Category Archives: Zettel-Ewalds Sammelsurium

Alles, was Zettel-Ewald sonst noch notieren würde

Niemals in der WM-Vorrunde ausgeschieden

Ja, nun, mir unterlief ein Fehler beim letzten Fußballquiz. Ich hatte die Frage in den Raum geworfen, welche „drei“ Nationen niemals in der Vorrunde ausgeschieden seien, wenn sie denn teilgenommen haben. Meine Antworten im Kopf waren bei dieser Frage: Deutschland, Niederlande und Irland. Das ist auch soweit richtig.

Falsch war aber leider, dass es da noch zig andere zulässige Antworten gibt. Keine Ahnung, warum ich dieser von mir selbst so gelesenen Aussage eines Fußballfachmagazins Glauben schenkte, ohne sie selbst zu überprüfen.

Aber Ihr werdet mir jetzt sicher sagen können, welche anderen Länder da auch noch diese Eingangsfrage erfüllen?

Wobei es wohlgemerkt um die Teilnahme an und am Überstehen einer Vorrunde geht, nicht an einem evtl. Achtelfinale.

Das Tor der WM

Gerade warf ein Twitterer ein, dass er sehr wohl auf der FIFA-Seite für das „Tor der WM“ abgestimmt habe. Offiziell gibt es da aber nichts, was die undurchsichtige Grand Jury alter Herren (wobei alt sein kein Makel ist) verkündet hätte.

Hier die Frage: Welches war das „Tor der WM“?

Im Falle von Antworten: bitte nicht nur den Namen des Schützen angeben, sondern auch, welches Tor gemeint ist. Danke im Voraus.

(Mein Kandidat: Tim Cahill gegen die Niederlande mit seinem Volley unter die Latte. Eins von den sieben Toren gegen Brasilien war sicher schöner rausgespielt, aber man mag am Fußball auch oft das Urwüchsige.)

Die nicht ganz Faulen fügen auch einen Link zum Video des Tores ein, muss aber nicht.

„Das Spiel meines Lebens“

[Update] Der Beitrag läuft in der gesamten Woche noch an verschiedenen Uhrzeiten, die man im dortigen Programm findet.

Gleich um 21h rede ich mit @sport_thies über eine besondere Partie in der dortigen Rubrik „Das Spiel meines Lebens“, natürlich ein WM-Spiel. Reinhören lohnt sich unbedingt, gute Musik – mit einer notwendigen Ausnahme – aus dem Jahr des Spiels ist auch dabei.

Ab 21h auf meinsportradio.de.

Alle Paarungen der Eröffnungsspiele der Bundesliga seit Einführung

Kurz getwittert, dass es sicher kein Zufall ist, dass es schon wieder die Automarke ist, die gegen den Meister Bayern die nächste Bundesliga-Saison eröffnen darf, kommen auch schon erste Einwände, dass dies so häufig ja dann doch gar nicht der Fall war.

Hier also alle Paarungen, seit es ein Extra-Eröffnungsspiel gibt. Der Meister der letzten Saison hat jeweils Heimrecht. Und zählt natürlich nicht in eine eventuell verzerrte Auswahl der Gegner.

2002/2003 Dortmund – Hertha
2003/2004 Bayern – Frankfurt
2004/2005 Bremen – Schalke
2005/2006 Bayern – Gladbach
2006/2007 Bayern – Dortmund
2007/2008 Stuttgart – Schalke
2008/2009 Bayern – Hamburg
2009/2010 Wolfsburg – Stuttgart
2010/2011 Bayern – Wolfsburg
2011/2012 Dortmund – Hamburg
2012/2013 Dortmund – Bremen
2013/2014 Bayern – Gladbach
2014/2015 Bayern – Wolfsburg

Wir summieren:

2x Wolfsburg
2x Schalke
2x Hamburg
2x Gladbach
1x Frankfurt
1x Hertha
1x Stuttgart
1x Dortmund
1x Bremen

Eigentlich dann doch ganz gut durchgemischt, auf längere Sicht zumindest. Berücksichtigen muss man selbstverständlich noch, dass nur die wenigsten Teams über den gesamten Zeitraum hinweg Erstligist waren und überhaupt hätten ausgewählt werden können. Es spricht ja grundsätzlich auch nichts dagegen, diese Partie bewusst so einzurichten, dass sie nicht nur hierzulande, sondern international als besonders attraktiv wahrgenommen wird. Wieso man da beim ersten Mal Hertha wählte, lässt sich schon kaum nachvollziehen, nun zum zweiten Mal (und mit dem Meistertitel zum dritten Mal) in den letzten sechs Jahren Wolfsburg zu wählen, ist zumindest nicht geeignet, Verschwörungstheorien für die Gründe dieser Auswahl völlig zu entkräften. Oder andersrum gefragt: Seit wann läuft das Sponsoring des DFB-Pokals durch diese Automarke?

„Legenden“

Listen. Die Kieselsteine unter den Blog- oder auch Medieninhalten. Gleichwohl auch da manches Mal die eine oder andere Perle darunter zu finden ist. Wer also suchet, der findet hier sicher den einen oder anderen Namen, den er noch nicht kannte, den er vielleicht vergessen hatte oder den er nie vergessen wird.

Im ganz bescheiden International Legendary Museum getauften Museum.

Zahl der Woche: 33

Der alte Haudegen Miroslav Klose verrät im Interview mit der Welt, wie niedrig sein Ruhepuls liegt, wenn er komplett austrainiert ist:

Bei 33 Schlägen pro Minute.

Sind das nicht schon Armstrong-eske Dimensionen, in denen man sich Gedanken machen muss? Medizinisch unbeleckt wie man hier ist, ist man da erstmal vor Schreck fast vom Stuhl gefallen.

