Ich, das Two-Trick-Pony

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Ich habe diese Leute immer bewundert.

Nicht bewundert wie man heutzutage annimmt, dass man Stars heimlich anhimmelt, von ihnen träumt und wissen möchte, in wessen Unterhose sie schlafen. Sondern bewundert für ihre Kunst. Für ihre Kunstfertigkeit, die sie meist gar nicht als solche empfanden. Auch sie rackerten und ackerten am Ende nur dafür, dass die eigene Mannschaft das Spiel gewinnt. Aber mit großem Talent für all das, was ein Fußballspiel von seinen Teilnehmern fordert.

Die Rede ist von jenen Menschen, welche man im Zentrum des Spielfeldes auf beinahe allen Positionen einsetzen konnte, ob vorne, hinten oder in der Mitte. Mir fehlte dafür völlig das Orientierungssystem, jenes „Radar“, welches man gerne Zinedine Zidane zuschrieb, in Ermangelung besserer Vokabeln wohl. Diesen Menschen aber war es gegeben, sich von vorne bis hinten übers Spielfeld zu bewegen und dabei Sinnvolles zu produzieren.

Ich fand das immer bewundernswert, denn ich war nichts Anderes als ein Two-Trick-Pony (abgesehen von den präzisen Weitschüssen und den trotz 1,74m oft erfolgreichen Kopfbällen). Das Einzige, was ich beherrschte, war einen oder zwei Gegner auszudribbeln und dann auf dem linken Flügel soweit bis zum Tor, genauer bis zur Grundlinie vorzustoßen, dass der Punkt erreicht war, an dem eine Flanke in den Strafraum wie eine durchführenswerte Idee schien. Woraufhin ich eine Flanke in den Strafraum in unglaublicher Präzision aus vollem Lauf schlug, die den gegnerischen Strafraum sofort in mittelalterlichem Feuer entflammen ließ, die dort anwesenden Verteidiger in schiere Panik stürzte, Suizide ins offene Samurai-Schwert waren nicht selten, und das eine oder andere Mal — ganz sicher häufiger als der Schnitt in der Bundesliga von 22 Flanken pro nach Flanke erzieltem Tor — zu einem Torerfolg führte.

Natürlich war das keine geringe Fähigkeit, auch mal geschickt den Ball selbst in den Raum vorlegend, sich gegen gleich zwei Gegner, welche ja dann ausgeschaltet waren, durchzusetzen. Es war sogar eine so begehrte Fähigkeit, dass der eine oder andere Klub aus der Nachbarschaft Geld für einen Wechsel bot.

Allein, an allem anderen fehlte es mir aus unergründlichen Gründen, was das eigentliche Spiel im laufenden Spiel betraf. Sobald ich meine linke Seite verlassen hatte oder gar defensive Zweikämpfe bestreiten musste, stand ich fast immer falsch, mir fehlte das Timing, das Gespür für Schnee den Raum und die Zeit und die Raumzeit und überhaupt für alle Bewegungen, die in diesem unbekannten Terrain namens Zentrum des Spielfeldes abliefen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich war mir nicht zu schade, nach hinten zu arbeiten und ich empfand es auch nie als nicht zu meiner Aufgabe gehörend. (Bei einem tragischen 0:11, kein Freundschafts-, sondern ein Meisterschaftsspiel, als die eigene Mannschaft nicht nur begann Auflösungserscheinungen zu zeigen, sich gar schon komplett aufgelöst hatte, rettete ich ein Mal auf der eigenen Torlinie, um die für einen Fußballer unerträgliche Schmach einer zweistelligen Niederlage zu verhindern. Und verbrachte den Rest der Spielzeit in der hintersten Verteidigungslinie, weil beinahe alle anderen sich aufgegeben hatten.)

Doch in der Mitte eines Spielfeldes angekommen, war ich in Ermangelung einer Seitenlinie, die ja immer einen Teil des Spielchens mit dem Gegner auf einem Flügel bedeutet, komplett aufgeschmissen, wie und mit welchen Tricks man Gegner ausspielen könnte. Oder aber die Breite des Spielfeldes sinnvoll ausnutzen könnte. Froh war ich, dass ich in der gesamten Karriere nie dazu gezwungen wurde, meine geliebte linke Außenlinie zu verlassen. Denn was für Unbill hätte dort in der Mitte auf mich gewartet? Endlose Räume, so viel Weite, Prärie, undurchdringliche Steppe für alle, dass man gar nicht gewusst hätte, wohin mit dem ganzen Raum.

Ich blieb bei den immer selben zwei Tricks in meinem etwas karg gestalteten Spiel auf dem linken Flügel und ein paar routiniert in den Winkel gezirkelten Freistößen, zu mehr war ich nicht zu gebrauchen. Was für Heroen des Spiels aber diese Menschen waren, die sich im Nichts des Zentrums des Spielfelds zurecht fanden, die auch auf dem Weg nach hinten immer wussten, wie sie zu stehen, sich im Raume zu bewegen hatten, um ihrem eigenen Spiel einen Sinn innerhalb dieses Spiels zu geben. Und wenn sie den Ball besaßen, spielten sie auf dem Weg zum gegnerischen Tor nicht nur als Floskel spielerisch all ihr Können aus, sich in einem quasi luftleeren Raum zu bewegen und dort, wo nichts ist, wo nichts herrscht, keine Außenlinie Orientierung als Halt bietet, eigene Gesetze und Ästhetik, vor allem aber Produktives fürs Spiel schaffend.

