Klugscheißer hat niemand lieb

| 11 Kommentare

Boris Herrmann berichtet, wieder fürs SZ-Magazin unter „Die Nummer eins der Fußballkneipen: die Zockerbude“, wie es so ist, wenn man an einem Wochentag in einer Großstadt Champions League schauen möchte.

Seit es im Netz die schlauen Taktik-Seiten wie spielverlagerung.de gibt, sitzen in den Kneipen leider sehr viele Taktik-Schlaumeier, die 90 Minuten ungefragt referieren, weshalb die gewohnte Fluidität des FC Barcelona im Spiel gegen Milan aufgrund der leicht zu übergebenden situativen Manndeckungen des Gegners und dessen flexibler 4-5-1 Taktik gar keine Chance hatte, gewohnt fluide zu sein.

Und rauchen darf man auch nicht mehr.

Kann ich zum Glück nicht bestätigen. Weder wird man von Taktikexperten zugetextet noch ist es, wie er im weiteren Text erwähnt, schwierig, irgendwo einen Platz zum Fußballschauen in Kneipen zu bekommen. Problematischer sind da schon die Auswirkungen des aufmerksamen Studiums von Collinas Erben, denn plötzlich kann man nicht mehr einstimmen in den Chor all jener, die den Schiri für einen Depp halten und dies lautstark kundtun, nur weil er gegen die favorisierte Mannschaft entschieden hat. Wissen, einmal erworben, kann man schlecht bewusst löschen. Insofern ist vor dem Konsum von Collinas Erben ausdrücklich zu warnen — sofern man weiterhin dumpf ohne jegliche Regelkenntnis vor sich hinpalavern will. Tut ja auch mal ganz gut und soll für viele bekanntlich der Hauptzweck sein, wenn man zum Fußball(gucken) geht. Dennoch kann das niemand mit einigermaßen ausgeprägter Neugier auf Fußball wollen, ohne Regelkenntnis zu bleiben. Auf der anderen Seite läuft man mit dem gesammelten Wissen aus den Folgen von Collinas Erben ebenso bedauerlicherweise Gefahr, selbst einer dieser unerträglichen Klugscheißer zu werden; nur nicht im Taktikbereich, sondern in Bezug auf die Regeln. Aber diesem Risiko muss man sich als ernstmeinender, aufgeklärter, wohlwollender und interessierter Fan aussetzen, denn an Collinas Erben führt kein Weg dran vorbei.

Die ausführliche Würdigung dieser außergewöhnlichen Einrichtung folgt noch in den nächsten Tagen, ich nehme nicht an, dass es hier jemanden gibt, der diesen Schiedsrichter-Podcast noch nicht kennt, oder?

11 Kommentare

  1. Pingback: Die Blog- & Presseschau für Montag, den 18.März 2013 | Fokus Fussball

  2. Geht mir alles ganz genau so. Wobei ich mich frage, in welchen Zockerbuden der Mann sich rumtreibt. Hier in Neukölln ist es nicht schwer, an jeder Ecke einen Riesen-Fernseher mit sämtlichen Spielen darin zu finden, man muss nicht mal etwas käuflich erwerben und geraucht werden darf, bis die Füße abfaulen.

    Nur Bier trinken darf man nicht. Gnarf.

  3. *hust* Ich sehe gerade, ich hätte vielleicht den Text vor dem Kritisieren erst mal lesen sollen.

    Ich finde auch nicht, dass es schwierig ist, einen Platz zu finden. Aber ich habe den Eindruck, dass Sky-Abos in ordinären Kneipen immer weniger werden. Ob die so viel teurer geworden sind? Oder die Kontrollen besser?Jedenfalls gehe ich auch mittlerweile eher ins Wettbüro. Ist jedenfalls deutlich näher.

