Der Irrglaube vom „Respekt“

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Es muss ein für allemal endlich ausgesprochen und noch viel lieber befolgt werden:

Wer nicht jubelt, nachdem er ein Tor erzielt hat, hat seinen Beruf verfehlt. Es sei denn, er jubelt ohnehin nie, so wie es Mario Balotelli zumindest mal untergeschoben wurde. Dieser jubele nicht, sagte er, da er nur seinen Job erledige, wenn er Tore erziele:

Man muss verstehen, dass Mario Balotelli nach Treffern eigentlich nicht jubelt. „Tore sind mein Job – jubelt denn ein Postbote, wenn er einen Brief einschmeißt?“, hat er einmal rhetorisch gefragt.

Hat sich dann aber auch nicht zu 100% daran gehalten, als er gegen Deutschland traf. Geschenkt.

Dann wären da noch die seltenen Situationen, in denen Spieler mit ihrer Mannschaft zurückliegen und nach gelugenem Treffer nicht wie wild durchs Stadion hüpfen, sondern sich sofort den Ball aus dem Netz holen und ihn auf den Mittelpunkt legen. Diese beiden Fälle, per se niemals jubeln oder zu busy mit dem Rückstandaufholen, sind entschuldigt.

Alle anderen sollen gefälligst jubeln, egal, ob es gegen die eigene Oma geht, gegen den früheren E-Jugendverein, gegen die Zockerfreunde von abends oder auch gegen den eigenen Zwillingsbruder. Es ist schließlich nur ein Spiel und der Sinn des Ganzen besteht darin, ein Tor mehr zu erzielen als der Gegner. Die Zuschauer kommen, weil sie erwarten, dass die Spieler dies ernst nehmen. Insofern ist es kein Zeichen von „Respekt“, wenn ein Spieler nach einem Tor nicht jubelt, sondern von Respektlosigkeit. Dem Zuschauer, vor allem aber dem Spiel selbst gegenüber. Und in letzter Konsequenz auch demjenigen gegenüber, aus dessen vermeintlichem Schutz heraus man nicht jubelt. Anzunehmen, er oder sie könne sich davon beleidigt oder verletzt fühlen, dass jemand so etwas Profanes tut wie ein Tor gegen ihn oder sie zu erzielen. Würde er dann überhaupt antreten?

19 Kommentare

  1. Wahre Worte gelassen ausgesprochen! Recht hast Du!

  2. Mh, ich weiß nicht so ganz, da gehts mir ausnahmsweise mal anders… Ich persönlich habe es oft als bedauerlich empfunden, wenn spieler meinen verein verließen, denen ich fälschlicherweise zugetraut hatte, etwas mehr mit dem verein verbunden zu sein, um nicht für ein paar Mark mehr, eine Liga tiefer zu wechseln… und es war schon ein unangenehmes gefühl, wenn eben diese spieler mit ihrem neuen verein wiederkamen und zum teil ausgelassen jubelten und in einem fall sogar mit einer schwalbe einen elfer rausholten… Eigentlich sind dies nur Ausnahmefälle, aber auch allgemein gefällt/gefiele es mir schon, wenn man etwas besonnener jubelt…
    Aber ist nur meine persönliche Auffassung…

  3. Passend dazu die investigative und messerscharf formulierte Frage des hoffentlich hoch bezahlten ZDF-Sportstudio-Mixed-Zone-Reporters nach dem Spiel BVB vs. BMG am Samstag:

    „Marco Reus, eines ist uns aufgefallen: Warum haben Sie nach Ihren Treffern nicht gejubelt?“

  4. Ich stimmt zu 100% zu. Solange man nicht vor dem gegnerischen Torwart, den gegnerischen Fans oder der gegnerischen Bank rumhampelt und denen die lange Nase zeigt, ist der Jubel nach dem Tor ein Muss (und beim zweiten hatte Marko Reus aufgrund der Geilheit dieses Tores ja plötzlich auch die Faust geballt).

    Die DFL wird diese Art des Nicht-Jubels allerdings begrüßen, dann steigen die Spieler wenigstens nicht auf die Zäune oder ziehen ihr Trikot aus…

  5. Bin nur so zu 80 Prozent bei Dir, Trainer. Ich habe Verständnis, wenn Lukas Podolski gegen Köln nicht jubelt. Oder, hypothetisch, Raúl gegen Real. Und weiß nicht, wo ich die Grenze ziehen würde.

