9. Dezember 2013
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YB, das Schweizer Schalke in schwarz-gelb

„Ieehh-Bähh“ spricht man die Abkürzung „YB“ aus. Was kleine Kinder sagen, wenn sie sich ekeln, ist in Bern Ausdruck der Liebe zum erfolgreichsten lokalen Fußballverein, dem BSC Young Boys. Stimmt nicht ganz, denn natürlich ist das „I“ im „YB“ kurz und betont, das Bääh wird eher ausgespuckt.

Dass der Verein in einem Stadion zu Hause ist, in dem — zumindest der später entstandenen Legende nach — das Selbstbewusstsein der BRD seine Wiedergeburt erfuhr, macht es überflüssig, viele Worte zum Wankdorfstadion zu verlieren. Allerdings wurde das alte, 1925 errichtete Stadion 2001 abgerissen. Mit den 31.120 Plätzen im neuen „Stade de Suisse“ an selber Stelle verfügt die Bundesstadt Bern über das zweitgrößte Stadion der Schweiz.

Darin spielen in schwarz-gelb gewandete Spieler, deren geschicktester in der Vergangenheit Stephane Chapuisat war. Zumindest wenn man den Fans glauben darf, die ihn zum besten Spieler aller Zeiten des BSC Young Boys wählten.

Warum nun ist YB das Schweizer Schalke in schwarz-gelb/gelb-schwarz?

Weil man hier zwar auf eine sogar noch erfolgreichere Vergangenheit zurückblicken kann. 11x wurde man Landesmeister, mit einer Hochphase in den 1960ern, 6x gewann mal den nationalen Pokal. Doch seit 1987, als der letzte Pokalsieg eingestrichen wurde, ist Ebbe an jenen Stellen in den Kalendern der YB-Fans, die dafür da sind, sich Termine für Meisterfeiern und Pokalübergaben zu notieren.

Fast 30 Jahre keinen Titel und zwischendurch — ebenso wie Schalke — sogar mal abgestiegen und das nicht nur ein Mal. Ebenso wie Schalke inzwischen aber in der höchsten Spielklasse des Landes stabilisiert und mit einer der größten Fanschaft sowohl in reiner Anzahl als auch in den Punkten Treue und Ergebenheit beschenkt. Ebenso wie Schalke hat man ein recht neues Stadion, wie Schalke spielt man auch immer oben mit und genauso wie für Schalke reicht es dann auch schon mal am letzten Spieltag doch nicht zur Meisterschaft, woraus man schöne Legenden stricken kann und es auch tut. Ähnlich wie Schalke hat YB zwei Rivalen in der Liga, welche finanziell aus einem noch etwas größeren Bottich schöpfen können.

Dennoch hat man in seiner Clubgeschichte eine ganze Reihe auch hierzulande bekannter Fußballer in seinen Reihen Kommen und Gehen sehen, sowohl auf dem Platz als an der Linie. Lars Lunde und Hakan Yakin auf dem Platz dürften bekannt sein, Gernot Rohr, Martin Andermatt oder Christian Gross an der Linie. Dazu mit Pal Csernai, Timo Konietzka und nicht zuletzt Albert Brülls auch Namen, die für die älteren Saisons unter den Lesern irgendwo in den Synapsen gespeichert sein dürften. Aber vielleicht sind ja auch die Namen interessanter, die nicht in hiesigen Landen bekannt sind, da möge man selbst stöbern.

Zudem besitzt der Club ein Museum seiner eigenen Geschichte und war damit lange Zeit der einzige in der Schweiz, der solches von sich sagen konnte. Heutzutage bleibt er damit der erste, welcher eine solche Einrichtung schuf. (Zum Schalker Museum hier entlang.) Nur die Farben, die sind eben nicht königsblau, sondern schwarz-gelb (oder gelb-schwarz).

Es gibt vielerlei Schrägpositives über den Verein zu berichten. Nicht zuletzt, dass eine Gruppierung gegen Rassismus einst in üblen Zeiten, genauer 1996, als die Kurve mit Rechten durchsetzt war, für eine Partie Trikotsponsor der Mannschaft wurde, mit dem Slogan „Gemeinsam gegen Rassismus“, mehr (und Bilder) dazu hier.

