Ganz schön krank

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Es begann alles an jenem Tag, an dem mein Hirntumor festgestellt wurde. Von da an war verständlicherweise nichts mehr so wie vorher und es würde auch nie wieder so sein. Dabei lag das eben nicht an den Auswirkungen des Hirntumors, sondern daran, dass man, wenn man einmal gesehen hat, nicht mehr so tun kann, als hätte man nicht gesehen, so sehr man sich auch bemüht.

Der Hirntumor war von mir selbst diagnostiziert worden. Die Diagnose war falsch, wenn auch nicht total falsch. Nach dem Aufwachen war mir sofort klar geworden, dass in diesem Moment mein letzter Tag gekommen war. Tatsächlich reihten sich dann immerhin noch so viele weitere an diesen verdammten einen Tag, dass sie ausreichten, die folgende Geschichte zu erleben und später sogar noch zu erzählen.

Wenn man an einem x-beliebigen Sonntag aufwacht und in seinem Bett liegt, ist die Wahrscheinlichkeit als männlicher Bewohner der westlichen Hemisphäre, das ist eine kulturelle, hoch, dass man einen Kater haben würde, den man bis in die frühen Abendstunden des Tages hineintragen würde, sofern es nicht ohnehin schon Abend wäre. An diesem Tag war es nicht abends, es war auch nicht Sonntag und also war es auch kein Kater.

Irgendetwas musste diese schrecklichen Schmerzen in meinem Gehirn allerdings ausgelöst haben, und wenn Männer jüngeren Alters etwas ernsthaft als Schmerzen bezeichnen, dann müssen dessen Ausprägungen ziemlich intensiv sein. Ich rief sofort, nach einigen Stunden Haderns mit den Realitäten eines Hirntumors, einen befreundeten Menschen an, der in die Apotheke geschickt wurde mit dem Auftrag, „irgendetwas gegen Hirntumor“ zu besorgen, er möge sich beeilen, denn wenn er das nicht täte, würde er wohl sein Geld für die Medikamente gegen Hirntumor nicht zurückbekommen, weil ich ohne Medikamente bis zu seinem Eintreffen verstorben sein würde.

Dem Apotheker war es zu verdanken, dass nur etwa zweieinhalb Stunden nach Aufwachen, Bemerken der Schmerzen und innnerlich mit dem Leben Abschließen, Dankbarkeit empfinden, dass man es so lange überhaupt hatte leben dürfen und schließlichem Wiedereintreffen der profanen Realität vergangen waren. „Stirnhöhlenentzündung“ lautete die Ferndiagnose des Apothekers, nachdem ich die Symptome ins Telefon geflüstert hatte; Sie verstehen, die Schmerzen.

Die mitgebrachten Medikamente bestanden also aus den schärfsten Präparaten, die man in Deutschland ohne Rezept kaufen kann, schließlich erhält man ohne persönliche Besuche beim Arzt kein Rezept und genauso natürlich konnte ein Hirntumorkranker, beinahe -toter nicht an seinem letzten Tag seine Zeit auch noch damit verschwenden, in Wartezimmern von Ärzten den Stern zu lesen, ergo gab es kein Rezept und ebenso ergo erschien der befreundete Apothekengänger also mit ein paar Kopfschmerztabletten, etwas Inhalationstropfen und einer Packung Taschentücher, welche bekanntlich noch immer gegen Hirntumore geholfen hatten.

Aber es ging ja auch nicht mehr um einen Hirntumor, was nach einigen Momenten Abschiednehmen vom eigenen Drama dann auch akzeptiert werden konnte, sondern um Stirnhöhlen. Stirnhöhlen, das klingt spannend, als gäbe es bei einer Höhlentour etwas zu entdecken. Tatsächlich ist es heimtückisch und hinterhältig, weil niemand die schlimmen Kopfschmerzen, die sie bewirken, sehen kann, dabei ist man tatsächlich krank und vor allem rund um die Uhr überproportional gereizt, ohne dass man das normalerweise dazu gehörige Mitleid erhält, welches kranken jungen Männern eigentlich in besonders großen Dosen zusteht.

