Sich selbst erhaltendes Siechtum

Einerseits geht die Meldung im Widerhall der misslungenen (?) Facebook-Aktion des FC Bayern fast unter: Der FC Bayern plant seine Zukunft mit Oliver Kahn und Stefan Effenberg. Das sind jene beiden, die für eine Eindimensionalität in der Sicht auf den Fußball stehen, wie man sie eigentlich nur noch in viel älteren Generationen vermuten würde. Welche sich nichtsdestotrotz in diesen beiden Hirnen aber dauerhaften Halt verschafft hat.

Der eine beschwört bei jeder Gelegenheit den „Druck“, den es bedeute, für den FC Bayern oder überhaupt als Profi bei gewinnen müssenden Vereinen Fußball zu spielen. Mit dem man natürlich umgehen können müsse. Die wenigen Gelegenheiten, zu denen er mal etwas Anderes erzählt als vom Druck, macht seine Stichwortgeberin dadurch zunichte, dass sie die Farbe der Krawatten wichtiger findet als eine Auseinandersetzung mit dem Sportlichen. Und wenn Kahn dann doch mal von sich aus etwas aus der Sicht eines Profis zum Spiel erzählt, bleibt sie mit metaphorisch offenem Munde stehen, kann daran nicht anknüpfen, und die an dieser Stelle plötzlich möglich gewordene Diskussion versandet noch vor ihrem Beginn in jenen Bezirken des Fußballs, welche man auch gerne bei Bunte und Co. beleuchtet. Insofern weiß man nicht genau, was der alte Kahn tatsächlich über den Fußball denkt, man hat aber bislang wenig im Ohr, was über billige Platitüden hinausgeht.

Der andere beschwört bei jeder Gelegenheit, dass die Mannschaft nicht „zu ruhig“ sein dürfe. Es gehe um Leader-Eigenschaften. Um Aggressivität dem Gegner gegenüber. Dabei wirkt Effenberg wie jenes Kind, dem man gerade zum ersten Mal in seinem Leben ein mehr als einsilbiges Wort gereicht hat, woraufhin es stolz das mehr als einsilbige Wort zu jedem Anlass verwendet, ganz gleich, ob dessen Inhalt etwas mit der Realität zu tun hat, die es gerade bezeichnen soll. Ein „Leader“ klingt halt toll, in den Ohren eines offensichtlich extrem auf Anerkennung geschnittenen Gehirns eines Effenbergs, also wird es bei jeder Gelegenheit rausgehauen. Was fehlt dem deutschen Arbeitslosen? Ein „Leader“! Was fehlt all denen, die schon mal ein Spiel verlieren? Ein „Leader“! Was fehlt dem Effenberg nicht in seinem Vokabular? Ein „Leader“!

Diesen beiden Koryphäen der Eindimensionalität will der FC Bayern nun also neue Aufgaben im Verein anvertrauen. Bei entschieden kleineren Vereinen besaß man da mehr Sachverstand: In Karlsruhe jagte man Kahn mit seinem Vater bei der Kandidatur zum Präsidenten davon, in Gladbach lacht man heute noch über die Aktion, mit der Effenberg — größtenteils ohne inhaltliches Programm — zusammen mit anderen ewig Missverstandenen wie Horst Köppel und Berti Vogts den Verein übernehmen wollte. Da der Verein ja ohnehin, wie man heute sieht, auf dem völlig falschen Weg war, war das aus Sicht der Protagonisten nötig geworden.

Einerseits geht die Meldung im Widerhall der Facebook-Aktion des FC Bayern fast unter. Andererseits muss man sich keine Sorgen machen, dass der FC Bayern — bald geführt und beraten von eindimensionalen alten Recken, deren Weiterbildung selbst bei besten Möglichkeiten, Experte bei Sky oder beim ZDF, und somit hautnah an den besten Spielen des Planeten dran, nur im Schneckentempo vorwärts geht — in mittlerer Zukunft gefährdet sein könnte.