Und dann ist da noch die YB-Wurst. Hier lechzt man ja immer danach, dass nicht alle Klubs die gleichen Songs singen, das „Danke-Bitte-Spielchen“ machen oder schrottige Tormusik haben. Man fertigt sogar Sammlungen derartiger Besonderheiten an. Eine solche Besonderheit ist die YB-Wurst. Sie ist so besonders, dass wir der Erklärung bei der alten Tante lauschen:

Im alten Wankdorf wurden die Schweinswürstchen im Wasserdampf heiss gemacht. Die Nachfrage war jedoch so gross, dass die Verkäufer eine grössere, sättigendere Wurst anbieten wollten. Die Verantwortlichen trafen sich, um eine Lösung zu finden. In Lausanne wurden sie auf ein bestehendes Rezept aufmerksam. Die neue, im Wasser gekochte Wurst wurde übernommen und fortan als „YB-Wurst“ verkauft. Über die Jahre wurde die Wurst zu einem Kultsymbol in Bern. Es entstanden verschiedenste Fanartikel, ein eigener Fansong und sogar ein Fanclub, der sich nach der YB-Wurst benannte.

Eine Wurst mit einem eigenen Fanclub — das kann noch nicht mal der FC Schalke von sich behaupten! Eine solche YB-Wurst gibt es nun in aufblasbarer Form bei den organisierten YB-Fans zu bestellen.

Noch eine so calmund-positiv-bekloppte Besonderheit: Weil der letzte Titelgewinn mit dem Pokalsieg von 1987 kürzlich 25 Jahre her war und es seitdem nichts mehr zu feiern gab, organisierte man schlicht eine erneute Pokalfeier, um dieses Jubiläum zu begehen. Man lud Aktive von damals in ein Kino ein, zeigte bei YB-Wurst und Bier das Pokalfinale in kompletter Länge und hatte anschließend zusammen mit den Heroen jener Zeit, unter Anderem besagter Lars Lunde, dann doch mal wieder etwas zu feiern.

Achso, eigentlich das Spannendste: der Name des Vereins. Nun, 1898 existierte bereits ein FC Old Boys im nicht allzu weit entfernten Basel. Die Gründer von YB waren so angetan vom Fußballsport, dass sie ebenfalls einen solchen aus der Taufe hoben und diesen dann in Anlehnung wie Ablehnung der Vorbilder der Old Boys eben Young Boys nannten. Warum man die Abkürzung „YB“ aber „Iiih-Bäh“ ausspricht und nicht „Ypsilon-Bäh“, das konnte mir niemand erklären. Übrigens ist es weniger verwunderlich, dass die Clubs in einem Land, in dem man deutsch, französisch, italienisch und rätoromanisch spricht, einen englischen Namen auswählten. Es sind schließlich Fußballclubs und der Sport stammt aus England. In der Schweiz hat man auch viele Begriffe nicht eingedeutscht, aber damit erzählt man wohl niemandem der hier Mitlesenden etwas Neues. Man spricht von „Penalty“ oder „Corner“, und da passen Old Boys als Clubname doch ebenso gut zum Fußball wie Young Boys.

Zudem existiert eine tatsächlich lebendige und gelebte Fanfreundschaft der YB‘ler mit — halten Sie sich fest — dem SV Darmstadt 98. Die Geschichte, wie es dazu kam, wurde mir zwar angetragen, da ich aber über die Wahl des befreundeten Clubs so erstaunt war, war mein Hirn kurze Zeit nicht aufnahmefähig und man müsste dies also noch einmal nachlesen.

Gastfreundlich ist man bei den Young Boys übrigens außerordentlich. Nicht nur wird man von der Fanorganisation, die in der Halbzeit zu Hause ist, zu einer Lesung eingeladen, obwohl der Schweizer Fußball in den Texten gar nicht vorkommt. Man überreicht auch noch einen echten YB-Schal als Geschenk für den Lesenden. Somit existiert jetzt wohl auch eine Fanfreundschaft zwischen YB und Trainer Baade, zumindest seitens Letzterem.

Wenn Sie mal da sind, schauen Sie sich YB im Stadion an — kaum sonst irgendwo in der Schweiz ist die Fußballatmosphäre so fußballatmosphärisch wie in Bern. Gehen Sie aber vom Hauptbahnhof aus nicht über die Kornhausbrücke zu Fuß in Richtung Stadion, oder besser nur dann, wenn Sie schwindelfrei sind.

5. Dezember 2013
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latte addio

Unter den vielen Dingen im Fußball, die es im Jetzt(TM) nicht mehr gibt, mal mehr, mal weniger beklagenswert, fristet eine bedauernswerte unter den verloren gegangenen Verhaltensweisen ein Dasein als Graue Maus.

Niemand würdigt sie eines Satzes, nicht mal eines Neben-.

Anders als den heruntergelassenen Stutzen, den Laufbahnen, den holzenden Spielern (auf dem Platz und am Mikrofon), den Blaskapellen, den Prügeleien noch im Stadion statt auf dem Parkplatz oder der höchst amüsanten Begebenheit, wenn der einzige im Spiel vorhandene Ball auf die Tribüne geschossen wurde, von den Zuschauern aber nicht mehr herausgegeben wurde. Für alle diese nicht mehr existenten Umstände eines Fußballspiels findet sich irgendwo ein virtueller Grabstein in Form einer kleinen Ehrung durch einen (Blog-) Text.

