Das andere peinlich

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Früher (jetzt kein „TM“) hab ich gerne den Kicker gelesen. Ich hatte kein Abo, wie LizasWelt seit Jahr und Tag, aber ich hab ihn mir immer mal wieder gekauft. Das war kurz nach dem Abi, kurz, nachdem ich meine erste Email ever schrieb (1995 an Sebastian A**) und immer hoffte, vielleicht antwortet mir ja irgendjemand, obwohl ich niemandem außer den alten Haudegen aus der Abi-Stufe überhaupt meine Email-Adresse gegeben hatte. Und worauf hätten sie überhaupt antworten sollen, wenn ich selbst nie etwas schrieb? Ich las meistens. Gerne den Kicker, weil da drin stand, was so „los ist“ in der Bundesliga. Geschämt hab ich mich dann, als ich nach dem Zivi zur Uni ging und da immer noch den Kicker las. Ich studierte xy, da waren sehr viele Mädchen Frauen dabei (nein, kein Laberfach, eine Naturwissenschaft), Fußball war so ungefähr das letzte, mit dem man diese beeindrucken konnte. Also stopfte ich mir den Kicker immer so andersrum in die Tasche, dass es so aussah, als könnte es auch eine normale Zeitung sein. Auf dem Heimweg beim notgedrungen nötigen Pendeln versuchte ich immer zu vermeiden, dass jemand erkennen könnte, dass ich den Kicker las. Nicht, weil der Kicker schlecht war, damals, sondern weil ich mich nicht outen wollte. Ja, ich war heimlicher Nationalmannschaftsgucker, ich guckte Deutschland gegen Georgien. Deutschland gegen Island. Als beide Gegner wie auch „die Mannschaft“ weit davon entfernt waren, irgendwie sowas wie cool zu sein. Ich war heimlicher Gucker in jenen Zirkeln, oh, Du hast Deinen Adorno immer noch nicht verstanden? Nein, ich musste Deutschland gegen Portugal gucken. Ich hab mich – in diesen Kreisen, nicht zu Hause im Fußball – immer geschämt. Oh mein Gott, Fußball, das uncoolste, was es gibt. Ja und? Ich mag es halt. Es interessiert mich.

Dann kam die WM 2006.

Danach war alles anders.

Auf einmal fluteten Menschen mein Metier, von denen ich nicht im Entferntesten gedacht hätte, dass sie sich überhaupt (abgesehen von all der Problematik damit) jemals mit diesen drei Streifen auf der Backe zeigen würden. Die verkackte Nationalmannschaft kam im Mainstream an. Man weiß, wie das Gefühl ist, wenn die Band, die man schon ewig kennt und hört, auf einmal Erfolg hat und jeder andere Hippo erzählt einem auf einmal, wie geil diese Band ist. Ja, man, lass, ich kenne sie doch schon ewig. Ich hab es mir nicht gewünscht, dass Fußball auf einmal im Mainstream ankommt.

Jetzt ist es mir peinlich, dass ich mich für Fußball interesserie, wo jeder Hinz und Kunz zuschaut. Jetzt muss man sich rechtfertigen: „Jede/r schaut Fußball, das ist doch völlig banal, Du etwa auch?“ Jetzt ist es nicht mehr cool, Fußball zu schauen oder sogar irgendwas anderes, jetzt ist Fußball nah am Familien-Tattoo. Jeder mag es, jeder labert darüber. Es ist Mainstream geworden, ein belangloses Gesprächsthema auf einer Grillparty. Man kann nur noch kotzen über die x-te Choreo der Champions League, man hasst die Reinkarnation Blatters, Infantino, mit Inbrunst und alles ist so dermaßen langweilig, wie die Tattoos der Spieler. Die Krönung ist wirklich, dass sich gerade in jener Zeit, in der der Fußball im Mainstream ankam, er sich selbst abgeschafft hat, indem die Champions League auch die nationalen Ligen ruiniert hat. Aber das wiederum interessiert ja keinen. „Du guckst wirklich (immer noch) Fußball?“ OMG, Du hast ja wirklich gar keinen Stil mehr.

