Zum Inhalt springen

You can leave Kleingeist, but Kleingeist never leaves you

Ach, ist es nicht herrlich — das Vergessen? Was wäre das Leben doch ohne das Vergessen? Heute Mist gebaut, kurz darauf erinnert sich schon kaum jemand inklusive einem selbst. Sehr angenehm, das.

Es gibt allerdings einige extrem seltene Fälle von Menschen, die sich ab der Pubertät an alles erinnern, was je in ihrem Leben passiert ist. Diese verfügen teils über drei Mal so große Hirnareale fürs episodische, also aufs persönliche Erleben bezogene Gedächtnis wie es dem Durchschnitt entspricht — und erinnern sich an jeden Aspekt ihres Lebens, den sie je mitgemacht haben, als sei es heute.

Sich jederzeit an alles erinnern zu können, was man so verbrochen, gesagt und ausgetauscht hat, kann vielleicht irgendwann mal ein Vorteil sein, klingt aber tendenziell eher nach der leibhaftigen Hölle. Man wird schließlich älter und die Witzchen, die man so auf dem Schulhof riss, wurden schon kurz nach dem Abitur eher schal.

Im Falle von Karl-Heinz Rummenigge darf man aber beruhigt sein, dass er nicht zu dieser seltenen Subgruppe der Menschheit zählt. Er ist eher ein klassischer Vergesser, wie es das menschliche Hirn aus nachvollziehbar ökonomischen Gründen zu sein pflegt.

Leider ist er aber ein so besonders intensiver Vergesser, dass sein episodisches Gedächtnis nicht mal über einige wenige Jahre hinweg funktioniert. Es ist gerade mal 2 Jahre her, dass er, der gerade der Presse vorwirft, „Rassismus“ zu betreiben, weil der FC Bayern irgendwo als „FC Espanol Bayern“ bezeichnet wird, sich in einer Weise äußerte, die unzweifelhaft chauvinistisch ist.

Es war nach dem gewonnenen Elfmeterschießen im Halbfinale der Saison 2011/2012 bei Real Madrid, als Karl-Heinz Rummenigge ans Mikrofon des bei CL-Spielen üblichen Nachtempfangs des FC Bayern trat, und seine ebenso üblichen Worte an die versammelte Mannschaft und die erlesenen Freunde des großartigen FC Bayern aus München richten wollte.

Allein, das Mikrofon funktionierte nicht. Warum, ist nicht überliefert, vielleicht hatte Karl-Heinz aus Lippstadt selbst nicht den richtigen Knopp gedrückt, vielleicht hatte schlicht und ergreifend ein Kabel seinen Dienst aufgegeben. Die Reaktion des Mannes von Welt war dann aber beruhigenderweise vollkommen souverän und frei von jeglichem kleingeistigen Chauvinismus:

„Typisch Spanien — nichts funktioniert hier.“

Man darf gespannt sein, ob sich Rummenigge gerne an diese Worte erinnern lässt, jetzt, da gleich fünf Spanier in seinem Team unter Vertrag stehen. Nichts funktioniert in Spanien, während er selbst bekanntlich die gesamte deutsche Zivilgesellschaft in seinem bisherigen Berufsleben mit eigenen Händen aufgebaut hat, indem er Zeit seines Lebens nichts Anderes tat als Bälle in Torgestänge zu schießen oder später einem Fußballverein vorzustehen.

Es ist dieser latente Rassismus, der aus Rummenigges damaligen Worten sprach, mögen sie auch eher flapsig gemeint gewesen sein, der sein aktuelles Vorwort so verlogen wirken lässt. Salonrassismus ist nicht besser, weil er im Salon stattfindet. Hier wäre es im Traum nicht eingefallen, einen so trivialen Umstand wie ein nicht funktionierendes Mikrofon gleich auf die negativen Eigenschaften eines ganzen, angeblich nicht funktionierenden Volks zu attribuieren.

In diesem Kontext muss man aber wohl auch Rummenigges kürzliche Attacke auf die Presse sehen, die sich nachweislich keines Rassismus schuldig gemacht hat. Aus seinem Angriff sprach wohl eher die Angst vor dem eigenen Denken, vor dem eigenen latenten Rassismus.

„Manche glauben jetzt schon wieder, Deutschland sei der Nabel der Welt“ — es liegt auf der Hand, dass er damit angesichts seines Spruches im Jahr 2012 nur sich selbst gemeint haben kann. Denn anders als in Deutschland funktioniert im unzivilisierten, dunklen Südland namens Spanien typischerweise nichts.

12 Kommentare

  1. sternburg sternburg

    Genau so.

    Ähnlich entlarvend sein Kampf gegen militaristische Begriffe wie „Invasion“ im selben Text. Hat ein Rummenigge natürlich nie gemacht.

    Soweit ist das jedoch nur seine persönliche Peinlichkeit. Viel schlimmer finde daran, wie durch solche Idioten-Äußerungen der Rassismus relativiert wird. In dieser Welt ist Rassismus kein Verbrechen, sondern ein stumpfes Totschlag-Argument, eine simple rhetorische Waffe, einzusetzen gegen jeden, der einem gerade so auf die Nerven geht.

