Eben las ich etwas, was mich beinahe selbst zum Heulen gebracht hätte, etwas, was sonst zugegebenermaßen vor dem Rechner ziemlich selten passiert. Es wäre aber ohnehin kein Heulen aus Traurigkeit oder aus Rührung gewesen. Sondern eher aus einer Mischung heraus, die aus Verzweiflung und Bestätigung bestünde, dass das, was den Fußballfan in den Wahnsinn treibt, wirklich wahr und wahrhaftig ist. Durch das Lesen des Zitats diesem Wahnsinn ins Auge gesehen und dann so gekreischt, wie es sonst der Job von weiblichen, jugendlichen Darstellerinnen in Horrorfilmen ist, wenn der Mörder mit dem Messer zur Tür hereinkommt. Und ein Entrinnen nicht möglich ist. Ein Entrinnen vom Fußballfansein. Wie ich in einem anderen Beitrag vor einiger Zeit formulierte „Infiziert ist infiziert.“
Man kann nicht willentlich zum Nicht-Fan werden. Ein Heulen aus Konfrontation mit der Realität also, oder vielmehr der Erkenntnis, dass real ist, was man allzu gerne immer wieder wegschieben würde: Man hat überaus reale Emotionen wegen eines Geschehens, auf dessen Ausgang man Nullkommagarkeinen Einfluss nehmen kann. Man ist den Ereignissen ausgeliefert, deren Inhalt in seiner Bedeutung fürchterlich surreal ist. Denn gäbe es kein Fußballspiel, würde sich nichts an der Welt verändern. Was man schön an den Konsequenzen des Umstands spürt, dass ein Spiel ausfällt. Was verändert sich dann im Leben? Nichts. Die Auswirkungen dieser surrealen Realität eines durchgeführten Spiels aber sind ganz schmerzhaft real. Die Pein, wenn man verloren hat, ist nichts anderes als jene ganz reale Pein, die man beim Verlust anderer Dinge oder Wünsche und Träume empfindet. Und ich nehme an, ohne es beweisen zu können, dass auch die Blutbahn eines Menschen, dessen Team gerade verloren hat, dieselben Hormone aufweist, wie die eines Menschen, der in einem realen Wettkampf den Kürzeren gegen einen Gegner zog.
Was diese meine Regung kein Entrinnen auslöste, waren die Worte von Anke Gröner, die sich in ihrem Blog Gedanken dazu macht, wie und ob ihre durch das Fußballgucken ausgelösten Emotionen echt sind:
… wenn ich nach einem Film traurig bin. Oder neuerdings nach einem Fußballspiel. Irgendetwas macht irgendetwas mit mir, und ich lasse es zu. Meine Emotionen sind echt, auch wenn sie von etwas herrühren, das im Prinzip nichts mit mir zu tun hat. Die Emotionen haben eine andere Qualität wie die nach Streitereien mit dem Kerl oder freudigen Nachrichten im Freundeskreis. Aber sie sind trotzdem echt.
Es tut wirklich weh, das zu lesen. Nicht, weil es in irgendeinerweise frevelhaft oder naiv wäre, sondern weil es daran erinnert, wie oft man schon gelitten hat wegen dieses Scheiß-Fußballs, wegen dieses Nichts, das es ja eigentlich ist, und wie real und wie niederschmetternd diese Erlebnisse waren. Und wie da jemand noch scheinbar nichtsahnend im Kosmos der Gefühle rund um den Fußball herumfühlt, der noch so Niederschmetterndes bereit hält, auch wenn sich „Barcelona“ in diesem Leben wohl nicht mehr wiederholen wird. Aber Ähnliches ganz sicher. Das Taubste, was ich in meinem Leben erlebte, war die Rückfahrt im Zug vom so kurz vorm Ziel verlorenen WM-Halbfinale 2006 aus Dortmund, und wenn ich mich dieses Ergebnisses erinnere, breche ich anders als damals heute tatsächlich fast in Tränen aus. Das war damals nicht möglich, der Schock war so stark, dass er vor enormer Trauerreaktion schützte: Taubheit als Schutz vor zu großer, unbewältigbar erscheinender Trauer. Genauso wenig war der nächste Tag besser. Und auch 2010 nicht.