Ja, ich schaue weiter Fußball, aber es wäre mir lieber, wenn es mir so peinlich wie früher wäre und nicht so wie heute. Wenn ich könnte, wählte ich das andere peinlich.

13 Kommentare

  1. ja gut (wie wir fußballer sagen), das ist ja letztendlich mit allen dingen die man im leben gut findet so. ich fand z.b. internet auch cooler als die spd (oder die cdu, oder die bundespolizei) noch nicht „drin“ waren.

  2. Wir hatten so in der „Abi-, Zivi-, Anfang des Studiums“-Zeit Ende der 90er/Anfang 2000er eine Regel beim Weggehen: NICHT ÜBER FUSSBALL REDEN!
    Nicht über die Bundesliga, nicht über internationalen Fußball und vor allem nicht über den neuesten Gossip aus dem Verein, für den die meisten von uns gekickt hatten. Vermutlich, um nicht als interessenlose Freaks rüberzukommen.

  3. Um Sartre zu paraphrasieren: „Peinlich, das sind die anderen.“

  4. Garnicht peinlich. Tolle Artikel. Toller Blog!

  5. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 29 in 2017 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2017

  6. Wie immer ein toller Artikel.

    Peinlich hin oder her, Fußball ist und bleibt die schönste Nebensache der Welt!

  7. Tolle Geschichte. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Allerdings aus einer anderen Richtung. Früher war „Gaming“ total verschrien, nur für Nerds und Stubenhocker. Mittlerweile zockt doch fast jeder auf PC, Konsole oder Handheld. Die Games Com ist eine der beliebtesten Messen des Jahres…
    Zeiten ändern sich :)

  8. Ganz ehrlich, ich mache mir mittlerweile einen Spaß daraus und enttarne gerne all diejenigen, die beim Small Talk den Fußball-Experten raushängen lassen, aber nicht mal fünf Spieler aus „ihrem Verein“ aufzählen können. Darüber hinaus schäme ich mich nicht, dass ich von allen 18 Bundesligisten nahezu den halben Kader auswendig kenne :) Wieso sollte ich? Es gibt nichts geileres als sich die Kicker Sonderausgabe vor einer Saison Seite für Seite in Ruhe durchzulesen :P

  9. Wenn heutzutage z.B. eine NDR 3-Abendschau-Moderatorin die Vokabel „Pauli“ schlaumäusig wie ahnungslos intoniert, wird mir bewusst, dass ein leuchtäugiges Mitschwimmen der Karriere womöglich nicht abträglich ist.
    Die Frage, ob die Zeiten, als man Opportunisten und Schleimbeutel als solche identifizierte und links liegen ließ, endgültig vorbei sind, würde ich gern verneinen.

  10. Moin Trainer Baade, moin Fußball-Gourmets,
    fühle mich hier wunderbar unterhalten. Vielen Dank, weiter so!
    Und lasst euch die Leidenschaft für den Fußball nicht nehmen. Lebt ihn auf eure eigene Art, dann werdet ihr euch schon abgrenzen von denen, mit denen ihr nicht gemein gemacht werden wollt. Aber seht es auch als Schatz, dass soviele Menschen unterschiedlichster Prägung von ihm begeistert sind. Diese Begeisterung ist so facettenreich wie das Leben selbst.
    Schaut mal auf http://www.tatsachenentscheidung.blogspot.de vorbei. Da erzähle ich vom Fußball wie ich ihn erlebe. Sportliche Grüße! Der Hennes.

  11. Die WM im eigenen Land hat wohl so einiges verändert.

  12. Jede Subkultur wird irgendwann einverleibt vom Getriebe. Klar, der Ball ist dann nicht mehr rund, sondern muß in ein Schließfach der Nationalbank passen. Immerhin muß der Ball noch ins Eckige. Und eckig bleiben wir bei all den Toren, gell.

  13. Hah ich finde es nicht so schlimm. Und sehr dich interessant zu lesen!!Danke



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