Nicht so unsere Graue Maus der vergessenen Einrichtungen:

auf einer Torlatte Erfolg feiernde Fans.

Früher ein ständig auftretendes Bild, heute nur noch im Falle äußerster Halbangstzustände zu sehen. Schade, das.

Den Torlattenproduzenten wird’s Recht sein — alle anderen würden lieber immer mal wieder den einen oder anderen Fan auf den Schwingungen einer Torlatte reiten sehen, diese sich wie im Winde wiegend, den der Jubel der Fans durch seinen emotionalen Sog erzeugt.

Aber es ist schon lange Schluss mit Wippen und Wiegen.

Servus, mach’s guat, alter Torlattensitzjubel.

4. Dezember 2013
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Das Design des WM-Balls 2014

Dass der neue WM-Ball für das Turnier in Brasilien brazuca heißen wird, weiß man als Leser dieses Blogs schon länger. Jetzt ist angeblich auch das Design des neuen WM-Balls 2014 publik geworden. Die Fake-Polizei hat jedenfalls keine Bedenken angemeldet (vielleicht hat sie auch schon Feierabend).

Jetzt gerade geistert jedenfalls dieses Bild vom Design des neuen WM-Balls 2014 durchs Netz. Und man kann nur sagen: Es ist nicht das beste Jahr der für WM-Klumpatsch zuständigen Designer. Natürlich ist so etwas immer reine Geschmackssache. Und ebenso natürlich kann die Strategie womöglich tatsächlich lauten, dass man bei den nächsten Ausgaben dann denken wird: hach, endlich wieder in schön.

Ich malte jedenfalls einst in meiner Funktion als explizit überhaupt nicht Zeichnen und Malen könnender Mensch im Kunstunterricht ein Bild zu einem leider vergessenen Thema, welches der Lehrer, ansonsten kein Freund allzu harter Worte, mit dem Kommentar verzierte: „Sieht aus wie draufgekotzt.“

Damit gehen wir dann also ganz beruhigt in die Nacht, seit wir wissen, wie der WM-Ball 2014 aussehen wird und welches Monstrum uns von nun an auf Jahre hinaus auf den Fußballplätzen dieser Welt verfolgen wird. Denn haltbar sind sie ja für gewöhnlich. Gute Nacht.

3. Dezember 2013
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Völler, Träger des schwarzen Gürtels in Paradoxie

Völler beweist mal wieder seinen sprichwörtlichen Sinn fürs Paradoxe. Natürlich vorgetragen mit der Völler eigenen Mischung aus Empörung und Jammern darüber, dass seinem Klub nicht ausreichend Anerkennung entgegengebracht wird.

„Es ist nicht selbstverständlich, dass wir Zweiter sind. Wir sind ein absoluter Topclub.“

3. Dezember 2013
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Sorgatz‘ Hattrick komplett — „In Kopenhagen schellt das Telefon“

Wer Bücher schreibt, hat weniger Zeit zu bloggen. Das galt sehr offensichtlich in den letzten Monaten für das eigentlich stets sehr umfassend berichtende Gladbach-Blog „Entscheidend is aufm Platz“. Wie seit gestern klar ist, war tatsächlich die Erstellung des nächsten Werks von Jannik Sorgatz der Grund für die lange Ruhe.

Wer Gladbach-Fan ist, kommt an Sorgatz‘ inzwischen drittem Buch nicht vorbei. Wer Fußball-Liebhaber ist, kann ebenfalls mitgehen auf diverse europäische Reisen nach Kopenhagen, Bukarest oder Rom. Was es mit dem Spruch „In Kopenhagen schellt das Telefon“ auf sich hat, hab ich noch nie verstanden, aber vielleicht wird mir das ja gelingen, wenn ich das gleichnamige Buch, wahrscheinlich in der Weihnachtspause, konsumieren werde.

Nicht ganz verkehrt von Sorgatz, das Buch noch rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft herauszubringen. Noch weniger unpassend, dass Borussia ihm den Gefallen erweist, weiterhin erfolgreich zu spielen, gar jahrzehntelange Rekorde zu knacken. Mit guter Laune entscheidet es sich schließlich viel besser dazu, ein solches Fußballbuch zu erwerben. Auch wenn diese Extraportion Motivation angesichts des Stiles von Sorgatz wohl kaum nötig wäre.

Auf der Seite des Autors gibt es weitere Infos rund ums neue Buch.

