. Die NZZ berichtet von Lucien Favres konkreter Arbeit bei Borussia Mönchengladbach:

Favre hat ihnen Details beigebracht, an die sie früher nie gedacht hatten. Reus etwa hat gelernt, auf die Füsse seiner Gegner zu schauen, die er umdribbeln will: An der Fussstellung erkennt er, welche Seite er wählen soll, um an ihnen vorbeizulaufen. Und Reus sagt überrascht: „Es funktioniert.“

Wenn man das ein paar Milimeter weiter denkt, bedeutet das, dass Lucien Favre seinen Spielern tatsächlich etwas über das Fußballspielen beibringt. Das ist natürlich ein Hammer, insbesondere in Deutschland, wo man Niederlagen immer noch damit erklärt, „zu wenig gewollt“ zu haben. Man kann noch so viel wollen, wenn der Gegner Wissen besitzt, über das man selbst nicht verfügt.

Und wie dieser Artikel der NZZ spekuliert, könnte Favre durchaus ein Mann für Real Madrid sein, wo ja eigentlich nach Selbstwahrnehmung Peter Neururer hingehört. Der sich allerdings wohl eher mit Themen der Motivation („Vollfrisöre“) als mit Fußstellung beschäftigt. Dabei sind es offensichtlich diese obigen Details, die in ihrer Summe den Unterschied ausmachen zwischen einem Abstiegs- und einem Meisterschaftskandidaten.

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Beim Durchschnitt geschnitten

Eine gestrige kurze Diskussion begann der Der Fohlenflüsterer mit dem Hinweis darauf, dass Marc-André ter Stegen die Note 3 vom Kicker erhielt, obwohl der FC Schalke bei seiner 0:3-Niederlage am Niederrhein kein (?) einziges Mal aufs Gladbacher Tor geschossen hatte.

LizasWelt merkte an, dass man sich im Kicker wohl darauf geeinigt habe, dass das die Standardnote sei, wenn ein Torwart nix zu tun hatte.

Meine Wenigkeit ergänzte, dass man es in Sportredaktionen wohl nicht so mit Zahlen habe, denn der neutrale Wert der Liste 1 – 1,5 – 2 – 2,5 – 3 – 3,5 – 4 – 4,5 – 5 – 5,5 – 6 ist nun mal 3,5 und nicht 3. Es sind von der 3,5 aus fünf Schritte nach oben und fünf Schritte nach unten.

Woraufhin Stadioncheck einwarf, dass eine solche Notenskala nicht „linear“ verlaufen müsse. Darauf könne der Kicker sich immer noch berufen.

Eine nicht „lineare“ Notenskala, die meine Klugscheißerigkeit dann zu „nicht intervallskaliert“ erhob. Woraus folgte, dass man keine Durchschnittsnote berechnen darf, sofern man sich darauf beruft, dass sie nicht intervallskaliert ist.

Womit klar wäre, dass entweder die Idee, dem Torwart stets eine 3 zu geben, sachlich falsch ist oder die Idee, eine Durchschnittsnote aus diesen einzelnen Werten zu berechnen.

(Die Erkenntnis, welch Schwachfug mit den Noten getrieben wird, ist allerdings nichts Neues.)

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