Dieses ständige Verlieren und Ausscheiden macht es ja auch so fragwürdig, dass man im Fußball bei einer WM oder EM keine weiteren Plätze ausspielt wie beim Handball oder Eishockey. 32 Mannschaften fahren hin, 31 kehren mit einer Niederlage bzw. dem Ausscheiden als letztem Erlebnis heim. Kämpft sich Irland wacker durch die Vorrunde, schaltet im Viertelfinale Spanien aus und verliert im Halbfinale gegen übermächtige Engländer (kleiner Scherz), ist das die Erfahrung, die die Spieler, aber vor allem ihre Fans mit nach Hause nehmen: Verloren. In der Bundesliga wird nur der Erste am Ende Meister. Alle anderen gewinnen gar nix, nicht mal einen Blumentopf und wer ganz unten steht, der muss sogar fürchten, im nächsten Jahr plötzlich samstagsmorgens (!) um 13h gegen Paderborn (!) antreten zu müssen. Da werden Ängste beinahe übermenschlich groß.
Natürlich ist das vollkommen verrückt, wegen eines Fußballspiels oder eines Abstiegs zu heulen oder überhaupt irgendeine (echte – wobei die Frage auch erlaubt sein muss, was überhaupt „falsche“ Emotionen sein sollen und ob nicht per se alles, was man empfindet, echt ist) Emotion darüber zu empfinden, aber, und das ist der Punkt: man hat es sich ja nicht selbst ausgesucht.
Beim DRadio Wissen, interviewt von einem Nur-WM-Gucker, wurde ich mit der Aussage konfrontiert: „Ihr (Fußballblogger) nehmt Eure Sache aber schon ganz schön ernst?!“ Was mich dazu veranlasste, letztens zu schreiben, dass Fußball selbstverständlich eine vollkommen ernste Angelegenheit ist, viel ernster als alles Fotografieren, Kochen oder Reisen der Welt zusammen und man sich die Frage danach, ob Fußballblogger ihr Bloggen und ihren Fußball ernst nehmen auch sparen kann denn wer bitteschön hat je beim Kochen, beim Reisen oder beim Fotografieren verloren oder ist gar abgestiegen?
Ich schreibe das alles im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, und auch im Bewusstsein dessen, dass es öffentlich sein wird, jeder es lesen kann und Außenstehende das für infantil, prollig oder auch kitschig halten werden, wegen einer Niederlage beim Fußball zu leiden, aber genau das ist es, wovon Hornby spricht, das ist es, was die Leute meinen, wenn sie von „echten“ Fans sprechen und das ist es, was diese Fans von WM-Event-Guckern unterscheidet. Man kann nach einer Niederlage oder dem Abstieg nicht einfach mittels Fernbedienung umschalten und einen Film gucken, der einen in andere Emotionen versetzt.
Auch die Platzstürme, so lächerlich diese von außen wirken, in den letzten Jahren in der Bundesliga geschahen aufgrund sportlicher Frustration: In Berlin nach dem Abstieg und in Frankfurt nach dem so gut wie feststehenden Abstieg. Das sind doch (mehrheitlich) keine Menschen, die sich aus Langeweile oder aus Männlichkeitsgehabe prügeln wollen, sondern ihrer für sie so extrem schwer zu bewältigenden Frustration der Niederlage Raum geben wollen, am liebsten gar, man sehe sich die Bilder an, das Geschehene rückgängig machen würden.