Denn wenn die x in Folge verlorenen Partien gegen Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund eines bewiesen haben, dann jene traurige Erkenntnis: Man interessiert sich bei den großen Medien weniger dafür, warum der Sieger so stark war. Betont wird die Frage, warum die Bayern so schwach waren und was sie falsch machen, wo man sich demnächst wird verstärken müssen. Begründet wird diese Vorgehensweise damit, dass sich nun mal mehr Menschen für den FC Bayern interessieren als für alle anderen Vereine. Selbst dann, wenn der FC Bayern verliert und andere Vereine schon mit anderthalb Beinen im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrtausends angekommen sind, während andere noch nicht mal den Akku ihres E-Rollis komplett aufgeladen haben.

Insofern darf man sich also getrost zurücklehnen und kann die Hoffnungen respektive Ängste begraben, dass eines Tages der FC Bayern mal nicht mehr der am meisten hofierte Verein der Liga sein wird, weil so etwas Profanes wie erfolgreicher Fußball ausbleibt. Selbst wenn andere Teams dauerhaft erfolgreich spielen, auch im Misserfolg bleibt der FC Bayern die Nr. 1 des Interesses. Es gibt also keine Chance auf Änderung, denn um den dauerhaft zu sichern, den Misserfolg, hat man ja gerade erst Kahn und Effenberg verpflichtet.

3 Kommentare

Harry ist Gladbach-Fan und Ehrennadelträger des FC St. Pauli

Tja, da will man natürlich gerne wissen, welcher Harry das ist. Das beantwortet das folgende Interview.

Ja, dieser Harry und vor allem dieser Schal. Allerdings steht im verlinkten Interview auch, dass die „Damen von der Requisite nicht wussten, dass es sich um einen Gladbach-Fanschal handelt“. Ein Markenzeichen wider Wissen, oder besser gesagt: ohne Absicht.

Den Teil mit dem Hamburger SV und dem FC St. Pauli müsst Ihr dann aber schon noch selber lesen.

2 Kommentare

Den Bus im Strafraum parken

Naheliegend, vielleicht auch alt, aber gut.

Bushaltestellentore.

So ein Jucken in den Beinen plötzlich. Oben rechts, unten links?

1 Kommentare

Was macht eigentlich Peter Wynhoff?

Solche Typen sterben ja aus. Die Bundesligaspieler, die auch genauso Postschalterbeamter sein könnten oder einem bei der Bahn erklären, welches Ticket man im Moment, da die Müngstener Brücke mal wieder gesperrt sein könnte, für die Strecke von Oberbarmen nach Solingen ziehen muss. Ohne Glamour für Arme geht heute nix mehr in den Bundesligakadern, mindestens eine windschnittige Frisur muss es schon sein. Mit beidem konnte unser heutiger Held der Rubrik „Was macht eigentlich … ?“ nicht aufwarten.

Peter Wynhoff war so einer dieser Typen, die zumindest dem Klischee nach jede Mannschaft braucht, die nicht das Rampenlicht suchen, sondern fleißig indianisieren, wie vom Trainer und manchmal auch vom Spielverlauf verlangt. Unspektakulär, aber zuverlässig.

Da überrascht es wenig, welche Tätigkeit Peter Wynhoff — immerhin 240 Bundesligaeinsätze für Borussia Mönchengladbach und DFB-Pokalsieger 1995 mit so Spielern wie Andersson, Neun, Dahlin und Kamps — nach seiner Karriere als aktiver Fußballer ergriffen hat.

Er ist jetzt Sachbearbeiter bei der Kreisbau AG, mit eigener Profilseite.

Was ist die Kreisbau AG? Sie ist ein „Wohnungsunternehmen der Stadt Mönchengladbach“. Claim des Unternehmens: „Gewohnt gut“. Und ein Selters bitte.


screenshot peter wynhoff

Wynhoff, ganz der Seriöse, kann es sich aufgrund dieser Seriosität auch erlauben, ein bisschen Nepotismus zu betreiben, bzw. seine „alten Kontakte“ spielen zu lassen, auf dass für Arbeitgeber und alten Kontakt eine Win-Win-Situation entsteht.