    Und in dieser Welt ist es dann wiederum völlig okay, öffentlich launige Verallgemeinerungen über ganze Volksgruppen auszuwerfen. Ist doch alles nur Spaß.
    —————————————————————————————————————————————-

    Übrigens ist mir Deine neue Farbe auf Dauer echt zu krankenhausig. Im Logo ganz schick, aber die Flächen außen machen mich fertig.

  2. Das tut mir leid. Mich machen sie fröhlich und freundlich. Gar ein bisschen Appetit auf Pfirsiche, den ich sonst nicht habe.

    Da ich nicht annehme, dass Du das andernorts (hier) gelesen hast, sei eben erwähnt: das alte Grau in Grau konnte ich selbst nicht mehr sehen und es machte mich depressiv. Der Versuch, mit einem Anti-Design den Fokus auf den Texten zu lassen, im Sinne von: wenn es gut ist, liest man es auch, wenn es Scheiße aussieht, deshalb ist egal, wie es aussieht, seht nur Ihr Internetuser, die Inhalte zählen, der war 2009 irgendwie nett, hat sich dann aber als Bumerang erwiesen.

    Ich konnte es selbst nicht mehr ertragen.

  3. mikewerner mikewerner

    Also die Smartphonevariante ist sehr schick geworden, gerade in der Hinsicht ist das neue Design ein Fortschritt.

    Und inhaltlich…Rummenigge gehört für mich zu einer Gruppe Menschen, die ich schon komplett abgeschrieben habe. Die leben in einer anderen Realität als wir, geschaffen durch die eigene völlige Ignoranz gegenüber Vernunft und anderen Meinungen.

    Nur schade, dass die Dummen immer die bessere Lobby haben…

  4. Das war auch die Hauptmotivation, es zu ändern: dass es auf mobilen Geräten so aussieht, dass man es gut lesen kann. Schön, dass es da gefällt.

  5. Beau_gart Beau_gart

    Rummenigges damaliges Verhalten kann man sehr wohl kritisieren, wenn ansonsten nichts Wichtiges anliegt.
    Allerdings stellen Spanier keine eigene Rasse dar, so dass der ‚latente Rassismus, der aus Rummenigges damaligen Worten sprach..‘ wohl doch etwas sehr weit neben der Sache liegt. Aber als Totschlag-Argument, wie Sternburg zu Recht anmerkt, und um Stimmung zu machen, taugt das R-Wort allemal.

  6. Manfred Manfred

    Naja, Kalle Rumgezicke halt. Ihn der Kleingeistigkeit zu bezichtigen finde ich allerdings falsch, denn das würde ja bedeuten, dass Geist tatsächlich vorhanden ist. Das zwei- nee, dreifle ich doch stark an. Bisher sind mir nur Idiotismen bekannt.

  7. sternburg sternburg

    @Trainer: Deine erste, mittlerweile verschwundene Antwort fand ich prägnanter.

    Nun ja, persönlicher Geschmack. Ich stelle fest, dass es mit mindestens zwei deutlich mehr Personen gefällt, als ich darstelle. Dann lass man so.

    @Beau_gart: Du hast schon verstanden, dass ich da Rummenigge kritisiere?

  8. Diese Bemerkung „wenn ansonsten nichts Wichtiges anliegt“ ist so ungefähr das „aber Du!“ in Diskussionssituationen. Natürlich liegt immer Wichtigeres an. Und? Was hat das mit dem Thema zu tun? Und wieso kommentiert man hier, wenn doch Wichtigeres anliegt? Ein absolutes Non-Argument, das irgendwie … ich weiß nicht … irgendwie überhaupt nichts zum Thema beiträgt. Was will man damit bewirken? Bestätigen, dass es wichtigere Themen gibt. True. Kein Einwand. Und nun? Was bleibt von solch einer Bemerkung in einer Diskussion? Nichts. Es ist völlig irrelevant für das Thema. „Es gibt woanders wichtigere Themen!“- Ja, ich weiß. Dann diskutiert man halt über die wichtigen Themen. Aber schreibt nicht in ein Blog rein, dass das Thema, um das es sich in dem Beitrag dreht, „nicht so wichtig“ ist wie andere.

    Wichtig bleibt weiterhin nur, dass die Menschheit die Erde verlässt, bevor die Sonne explodiert. Bis dahin darf man aber auch andere Themen diskutieren.