Ansonsten erzählt der gute Miro mal wieder nicht allzu viel, zumindest eine nicht ganz unwichtige Antwort gibt er dann aber doch:

Frage: Nach der EM 2012 gab es Spekulationen, wonach die Stimmung zwischen den Spielern des FC Bayern und Dortmund nicht so gut gewesen sei.

Klose: Quatsch.

Die Pest (ist zu Ende)

Wir waren eingeschlossen in einen Raum mit der Bundesliga, die Höchststrafe, ob kafkaesk oder eher camusois, sei dahingestellt, die ihr Wesen verloren hatte. Das perfekte Jahr hatte es nun doch nicht gegeben, bis dahin aber sahen wir Woche für Woche die selbe Aufführung. Ein Entrinnen war allerdings nicht möglich, kein Entkommen aus dieser von außen abgeriegelten Stadt, die einst so lebendig gewesen war. Mit bunten Wendungen, vielerlei Theatern und immer auch wieder Durststrecken, das sei nicht bestritten, aber Durststrecken, deren Ende absehbar war, selbst wenn diese mal wieder Halbserien lang dauerten.

Irgendwann wich jeder Lebensmut aus allen Zuschauern, irgendwann war die Qual kaum noch auszuhalten, und dennoch konnten die Tore der Stadt nicht geöffnet werden. Hier war man geboren, zufällig hereingeraten zu einem ungünstigen Zeitpunkt und nun war man eben mitgefangen. Gehangen noch nicht, aber das erledigte die Pest dann schon selbst.

Als sie sich endlich verzog, hätte man eigentlich jubilieren können, dass das Leben weiterginge. Doch die Pest hatte alle erledigt. Nicht mal mit dem eigentlichen Töten all der fröhlichen Momente, dem rauschhaften Auf und Ab, das sonst hier tobte. Sondern mit der unerträglichen Gleichförmigkeit allen Treibens und dem Ausbleiben von Abwechslung zermürbt. Als die Pest ging, wohl weil nur noch die wirklich Immunen übrig geblieben waren, waren auch diese nur noch wie der Tod selbst, abgestorben alles Lebensbejahende und dann waren die Tore der Stadt wieder geöffnet, aber niemand verspürte mehr die Kraft, noch hinauszugehen.

And the beat goes on …

Schon mal Szenen eines Horrorfilms ohne dazugehörige musikalische Untermalung gesehen? Ist irgendwie meist nicht so richtig in Horror versetzend. Suspense benötigt die Musik oder zumindest den Wechsel von Musik mit plötzlicher Stille. Ähnlich ist es auch beim Fußballschauen. Hier allerdings auch in die umgekehrte Richtung. Nein, keine Sorge, das ist jetzt nicht schon wieder die letztens angeleierte, äh, Leier vom Mitsingen.

Gestern wurde das Pokalfinale im FZW in Dortmund geschaut, einer eigentlichen Disco, mit dementsprechend guter Soundanlage. Obwohl Hunderte Menschen anwesend waren, war auch der Stadionsound stets gut zu hören und man würde sogar behaupten, mit größerer Intensität als das in der Realität der Fall ist, bezogen auf die Bässe nämlich. Die breiten sich zwar auch im Stadion gut aus, von den Trommlern und was da sonst noch Rhythmen schwingt, doch beim gestrigen Schauen waren sie deutlich intensiver zu vernehmen.

Man würde jetzt gerne diese so klischeebeladene Metapher von den Buschtrommeln vermeiden, die ganz anders gefangen nehmen als ein nur dreiminütiger Popsong. Dieses Trommeln mit deutlich lauteren Bässen als im Original führte zu einer offensichtlich reichlich verzerrten Wahrnehmung des Spiels. Es mag auch an den Hunderten Schwarz-Gelben gelegen haben, die vor der Leinwand immer wieder Fangesänge anstimmten. Am Mitsingen aber lag es definitiv nicht, denn das erfolgte ja wie erwähnt nicht.

Doch die echten Experten in Funk und Fernsehen sahen in dieser Partie eine schwache erste Halbzeit des BVB, in der die Roten überlegen waren, während die zweite Halbzeit wohl an den BVB ging und die Verlängerung wiederum an die Bayern, ist hernach zu vernehmen. Insgesamt sei es aber keine Partie auf dem Niveau des Champions-League-Finales gewesen und das nicht einmal annähernd. Eine gewisse Enttäuschung ob der kürzlich erfolgten Entzauberung des Pepschen mag bei dieser Bewertung noch mit reinspielen. Experten sind aber Experten und werden das Spiel so wahrgenommen haben, wie es tatsächlich stattfand.

Nur hatten sie bei dieser Wahrnehmung keine noch viel stärkeren Buschtrommeln als im Stadion im Ohr. Dann nämlich wäre die Partie ein erneut rauschendes Fest gewesen, bei dem es ständig hin- und herging, der BVB zu vielen gefährlichen Szenen kam und natürlich auch die Bayern, durchaus aber auch schon die erste Hälfte eher an Dortmund gegangen war. Sie hätten auch mitbekommen, wie sich der Todesstoß, nach 120 Minuten intensiven durchgebuschtrommelt werden, immer dramatischer ankündigte und wie er schließlich gesetzt wurde. Danach war das Trommeln schlagartig vorbei. Im wahren Afrikaklischee stirbt das so betrommelte Opfer daraufhin irgendeiner Legende nach, weil sein Herzrhythmus sich mit dem Trommeln synchronisiert hatte. Gerade so wie jener der Zuschauer über die 120 Minuten in dieser eigentlichen Arena, in der sonst ohnehin getanzt wird.

Hier hörte das Herz zum Glück nicht auf zu schlagen, die Partie aber, die war zu Ende getrommelt und hatte sich schon erledigt, als Thomas Müller noch den dann finalen Gnadenstoß gab. Der Schlussakkord war Stille, kein Beat mehr in den Körpern der Verlierer, schlicht aus ihm herausgetrommelt.

