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Monat: Oktober 2013

Unfreiheit in grün

Es war klar, dass es so kommen musste. Jeder Trend aus den USA, zumal im Sport, erreicht auch Kontinentaleuropa früher oder später. Nun hat es auch die Fußballfans getroffen. Insbesondere aus amerikanischen Eishockey-Arenen ist bekannt, dass man auf der Anzeigetafel einblendet, welche Gesänge wann zu singen seien, wann man wie schnell zu klatschen habe.

Künstliche Stimmung auf Anweisung — bislang ein Tabu in der deutschen Fußball-Szene. Hier wabert die Fanmasse noch organisch und Gesänge sind authentisch. Glaubte man, bis vor Kurzem. Doch vorbei sind diese Zeiten.

Die schleichende Entwicklung begann zunächst unbemerkt schon vor einigen Jahren. Inzwischen hat sie sich fast überall durchgesetzt, zumindest in den oberen Etagen des Profifußballs. Ganz wie im Eishockey üblich wird auch hier nur noch das gesungen, was von oben vorgegeben wird. Selbst der Klatschrhythmus wird oktroyiert, kein Raum mehr für Kreativität und Lebendigkeit.

Wie das passieren konnte, wo man hierzulande doch so erpicht darauf ist, nichts mit dem Plastik-Fantum Marke USA zu tun zu haben? Die Lösung war ganz einfach für all jene, welche diese künstliche Stimmung einführen wollten:

Man steckte die Anzeigetafel mit den Anweisungen einfach in ein Menschenkostüm.

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Goodbye Ausland

Einer der Gründe, warum man sich ein Auswandern als Fußballfan reiflich überlegen sollte, ist jener, dass man einen riesigen Batzen an potenziellen Themen für Small Talk verliert, wenn man ins Ausland geht.

Mit wem soll man sich in Norwegen über den 1. FC Nürnberg unterhalten, in Ghana über Frank Mill oder in Peru über das Drama der letzten Relegation, wenn dort niemand weiß, dass es in Deutschland Fußball abseits der zwei, drei großen Clubs überhaupt gibt?

Eine schöne Demonstration, wie gefesselt man mit diesem nerdigen Faktenhuber-Wissen über Fußball an den jeweils eigenen Sprachraum ist, sollte die folgende Liste sein, die die Nicknames von 50 englischen Proficlubs umfasst.

Klar, in der hiesigen Leserschaft gibt es sicher den einen oder anderen Nerd, der alle 50 schafft. Und ein paar davon sind für die meisten bestimmt kein Problem. Aber wird andersherum irgendjemand auf diesem Planeten wissen, wer die Lilien, die Zebras oder die Fohlen sind? Wohl kaum. Insofern: lieber zwei Mal überlegen, ob man wirklich auswandern will. Von da an kann man nur noch übers Wetter smalltalken. Politik und Religion sind bekanntlich tabu, und der Fußball fällt ja dann als Thema weg.

Also, auf zur Demonstration, dass man sich bei den Nicknames englischer Clubs kaum auskennt und schnell die Tickets nach Timbuktu in den Ofen geworfen, um der sozialen Isolation noch von der Schüppe zu springen.

(Achso, falls jemand alle 50 weiß, kann er sie gerne nennen. Hier kommt man auf knapp 20.)

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Rivalität plus Rituale gleich Gruppenidentität

Hier ein Fundstück als Longread für den Feiertag. Ich hab’s noch nicht durch, deshalb weiß ich noch nicht, ob es lesenswert ist, aber es greift genau jenes Thema auf, welches mir trotz größtem Interesse so wenig in den Kopf will. Die vermaledeite Rivalität im Fußball und zwar jene der Fans, nicht die der Aktiven auf dem Platz .

Eine Masterarbeit mit dem Titel „Rituale und Rivalität zur Stärkung der Gruppenidentität“, Details anhand der Rivalität zwischen Rapid Wien und Austria Wien erörtert, bereitgestellt von der Akademie für Fußballkultur.

Klingt, als sollte man da unbedingt mal eintauchen. Bis später!

[Update] Für einen ersten Überblick reichen die drei Seiten des Fazits. Und dieses ist niederschmetternd, falls es so zutrifft. Es geht in der Rivalität tatsächlich darum, die eigenen Reihen zusammenzuschweißen und sich seiner „Identität“ noch stärker bewusst zu werden, was besonders gut in Abgrenzung zum Rivalen funktioniert. Uneinigkeit in den eigenen Reihen wird marginalisiert und die Stilisierung des Gegners zum Bösen macht vermeintlich ebenso klar, dass man selbst auf der guten Seite steht.

Nie-der-schmet-ternd! Bin noch nie zum Fußball gegangen, um mir irgendeine Identität überzustülpen und schon gar nicht, um eine solche Identität mit irgendwelchen dahergelaufenen Fuzzis, deren einzige Gemeinsamkeit mit mir das Anhängertum zu einem Fußballclub ist, teilen zu wollen.