    Mich stört vielmehr die Erwartungshaltung, dass jeder, der irgendwann mal irgendwo gespielt hat, nicht jubeln solle. Mich stört, dass es ständig zum Thema gemacht wird, bereits im Vorfeld, mich stört, dass Spieler quasi genötigt werden sollen, nicht zu jubeln oder zumindest darüber nachzudenken, und es lässt mich geradezu sprachlos zurück, wenn sich Jubler hinterher dafür rechtfertigen müssen.

  6. Während ich Deinen Beitrag las, formulierte ich im Kopf meine Antwort, um dann beim lesen der Kommentare festzustellen, dass Dr. Heinzi ihn schon geschrieben hat. Weil er aber mehr Gewicht auf das Zustimmende gelegt hat, formuliere ich mal meinen Widerspruch:

    Und der kommt auch in Gestalt von Lukas Podolski daher. Dass dieser eine besondere Beziehung zum effzeh hat ist bekannt. Das finde ich, und nicht nur weil ich selbst Kölner bin, schön. Dass es sowas noch gibt. Ich erwarte es nicht und verlange es nicht und glaube auch nicht, dass jemand besser Fußball spielt, weil er einen stärkeren Bezug zum Verein hat als andere. Aber wenn es dann doch mal geschieht, finde ich es, wie gesagt, schön. Dass dieser dann, nach einem Vereinswechsel, natürlich alles gibt, um seinem derzeitigem Verein zum Sieg zu verhelfen – geschenkt. Soll er, muss er. Dass er nicht so richtig Lust hat, dieses im Erfolgsfalle zu zelebrieren, gehört für mich aber ebenso zu den schönen Randerscheinungen, die, subjektive Behaupterei, immer seltener werden.

    Wie gesagt: Dein und Heinzis Unwohlsein mit der inzwischen zur Selbstverständlichkeit geronnenen Erwartung, dass man sich nicht freuen darf, wenn man mal einen Cousin hatte, der mal eine Freundin hatte, die mal jemanden kannte der Fan des anderen Vereins ist – volle Zustimmung. Aber es gibt eben auch Ausnahmen, in denen es Sinn ergibt. Und schön ist.

  7. (Ich habe keinen Doktortitel erworben. Weder auf die eine noch auf die andere Weise.)

  8. Balotelli ist ein weiser Mann.

  9. Pingback: Die Blogschau für Montag, den 01.10.2012 | Fokus Fussball

  10. Ich bin da beim Trainer. Wenn jemand ein Problem damit hat, einem Ex-Verein sportlich weh zu tun, dann soll er sich halt festschreiben lassen, nicht gegen diesen Verein spielen zu müssen. Das würde doch viel mehr „Respekt“ und was auch immer ausdrücken.

    Aber Trainer, warum bist Du dann bei der Hymnensache im anderen Lager? Die Spielererklärung ist doch genau die Gleiche. Wir jubeln die Hymne nicht aus Respekt vor dem Ex-Verein und sind damit respektlos gegenüber der Mehrheit der Zuschauer ihres aktuellen Vereins. Mit Rückstand aufholen oder nie singen hat es jedenfalls nichts zu tun. Aus sportlichen Gründen mag ja beides egal sein, wer gegen wen singt oder jubelt oder eben nicht.

  11. Die ganze Geschichte lebt doch aus der Aktualität. Tooor – & Jubel; ob Profi oder ganz normaler Spieler des Spiels. Alles andere wirft doch nur die Fragen auf, die aufgeworfen sind.
    Wer gegen seinen Ex-Verein nicht jubelt, der ist noch nicht ganz da (Stichwort Aktualität), und wer nie jubelt, der ist komplett vergesellschaftet (Stichwort Tod), und wer jubelt gegen seinen Ex-Verein, der hat in der Mixed-Zone hoffentlich die Reflexion von Trainer Baade bei seinen Antworten parat (wäre geschichtsbewußt).