Natürlich hat der Leser längst selbst gemerkt, was das eigentlich Bemerkenswerte an Peter Wynhoffs neuem Job ist: Dass er überhaupt einen hat.

3 Kommentare

Fluch oder Segen?

Zuspitzung ist erlaubt, wenn man ein wenig stärkere Tendenzen bei Umfragen erhalten möchte. Was diese Umfragen dann aber tatsächlich abbilden, das sollte man lieber nicht allzu hoch hängen. Man kann das als Spielerei sehen. Wichtig werden solche Ergebnisse nur, wenn … tja, sie werden leider nie wichtig, weil sie über keinerlei Aussagekraft verfügen. Der Realität reicht nun mal kein plattes entweder oder.

Eine Aussagekraft besitzen sie allerdings: Sie erzählen etwas über denjenigen, der sie (mit) betreibt. Sieg oder Niederlage, Titan oder Toastbrot, Weltherrschaft oder Untergang.

Ganz sicher denkt der Ex-Titan mittlerweile als erwachsen gewordener Mann nicht mehr in solchen Schwarz-Weiß-Kategorien. Dieser Umstand hält ihn aber nicht davon ab, einem Laden seinen Namen zur Verfügung zu stellen, der nichts anderes kann als dies.

Und ein einfaches „gut oder schlecht“ tut es da natürlich ohnehin nicht. Es muss schon mindestens ein Fluch (Voodoo, islamisch, christlich, man weiß es nicht) sein, der mindestens ein Leben lang hält. Oder eben ein Segen (Voodoo, islamisch, christlich, man weiß es nicht). Vielleicht hat Mr. Testimonial mittlerweile ja seine eigene Religion aufgemacht. Eine rein dichotome, versteht sich.

Weltmeister oder Ampfostenlehner.


fanorakel fluch oder segen 1

Über 350 Votings einself.

6 Kommentare

Ein Bayer in Charlottenburg-Wilmersdorf

In einem Hotel zu wohnen kann man einem strohverwitweten Trainer doch nicht ernsthaft vorwerfen. Er liegt schließlich völlig richtig damit, wenn er sich rechtfertigt, dass er sich als Hotelgast um nichts kümmern müsse und so die volle Konzentration auf die Arbeit ermöglicht ist.

Wer kann schon zu Hause über den Aufstellungen fürs kommende Spiel brüten, wenn die Waschmaschine dröhnt, die Kinder schreien und auch den ehelichen Pflichten nachgekommen werden muss?

Selbst die kolportierten häufigen abendlichen Vergnügungsfahrten durchs Berliner Nachtleben tragen doch nur zur Burnout-Propyhlaxe bei, ganz im Sinne des Erfolgs, ganz im Sinne des Vereins also. Wer nichts im Leben hat außer seinem Hobby, das er zum Beruf gemacht hat, nie abschalten kann, der navigiert halt etwas näher am Kollaps als jener, der weiß, wie man sich eine Zigarre, äh, anzünden lässt.

Was man dem Bayer in Charlottenburg-Wilmersdorf allerdings vorwerfen kann, ist dass er es in einer echten Großstadt nicht allzu lange aushält. Es war schließlich seine erste. Seine Heimatstadt München beschreibt sich selbst nur als ein Dorf, wenn auch ein Millionendorf. Die übrigen Stationen seiner Karriere, Blackburn mit schlappen 100.000 Einwohnern, Liverpool mit 440.000 und Stuttgart auch gerade mal 600.000, kommen nicht mal auf eine solche Million. Da hat allein Charlottenburg-Wilmersdorf schon fast so viele wie Einwohner wie Liverpool, ganz Berlin mehr als drei Mal Millionendorf München.

Kaum wird es einmal etwas unübersichtlicher, verliert er genau diese, die Übersicht. Im Nachtleben versteht sich, bei den Terminen, die vielen Bars, wo soll man nur hingehen, wen hat man letztens noch mal angerufen und bei wessen Nummer im Display geht man am besten nicht mehr dran?