Ich habe sie immer bewundert für ihr Können.

13 Kommentare

  1. Trainer, vielen Dank für diesen sehr persönlichen Beitrag. Es verlangt Mut, eigene Defizite so offen anzusprechen.

    Ernsthaft: einer dieser „kleinen“ Texte, deretwegen ich so gerne Blogs im Allgemeinen und Deines im Besonderen lese. Auch, weil sie im eigenen Kopf Erinnerungen, Überlegungen, Bilder freisetzen.

  2. Ich danke, fühle mich aber für das Triggern eventueller Bilder von ähnlichen Ereignissen wie diesem 0:11 nicht verantwortlich.

    Blogs im Allgemeinen sind auch meine Liebschaft.

  3. Biete 0:16. Allerdings nur im Jugendfußball. Und, ganz spät, als alter Herr aushelfend, ein peinliches 0:12. Oh Gott.

    Positiv: 22:1 in der Jugend, 9:1 als Erwachsener. Immerhin mit zwei Freistoßtoren.

    Aber wieso ich eigentlich noch einmal antworte:
    „kleinen“ möge bitte nicht missverstanden werden.

  4. Bei mir wird es das nicht. Da sind wir schon auf einer Wellenlänge, würde ich annehmen, so dass ich das richtig verstand, als „Nischentext“ eben, den es sonst nirgendwo gibt. Der aber auch keine 5000 Wörter braucht, um auf den „kleinen“ Punkt zu kommen.

    Positiv biete ich ein 23:0, bei dem es dann aber auch peinlich wurde.

  5. 11 Tore in einem Spiel. Da möchte man eigentlich nach der Halbzeit schon aufhören.

  6. Ich hätte aus meiner Jugend noch ein 2:12 zu bieten. Schwer zu verdauen. Ich stand die ganze Zeit im Tor und die Mannschaft hatte schon spätestens nach einem frühen 0:4 Rückstand deutlichste Auflösungserscheinungen. Unser Kapitän, fußballerisch noch der beste auf unserer Seite, sorgte wenigstens für die zwei Ehrentreffer. Das Spiel war ein Freundschaftsspiel. Es tat trotzdem unheimlich weh.Ich hatte noch Tage später richtig schlechte Laune.

    Danke für Deinen schönen Beitrag. Es hat das Kopfkino sofort bei mir ausgelöst.

  7. Auf meine eigene „Karriere“ möchte ich hier nicht näher eingehen („No-Trick-Pony“ muss als Stichwort genügen), aber schön zu lesen ist der Text allemal. Und besonders schön ist es, hier mal wieder was zu lesen.

  8. Über No-Trick-Pony schmunzle ich, mit Unterbrechungen, seit etwa zwei Stunden.

  9. Freut mich, wenn Dich meine fußballerischen Unzulänglichkeiten erheitern. ;-)

    Dann also doch eine kleine Anekdote aus der Jugend. Mein Highlight war mein einziges Pflichtspieltor. Wir führten zur Halbzeit 7:0 und unser Trainer ging in der Halbzeitansprache aufs Ganze. Erst die Ansage „jetzt wollen wir auch zweistellig gewinnen“ und dann meine Einwechslung mit den Worten: „Gunnar, wenn Du ein Tor schießt, gebe ich einen Kasten Cola für die Mannschaft aus.“ (Seine sehr nasale Stimme muss man sich an dieser Stelle dazu denken.) Ich traf dann aus einem Strafraumgewühl aus kurzer Distanz zum 9:0, Endstand 12:0.

    Tjaha, der Stoff, aus dem Legenden sind.

  10. Ach, negativ habe ich so viel, da erinnere ich mich an nix spezielles. Aber dieses 31:2 mit eigenen 13 Toren als Beitrag…

    Meine schlechteste Zeit hat ich dann als an die Außenlinie Verbannter. Meine Güte war das öde. Wie blöd hoch und runter rennen, kaum Ballkontakte und wenn doch, wenig Raum mal was Hübsches zu produzieren, weil alle Mitspieler so weit weg waren. Ein halbes Jahr später hatte ich keinen Bock mehr auf Ligabetrieb.

  11. An deutlichen Ergebnissen habe ich ein 0:16 als Trainer zu bieten und andersrum ein 21:0 als Spieler, was deswegen recht spektakulär war, weil es sich um ein Spiel zwischen zwei Mannschaften der höchsten Spielklasse in einer fortgeschrittenen Runde des Verbandspokals handelte und ich es mir darüber hinaus die letzte Viertelstunde zusammen mit den anderen stärksten Spielern der Mannschaft von der Bank anschauen konnte, was da abging.

    Ich war einer von denen, die mal hinten, mal vorne, aber immer zentral gespielt haben. Und war bei den wenigen Einsätzen auf außen dann immer überrascht, wie man daran Spaß haben kann. Ständig auf und ab, immer Laufduelle, eingeschränkte Optionen wegen der Außenlinie…ne, dann doch lieber das Spiel aus der Mitte raus lenken können.

  12. Kann mich den Vorrednern nur anschließen, ein schöner Beitrag, der Erinnerungen weckt. Leider auch bei mir nicht nur gute.

    Erinnere mich spontan an ein 1:24 in der B-Jugend gegen S04 im Pokal. Naja, wenigstens war ich nicht der arme Hund, der ob seines Ehrentreffers auch noch namentlich in der Zeitung erwähnt wurde… ;)

  13. Pingback: Auf dem Trampelpfad zum Titel – Toni Kroos - Sebastian Langer



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