Everyone I know goes away in the end

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WAT?

Schrei doch nicht so.

Schreie doch gar nicht. Ich meine nur das neue, alte Nummernschild für Wattenscheid. Klaus Steilmann müsste sein Auto jetzt nicht mehr in Essen anmelden, um ein Bochumer Kennzeichen zu vermeiden.

Ist ein Nummernschild Identität?

Offenbar war es das für ihn.

Eine Stadt, kaum mehr als 70.000 Einwohner, spielt mal Bundesliga, ihrem Mäzen gedankt.

In ihrer Historie war sie sogar mal das „Amt“, also das entscheidende Rathaus für Gelsenkirchen, für Bochum, aber dann, der Lauf der Dinge ist nun mal so, ist es nur noch Wattenscheid. Irgendwo schrieb mal jemand, dass man mit ungefähr 3 % der Einwohner im Stadion rechnen könne. Das wären bei 72.000 Einwohnern etwas über 2.000. Bei der SG Wattenscheid 09 kamen aber nur noch 750 im Schnitt pro Spiel, der noch dazu deutlich angehoben wurde, wenn Rot-Weiss Essen mal, wie immer zuletzt, vorbeischaute. Schalke und Dortmund saugen halt überall. Eigentlich also vielleicht 500 Männeken. Muss man für 500 Männeken ein Etwas am Leben halten, das schon lange vorbei ist?

1973 schloss die letzte Zeche in Wattenscheid, noch bevor es nach Bochum eingemeindet wurde. Wer es sich ausgedacht hatte, ist unbekannt, aber es sollte bei der Kommunalreform keine eigenständigen Städte unter 200.000 Einwohner mehr im Ruhrgebiet geben. Warum? Mag sicher Kosten sparen, mag sicher als Verwaltungsreferent sinnvoll erscheinen. Dass man aber hier, wie wohl überall, eine Kirchturm-Dorf-Identität pflegt, war bis zu diesem/dieser wohl noch nicht vorgedrungen. Es ist schon über 40 Jahre her, dass Wattenscheid nach Bochum eingemeindet wurde. Bochum ist es bis heute nicht.

Am Bahnhof Wattenscheid auszusteigen, wirft alle direkt in den tiefsten Pott. Das ist allerdings nichts Besonderes. Abgesehen von ein paar Bierhoff’schen Vierteln im Süden, ist man überall im Ruhrgebiet im tiefsten Pott. Es scheint fast so, als sei das Ruhrgebiet ein bisschen wie das Universum. Das Universum ist nämlich dergestalt, dass es von überall gleich aussieht, egal, von wo aus man hinschaut. Versteht man mit einem normalen, nicht allzu geschulten Gehirn nicht. Das Ruhrgebiet versteht auch niemand.

Überall ist es eine Metapher für sich selbst und das Schmelztiegelige, hatte man gehofft, würde auch eine neue Kultur hervorbringen. Jetzt wählen zweistellige Prozentzahlen eine Alternative. Galt schon immer als Nazi-Hauptstadt mitten im Revier: Wattenscheid. Was dann doch überrascht, in Wattenscheid gibt es einen großen Karnevalsbetrieb. Aber ist das nicht Westfalen? Das Rheinland endet doch hinter Essen. Offenbar hält sich Wattenscheid nicht daran, es feiert groß Karneval. Großer Karneval waren auch die Jahre von 1990 bis 1994, aber wie immer bei allem, das mal war, lastet es als eine Bürde auf der Gegenwart. Die Fotos hängen bestimmt im Vereinsheim an der Wand. Vergilbt können sie kaum seien, es kommt ja kein Sonnenlicht rein.

Es gibt viele Trinkhallen in Wattenscheid. Man kauft da aber keine Sammelbilder mehr von der SG 09, sondern vom BVB, von Juventus, von Real. Auf den Rängen geben sich die Groundhopper die Hand, ein großes Hallo, vor dem Anstoß frönt man der zumindest legendenmäßig besten Bratwurst in allen Stadien überhaupt. Dann läuft das Spiel und diese Melancholie fängt einen wieder ein.

Sieh doch nur, diese ganze Gegentribüne, sie könnte so viel Stimmung verbreiten, sie wäre alleine drei Punkte pro Saison wert, wenn sie denn nur mal geöffnet wäre. Aber dafür müsste man ja Ordner bezahlen. Oder überhaupt Interessenten haben, die auf diese Tribüne wollten.

Es kommt keiner mehr, bist Du immer der letzte, der den Tanzclub verlässt? Es wird doch schon zugesperrt. Dann lass das doch. Natürlich tut scheiden weh. Gerade in Wattenscheid.

Natürlich ist es immer gerade dieser Moment, den man gerne noch bewahren würde. Man hat ja keine anderen.

Gib’s auf, ruft der Polizist bei Kafka demjenigen zu, der es noch versucht. Gib’s auf – und wendet sich scheinbar mit einem ironischen Lächeln ab. In Wattenscheid ist wenig ironisch. Außer natürlich, ausgerechnet Peter Neururer, den größten Schwätzer, den das der Wissenschaft bislang bekannte Universum je gesehen hat, als Retter zu verpflichten. Aber das ist natürlich auch der Kern des Dramas. Wenn man selbst abgehalftert ist, kriegt man nur noch die Abgehalfterten.

Abgesehen von den 500 „Unentwegten“ gibt es eigentlich niemanden, der ernsthaft traurig sein könnte. Man hätte ja auch einfach mal hingehen können. Ist man aber nie. Genauso wie zum Kaufhof. Man hätte ja, ist man aber nicht. Dann. Geht halt Wattenscheid 09 unter. Und wen juckt es ernsthaft?

5 Kommentare

  1. Schön traurig und wahr.

  2. Es war schon gewagt, schwarz und weiß
    als Farben zu besingen.
    Aber schön war der Gesang doch!

  3. Trainer, Trainer: 09 Inch Nails, weil Cash fehlt. Chapeau.
    Weiß jemand, ob die auch versucht haben, den zweitgrößten usw nach Wattenscheid zu locken? Wollitz mein ich.

  4. Pingback: Stramme Knoten, Bartitsu und die Dosenöffner-Brücke - die Links der Woche vom 25.10. bis 31.10. | Männer unter sich

  5. Pingback: Nachruf auf SG Wattenscheid 09 » ruhr.today



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