DFB — Die Faschisten-Beschützer

Einen Slogan gegen Faschisten mit der Begründung zu verhüllen, dass keine politischen Statements abgegeben werden dürfen, bedeutet, dass der DFB den Faschismus für eine Option in der Politik hält.

Kostenlos mehr Ekstase

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, aber die Saison in der Liga jenes Vereins, für den ich zum ersten Mal eine Dauerkarte erworben habe, ist so gut wie gegessen. Es soll auch kein sportliches Fazit werden, sondern eines, das das Resultat meines kleinen Experimentes zusammenfasst. Eingeleitet wurde dieses mit dem Text „Sanfte Bande Sangesstunde Stadion“, in dem ich ankündigte, für die kommende Saison alles mitzusingen, was das Reservoir an Anfeuerungen, auch Schmähungen bereithält und natürlich sowieso alle Einlauf- und sonstigen Musikstücke, z. B. nach Torerfolgen oder in der Halbzeitpause.

Das Fazit ist so kurz wie positiv: ich habe den Fußball völlig neu für mich entdeckt.

Das gesamte Stadionerlebnis ist deutlich intensiver in allen Bereichen, die man sich für ein soziales Wesen wie es der Mensch eines ist, denken kann: Mehr Anteilnahme, größere Ausschläge der Empfindungen, intensivere Freude wie auch Trauer, sogar zur einen oder anderen Schiedsrichterbeschimpfung lässt man sich, einmal beim Mitsingen dabei, hinreißen und auch wenn Anteilnahme eigentlich das Selbe bedeutet: das Mitfiebern ist schlicht viel intensiver, ebenso wie die Verbundenheit mit dem Rest des Publikums, den Akteuren und der Idee des Vereins.

Wie das funktioniert, ist in dem oben verlinkten Text erläutert. Dass es eine solch starke Auswirkung aufs Stadionerlebnis haben würde, hätte ich allerdings nicht vermutet. Von jetzt an bin ich auch immer pünktlich 30 Minuten vor Anpfiff im Stadion, um alle einleitenden Songs mitzuträllern und muss keinen Pfennig mehr bezahlen, erlebe die Spiele aber doch viel intensiver.

Da ist man 30 Jahre lang der akademische Snob aus weißer Mittelklasse mit Stock im Arsch und singt fast nie mit, außer bei Aufstiegen oder Pokalsiegen. Weiß aber nicht, um welche Intensitäten man sich mit dieser Verweigerung bringt. Kann man jedem nur empfehlen, der lediglich als schweigender Zuschauer seinen Genuss pflegt, auch wenn das Erlebnis dann etwas roher, ungeschliffener und vielleicht auch etwas überwältigender wird, was ja nicht allen Menschen immer so zusagt.

Ein stumm bleibende Ansammlung von Fußballzuschauern, wird sich jedenfalls subjektiv nie so beteiligt empfinden wie eine singende Masse, gleichwohl die Zahl der Untersuchungseinheiten hier mit 1 (einer) ein wenig klein war, um allgemein gültige Aussagen zu treffen.

Dass Singen verbindet und auch die Chemie im Körper verändert, daran dürften Menschen, die in Kirchen, Chören, auf Konzerten oder zu Geburtstagen mit anderen Menschen zusammen singen, aber ohnehin keine Zweifel hegen.

Angenehm auch, dass im Stadion, anders als in einem Chor, niemanden interessiert, ob man überhaupt singen kann. Es reicht, wenn man für sich so ein bisschen mitsingt, vielleicht auch eher -gröhlt, ohne die Stehnachbarn mit allzu schiefen Lauten zu belästigen.

Ein tolles Fazit eines gelungenen Experimentes, das man im eigenen Interesse schon mal einige Jahrzehnte eher hätte durchführen sollen. Dessen Resultat dennoch komplett positiv zu bewerten ist.

So, wann ist die nächste Messe, äh, das nächste Spiel?

Most unsung hero

Heute eine ganz einfache Frage, Aufgabe. Wer ist Euer most unsung hero der Bundesliga, in Eurem Team, vielleicht in einem anderen Team? Welcher Spieler fällt Euch ein, wenn es um die geht, die oft sehr gute Leistungen brachten, aber mehrheitlich im Schatten standen? Kurz: Wer ist Euer most unsung hero?

Kontra Torlinientechnik in kurz

Gestern und vorgestern schlugen die Wellen etwas hoch zum Thema Torlinientechnik. Dabei wurden hier zwei hiesige Texte häufiger erwähnt und verlinkt. Vielen Dank dafür. Weil ich allgemein zum Schwallern neige, ohne auf den Punkt zu kommen, hier dann doch mal kurz zusammengefasst die Fakten, auf die diese Menschen hauptsächlich verwiesen:

  • Udo Muras hat für die „Welt“ nachgezählt. Von 1994 bis 2012 gab es 14 Fälle in der ersten Bundesliga, in denen Torentscheidungen strittig waren.
  • In dieser Zeit wurden 5508 Spiele in der Bundesliga absolviert.
  • Seltener als ein Mal pro Saison trat die Frage auf, ob ein Ball im Tor war oder nicht.
  • Wenn ein Heimverein die Anlagen zur Überwachung der Tor- oder Nicht-Torfrage installieren würde, würde er sie im Schnitt dieser Daten ein einziges Mal in 20 Jahren benutzen müssen.
  • Nach 40 Jahren wäre es statistisch pro Heimstadion immer noch in einem überschaubar wahrscheinlichen Bereich, dass man eine solche Anlage installierte, sie aber kein einziges Mal benutzen musste.