28. November 2013
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Die großen Maulwürfe der Geschichte — sind so viele Wahrheiten

Im Zuge der Maulwurf-Affäre beim früheren FC Hollywood verweist Karl-Heinz Rummenigge darauf, dass es schon einmal den Fall gegeben habe, dass ein Spieler den FC Bayern verlassen musste, weil dieser Interna ausgeplaudert habe. Er nennt den Namen Jupp Kapellmann, der immerhin stolze 6 Jahre beim FC Bayern beschäftigt war, von 1973 bis 1979.

1979 ereignete sich aber etwas Entscheidendes in diesem Club, was zumindest laut Wikipedia der tatsächliche Grund für Kapellmanns Abschied vom FCB gewesen sei: Kapellmann habe dauerhaft im Clinch mit Uli Hoeneß gelegen. Als klar wurde, dass Hoeneß als Manager der Bayern Kapellmanns neuer Chef würde, ergriff er von selbst die Flucht. Nicht aus der Stadt, er wechselte nur zu 1860, aber aus diesem Verein.

Wer hat den Wikipedia-Text geschrieben und wer liegt nun richtig? Hat Hoeneß damals schon das (vielleicht nicht zutreffende) Gerücht gestreut, dass Kapellmann ein Maulwurf sei, weil er ihn loswerden wollte? Oder ging Kapellmann aus eigenem Antrieb, weil er Hoeneß einfach so nicht ertrug? Oder war Kapellmann schlicht und ergreifend ein Maulwurf? Gab es damals überhaupt schon ein derartiges Interesse an Interna beim FC Bayern, dass man Kapellmann unbedingt entfernen musste? Gerne zitiert man doch die zwei Tage pro Woche, an denen sich Reporter von anderthalb Zeitungen beim Training der Bayern haben blicken lassen. Andererseits ist so eine Mannschaft natürlich immer auch ein Gebilde, das unabhängig von der Außenwirkung ein Mitglied nicht dulden kann, welches sich nicht an die Regeln hält.

Spannend wie stets, welche Deutungen der Ereignisse nebeneinander existieren und welches Gehirn welche Version abgespeichert hat. Falls hier jemand Journalist ist, könnte ein solcher ja mal bei Jupp Kapellmann anfragen, wie er die Geschichte erzählen würde …

27. November 2013
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Gewinnspiel: Zwei Tore in der Verlängerung aufholen

Heute endlich wieder eine neue Folge der beliebten Reihe „Gewinnspiel ohne Gewinne“, bei dem es nur um den sportlichen Ehrgeiz geht, die aufgeworfene Frage möglichst umfassend zu beantworten.

Einem Amerikaner Fußball schmackhaft zu machen, sollte man vielleicht nicht unbedingt bei Fortuna Düsseldorf versuchen. Verstehn‘S mich nicht falsch: das ist ein tolles Stadion mit super Stimmung. Aber die Rede ist hier nicht von 2013, der Versuch liegt schon einige Jährchen zurück. Der Herr kannte Fußball aber ohnehin schon vorher und hatte sein Urteil für sich bereits seit geraumer Zeit gefällt und war wohl eher aus Höflichkeit dann doch mit ins Stadion gekommen.

Das Kernproblem des Fußballs lautet seiner Auffassung nach:

„Wenn eine Mannschaft 0:2 hinten liegt, ist das Spiel eigentlich immer entschieden.“

In vielen Fällen mag das zutreffen. Das 5:3 in Schweden der deutschen Mannschaft war der erste Sieg nach einem 0:2-Rückstand in einem Pflichtspiel seit 1954 (!), seit jenem 3:2 gegen Ungarn nämlich. 50 Jahre sind dann schon mal gut zwei Drittel eines Menschenlebens.

Noch dramatischer wird der Fall, wenn man statt insgesamt 90 Minuten nur noch 30 Minuten oder in unserem Fall, siehe unten, zwangsläufig sogar weniger Zeit hat, einen Zwei-Tore-Rückstand wenigstens zu egalisieren. Wenn man nämlich von der Verlängerung spricht.

Von einer der ganz wenigen Verlängerungen im hochklassigen Fußball, in der es einer Mannschaft gelang, in der Verlängerung einen Zwei-Tore-Rückstand aufzuholen, spricht übrigens heinzkamke in wunderbarer, feinster Detailarbeit (das kann man gar nicht genug loben, so gelungen ist dies) zusammengestellter Worte in seinen Fünf Zeilen, die der Fußball schrieb (XLVII).

Die Rede ist von jener Partie, welche auch die Leser von Trainer Baade jüngst zu einer ihrer beiden liebsten Partien aller Zeiten gewählt hatten. Es geht um das WM-Halbfinale 1982 zwischen Deutschland und Frankreich.