Auf dem Fußballplatz konnte er ja nicht die Übersicht verlieren, da gab es keine Strategie, die die Spieler hätten umsetzen sollen. Was bleibt, ist ein Aufstieg aus der 2. Liga mit einem Erstligakader, der Vergleich ist platt, aber zutreffend: Als würde man mit dem FC Bayern Meister werden, was dieser zumindest früher auch ohne Trainer geschafft hätte. Plus eine mediokre Hinrunde in der 1. Liga, an deren Ende sich schon das Ausbleiben dessen ankündigte, was man als Trainer ohne eigene Strategie vor allem braucht: Glück.

Als Fußballtrainer ist es zwar relativ unerheblich, ob man bei den Berliner Einwohnern verbrannte Erde hinterlässt, dem Hörensagen nach sind die allermeisten Zugezogene, die ihren Lieblingsclub aus der Heimat im Herzen behalten haben, und zur Hertha wird er ohnehin nicht zurückkehren.

Für seine Reputation als Trainer aber könnte das Eigentor kaum größer sein. Erst in Stuttgart als solcher wegen zu großer Kumpelhaftigkeit gescheitert, jetzt, weil er mit dem Leben in einer Großstadt nicht klarkam, obwohl doch das Hotelpersonal ihm die Alltagsverrichtungen abnahm.

Das bisschen Bashing der Berliner wäre da zu vernachlässigen. In Berlin sei man groß mit dem Mund, tue aber letztlich wenig. Wäre da nicht der Bumerang, den er wird annehmen und erst einmal selbst beweisen müssen, was er denn überhaupt tut, für so eine Mannschaft. Sofern er sich in der jeweiligen Stadt wohlfühlt, versteht sich, und nicht zu schnell altert, das Leben so stressig. Als Fußballtrainer. Im Hotel. So viele verschiedene Zeitungen, so viele Bars und die vielen Straßennamen erst.

10 Kommentare

Die Pokale der Kontinentalmeisterschaften (der Länder)

Gerade läuft ja in Gabun und Äquatorialguinea die 2012er-Ausgabe des Afrika-Cups, in diesen Minuten findet das Eröffnungsspiel zwischen Äquatorialguinea und Libyen statt, da kann man schon mal der Frage nachgehen, um welchen konkreten Pokal es bei diesem Kontinentalturnier überhaupt geht.

Denn erstaunlicherweise führen die Trophäen selbst, um die es ja neben dem Titel bei solch einer Veranstaltung geht, ein ziemliches Schattendasein, bei allen Kontinentalmeisterschaften. Den World Cup kennt natürlich jeder, in diesen Breiten kennt man auch den Pokal der Europameisterschaft, der nur aus Gründen der Vollständigkeit unten in der Liste auftaucht, aber die Pokale der anderen Bewerbe auf diesem Planeten sind doch reichlich unbekannt.

Hier also die kleine Liste, die alle Pokale der Kontinentalwettbewerbe zeigt, inklusive — soweit eruierbar und dann durch Anführungszeichen kenntlich gemacht — der Namen der Trophäen:

Mein Favorit aus der Hölle ist der Gold Cup, aber der Afrika-Cup ist auch schon extrem hässlich, weil wie eine nur halb zu Ende designte Kopie des World Cups wirkend. Da wird der merkwürdig gestauchte Pokal der Europameisterschaft in der Runde seiner Kollegen doch glatt zum echten Schmuckstück. Auch Schönheit ist eben relativ.

1 Kommentare

Anno gar nicht mal so tuck

„Diese Beckmänner, all diese Wichtigtuer, gehen uns Profis doch schon lange auf den Keks.“

Eike Immel, damals Manchester City, kurz bevor er als England-Experte für die EM 1996 vom ZDF eingekauft wurde. Beckmann war zu jener Zeit bei Sat1.

Das Traurige ist, dass wer als Spieler mit dem Resultat der Arbeit all der Beckmänner aufgewachsen ist, es schwierig haben wird, es sich anders als verbeckmannt überhaupt vorzustellen. Weshalb er dagegen nicht rebellieren wird und es bleibt wie es ist.