Wer braucht eine Torlinientechnik, die ein Mal in zwei Jahrzehnten zum Einsatz kommen würde? (Wenn man auch einfach den Videobeweis nutzen könnte?) Wenn es um die Dimension von Jahrzehnten geht, denkt man an Marssonden oder andere inzwischen weit entfernte menschengemachte Objekte im All, aber doch nicht an die Frage, ob man eine weitgehend nutzlose Einrichtung installiert, die anzeigt, ob etwas ein Tor oder kein Tor war.

[Stichpunkt zu Medien-Motivation wegen Quatschfug gelöscht.]

Fußball ist ein Nasensport — Stadionführung in Stuttgart

Vorweg sei noch mal daran erinnert, dass der Geruchssinn des Menschen der am intensivsten mit emotionaler Bewertung verknüpfte ist. Nichts bringt so schnell Bilder aus der Vergangenheit ins Hirn wie das erneute Wahrnehmen eines einst vernommenen Geruchs. Beispiel: Begegnet man irgendwo einer Dame, die das selbe Parfüm trägt wie jene beim ersten Kuss, ist die Situation bei Letzterem sofort wieder präsent. Für den Gleichgewichtssinn oder den Tastsinn gilt das nicht mal im Entferntesten. Und deshalb ist nicht nur Fußball ein Nasensport, sondern der Mensch ein Nasentier.

Letztens lud uns der Hauptsponsor der Nationalmannschaft zum deutschen Länderspiel gegen Chile nach Stuttgart ein, wir trafen dabei Giovane Elber und diskutierten vorher und nachher über Fußball und Internet. Wir trafen auch noch ein paar andere Fußballgrößen, aber dazu später mehr. Teil des Besuchs beim Länderspiel in Stuttgart war auch eine Stadionführung. Da wir selbst zwar pünktlich, aber irgendetwas rund um die Nationalmannschaft nicht ganz so pünktlich wie gewünscht war, ging die Stadionführung samt Besuch der Kabinen etwas unter Zeitdruck vonstatten. Was keine Klage ist. Im Angesicht der im Schnitt 10 Millionen Zuschauer, die ein Länderspiel so vor die Bildschirme ruft — und nicht zuletzt im Angesicht des Umstands, wie elementar solch ein Länderspiel für die Finanzierung des DFB ist — gibt es natürlich Wichtigeres, als eine Gruppe von Bloggern durch ein Stadion zu führen und ihnen dabei möglichst alles zu zeigen.

Alles hieß hier: die Kabine der Nationalmannschaft, den Vorraum für Physios und Zeugwart, den Ort der zukünftigen Pressekonferenz nach dem Spiel, das Kabüffchen, in dem die ARD-Interviews stattfinden würden und die Verbindungswege zwischen diesen Plätzen. Letztere übrigens — ganz wie im Bremer Weserstadion — mit einigen interessanten Dingen geschmückt, aber das war auch nötig. Denn beim ersten Eintreten besitzt das Innere noch den Charme einer in der Nachkriegszeit errichteten Uni. Nackte Wände, die zwar in VfB-Farben stilecht größtenteils weiß und mit einem roten Streifen versehen angestrichen sind, optisch aber nicht viel hermachen. Deshalb die Ornamente:

Erstens ein Foto von Karl Allgöwer bei der Platzwahl mit einem bekannten Steuerhinterzieher.

Zweitens eine Tafel mit allen Europapokalheimspielen des VfB Stuttgart, welche in diesem Stadion oder seinen Vorgängern stattfanden.

Auf meinen Kommentar, dass man da wohl bald erweitern müsse, schließlich sei die Tafel fast voll, entgegnete der Fotograf recht lapidar: „Leider nein.“

Aber vor allem das Spielfeld selbst natürlich war Teil der Führung und — tatsächlich erhebendes Erlebnis — zuvor der Marsch durch den überdachten Gang hinaus auf den Platz. Da dieser den Beginn der Führung darstellte, entzündete sich sogleich Fußballlust (das Pendant zur Wanderlust) in den Köpfen der Beteiligten. Nicht ganz unwichtig übrigens im Vergleich zum Beispiel zum Duisburger Stadion: dass der Gang aus den Kabinen heraus deutlich länger sowie überdacht ist — das macht einen Tunnelblick, äh, eine besondere Steigerung der Empfindungen möglich, statt einfach nur die Kabinen zu verlassen und schwupps auf dem Platz zu sein.

Auf dem Platz angekommen, juckten aber allen enorm die Fußballbeine, denn was dieser Rasen an olfaktorischer Rasenhaftigkeit versprühte, benebelte angenehm die Sinne. Nicht sicher ist es, ob die Luft im Ländle doch ein wenig besser ist als im Revier und der Rasen deshalb deutlich schmackhafter roch, oder ob da künstlich nachgeholfen wurde.

Der intensive und wohltuende Rasengeruch erinnerte sofort an die wenigen Partien, die man einst ebenfalls auf besserem Rasengeläuf absolvierte und vor dem geistigen Auge lief der innere Blogger das innere Kind dicht an der Strafraumgrenze entlang, um schließlich ins lange Netz zu schlenzen. Nur ein paar Unzen Rasengeruch in der Luft — und schon schreiben sich ganze Dramen wie von selbst.

Der Rasen betäubte und ließ gleichzeitig frohlocken. Was ist Fußball doch für eine schöne Angelegenheit, die sich die Menschheit ausgedacht hat, und wenn sie dann noch so gut riecht, Verzeihung, werte Ascheplätze dieser Welt, dann ist man durchaus ein wenig entrückt und will sich am liebsten auf diesen werfen und mit ihm kuscheln. Da machte es auch nichts, dass die Einlaufkinder und Bannerträgerkinder gerade in militärischem Drill ihre Aufgaben probten.