Drüben bei angedacht warf wiederum Gunnar vom Stehblog die Frage auf, in welchen anderen relevanten Partien es dieses Phänomen schon mal gegeben habe. Hier fiel kein Beispiel ein (nein, im „Jahrhundertspiel“ gab es nie einen Zwei-Tore-Rückstand), weshalb Hilfe mal wieder sehr willkommen wäre:

In welcher Partie gelang es einem Team, in der Verlängerung einen Zwei-Tore-Rückstand aufzuholen?

12. November 2013
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You throw it all away

Man hat sich im Fußball dran gewöhnt, dass alles Gewäsch von Traditionen und Bräuchen nur eben solches ist: leere Hülsen, einzig der emotionalen Aufladung des Produkts dienend. Kein Verkäufer zögert noch eine Sekunde, sofort entgegen jeglicher Tradition zu handeln, wenn er sich davon mehr Aufmerksamkeit und Umsatz als zuvor erhofft.

Da darf es nicht überraschen, dass der Ausrüster der Nationalmannschaft beim neuen Trikot-Design ebenso keine Hemmungen kennt, alles, was das Trikot der deutschen Nationalmannschaft zuvor definierte, mir nichts dir nichts über Bord zu werfen.

Aufmerksamkeit juchhe, koste es was wolle, auch mit diesem Beitrag zum Thema natürlich — doch Ernst nimmt man seine Kunden damit nicht. Zumindest jene nicht, denen man überhaupt mit Traditionen oder Gewohnheiten im Fußball kommen kann.

Nun also ein Trikot, dessen Gestaltung auch via hanebüchenster Erklärungen nichts mehr mit dem üblichen Design dieses Trikots gemein hat. Wenn eine Mannschaft keinen Brustring auf ihrem Trikot trägt, dann hat sie auch in der x-ten Variation keinen solchen und wenn die Farbkombination einer Mannschaft weiß und schwarz ist, dann steht das schwarz dabei nicht für die Farbe der Fußballschuhe.

Völlig ohne Not macht sich ausgerechnet jener Ausrüster, der doch auf diese Tradition der Kooperation so gerne hinweist, hier zum Schlächter jeglicher Bräuche bei der Gestaltung dieses Trikots. Wie eingangs erwähnt, man hat sich im Fußball an beinahe alles gewöhnt.

Doch das geht einfach zu weit. Setzen, Sechs, nichts verstanden von der Bedeutung der Gestaltung eines Ländertrikots.

Dass man seine Kundschaft ohnehin nicht Ernst nimmt, erkennt man am unerträglich hipster-ironischen Slogan zum Trikot: „Unsere Farben oder keine!“ Von welchem Land mag da nur die Rede sein? Nur für die Ungläubigeren unter der Zielgruppe also noch mal explizit ausgesprochen, dass man seine Kundschaft verhöhnt. Wenigstens darin bewahrt man die Tradition.

11. November 2013
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Fußballfilm „The Two Escobars“ in voller Länge

Noch von meinem Aufenthalt in Stuttgart für die Lesung im März stammt der Tipp von elpibe12 vom Kick-S-Magazin (Claim: „Fußball. Aus Stuttgart.“), sich den folgenden Fußballfilm zu Gemüte zu führen. „The Two Escobars“ handelt vom nach einem Eigentor bei der WM 1994 erschossenen Fußballer Escobar und dem Drogenboss Escobar, deren Geschichten durchaus miteinander verknüpft sind, gleichwohl sie keine Blutsverwandten waren.



11. November 2013
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Die hohe Schule der Küchenpsychologie

Unterwegssein und vor einer Mittagspause stehen, aber keinen Laden finden, welcher 11Freunde im Angebot führt, führt zur Erkenntnis, dass ein neuer Traumjob nur Leserbriefschreiber bei der SportFOTO heißen kann. So formvollendet Sätze ohne Aussage zusammenzuklöppeln muss jede Woche aufs Neue eine unglaublich spannende Herausforderung sein.

Was man dabei ebenfalls lernt: In der Redaktion sitzen weniger Sportjournalisten, vielmehr Küchenpsychologen. Zwei der Indizien, warum (der böse!) Stefan Kießling in Wahrheit doch für Verlässlichkeit steht: Sein Opa machte 40 Jahre lang den Kassenhäuschenfritzen in einem Fußballverein, sein Vater arbeitet ehrenamtlich in einem Amateurclub als Torwarttrainer. Also, wenn das keine Indizien dafür sind, dass Stefan Kießling ein er is guter Junge ist, dann müsste man die Küchenpsychologie doch noch mal neu erfinden.