Aber, ach, das ist ja auch nichts Neues mehr. Ein tiefes Gefühl der Resignation macht sich breit, mit gleichzeitig aufkommendem Zweifel, ob es nicht müßig ist, darüber überhaupt Resignation zu empfinden. Im Stadion wird das Spiel immer noch so dargeboten, wie es ist. Was schnell zur Frage führen könnte, ob jene Zuschauer, die letztens noch neben mir zu Beginn (!) der zweiten Halbzeit in Scharen aufsprangen und nach Hause liefen, weil das Heimteam deutlich zurücklag, nicht doch mit Zusammenfassungen à la Beckmann besser bedient wären. Aber das wäre dann schon wieder ein anderes Thema und viel zu weit führend für diesen kleinen Beitrag, der nur Eike Immels Zitat festhalten wollte.

1 Kommentare

Rudi Carrell war ein Ultra

… denn er sang von der 1. bis zur 90. Minute.

Mutig war er noch dazu, seine Gesänge schmetterte er nämlich mit einer Werder-Bremen-Mütze auf dem Kopf im Block des HSV. Selige, friedliche Zeiten, als das noch problemlos möglich war.



Den Mehmet-Scholl-Song hingegen kann man sich eher sparen.

Danke, Stefan.

1 Kommentare

Anfang, Ende und die graue Suppe dazwischen

Was macht man, wenn man prüfen möchte, ob das Gedächtnis eines dies gerade behauptenden Fußballer noch vollkommen intakt ist? Man fragt natürlich nach dem ersten oder letzten Spiel der Karriere, weil man die auch so leicht vergisst.

Okay, es ging in dem Gespräch nicht um den absoluten Gedächtnistest für den befragten Friedhelm Funkel, es ist nur ein Schwenk, um ein bisschen Gesülze über das Leben von Friedhelm Funkel zu ermöglichen, und das einzige Thema des Gesprächs ist „Erfahrung“, da darf man gerne mal an die weit zurückliegenden Anfänge erinnern.

Dennoch: Wer wissen will, ob sich ein Fußballer wirklich gut an die eigene Karriere erinnern kann, der fragt nach einem Spiel aus der Mitte der Karriere, nicht nach dem ersten oder dem letzten.

Probe zum Selbermachen: Erster Schultag, letzter Schultag. Und dann den 3. Donnerstag im Februar in der 9. Klasse dazu ranholen.

Wie cool Friedhelm Funkel ist, merkt man auch daran, dass er „fasziniert“ war von Uwe Seelers „Bodenständigkeit“. Meiomei, auf die Idee muss man erstmal kommen … Ob er noch in anderen Bereichen so erfahren sei wie im Fußball? „Ich bin mallorca-erfahren.“ Nun gut.

Ansonsten aber eine lesenswerte Reihe, diese SOLO-Reihe — ein Thema, ein Interview — auch mit Heribert Bruchhagen, Theo Zwanziger, Renate Lingor und mal wieder Ioannis Amanatidis.

SOLO.

5 Kommentare

Den Trash talken, wie er eben so fällt

Zur Frage, wie es einem schwulen Fußballer nach einem Outing ergehen würde, muss man gar nicht erst potenzielle Reaktionen „der Gesellschaft“ mit Stadionzuschauern, Medien und sonstig Interessierten betrachten. Es reicht, den Blick auf den Platz zu richten. Oder besser: die Ohren.

Wie war das auf dem Fußballplatz in der Oberliga? Gab es da Sprüche, Provokationen, die auf Ihre Erkrankung abzielten?

Und ob. Da waren Dinger dabei, die gingen unter die Gürtellinie, die möchte ich nicht wiederholen. Ein paar Sprüche sind normal, aber da waren Sätze dabei, die gehören da nicht hin. Aber diesen Leuten ist nicht zu helfen. Und ich bin klargekommen.