Rasengeruch galore.

(Man beachte das neckisch sich zu einem angedeuteten Hüttchen vereinende Doppel-T in der Mitte des durch verschiedenfarbige Sitze dargestellten Wortes „Stuttgart“.)

Zudem ist der Umbau des Stadions rundum gelungen. Ein imposanteres Stadion gibt es in Deutschland kaum, auch wenn böse Zungen züngeln, dass sich dieses „wie eine Trutzburg“ in den Stadtteil einfüge. Die Rede ist hier aber von dem Zweck, für den es gebaut wurde: darin Fußballspiele zu sehen. Ausreichend steile Winkel, eine große Kompaktheit und dennoch Raum für eine gewisse architektonische Freiheit, welche sich die heutigen Arenen sonst ja kaum erlauben.

Zurück vom Spielfeld ging es rein in die Kabine der Nationalmannschaft, mit striktem Fotoverbot. Zunächst muss man am Zeugwart und an den Phyisos vorbei, die im Vorraum arbeiten. Beim Passieren des Haufens an Fußballschuhen, der bereitlag, fielen fast nur Schuhe in grellem Rot, Orange, Gelb oder Pink ins Auge. Man schämte sich fast, dass man Anhänger einer Mannschaft war, die so offensichtlich ein Länderspiel mit einem („Bursche zum Mitfahren gesucht“) Treffen auf einem Autoscooter verwechselte, auch wenn diese Assoziation einen ähnlichen Bart haben mag wie einige der Anwesenden. Einziger mit schwarzen Schuhen sei wohl Philipp Lahm, antwortete der Zeugwart auf Nachfrage. Immerhin das, Herr Spitzenfußballer.

Die Kabinen selbst sind kleiner als man in solch einem großen Gebäude wie der Mercedes-Benz Arena — nur echt mit Deppenleerzeichen — annehmen würde, sie erinnern fast an eine Kabine eines normalen mittel- bis unterklassigen Vereins, was den reinen Grundriss angeht. Bereit lagen erstmals die rot-schwarzen Trikots des DFB und die Sitzfläche pro Nationalspielerhintern ist wirklich nicht größer als in jeder anderen Kabine auch. Erstaunlich.

Danach schnell durch die Mixed Zone.

Vorbei am Sportschau-Kabuff, das wirklich nur ein Räumchen ist, in dem diese Hintergrundwände aufgebaut sind und von Beleuchtung bis Kamera nur auf diesen Interviewzweck ausgerichtet ist. Anders als sonst im neuen Stuttgarter Stadion üblich aber in den Katakomben und nicht mit Blick aufs Stadion im Hintergrund. Weiter zu jenem Raum, in dem die Pressekonferenz stattfinden würde. Mit kurzem Seitenwechsel zur sportlichen Spitze der Nationalmannschaft, als die Blogger für 2 Minuten jene Position einnahmen, wie später der Nationaltrainer von Chile und Jogi Löw himself. Klassenfahrts krönender Auftakt wie Abschluss der Stadiontour:

Frank Baade als Trainer beim DFB

Weiter ging’s in den Presseclub des DFB, wo später besagter Giovane Elber dazustieß. Neben allerlei Mitgliedern der Journalistenposse, die der eine oder andere von Twitter kennen könnte.

Herm von Hermsfarm war ebenfalls dabei und hat schönere Fotos.

Highlight an Erkenntnissen der Stadionführung war übrigens, dass der arme, gebeutelte, am Hungertuch nagende DFB für die Versorgung der Pressekonferenz doch tatsächlich Volunteers einsetzt, die dann für lau das Mikro durch die Gegend tragen dürfen. Vielleicht sollte man dem DFB ein paar Groschen spenden, sonst gibt es ihn bald nicht mehr.

Nach dem Spiel ging es noch zur Pressekonferenz, als — für Eingeweihte vielleicht selbstverständlich, für andere aber überraschend — die beiden Nationaltrainer getrennt voneinander vor den Journalisten anwesend waren. Zunächst der chilenische Nationaltrainer samt mehr oder weniger überflüssigem Dolmetscher, denn Fragen stellten nur die Chilenen, übersetzt wurde trotzdem. Danach Jogi Löw, ohne dass wie bei einem Bundesligaspiel üblich beide Trainer zugleich auf der Bühne anwesend waren. Platz genug wäre ja gewesen, selbst für 11 Blogger, siehe oben.

Ein sehr schönes, vielleicht bald Zweitliga-Stadion in Stuttgart, aber vor allem:

herrlichst!, dieser Duft des Rasens … Kunstrasen ohne dieses Odeur ist einfach keine Alternative.

Die nicht ganz absolut reinen Schamhaare von Christoph Daum

Sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Weshalb vollumfänglich alle Informationen, die von Ereignissen im Fußball zu uns dringen, immer unter dem Vorbehalt behandelt werden müssen, dass das nur jene sind, die nach draußen dargestellt werden und in Wirklichkeit alles ganz anders war. Was das Drüberbloggen und Einordnen reichlich schwierig macht und oft sogar unmöglich, wenn man nicht beim bloßen Rummeinen versacken will. Schade.

Abgesehen von ohnehin bestehenden Problemen menschlicher Realitätskonstruktion und dazu der haarsträubenden systematischen Fehlerhhaftigkeit von Zeugenaussagen könnte man diesen Zustand nur durch echte Recherche ändern. Was etwas schwierig ist, wenn man dafür auch Zeit einsetzen müsste, die nicht vergütet wird. So lange man kein Geld besitzt, das für einen arbeitet, während man diese Zeit woanders einsetzt, ist das zumindest ein Problem, für diesen Ort hier gar eine unüberwindbare Hürde in Bezug auf echten Erkenntnisgewinn. Wobei sich auch die zu verneinende Frage nach dem wissenschaftlichen Wert für die Menschheit stellte, längst vergangene Skandale und Geschichten im Fußball „aufzuklären“.