So haben sich die paar Groschen doch noch gelohnt. Ohne diese Erkenntnis wären sie eventuell rausgeschmissenes Geld gewesen. Bei Kießlings ist die Welt also noch in Ordnung, und ja, vielleicht sollte man die Zeitschrift umbenennen. KüchenpsychoFOTO gibt’s doch noch nicht, oder? Jedenfalls sind jetzt die Hände voller Schmalz, ein Taschentuch, bitte. Wann erscheinen diese Meisterwerke der Persönlichkeitsstrukturbeleuchtung endlich bei topfvollgold?

7. November 2013
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Roy’s Keen von Morrissey

Ein Song von Morrissey mit Bezug zu Roy Keane.



Mit Dank für den Hinweis an schomberg (Twitter), welchen er im Anschluss an meine Äußerung auf der Lesung in Köln gab, dass man spekuliere, ob Morrissey Anhänger von West Ham United sei. Es bleibt klarzustellen, dass der aktuelle Stand ist, dass man das nicht genau weiß. Und der im Song geehrte Roy Keane spielte schließlich nur bei Nottingham Forest und Manchester United (sowie den Cobh Ramblers und Celtic Glasgow).

Zu hören ist übrigens eine eher usselige Live-Version des Songs, da die Studioversion in Deutschland Ihr wisst schon.

Jetzt ist doch eine Studioversion zu hören, aber wie man hört, einfach nur irgendein „Take“ und keine endgültige.

6. November 2013
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Wo der Peter noch zählt

Das Fazit vorab: Fünf von fünf Kohlebriketts für die Loge des Bochumer Ruhrstadions. Besonders positiv neben der angenehmen Nähe zum Spielfeld fällt der auch im Interlogen-Vergleich gute Service der Bediensteten auf. Atmosphäre haben Partien in diesem Stadion ja immer, auch wenn es langsam Patina ansetzt.

Der Niedergang des Reviers ist es, dem man von der Tribüne des Ruhrstadions aus in Form lebendig umherlaufender, aber immer weniger Punkte erreichender Fußballspieler zuschaut. Es liegt nicht an Bochum selbst, denn das gleiche Schauspiel ist auch von den Stufen des Wedaustadions oder des Niederrheinstadions aus zu erblicken. Nicht in einem einzelnen Spiel wie an jenem Montag, als der 1. FC Kaiserslautern in Westfalen zu Gast war und beim 0:0 keinen Treffer der Bochumer zuließ, selbst auch nur den Pfosten und nicht ins Tor traf. Aber die Vorzeichen, unter denen derartige Partien stattfinden, werden von Mal zu Mal betrüblicher. Nun haben sich die einst Unabsteigbaren der Ersten Liga schon ernsthaft mit Abstiegssorgen in der zweiten herumzuplagen.

Das strukturelle Problem der zwischen den immer gefräßiger (hey, das ist eine unzulässige Vermenschlichung von wirtschaftlich-sozialen Prozessen, die keine Einzelperson bewirken oder verhindern kann) werdenden Schalkern und Dortmundern ist nicht neu. Es bestand früher schon — man denke an die Aktion Heinz Höhers, den Platz für ein bisschen mehr Geld in einer Nacht zu vereisen, wie sie in Ronald Rengs „Spieltage“ beschrieben wird.

Doch die Schere geht immer weiter auf. Ein Talent wie Goretzka ist schon mit 18 nicht mehr zu halten, während er früher immerhin noch ein oder zwei Mal Torschützenkönig mit dem VfL Bochum (in der 1. Liga wohlgemerkt) geworden wäre, bevor er dann mit einem Wechsel zu Bayer Leverkusen seine Nationalmannschaftskarriere in den Rinnstein hätte fließen lassen.

Auf der Trainerbank blitzt kaum mehr als Durchhalte- und Motivationsklamauk, der immerhin das große Bedürfnis nach Heimatgefühlen bedient. Wo andere Clubs hingegen jemanden als Trainer engagieren, der heutige Gegner 1. FC Kaiserslautern zum Beispiel, der auf der Höhe der Zeit beim Fußball ist und dementsprechende Erfolge feiert. Der Blick geht vielleicht immer ein Stückchen zu lange zurück, gerade in der Stadt mit dem Bergbaumuseum. Vielleicht ist es aber keine fehlende Einstellung zum Spiel und der Kaderentwicklung, vielleicht sind die Hände tatsächlich so gebunden, wie sie scheinen.

Das Stadion, einst eine Perle der Fußballkultur, wird mit jeder Saison, jedem Besuch älter und — ein zeitlicher Scheinriese vielleicht — kleiner, überschaubarer, das Moos wächst, wo neue Impulse sprießen sollten.