Mike Wunderlich hatte „lediglich“ einen Burnout, was wohl immer nur ein verharmlosender Ausdruck für eine Depression ist, er hatte kein Coming-Out als Homosexueller. Aus diesem Angriffspunkt, dem Burnout, versuchen die Gegner also sofort, Kapital zu schlagen. Scheint, als sei Jermaine Jones‘ Auffassung von Kollegialität recht weit verbreitet.

Allerdings geschah dies in der Oberliga bei Viktoria Köln. Gut möglich, dass sich Spieler in der Bundesliga mit so etwas zurücknähmen, da sie wissen, dass sie unter größerer Beobachtung und Belauschung stehen, und die Konsequenzen schneller kämen als in einer kaum beachteten Oberliga. Aber das ist erstens Spekulation und zweitens nützte es dem schwulen Oberligaspieler auch nichts. Dem Depressiven genauso wenig.

An dieser Stelle hätte man übrigens nichts Anderes erwartet als genau dieses Verhalten. Das hat nichts mit Schlaumeierei hinterher zu tun, sondern mit den Erfahrungen auf Fußballplätzen. Und in den Kabinen.

Mimimi-Vorwürfe gerne in die Kommentare.

4 Kommentare

Geliebter moderner Fußball

Es gibt natürlich auch eine Reihe Gründe, warum man den modernen Fußball vielleicht nicht ganz so liebt. Doch ebenso selbstverständlich, wie nun mal jede Medaille ihre zwei Seiten hat, Yin-Yang, Tag-Nacht, Werden-Vergehen etc., hat auch der moderne Fußball seine ausgemacht tollen Seiten.

Ich würde gerne von Euch wissen, welche das sind. Welche Veränderung am modernen Fußball empfindet Ihr als begrüßenswert, wenn auch vielleicht erst nach längerem Nachdenken?

Allzu viel kann ich nicht vorweg nehmen, werfe aber meinen geliebten Aspekt am geliebten modernen Fußball in die Runde, dass im modernen Fußball überall Bälle neben dem Platz liegen und ein auf oder gar über die Tribüne geschossener Ball das Spiel nicht mehr zwangsläufig für mehrere Minuten beendet und den Schiedsrichter und ein paar wenige treue Helfer auf die ungewisse Reise nach dem Aufenthaltsort des Balles schickt. Die Pausen zwischen schlecht platziertem Torschuss und darauf folgendem Abstoss sind angenehm kurz geworden.

Was ist da noch an Erfreulichem in den letzten Jahren hinzugekommen?

36 Kommentare

Edgar Davids‘ Ahne

Man denkt ja gerne:

Toll, dass sich einer mal etwas einfallen lässt.

Auch wenn das Brilletragen von Edgar Davids zunächst angeblich gesundheitlich bedingt war und später dann von einem Sponsor gut bezahlt wurde. Immerhin hatte es etwas Eigenes. Dachte man bislang.

Denn Edgar Davids‘ Ahne heißt Annibale Frossi. Nie gehört, was? Könnte daran liegen, dass er zu einer Zeit Fußball spielte und für ein Land, in der und überhaupt … hat jemand was gesagt?

Für Italien spielte er (nicht nur) bei Olympia 1936, traf u. a. 2x im Finale gegen Österreich zum 2:1-Sieg, das 2. Tor in der 92. Minute, gewann deshalb Gold mit seinen Mannschaftskollegen und trug dabei stets eine:

Brille.

Ja, eine Brille.

Eine Brille und manchmal eine Mütze.

Also doch alles schon mal dagewesen, und Edgar Davids wirkt plötzlich so unkreativ, obwohl er möglicherweise gar nichts von Annibale Frossi ahnte.

