Warum?

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Ein einziges Mal spielten wir ein großes Spiel in unserem langweiligen Leben. Ein anderes Mal spielte ich ja auch noch im Niederrheinstadion und ich sag immer noch, das war kein Hand, als ich durch war, auf meiner linken Seite und da hätte ich das 1:0 gemacht ganz klar, ich war durch und natürlich hatte ich im 1-gegen-1 gegen den Torwart immer so meine Probleme, die Nerven, you know. Aber es war mir klar, nee, ich bin durch und ich spiele ihn jetzt einfach aus. Dann kam die Meldung „nee, war Hand“. Von wem auch immer, aber ich wäre durch gewesen an jenem Nachmittag, als unserer Schülerauswahl als Gewinner des Moerser Kreises um die Teilnahme an der Endrunde in West-Berlin spielte. Aber das war mit der Schule, nicht im Verein. Da hatten wir in der Schule eine zusammengewürfelte Mannschaft, aber wenigstens wusste jeder, wie der Spaß funktioniert.

Im Verein, mit dem wir zwei Mal pro Woche trainierten, erreichten wir nie die Nähe von Berlin. Auch nur annähernd. Aber wir gewannen einmal den Kreispokal und durften deshalb in der obergeordneten Runde mitspielen. Und welcher Gegner wurde uns zugelost (also in der Jugend)? Borussia Mönchengladbach.

Wir hatten also ein Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach, auf Asche. Das war für uns ein Vorteil, weil wir immer nur auf Asche kickten. Uns war klar, dass uns der Gegner vor allem konditionell völlig überlegen sein würde. Technisch – in diesen Zeiten – nicht unbedingt.

Unser Trainer baute auf das bekannte 4-3-3, wie immer. Weil er auch keine Ahnung hatte, was er sonst hätte aufstellen sollen. Unser kleiner Club gegen die großen Gäste von Borussia Mönchengladbach. Vorher dachten wir natürlich, ein 0:9 wäre ein ehrenwertes Ergebnis. Doch dann lief es anders.

Wir konnten mithalten, die Gladbacher hatten in der 1. Hälfte insgesamt einen Torschuss, naja vielleicht zwei. Aber wir konnten mitspielen. Wir hielten den Ball von unserem Tor fern, kamen sogar selbst in deren Hälfte, in die Hälfte von Borussia Mönchengladbach!

Die erste Hälfte neigte sich dem Ende zu. Wir errangen einen Eckball. Der Eckball kam scharf herein, aber der Torwart flog irgendwie an dem Ball vorbei. Und mir der Ball vor die Füße. Mach ihn rein, mach ihn rein, mach ihn rein, mein Kurzhirn funkte nur noch SOS, das ist jetzt DIE Chance…. ich nahm den Ball an, zwei Gladbacher Verteidiger grätschten auf mich zu, aber … ich konnte den Ball noch schießen. Und schoss ihn: neben das Tor. Aus ungefähr 5 Metern. Das war trotz des Drucks, den man auch im Jugendfußball kennt, einfach zu viel.

Wir hätten 1:0 gegen Borussia Mönchengladbach geführt, vielleicht wären sie nervös geworden, vielleicht hätten wir Weltmeister werden können. Der Ball fällt mir auf den Fuß, im Fünfmeterraum und ich schieße: neben das Tor.

Kurz danach war Halbzeit und man musste immer so ungefähr 150m gehen, bis man in den Kabinen war. Der Platz in unserem Club war natürlich voll, wann spielt man schon mal gegen Borussias Mönchengladbach? Und wie ich so auf dem Weg zur Kabine laufe, hält mich ein Zuschauer an, nicht aggressiv, sondern eher flehend:

„Warum?“

Ich wusste nicht, was er meinte. Ahnte es aber.

„Warum hast Du den nicht reingemacht?“

Alle Floskeln in Interviews halfen hier nix. Warum hatte ich den nicht reingemacht? Aus 5m, am Ball.

Wie ein Anfänger.

Er war ja kein Reporter, er war ein Fan, er wollte, dass wir gewinnen.

Warum hatte ich den nicht reingemacht, aus 5m am Ball, unter Druck zwar, aber am Ball?

Da schlafe ich heute noch schlecht drüber, welche Antwort sollte ich da geben?

Warum?

Ja, weil ich natürlich den Ball übers Tor schießen wollte.

Warum?

Weil ich unter Druck war, spielerisch gesehen?

Ich weiß es nicht. Aber er auch nicht. Und so steht die Frage bis heute im Raum:

Warum?

Die Führung gegen Borussia Mönchengladbach lag auf meinem Schlappen, und ich habe sie weggegeben. Leichtfertig, am Tor vorbei.

Am Ende verloren wir 0:2, beide Tore in der zweiten Halbzeit, obwohl wir konditionell nicht einbrachen.

Warum?

Ich rätsel aber bis heute auch noch für mich selbst:

Warum?

3 Kommentare

  1. Sehr gerne gelesen. Danke.

  2. Pingback: In der Hosen-Kabine, auf der letzten Fähre und am Lagerfeuer - die Links der Woche vom 27.10. bis 3.11. | Männer unter sich

  3. „Mach ihn rein, mach ihn rein, mach ihn rein, mein Kurzhirn funkte nur noch SOS, das ist jetzt DIE Chance…“

    Wer im Spielgeschehen noch die Zeit findet, darüber zu reflektieren, wie wunderbar es doch wäre, das Ding jetzt reinzumachen und wie metaphysisch das Fußballspiel im Grunde genommen ist, ist seinem Wesen nach eben Autor und nicht Torschütze. Das ist der Grund. Wie soll das erst bei einem Elfmeter werden?



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