So ist es gleichzeitig heimelig wie auch Indiz für den verfallende Attraktion, dass das Ziel des heutigen Abends, jene Loge beim VfL Bochum, die auch von den nicht ganz so Betuchten besucht werden kann, nach dem Sponsor des Stadionnamens benannt ist. Irgendwasmitrevierausderwortspielhölle-Lounge. Welcher wiederum aus den Bochumer Stadtwerken besteht — man rechnet offensichtlich mit keinerlei überregionaler Strahlkraft und hat damit seine eigene Größe wohl schon ganz gut eingeschätzt. Schlimmer wäre die Erklärung, dass es keine anderen Interessenten mehr gibt. Opel oder Nokia.

Doch hin zum eigentlichen Anlass des Berichts. Eine Einladung in die Loge des Ruhrstadions. Großraum-Lounge mit direktem Anschluss an die Haupttribüne. Als VfL-Fan sollte man dort zumindest ein Mal gewesen sein. Ja, gut, auf Schalke hängen dann halt noch ein paar Bergmannsutensilien von der Decke in dieser Großraum-Lounge, darauf hat man hier in Bochum verzichtet und ist im solide-gepflegten Bereich (wie beim MSV Duisburg) sowohl bei der Gestaltung als auch beim Zugang zur Haupttribüne, auf der man immerhin Ata Lameck (und komischerweise sonst keinen Ex-Profi) entdeckt. Lameck verteilt in der Halbzeitpause stibitztes Speise-Eis an umstehende Kinder und tut auch sonst alles dafür, seinem während des Reviersport-Quiz beim Autor erworbenen Image nicht zu schaden. Ein umgänglicher, sympathischer Ker (sic!) ausm Pott, der den Schalk im Nacken mit traumwandlerischer Sicherheit in jener Frequenz aufblitzen lässt, die auch nach Jahren nicht auf den Geist geht.

Für einige Hundert Menschen ist in dieser Lounge Platz, kredenzt werden natürlich Pils und Currywurst — der Autor war noch auf keiner Fußball-Veranstaltung mit eigentlich zumindest leicht gehobener Küche, in der dann doch genau diese Currywurst kredenzt wurde, ob nun in der Loge der Allianz-Arena oder bei diversen Meetings von Telekom oder Google. Fällt irgendwo das Stichwort „Fußballfans“, verlässt alle Köchinnen und Köche der Welt jeglicher Mut zu auch nur einem Fünkchen Kreativität. Currywurst neben vielem anderen auf dem Speiseplan in der Bochumer Lounge versteht sich, aber das Foto vom Menü hat es wieder nicht bis zum heimischen Rechner geschafft. Sehr zum Bedauern von Blog-G, dem ausgewiesenen Gourmet unter den Fußballbloggern, steht zu befürchten.

Auf dem Platz ansehnlicher Fußball, welcher seltsamerweise von allen Daheimgebliebenen bei Twitter als grausam und schrecklich bezeichnet wurde. Dabei spielte hier der zu jenem Zeitpunkt Vorletzte der Zweiten Liga. Als neuerdings regelmäßiger Besucher der Dritten Liga ist man da vielleicht nicht ganz so verwöhnt wie der gemeine Bundesligadehmel. Jedenfalls ging es nach Sekunden nur mit einer sehr guten Gelegenheit für den Bochumer Richard Sukuta-Pasu los (übrigens eines dieser 18×18-Kids), doch diese versemmelte er ebenso überhastet wie alle späteren Gelegenheiten, von denen einige sogar die Bewertung „Hundertprozentig“ überschritten. Alleine im Fünfmeterraum über den Ball zu säbeln, da findet selbst Andy Brehme kein Bonmot mehr für.

An der Linie übrigens das Duell zweier Ex-MSV-Trainer, aber was heißt das schon, bei einem wie Neururer, der 14 Profi-Vereine in seiner Vita trägt? Der jedoch allein in Bochum wirklich ein zu Hause fand (und in Köln und in Schalke … und … wer halt noch so anrufen sollte demnächst … ). Auf der anderen Seite Kosta Runjaic, der möglicherweise mit dem 1. FC Kaiserslautern bald in der 1. Liga spielt. Zumindest machte es nach dieser Auftaktchance für den VfL Bochum den recht starken Eindruck, denn die Bochumer Defensive schwamm in einer Vielzahl von Situationen in den ersten 30 Minuten, ehe wieder etwas mehr Gegenwehr möglich wurde. In der zweiten Halbzeit deutlich weniger Durchschlagskraft auf beiden Seiten, und dennoch kurz vor Schluss wieder eine Bochumer Gelegenheit für Sukuta-Pasu, deren Verwertung Peter zumindest innerlich hätte tanzen lassen.