Diesen Vorbehalt nicht vergessend, lautet das allgemein verbreitete, aber falsche Narrativ, dass Christoph Daum nicht mehr ganz Herr seiner Sinne gewesen sein muss, als er seinerzeit einem Drogentest zustimmte, von dem er eigentlich annehmen musste, dass er ihn nicht bestehen würde. Zumindest erscheint diese Entscheidung ohne jegliches weitere Wissen äußerst kontraintuitiv. Schließlich gab es keinerlei juristische Grundlage, auf der die Öffentlichkeit Daum zu einem solchen Test hätte zwingen können. All das bedeutete eine Umkehrung der Prinzipien eines Rechtsstaats. Gleichwohl der öffentliche Druck auf jemanden, der das wichtigste Amt der Republik — Bundestrainer nämlich — bekleiden sollte, derart groß wurde, dass er sich diesem nicht mehr entziehen konnte.

Aus der Erinnerung an irgendwo mal gelesene Zeilen twitterte ich gestern, dass er sich dieses Risikos sehr wohl bewusst gewesen sei, er nämlich vorab einen Drogentest mit seinen Kopfhaaren habe durchführen lassen, welchen er bestand. (Aus welchen Gründen, ist damit nicht gesagt.) Bei dem öffentlichen Drogentest wurden dann aber zu seiner Überraschung die wesentlich langsamer wachsenden Schamhaare, welche damit auch ein längeres Drogengedächtnis aufweisen, verwendet. Diese Schamhaare bescherten ihm dann einen exorbitanten Wert an Kokaingehalt, welcher sogar den eines „normalen“ Dauerkonsumenten weit überstieg.

Das Ergebnis der Haaranalyse ergibt „den höchsten Kokain-Wert, der je in Köln gemessen wurde“.

Quelle: NDR.de

Die Einstufung, dass er nicht ganz bei Trost sein konnte, erhärtete sich durch seine Art während seines öffentlichen Geständnisses, darüber auch noch ins Witzeln zu verfallen (auch wenn Galgenhumor oder auch Übersprungsreaktionen dem Menschen nicht fremd sind).



So wie oben beschrieben lautete jedenfalls meine Erinnerung.

Tatsächlich muss es aber wohl wieder anders gewesen sein, wie kurzes Suchmaschinenbedienen und Einlesen ergab.

Denn seine Kopfhaare ergaben tatsächlich einen viel höheren Wert als jene, den seine Schamhaare (die er im Beisein von Co-Trainer Roland Koch — „eine unwürdige Situation“ — eigenhändig abschnitt) lieferten. Dass Daum den immens hohen Wert gegenüber Rainer Calmund damit begründete, dass er nicht seine eigenen Kopfhaare, sondern die eines anderen Menschen abgegeben habe, erklärte sich Roland Koch in dem später in Koblenz stattfindenden Prozess um Daums Kokainkonsum damit, dass Daum hochgradig verzweifelt gewesen sei und deshalb zur Lüge griff.

Auch im Prozess blieb anscheinend unklar, wie es zu diesem Rekordwert hatte kommen können, nach dem Daum ein hochgradig abhängiger Dauerkonsument gewesen sein muss. Welcher er nach Beteuerungen aller Involvierten nicht war.

Den netten Schlenker mitnehmend, dass bei Calmunds Aussage „bis zur kurzen Pause […] ihn das Gericht sieben Mal mit dem Wunsch um Wesentlichkeit unterbrechen“ musste, ist weiter zu lesen, dass Calmund, der nicht wissen konnte, dass Daum selbst dann doch zugab, dass die Haare von ihm stammten, sowohl den Co-Trainer Koch als auch den Physiotherapeuten von Bayer der Mittäterschaft beim Vertauschen der Haarprobe bezichtigte. Mit Daums Korrektur seiner vorigen Lüge waren diese Vorwürfe aber bereits nichtig geworden.

Der hohe Wert war damit aber immer noch nicht erklärt, denn:

Es stellte sich heraus, dass alle Anschuldigungen auf dauerhaften Drogenkonsum und erst recht auf Anstiftung zum Handel auf Aufschneidereien der mutmaßlichen Dealer beruhen.

Quelle: Berliner Zeitung

So bleibt mit Bordmitteln die Frage also offen, wie er zu diesem Rekordwert in seinen Kopfhaaren kommen konnte, warum die Schamhaare einen niedrigeren Wert produzierten und ob er nun Dauerkonsument war oder nicht. In jedem Fall hatte er aber keine Dummheit begangen, als er nach einem zuvor privaten, negativ ausgefallenen Test einem öffentlichen zustimmte. So wie ein gerade aktuell im Fußball außerhalb des Fußballs Handelnder möglicherweise auch nicht so unvorbereitet agiert, wie es — siehe Einleitung — den Eindruck macht.

Dann bleibt in diesem Zuge spannend, wie es überhaupt dazu kam, dass Daum plötzlich unter den Druck all dieser Vorwürfe (Prostituierte und Schulden kamen noch hinzu) stand. Und wie im Jahr 2000 und davor Realitäten im Fußball in den Medien erschaffen wurden.

Wer eine umfassende Hinleitung zu diesem Vorfall mit dem seit 1989 schwelenden Konflikt zwischen Daum und Hoeneß, nunja, konsumieren möchte, der findet in der Zeit ein langes Stück mit vielen Hintergründen und noch mehr handelnden Personen: „Das Feindschaftsspiel“, das die Geschehnisse zu einem echten Thriller verdichtet.