Hörte man Rainer Calmund in jener Zeit zu, als Leverkusen gegen den Abstieg kämpfte, dann sah man das Abstiegsgespenst, das ihn jede Nacht beim Zubettgehen besuchte, förmlich selbst vor sich. Nicht weil er so ein guter Schwadronierer ist, sondern weil man es selbst kennt, und diese oder ähnliche Phasen des drohenden Scheiterns miterlebt hat mitsamt seinen Auswirkungen auf das ganz normale Leben.
Und hier erklärt sich zu einem Teil auch das Nichtanerkennenwollen der Bayernfans als „ernstzunehmende“ Fans durch Anhänger anderer Vereine. Denn was im Erfolgsfalle passiert, das ist zwar beneidenswert und irgendwie sexy, Erfolg eben, auch wenn Bayern seine Titel meistens typisch deutsch errang: Hässlich, aber erfolgreich.
Es geht aber nicht um die Fragen, die sich rund um den Erfolg drehen, sondern um jene, welche Konsequenzen der Misserfolg hat. Bayern-Fans spielen nicht das selbe Spiel wie alle anderen. Was man ihnen insofern zurecht vorwerfen darf, als es tatsächlich so ist, dass sie nicht das selbe Spiel spielen wie alle anderen. Bayernfans spielen mit doppeltem Boden, oder besser: Mit Fangnetz. Wenn Bayern Misserfolg hat, dann ist dennoch niemals die Liga-Zugehörigkeit in Gefahr. 1965 aufgestiegen, danach in fast 50 Jahren ganze zwei Mal ernsthaft überhaupt in der unteren Tabellenregion gewesen. Bayern kann nach menschlichem Ermessen nicht absteigen, was das Leiden über Misserfolge aus Sicht der anderen falsch, künstlich und ergo nicht echt erscheinen lässt. Denn richtiger Misserfolg, welcher quasi aus der Vernichtung, dem Abstieg nämlich, besteht, ist bei Bayern gar nicht möglich. Ausnahmslos alle anderen Clubs können aber jederzeit in Abstiegsgefahr geraten, und das ist allen Teilnehmenden auch bewusst, weshalb die Angst, Enttäuschung und Frustration eines Bayernfans aus Sicht eines jeden, der tatsächlich absteigen kann, das entscheidende Kriterium fehlt: Ein echtes Scheitern existiert für Bayernfans gar nicht.
Diesen Umstand darf man Bayernfans andererseits allerdings nicht vorwerfen, da sie sich ebenso wenig wie alle anderen selbst ausgesucht haben, Bayern-Fan zu sein. „Der Verein wählt Dich“, sagt man so wahr wie inzwischen ausgelutscht, was natürlich nur eine schöne Metapher dafür ist, dass man meistens keinen rationalen Grund dafür angeben kann, warum man mit einem Verein in Liebe gefallen ist (ich weiß, dass das die englische Ausdrucksform ist, bei einem Fußballverein passt es aber so gut).
Man fällt in Liebe mit einem Verein, Betonung auf fallen, und da rauscht aus dem Hinterkopf schon wieder das Grauen heran, welches Hornby so allzu treffend mit seinen einleitenden Worten in Fever Pitch beschrieben hat. Und ich denke, auch wenn es sogar einige geben soll, die das Buch nicht gelesen haben, es ist völlig ungefährlich für mich, diesen kitschigen, prolligen, infantilen Beitrag hier zu veröffentlichen, denn hier schauen ohnehin nur jene rein, welche zustimmend in sich hinein nicken, wenn sie Hornbys Worte lesen (uberoft zitiert, aber trotzdem:)
Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.