Am folgenden Wochenende stand eine Partie auf dem Speiseplan, die eigene Mannschaft gegen einen mehr oder weniger zufälligen Gegner, eine Heimpartie und sie würde eine besondere sein. Denn diese Partie sollte — technisch machbar war das schon lange, allein rafft man sich so selten auf — komplett aufgezeichnet und später sogar mit dem Gegner an einem anderen Abend zusammen angeschaut werden. Ein zweifelhaftes Vergnügen bei Amateurfußballern, die nicht mal genügend Luft für 90 Minuten haben, Stichwort die Regelung vom fliegenden Wechsel. Eigentlich hatte ich aber mitspielen wollen bei dieser Partie und als ich nur wenige Tage nach meinem Erwachen mit vermeintlichem Hirntumor ohne Sportkleidung um die Außenlinie strich, bekam ich eine erste Ahnung davon, wie es ist, krank zu sein, ohne dass einem dies angesehen werden kann. Es ist nicht schön, denn die Umwelt pendelt zwischen Ignoranz und Unterstellung eines Simulierens, ein dem Fußball ja nicht ganz so fern liegender Vorgang.

Die Partie wurde aufgezeichnet, eine aktive Teilnahme war dank der Stirnhöhlen nicht möglich und so erschien ich bei der später zusammen angesehenen Zusammenfassung nur als übel gelaunter Kauz im Bild, der um die Außenlinie herumstromert, sich nassregnen lässt und auf Zuruf ein paar Sekündchen lang ein künstliches Grinsen aufrecht erhalten kann, immerhin, dabei ist einem überhaupt nicht zum Lächeln zumute, wenn die eigene Mannschaft Fußball spielt und man selbst nicht teilnehmen kann.

Immerhin verlor die eigene Mannschaft mit zwei Toren Unterschied, welch ein Glück. Nichts wäre schlimmer als wenn die eigene Mannschaft gewönne, während man selbst verletzt oder krank draußen steht. Womöglich könnte Teilen der Mannschaft einfallen, dass man auch ohne diesen ja ohnehin kranken oder verletzten Typen an der Seitenlinie ganz gut Fußball spielen würde können. Und ihn folglich nicht mehr benötigte. Ein Lothar Matthäus entscheidet selbst über seinen Körper und erst recht über den Zeitpunkt des Aussortiertwerdens.

So weit kam es dann glücklicherweise nicht, allerdings sollte es sich entscheidend auf den Fortgang der Geschichte auswirken, dass die Stirnhöhlenentzündung kam. Und blieb. Bis zum heutigen Tag ist sie nicht vollständig verschwunden, der Tag mit dem Hirntumor ist knapp dreieinhalb Jahre her und es verging kein einziger Tag mehr ohne Kopfschmerzen. Das ist aber nicht so schlimm, denn sie sind zwar unangenehm und hindern auch beim Denken, aber mehr auch nicht, in gewisser Weise. Es kommt ein bisschen Schnupfenartiges hinzu (nein, es ist kein Männerschnupfen) und so kann man sicher ganz gut damit leben. Was man aber nicht kann, ist Erschütterungen des Schädels gut aushalten, und bei welcher Tätigkeit des Menschen wird der Schädel erschüttert? Auch wenn es nicht die erste ist, die einem einfällt: Beim Laufen. Sagen wir besser beim Rennen.

Schlimmer als die Stirnhöhlenerkrankung an sich ist der Umstand, dass man nicht mehr Fußball spielen sollte. Man könnte es zwar noch, ohne gleich sein Leben zu riskieren, aber es wird von allen Seiten darauf hingewiesen, dass es besser sei, wenn man es nicht täte. Was dann wiederum weitere Folgen nach sich zieht, die schließlich im Titel des Textes münden. Womit wir bei der eigentlichen Geschichte angelangt wären.

3 Kommentare

  1. Mein Gott, Trainer, Du bist ja ganz schön krank.

  2. Hör niemals auf selbst Fußball zu spielen – egal was man dir sagt, egal was man dir rät, egal wie man es dir empfiehlt oder egal was du dazu denkst zu meinen. Denn es wäre dein ganz persönliches Ende. Auch in den unmöglichsten Lebenssituationen kannst du denn Ball auch als Stand- oder Liegefußballer den Ball noch netzen oder spektakulär verhindern. Das Gefühl bleibt ewig wunderschön …

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