Protagonisten wie (früher) üblich im deutschen Fußball: Beckenbauer, Hitzfeld, eine gewisse Zeitung, Hoeneß, Calmund, Breitner, Lienen, Völler und natürlich Daum. Für einen fußballfreien Abend ist dieser Text nicht das Schlechteste, Bayer Leverkusen tritt heute bekanntlich nur zu einem Freundschaftsspiel an. Den Makel, dass jenes Stück einen Tag vor Bekanntwerden des dann doch positiven Tests von Daum erschien, überlebt es angesichts seiner spannenden Geschichtchen jedenfalls problemlos: ordentlich Schlamm, Halbseidenes und Boulevard. Und die Einsicht, dass Akademiker ohne Stallgeruch an den entscheidenen Positionen der Soap „Bundesliga“ nicht nur gut tun dürften.

Ein Trainer ist ein Idiot

Endreas Müller, aktiver Fußballspieler in der Kreisliga, beschreibt in seinem Text „Notnagel“, wie die eigentlichen Aufgaben eines „Trainers“ dort unten aussehen. Seine Worte erklären auch recht anschaulich, wieso dieses Blog hier zwar so heißt wie es heißt, Taktikanalysen aber nicht vorkommen:

Die Trainer sind bei diesem ständigen Stühlerücken besonders gefordert. Überhaupt ist ihr Aufgabenbereich in den Niederungen des organisierten Fußballs völlig anders gelagert, als man es von den Großen der Zunft kennt. 90 % ihrer Energie verwenden sie darauf, Woche für Woche eine Mannschaft zusammenzustellen, die sich nicht blamiert. „Mannschaft zusammenstellen“ bedeutet natürlich nicht, spektakuläre Transferdeals einzufädeln, mit dubiosen Spielerberatern in schummerigen Hinterzimmern zu verhandeln oder Fachärzte zu konsultieren, um den Mittelfeldmotor fitspritzen zu lassen. „Mannschaft zusammenstellen“ bedeutet für die Trainer meist noch nicht mal aus einer gewissen Anzahl von Spielern eine schlagkräftige Truppe zu formen und den Kader evtl. den Gegebenheiten des Spieltags anzupassen. Nein, es bedeutet einfach irgendwie 12 – 14 Leute zusammen zu bekommen, die einigermaßen Fußball spielen können.

„Notnagel“ heißt sein schöner Text aus seiner ebenso schönen Reihe „Ein Jahr im Kreis“. Und hier würde man den letzten Relativsatz im Zitat sogar noch streichen …

Giovane Elber sez

Wenn er den Raum betritt, geht die Sonne auf. Lässig in Blue Jeans und roten Pullover gewandet, kaum gealtert und auch nicht gebreitert, umspielt seine Lippen ständig dieses schelmische Grinsen. Da die Augen aber mitlachen, weiß man sofort: Es ist echt, nicht aufgesetzt. Giovane Elbers Freundlichkeit kommt von Häätze. Und bleibt über die gesamte Zeit seiner Anwesenheit. Frei weg von der Leber spricht er in bekannt sehr gutem Deutsch, hat selbst für einen anwesenden Schalke-Blogger ein „Kopf hoch!“ übrig, als das Gespräch auf das 5:1 vom letzten Wochenende kommt. Allüren sind ihm fr …

Halt, Stop! Wird das jetzt hier eine dieser typischen Einleitungen von Glamour- und Klatschmagazinen, in denen die Kleidung (Franelle, Saint Malo, Schuhe von Hapag) des Protagonisten wichtiger ist als das, was inhaltlich passiert? Nein.

Doch Glamour gab es durchaus ein wenig in den Räumen des Sportpresseclubs vor der Partie gegen Chile im früheren Neckarstadion, schließlich waren die Stars aus ganz Deutschland angereist. Aus Berlin gleich zwei Fußballblogger, einer aus Leipzig, einige aus München und wieder andere Fußballblogger aus dem Ruhrgebiet. Umso erstaunlicher, wie offen Giovane Elber dieser Ansammlung von Größen der Publizisitik begegnete. Von Lampenfieber keine Spur.

Stattdessen ging es direkt in medias res, denn Elber gab auf Nachfrage sofort zu, dass eine Reise nach und ein längerer Aufenthalt in Brasilien sehr teuer sei. Womit er gleich die anwesende Runde vom leichten Makel entlastete, dass kein einziger Teilnehmer plant, selbst zur WM zu reisen. Kann ja nicht jeder ein Praktikum bei ARD oder ZDF machen.

Dort, bei der WM in Brasilien, seien seiner Ansicht nach übrigens Argentinien und Deutschland Favorit auf das Finale, mit dem späteren Weltmeister Deutschland. Ausgesprochen allerdings vor Anpfiff des Tests gegen Chile. Argentinien werde nicht zuletzt von den vergleichsweise kurzen Reisewegen profitieren und vom im Süden Brasiliens deutlich kühleren Klima als in anderen Regionen. In Manaus zum Beispiel sei es manchmal so heiß und feucht, das Elber und seine Mitspieler bei Partien dort schon in der Kabine geschwitzt und sich gar nicht warm gemacht hätten, nur ein bisschen gedehnt. Ob das aus dem Reich der Fabeln stammt oder doch stark auf die Jahreszeit ankommt, verrät ein Blick in die Klimatabelle von Manaus.

Außerdem sei es legitim, dass die Menschen in Brasilien so offensiv protestieren. Und es sei auch während der WM mit weiteren, umfassenden Protesten zu rechnen. Man brauche dort bessere Infrastruktur, die allen zugute komme, dieser Wunsch sei vollkommen legitim. Nicht allein Verkehrswege, sondern vor allem bessere Schulen und eine bessere Krankenversorgung. Gleich vier Stadien zählt Giovane Elber auf, die nach der WM nicht von Erst- oder Zweitligisten genutzt werden würden. Insofern habe es ihn selbst nur überrascht, dass die Menschen in Brasilien zum Confed-Cup in solchen Massen auf die Straße strömten. Die Mentalität in Brasilien verhindere oft, dass sich derartiger Protest entwickele, denn allzu oft zeige man dort eine gewisse Nachsicht mit den Verhältnissen und Trägheit bezüglich möglicher Änderungen. Dass sie protestierten, habe ihn überrascht, aber nicht, aus welchen Gründen.