Fußballfansein bedeutet in aller Regel Misserfolg zu haben, selbst Bayern wird nicht wirklich jedes Jahr Meister, nicht mal jedes zweite, alle anderen Vereine eigentlich so gut wie nie, vielleicht zwei Mal im Leben, bei den meisten eher gar niemals. Fußballfansein bedeutet warten, zwischen den Hunderten 1:1 und 0:0, die man ertragen muss, endlich einen rauschenden 5:0-Abend erleben zu dürfen. Ja, „zu dürfen“, denn das hat der Fußballgott, eine andere schöne Metapher für den Zufall und den Lauf der Dinge, die man im Fußball so wenig wie in keiner anderen Sportart planen kann, irgendwann mal entschieden, dass zwischen den wenigen Höhepunkten etliche Darbietungen, die mit großer Qual verbunden sind, liegen.
Borussia Mönchengladbach hat nicht nur deshalb zur Zeit vergleichsweise wenige Neider, weil der Fußball Favre’scher Machart so schön anzusehen ist. Der gemeine Fußballfan erinnert sich auch, wie es den Fans dieser Mannschaft lange Zeit ging. Ihre Anhänger schritten beinahe über Jahrzehnte von einem Fegefeuer durchs nächste, ganze Saisons, in denen Gladbach auswärts zwei oder drei Punkte holte in einer kompletten Saison, in 17 Spielen gerade schlappe drei Mal nicht verloren. Für Außenstehende klingt das viel zu brachial, „Fegefeuer“ und derlei aufgeblähter, sich selbst überhöhender Quatsch, aber tatsächlich ist es das, was der Fußballfan real erlebt. Er leidet, in echt, ohne Einschränkung. Und er hat es sich weiterhin nicht selbst ausgesucht.
Fußballfansein ist vor allem das: Warten, Warten, Warten und frustriert sein. Und gleichzeitig nicht wegsehen können, auch wenn es wieder schief geht, wie es eigentlich immer schief geht. Nicht wegsehen können, weil man an jenem einen Tag dann eben genau das 5:0 verpassen würde, auf das man die ganze Zeit gewartet hat. Die Vorfreude, die eine Busladung voller Fußballfans auf dem Hinweg zum Stadion verströmt, ist angesichts der harten Realität eigentlich fehl am Platze: 50 Prozent seiner Insassen werden auf dem Rückweg Trauer tragen und sie wissen um diese Regel, auch wenn sie natürlich auf das Gegenteil hoffen.
Eine in diesen Dingen unbedarfte Freundin fragte mich mal, warum ich ins Stadion ginge, ob ich mich dort an der Gewalt erfreuen würde oder am Singen teilweise grenzdebiler Gesänge oder am Rhythmischen Klatschen in der Gruppe, fast wie beim Militär oder was ihr sonst noch aus ihrer Sicht Unangenehmes einfiel. Nein, das interessiert alles nicht wirklich, das sind nur Randerscheinungen, die man auch wegnehmen könnte, natürlich ist die Antwort eine andere und sie ist ganz einfach: Ich gehe ins Stadion, weil ich mich über den Sieg freuen will. Nur weiß ich natürlich nicht, ob es dazu kommen wird. Ich hoffe, dass es diesmal klappt, dass mir der Zustand der Freude vergönnt ist, weil der Fußballgott (aka Herrscher der Unwägbarkeiten dieses Sports) es so will.
Doch leider ist nicht an jedem Tag Tag der Überraschungen bei einer WM, Underdog schlägt Favorit. Meistens ist 1:1-Tag, es regnet, und die Füße werden nass. Oft ist es sogar 0:2-Tag. Und dann geht man traurig und enttäuscht nach Hause, und diese Empfindungen sind zweifelsohne so real wie der Schnupfen am nächsten Tag real ist, wie die Schwere auf den Schultern, der Brust, die einen am nächsten Morgen aufs Kissen zurückdrückt, weil man gestern wieder verloren hat. Ja, man, nicht der Verein und die Spieler verlieren, man selbst verliert und am Ende ist es das, was das Ganze so problematisch und so unangenehm macht, das Fußballfansein: Man fühlt sich im Anschluss an eine Partie ganz real wie ein Verlierer, ohne dass man den Ausgang auch nur im geringsten hätte beeinflussen können. Und die Nase tropft.