2 Kommentare

Warum den Wächter würdigen

In Deutschland wurde es jüngst wieder mal ein Torwart: Fußballer des Jahres. So richtig weiß man nicht, warum Manuel Neuer, der außer einem Pokalsieg gegen hoffnungslos überfordete Meidericher, na gut, ein bisschen Champions League, nicht viel vorzuweisen hat, es geworden ist. Aber sicher spielte da die natürliche Affinität des deutschen Fußballpublikums zu guten Torhütern eine Rolle. Man kann sich keine Meistermannschaft vorstellen ohne dazugehörigen Torwächter, der zumindest in dieser einen Saison unüberwindbar schien. Aber ist dem überhaupt so? Gibt es eine solche besondere Wertschätzung von Torhütern in hiesigen Landstrichen?

Ja, die besondere Wertschätzung, die Torwächter in deutschen oder deutschsprachigen Landen erfahren, ist kein Mythos, wie die Jagd nach einer zu widerlegenden Legende ergab — siehe Auflistung unten. Sie existiert tatsächlich, nimmt man das zugegeben nicht alleinstehen könnende Kriterium der Wahl eines Spielers auf einer bestimmten Position zum „Fußballer des Jahres“ in einem Land zur Hand.

Die Ergebnisse werfen durchaus eine Henne-Ei-Frage auf: Wird man in bestimmten Ländern lieber Torhüter, weil man dort eine größere Würdigung erfährt — oder erfahren Torhüter in bestimmten Ländern eine größere Würdigung, weil man es dort lieber wird — und es deshalb eine größere Anzahl guter Exemplare davon gibt?

Keine Ahnung, auch keine Tendenz zu einer Vermutung. Auffällig ist aber unbedingt die Häufigkeit der Auszeichnungen zum „Fußballer des Jahres“ in mitteleuropäischen Ländern als da wären die BR Deutschland, die DDR, Österreich und Belgien auf den ersten vier Plätzen. Angesichts der sehr unterschiedlichen Zahlen an durchgeführten Wahlen nicht perfekt vergleichbar, aber aussagekräftig.

Da man hier küchenpsychologisch-historische Betrachtungen zum Fußball ablehnt („Die Uruguayer sind solche Klopper, weil sie 1842 eine Schlacht am Soundso-Berg in Unterzahl mit fiesen Methoden gegen die anrückenden Argentinier gewannen — einer der Gründungsmythen dieser Nation, die sich in das kollektive Gedächtnis des Volkes so sehr eingebrannt hat, dass man die daraus abgeleitete Handlungsmaxime auch beim Fußball nicht übersehen kann, wenn 11 Uruguayer auf dem Platz stehen.“), braucht man auch nicht der Frage weiter nachzugehen, ob man wegen der zentralen Lage in Mitteleuropa und der dazugehörigen großen Zahl an umgebenden Feinden als klassisches „Durchmarschland“ mehr Wert auf Verteidigung legt als in Ländern, die aufgrund ihrer Lage nur sehr wenige (Spanien, Portugal) oder gar keine (England bzw. Großbritannien) direkten Feindesnachbarn haben.

Häufigkeit der Wahl eines Torhüters zum „Fußballer des Jahres“

Land Häufigkeit
absolut
Häufigkeit
relativ
DDR 8/29 28%
BR Deutschland 10/52 19%
Österreich 9/66 14%
Belgien 6/57 11%
Italien 4/36 11%
Argentinien 3/42 7%
Portugal 3/41 7%
UdSSR 2/28 7%
Dänemark 3/48 6%
Brasilien 2/39 5%
England 3/64* 5%
Jugoslawien 1/20 5%
Schweden 3/66 5%
Schottland 2/47 4%
Rumänien 2/46 4%
Spanien 1/36 3%
Frankreich 1/49 2%

* davon 1x ein Deutscher, Bert Trautmann, 1x ein Nordire, Pat Jennings, ohne diese beiden läge England mit 1/64 und damit weniger als 2 Prozent auf dem letzten Platz dieser Liste

Wobei die Frage natürlich ebenso interessant wäre, wie häufig defensive Feldspieler im Vergleich zu offensiven Feldspielern zu „Fußballern des Jahres“ gewählt werden. Der Torhüter ist nun mal auch der besonders herausragende Part, der deutlich heroenhafter agieren kann, als ein schnöder linker Verteidiger, der immer nur Flanken verhindert, woraufhin es Einwurf für den Gegner gibt.