  9. Beau_gart Beau_gart

    @Trainer
    @sternburg

    Wie hat @sternburg es in seinem Kommentar so schön beschrieben: „In dieser Welt ist Rassismus kein Verbrechen, sondern ein stumpfes Totschlag-Argument, eine simple rhetorische Waffe, einzusetzen gegen jeden, der einem gerade so auf die Nerven geht.“ Wahre Worte.
    KHR wegen einer nach eigener Einschätzung wohl eher flapsig gemeinten Bemerkung über Spanien zweimal des ‚latenten Rassismus‘ zu bezichtigen, gehört in genau diese Kategorie. Zumal hier schon die notwendigen Voraussetzungen für Rassismus fehlen, da Spanier im Verhältnis zu uns weder eine andere Rasse, Ethnie oder Glaubensgemeinschaft darstellen. Eben darauf habe ich in meinem Kommentar hingewiesen bzw. hinweisen wollen.
    Daraufhin in epischer Länge zu lesen, dass mein obiter dictum des Einleitungssatzes ‚ein absolutes Non-Argument‘ sei, ist dann doch wieder bemerkenswert, weil vollkommen offensichtlich und unstrittig. Aber so schließt sich der Kreis.
    You can leave Kleingeist, but Kleingeist never leaves you

  10. @Beau_gart: Du schreibst, man könne Rummenigge schon deshalb keinen Rassismus vorwerfen, weil die Spanier »keine eigene Rasse« seien bzw. »im Verhältnis zu uns weder eine andere Rasse, Ethnie oder Glaubensgemeinschaft darstellen«. Mal ganz abgesehen davon, dass du damit selbst eine Art Rassenkunde betreibst (und damit die Grundlage des Rassismus teilst, ob du es willst oder nicht), ist es nun mal so, dass der Rassist ja gerade selbst darüber befindet, was eine »Rasse« ist, wer zu welcher »Rasse« gehört, welche Eigenschaften diese »Rassen« angeblich haben etc. pp. Sprich: Der Rassist ist es, der die Menschen in »Rassen« einteilt, der »Rassen« überhaupt erst macht. Und der Rassismus ist ein Ressentiment, dem man gerade nicht dadurch beikommt, dass man ihm auf dessen eigener Basis widerspricht.

    Und deshalb kann man auch niemanden, der als Rassist bezeichnet wird, vom Vorwurf des Rassismus freisprechen, indem man anmerkt, dass diejenigen, über die sich der als Rassist Bezeichnete äußert, ja gar keine (eigene) Rasse seien. Ich spitze es mal zu, um meinen Punkt noch deutlicher zu machen: Wenn ein Neonazi sagt »Die Spanier zählen nun mal zur südländischen Rasse, und die Angehörigen dieser Rasse sind per se faul, aggressiv und unfähig, einfachste Dinge zu regeln, also minderwertig«, dann ist der Rassismus offenkundig. Und man käme wohl kaum auf die Idee zu sagen: »Dieser Neonazi ist kein Rassist, weil die Südländer ja gar keine eigene Rasse sind.«

    Ob Rummenigge ein Rassist ist, darüber kann man von mir aus kontrovers diskutieren. Aber ganz sicher nicht unter der Prämisse, erst mal zu klären, ob Spanier überhaupt eine Rasse darstellen. Das spielt zur Beurteilung von Rummenigges Äußerung nicht die geringste Rolle.

  11. mikewerner mikewerner

    @Beau_gart:
    Es ist in jedem Fall Diskriminierung auf Grund einer Nationalität.

    Es ist ein Ausdruck von Intoleranz und Dummheit. Fremdenfeindliche pauschalisierende Äußerungen über Charaktereigenschaften von Menschen auf Grund ihrer Nationalität kann man denke ich als latenten Rassismus bezeichnen.

    Achja, dein Name ist fehlerhaft, der Mann heißt Baumgart, Steffen Baumgart ;-)

  12. sternburg sternburg

    @Beau_gart:

    Ich habe gerade ernsthaft nicht die Nerven, mich mit Deinen Theorien auf eine Art und Weise zu befassen, die dem Umstand Rechnung trägt, dass ich mich hier auf fremden Webspace befinde.

    Aber nimm bitte zur Kenntnis, dass wir beide diametral unterschiedlicher Ansichten sind und vereinnahme nicht weiter meine Worte. Denk Dir meinetwegen eigene aus.

    Nur zum Leseverständnis (vielleicht habe ich mich ja auch unklar ausgedrückt, wer weiß): Diese Welt, die ich da skizziere, ist die Welt, wie sie sich aus der engstirnigen Ansicht eines Rummenigges nach meinem Verständnis zu präsentieren scheint. Eine Welt, in der Rassismus kein Grundübel sondern ein der Taktik zugänglicher Kniff ist. Das ist die typische Weltsicht eines Salon-Rassisten, der mit solchen Vergleichen Rassismus im besten Falle in unfassbar naiver und dämlicher Weise verharmlost. Weniges ist gefährlicher.

    In genau dieser Welt verliert man dann schon mal öffentlich lapidar, ja flapsig (aber immer ironiefrei) pauschalisierende Werturteile.

    Diese beiden Äußerungen entspringen exakt dem selben Gedankengut. Das sind Gedanken, die mit „Ich bin kein Rassist, aber…“ anfangen. Und mit „Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen.“ aufhören. Nein. Darf man nicht.

    Du kannst Rummenigge ja weiterhin dufte finden. Für mich ist der Mann spätestens mit dieser Aktion gestorben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.