Erstaunlich aber das grundlegende spielerische Potenzial von Kandidaten wie Ken Ilsö und Yusuka Tasake, das zwar oft mit dem vorletzten Pass sein Ende fand, aber durchaus adrett zu verfolgen war. Und dann fiel da plötzlich Slawomir „Paul“ Freier (oder heißt er Paul „Slawomir“ Freier?) ins Auge. Das berüchtigte Loch im Raum-Zeit-Kontinuum wurde mittlerweile das eine Mal zu oft bemüht, um es hier noch als Erklärung heranzuziehen. Ein Mann, der noch vor Miroslav Kloses Zeiten das Nationaltrikot getragen hatte, wühlt sich hier durch die Untiefen des Bochumer Ackers wie auch durch die seiner Karriere.

Potzblitz, und das an einem kalten Montagabend, wenn ältere Herren doch schon längst mit Pils und Decke in der Lounge sitzen sollten. So viel wie dem Ruhrstadion vom Glanz alter Tage geblieben ist, so viel blitzte allerdings auch bei Freiers Spiel davon auf, dass er einst zu den besten 23 in Deutschland gehört haben mag. Schaut man nach, steht sein letztes Länderspiel tatsächlich noch 2007 zu Buche und es erstaunt, wie lange man sich als Ex-Nationalspieler im Schatten jeglicher Aufmerksamkeit bewegen kann. Paul Freier, der deutsche Paul Scholes. Keine Werbeverträge, keine Sperenzken und ebenso lange im Einsatz. Nur nicht ganz so erfolgreich.

Und dennoch gelang es den Bochumern, ihren Abwärtstrend zu stoppen, nach vier Niederlagen in Folge einen Punkt gegen einen Aufstiegskandidaten zu ergattern. Welcher man übrigens selbst wäre, hätte man nicht diese vier Niederlagen in Folge zu beklagen. Aber Fußball ist bekanntlich kein Spiel im Hätte.

Eins bleibt aber auch in Bochum unverändert und das ist der Zauber, den Herbert Grönemeyers „Bochum“ vor Anpfiff versprüht. Ein Song aus einer Zeit, als tatsächlich noch Grubengold hochgeholt wurde und der Pulsschlag der Stadt aus Stahl bestand. Immerhin 16.656 Zuschauer singen diese Zeilen und wie immer jene vom Doppelpass des VfL gegen Lautern mit, keine schlechte Zahl für Bochum in diesen Tagen.

Denn in diesen Tagen ist man an einem diesigen Montagabend ein diesiger Zweitligist, und in diesem Licht scheinen Erstliga-Klassenerhalte mit Gekas, Gerland oder Gospodarek so weit weg wie der tatsächlich in London residierende Grönemeyer. Das nächste Hoch kommt auch in Bochum bestimmt, ob aber mit dem Herrn aus der Titelzeile, das „bleibt abzuwarten“. Bis dahin genießt man eben die Currywurst. Und das Flutlicht.

4. November 2013
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Gladbacher Erfolg nicht erklärt

Ein Sportfachmagazin listet heute die Gründe für den derzeitigen Gladbacher Erfolg auf. Und beweist nebenbei mal wieder, dass das mit dem Denken und den Sportjournalisten oft zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

Einer der Gründe für den Gladbacher Erfolg sei nämlich, dass die Mannschaft ihre Heimspiele gewinnt. Das ist mal wieder so zirkelschlüssig, dass man gerne das Geld für diese Meisterleistung zurückhätte.

Dass Gladbach seine Heimspiele gewinnt, ist der Erfolg. Aber doch nicht der Grund dafür.

Im Zornesrausch über derartige Leserverhohnepiepelung hab ich dann doch glatt vergessen, was die anderen, durchaus stichhaltigen Gründe für den Gladbacher Erfolg waren. Zum Beispiel, dass die neuen Spieler so gut spielen. Deutlich aussagekräftiger, ist es nicht?

Gladbach hat Erfolg, weil es seine Heimspiele gewinnt. Kann man sich nicht ausdenken.

26. Oktober 2013
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Glasperlenketten, braucht noch jemand Glasperlenketten?

Oder vielleicht ein Trikotbadge „mit praktischem Mehrwert“?

Die Kampagne […] soll die Aufmerksamkeit auf das bestehende Serviceangebot der Verbände für den Amateurfußball lenken und der Basis einen praktischen Mehrwert bringen. So gibt es zunächst neben einem Spielankündigungsplakat im Kampagnendesign ein Trikotbadge, das alle Amateurvereine im Internet bestellen und auf die Trikots ihrer Mannschaften bringen können.

Aufkleber wären auch noch fein und ein paar Girlanden.