Es bleibt nicht nur dabei, die Befürchtung wird sogar noch extrem verstärkt: Wer diesen ganzen Rivalitätsquatsch mitmacht, dem geht es nicht um den Fußballsport auf dem Platz, sondern um seine eigene Identität. Was in Teilen die Vehemenz erklärt, mit der diese Rivalität betrieben werden muss. Weil ein Wegfall dieser das Ich in seiner erdachten Konstruktion gefährdet. Angst vor dem (sozialen) Tod also.

Okay, ich verstehe ein bisschen mehr, aber kann noch weniger nachvollziehen. Offensichtlich dem Menschen immanent, ein solches Bedürfnis, sonst würde es ja nicht (auch in außersportlichen Kontexten) ständig überall aufploppen, und dennoch eines denkenden Menschen nicht würdig. Dagegen anzuschreiben bedeutete aber wohl etwas zu sehr gegen Windmühlen zu schreiben.

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Wolfgang Overath ist ein

… das sagte der Mann, der letztens in der Kneipe neben mir stand. Wir schauten ein Champions-League-Spiel, und er drängte mir seine Geschichte auf. „Wolfgang Overath, dat issen“.

Und zwar hatte er, der Kneipennachbar, mit seinem Verein angeblich irgendwo in der Nähe der Mosel ein Benefiz-Spiel organisiert, Anfang der 1980er, zugunsten eines Behindertenheims. Man lud Stars ein, über eine Agentur. Uwe Seeler kam, Wolfgang Weber kam, und auch Wolfgang Overath kam. Die ersten beiden verzichteten aber auf ihre Gage für das Benefiz-Spiel, ließen sich lediglich die Spesen ersetzen. Wolfgang Overath hingegen bestand auf seiner Gage von einigen DM. Und äußerte sich, behauptete der Kneipennachbar, auf Anfrage der Organisatoren, ob er nicht wie Seeler und Weber auf seine Gage verzichten möge, folgendermaßen: „Dann kann ich ja jetzt nur noch umsonst spielen.“

Der Mann in der Kneipe neben mir sagte dann aber auch, dass er trotzdem nach dem Spiel zusammen mit Wolfgang Overath geduscht habe, denn angetreten sei er immerhin, immerhin für seine einige DM. Ein, da war sich der Mann in der Kneipe neben mir sicher, sei Wolfgang Overath aber auf jeden Fall.


*

Es gibt dann auch noch andere Zeitzeugen, die sicher nicht verneinen würden, dass. Der SPIEGEL zum Beispiel enthält sich zwar einer Wertung, berichtet aber wortwörtlich, wie sich Wolfgang Overath zu folgendem Thema verhielt:

Wolfgang Overath, […] wurde in seiner 14jährigen Profi-Laufbahn zum Rasen-Rassisten: Der Fußballer spielte nicht gern gegen Farbige und fürchtete sich vor zornigen schwarzen Gegnern, weil sie „beim Spiel keine Miene verziehen, wenn sie etwas vorhaben“. „Hinter einem undurchsichtigen Gesicht verbergen sie ihre Gedanken und Stimmungen“, zitierte die „Kölnische Rundschau“ den Star in einer Sonderbeilage zum Abschiedsspiel, „urplötzlich bricht es aus ihnen heraus: Sie spielen verrückt oder kämpfen, als ginge es um ihr Leben … Dabei sind sie beweglich wie Gummi und können einen Gegenspieler schnell lächerlich machen.“


*

Wer Wolfgang Overath in genau jener Zeit, nämlich kurz nach seinem Abschied als Aktiver, mal in Aktion sehen möchte, in Aktion mit dem Mund meint das hier, der höre zu, wie der 1. FC Köln ein Jahr nach Overaths Abschied Meister wird, während Wolfgang Overath (zusammen mit seiner Ehefrau!) Dieter Kürten im Aktuellen Sportstudio Rede und Antwort steht. Durchaus hörenswert, wie er sich in jener Zeit verkauft. Natürlich hatte er schon längst mit allem abgeschlossen und hätte zum Beispiel auf keinen Fall mit den noch aktiven Spielern tauschen mögen.



Vielleicht auch, weil man da ja noch auf den einen oder anderen Farbigen hätte stoßen können, der einen lächerlich macht.

Aber natürlich ist es unfair, solche Zitate aus einer anderen Zeit in die Gegenwart zu transportieren, als derartige Ansichten noch Teil des Mainstreams waren und Overath mit seinen Äußerungen beileibe nicht alleine war, was sie natürlich kein Stück besser, aber eben auch nicht vom Rande der Gesellschaft kommend macht.

Ob Overath inzwischen kein Rasen-Rassist mehr ist, wie ihn der SPIEGEL nannte, könnte man ihn ja eigentlich mal fragen, er hatte doch jetzt gerade ganz oft mit Reportern zu tun, welche ihm zum Geburtstag gratulierten. Hat aber wohl keiner dran gedacht. Naja, dann eben zum 75. Geburtstag noch mal bei Wolfgang Overath nachhorchen.

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