  4. Also mir sind diese Zockerbuden, zumindest hier in Köln, zu steril. Aber in Kneipen ist es doch genau so. Jede Menge erst komprimiertes und dann schlecht wieder entpacktes Halbwissen. Mir persönlich gefallen immer am besten die Diskussionen über Handspiel. Ein Haufen Bewegungslegastheniker weiß ganz genau, was beim Fußball eine natürliche Handhaltung ist :D
    Gruß
    Die kölsche Ziege

  5. Ich habe im Gegenteil den Eindruck, dass es sich fast keine Kneipe mehr leisten kann, darauf zu verzichten, Fußball zu zeigen. Was zwar grundsätzlich eher begrüßenswert ist, aber auch nicht nur Vorteile hat. Deshalb hab ich hier auch keinen Mangel an Guckmöglichkeiten (das Problem letztens bei der Frauen-WM war darin begründet, dass es die Frauen-WM war).

    Aber in so einer Zockerbude ein Spiel gucken?

    Das kann ich mir nun außer auf der Durchreise beim Umsteigen beim besten Willen nicht vorstellen. Und ich nehme nicht an, dass es irgendwo auf der Welt große Unterschiede gibt, was die Struktur von Zockerbudenpublikum angeht. Weshalb ich nicht glaube, dass das Zockerbudenpublikum in Neukölln, Köln oder hier sich großartig unterscheidet. Meine Beobachtung (von außen) ist, dass dort neben aller sonstigen Sterilität völlig stimmungsfreies Gucken stattfindet und es auch verboten zu sein scheint, mit irgendjemandem zu sprechen, den man nicht schon vorher kannte. Völlige Konzentration vs völlige Apathie, ich weiß nicht, wie es in den Köpfen aussieht. Aber dass jemand, der schon lange Stamm-Fußballblogleser ist, Spiele häufig in solchen Buden schaut, haut mich jetzt fast aus der Lederhose.

    Ja, Kölsche Ziege, das ist ja das, was ich auch erlebe. Mit Collinas Erben als Background wird das Geschwafel der anderen über Schirientscheidungen ein wenig … dümmlich. Zumindest zu etwas, was man (hier: ich) noch intensiver ignorieren lernen muss.

  6. Verkürzt gesagt: Spielt Bayern Dienstag CL ist in München tatsächlich kaum ein Platz außerhalb von Zockerbuden zu bekommen. Selbst zentrumsferne Boazn oder Sportheime sind dann rappelvoll.
    Das dürfte in Berlin oder Köln an CL-Spieltagen natürlich anders aussehen.

  7. Naja, wenn man von Journalisten (fast) immer nur Superlative und/oder Allgemeinplätze zu hören und lesen bekommt, freut man sich doch über Blogs und Podcasts, die sich mit den wesentlichen Dingen des Fußballs beschäftigen. Da sollte es einem auch egal sein, ob man dann als Klugscheißer tituliert wird :) .

  8. Ich bin da auch fassungslos, aber tatsächlich ist die Durchsetzung mit Sky-Abos in den hiesigen gastronomischen Begegnungsstätten gerade deutlich rückläufig. Natürlich ein Luxusproblem, wenn ich von 30 Meter vs 300 Metern Fußmarsch spreche.

    Tatsächlich sind die moslemischen Zockerbrüder hier aber auch zusätzlich alle sehr, sehr nett und zurückhaltend (höchstens mit zu viel Mitgefühl bei schiefgegangenen Spielen gegen Lazio ausgestattet). Das kann auch mal einfach der Entspannung dienen.

    Wie gesagt: Vielleicht liegt das auch an besseren Kontrollen. Zu meiner Zeit (hust) gehörte es in gewissen Landstrichen Berlins quasi zum guten Ton, dass der Wirt wochenends seinen privaten Empfänger heruntertrug („Die ausrollbare Leinwand da – ach, die ist nur für den Wetterbericht“). Sehe ich kaum noch.

  9. Pingback: Lesestoff vom 19. März 2013 | metasierchen

  10. @Trainer
    Intensiv ignorieren beschreibt es perfekt, ist aber schwieriger, als es sich anhört ;-)

  11. Pingback: Trainer Baade » Reservierte Vorfreude



Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.