Natürlich sei es außerdem fantastisch, zur Zeit Bayern München beim Fußballspielen zuzuschauen, aber er bevorzugte, wenn er die Wahl hätte, den Spielstil aus seiner Zeit. Damals hätte er als Stürmer viel mehr Räume gehabt, nutzen können und immer wieder selbst entscheiden können, wann was die bessere Idee sei. Im heutigen System müsse man als Stürmer ständig nur warten und auf den richtigen Moment hoffen. Das sei schon ein bisschen langweilig, auch das aktuelle Tiki-Taka des FC Bayern sei nicht sein absolut favorisierter Fußball zum Zusehen und schon gar nicht zum Selberspielen. Erstaunlich offen und ehrlich hier, wie er überhaupt in keiner Hinsicht ein Blatt vor den Mund zu nehmen schien. So sympathisch wie er allen Anwesenden (mit Ausnahme der dem HSV zugeneigten Blogger — „gegen uns hat er immer besonders oft getroffen“) vor Ort war, wirkt er wohl nicht zuletzt deshalb auch im Rest der Republik.

Die von den hiesigen Twitter-Followern eingereichten Fragen konnten leider nicht alle gestellt werden, schließlich waren u. A. der Frittenmeister oder GNetzer auch mal dran, doch fanden immerhin zwei Fragen der Leser den Weg zu Giovane Elbers Gehirn, woraufhin er sich mit Antworten auch nicht lange lumpen ließ.

Ja, er werde bei der WM für die ARD arbeiten und zwar als Experte für den Fußball, nicht als Reiseführer, der die Verhältnisse vor Ort erklärt. Zusammen mit Mehmet Scholl werde er diese Aufgabe angehen. Für wen diese Zusammenarbeit das härtere Brot sei, darauf wollte sich Giovane Elber dann aber nicht festlegen.

Nein, er hat keinen Kontakt mehr zu Martin Pieckenhagen, mit dessen Namen er sofort etwas anfangen konnte (für die Nachgeborenen: die Suche nach besagtem Tor des Jahres 1999 von Giovane Elber war bei youtube bislang erfolglos, was die Redaktion explizit bedauert), er habe ihn einmal noch in Hamburg getroffen, aber über sein legendäres Tor gegen Pieckenhagen habe man nicht geredet. Und fügte hinzu, dass eben jenes gegen Rostock „das schönste Tor gewesen“ sei.

Finden wir auch.

Ein echter Schalker

Es war die Partie von Bayer Uerdingen gegen den 1. FC Köln. Klar, dass man da als echter Schalker anwesend sein musste, vor allem, wenn es in dieser Saison um nichts mehr ging. Wir waren allerdings nur hier, weil wir endlich ein eigenes Auto hatten und „unabhängig“ zu sein glaubten. Also hin zur Bundesliga in nächster Nähe. Aber nicht aus Fantum, da hatten wir beide andere Vereine. Wir sahen keine wirklich rasante Partie, aber doch unterhaltsamen Bundesligafußball. In der Pause natürlich das obligatorische Anstehen an der Würstchenbude.

Und da war er, der echte Schalker Fan. Mit Mützchen auf, auf dem Mützchen einen Schalke-Anstecker und recht fidel ebenfalls eine Wurst verspeisend. Wieso man als Schalke-Fan unbedingt in die damals mit ihrem Zerfall gerade beginnende Grotenburg fahren musste, an einem Samstag Mittag, wenn Schalke selbst gleichzeitig ein paar Kilometer weiter spielte, das war uns in diesem Moment zwar nicht klar, aber er grüsste freundlich.

Womit er nicht aufhörte, als wir uns in die Nähe setzten und unsere Würste verspeisten. „Hallo“, „ja, hallo“, „hallo!“, „ja, hallo“. Wie es denn bei Schalke stehe, wollte er in dieser Prä-Handy-Zeit wissen. Da konnten wir ihm nicht helfen, hatten auch kein mobiles Radio zur Hand.

Wieder rein ins Stadion mit dem Anpfiff zur zweiten Halbzeit, ein Törchen fiel wohl noch oder auch zwei, jedenfalls war es kein Nachmittag ohne diesen besonderen aufsteigenden Glanz, wenn ein komplett weißer Ball sich ins komplett weiße Tornetz eines damaligen Bundesligatores begibt, als wolle er dort verweilen und die Geschichte des Tores immer weiter schreiben. Bis der Torwart kommt und den Ball aufhebt, ihn müde und entnervt zum Mittelkreis kickt. Dann ist das Tor zu Ende.

Zu Ende war dann auch die Partie, noch eine Wurst? Ja, komm, noch eine Wurst. Wieder saß er da, der Schalke-Fan, vergnügt immer noch, aber ein wenig älter als vorher. Wie Schalke gespielt hat, wollte er wissen. Keine Ahnung, antworteten wir, hat der Stadionsprecher nicht durchgegeben. Wir hätten doch das Spiel gesehen? Ja, das da drin, das ging 1:1 aus. 1:1? Ja. Also hat Schalke nicht gewonnen? Die Situation schien etwas ungemütlich zu werden, doch im selben Augenblick erschien sein Zivi und rollte ihn in Richtung Parkplatz. „Wie viel hat Schalke gespielt?“ tönte es immer leiser, bis er um die Ecke gebogen wurde und verschwunden war.