Teil eins dieser Aussage aber, der Einzelkämpfer im Tor, der alles rettet, der die Schlacht allein gewinnt, der über den anderen thront, der die ganze Verantwortung auf seinen Schültern trägt, naja, da möchte man tatsächlich lieber nicht weiter hinabsteigen in küchenpsychologische Deutungen der mitteleuropäischen Nationen und deren Bewohner sowie ihre Vorliebe für derartige Charaktere und die dazu passenden Heldengeschichten.

7 Kommentare

Sportblogger-Beitrag des Jahres 2011

sportblogger beitrag des jahres 2011 So langsam gewinnt die inzwischen vom Sportbloggernetzwerk veranstaltete Wahl zum besten Beitrag des Jahres aus den vielen schillernden, spannenden und scharmanten Sportblogs im deutschsprachigen Raum an Konturen. Denn nach der Wahl 2007 (schöner Blick in die Historie des Sportbloggens!) und der Wahl 2010, welche ganz zufällig hier stattfand, geht die Wahl in die nächste Runde, wie „immer“ kurz nach dem Jahreswechsel.

Heute ist es die fabulöse Jekylla, die auf ihrem wiederbelebten Blog „Fabulous Sankt Pauli“ der angenehmen Angelegenheit nachgeht, Gastgeber der Wahl in diesem Jahr zu sein.

Einen uberbunten Strauß an Beiträgen hat die Jury zusammengestellt, Bildbetrachtungen, Interviews, kleinere Rants, ein paar alte Bekannte und einige neue Bekannte stehen zur Auswahl. Es soll aber nicht darum gehen, welches Blog man am liebsten liest, welchen Blogger man am besten kennt, sondern darum, wer von nun an ein Jahr lang mit der Krone, den „Sportblogger-Beitrag des Jahres 2011″ verfasst zu haben, durch die virtuelle Gegend laufen darf. Und das sollte bittschön jemand sein, der es verdient hat. Was Euch die Auswahl leicht macht, denn verdient hätten es alle 11 Kandidaten. Hüstel.

Lest alle 11 vorgeschlagenen Beiträge und stimmt dann ab, jeder nur ein Kreuz.

Die Spox-Redaktion hat dies dankenswerterweise als Blogschau aufgenommen.

Zu den Beiträgen und zur Wahl aber geht es bei Fabulous Sankt Pauli.

1 Kommentare

Jetzt ist er ein Bayer

Jean-Marie Pfaffs kaum bekannte Single „Jetzt bin ich ein Bayer“. Mit dem famosen wie hintergründigen Text:

Ich war ein Belgier und jetzt bin ich ein Bayer
Ich trinke Bier und esse Leberkäs mit Eier
Und jeden Samstag steh ich froh in meinem Tor
und kein Stürmer macht dem Jean-Marie was vor

Da ist tatsächlich ein ganz besonderes Texter-Talent am Werke gewesen. Hier bei den Lyrics nicht erfasst: die vier Interviewpassagen inmitten des Songs.



Wann erscheint Manuel Neuers Platte?

7 Kommentare

Camouflage, die vollumfängliche Torwart-Tarnung

Warum sagte denn niemand Bescheid, dass man beim FC Everton in dieser Saison ein sehr gutes Auge braucht, um den Torwart auszugucken — weil man genau hingucken muss, um ihn überhaupt erst auf dem Schlachtfeld zu erspähen?

Und vor allem: Warum muss es wieder England sein, das sind jene mit dem Essig in den Chips, die den Hiesigen vormachen, wie man mal den üblichen Rahmen sprengt?

Dabei gäbe es doch so viele nette Ideen, es müsste ja nicht das Heim-/Stammtrikot des Torwarts sein. Alleine schon die Jungs von YMCA böten da genug Anlässe, aus deutschen Wäldern respektive besetzten Häusern kämen noch diverse Aufzüge und die daraus gestrickten Ideen hinzu. Nur Mut, meine Herren Piefkes.

4 Kommentare