  12. Das Thema Jubeln ist mir bei vielen Spielern sowieso suspekt. Dazu gehört sowohl das Nichtjubeln aus Respekt vor seinen ehemaligen Mannschaftskamaraden als auch das Vereinswappenküssen oder der durchchoreografierte Poser-Jubel. Das ist für mich nicht nachvollziehbar, weil zu sehr Kopfsache.
    Wenn ich in meiner Hobbytruppe ein Tor mache, jubele ich völlig spontan. Vielleicht ticke ich anders, aber ich finde es absurd, mir vorher zu überlegen, was ich bei einem Jubel machen will – vor allen Dingen würde mir das im Spiel auch gar nicht einfallen.

  13. Hypothetisch (nicht polemisch): Hätte Augsburg bei einem Tor gegen Hoffenheim am Samstag jubeln können / dürfen / sollen?
    Ein bißchen ja? Exzessiv nein?
    Hätte Hoffenheim jubeln dürfen? Evtl. sogar müssen?
    Ich kann es sicher nicht beantworten.
    Ansonsten: Alles was Professor Kamke sagt.

    Auch als Trainer, Trainer: Manches können wir vielleicht doch einfach den Spielern und ihrer Intuition überlassen.

  14. Wäre ich als Man City Fan würde ich auch mehr applaudieren wenn Balotelli ein Tor schießt. Klatsch ich denn wenn der Postbote einen Brief bei mir einwirft?! Oder der Pilot die Maschine sicher in Palma gelandet hat…?

  15. Das geschenkte Mitleid, eingewickelt in diesem schönen, leuchtenden Papier namens „Respekt“.

  16. Sandro Wagner hat gestern Abend nachgelegt. Der Ausgleichstreffer samt Nichtjubel gegen den MSV fällt vielleicht unter die obige Kategorie „zu entschuldigen“. Aber Wagner legt noch eine seltsame Geste gen MSV-Block obendrauf, die nach Entschuldigung bzw. Beschwichtigung aussieht. Zu sehen ab 4:58
    http://www.youtube.com/watch?v=T3qViPaauO0

  17. Ob die NASA-Mitarbeiter, die vorher für ein anderes Raumfahrtunternehmen gearbeitet haben, bei der Mondlandung wohl auch den Jubel verweigert haben?

    Und warum haben da überhaupt welche gejubelt? Haben doch nur ihren Job gemacht…

  18. Fast hätte ich als erster kommentiert, aber dann fehlte es am Drang zum Abschluß. Aber wegen eines gefundenen Artikels bemühe ich mich noch in der Nachspielzeit.

    Ich fand den reduzierten Jubel von Marco Reus sehr angenehm, weil ich ihm abnehme, daß ihm einfach nicht danach war, nach einem Tor gegen seine ehemalige Mannschaft den üblichen Torjubel abzuziehen, den ich allmählich reichlich albern finde, insbesondere das Einfangen und zu Fall bringen des Mitspielers und allzu einstudierte Jubelchoreografien. Reus war anscheinend nach dem Spiel noch länger in der Gladbacher Kabine, das zeugt schon von einer gewissen Verbundenheit.

    Reus hat aber nach irgendeinem Spiel letztens besonders stark mein Herz erobert, weil er die vom Reporter rhetorisch ausgebreitete Landezone für ein Statement („Lag es daran, daß Sie ganz besonders…“ oder so ähnlich) einfach ausließ und etwas eigenes entgegnete. Das war sehr wohltuend.

    In einem Gespräch wies Harald Schmidt darauf hin, daß im Fernsehen mittlerweile jeder abrufbereit in eine Kamera reinjubelt. Und was ich so interpretiere, daß der Jubel zur Selbstbegeisterung der Massen gehört.
    http://www.zeit.de/sport/2012-10/hoeness-buch-schmidt-breuckmann/komplettansicht
    Ich habe das vor einigen Jahren im Theater gesehen. Beim Shakespeare-Festival lieferte eine Schauspieltruppe eine gute Leistung ab, aber nichts, was die sofortige Einladung ans Burgtheater zur Folge gehabt hätte. Ein paar Englischkurse, die sich das Stück angeschaut hatten, brachen aber schier in nicht enden wollenden Beifall aus, der in meinen Augen einfach unangemessen war. So etwas erlebe ich seit einiger Zeit öfter, meine Frau hatte gerade auch so ein Erlebnis in der Schule, und ich finde es seltsam und unangenehm.

    Nun, und deswegen fand ich die zurückhaltende Reaktion von Marco Reus durchaus angenehm.

  19. Schlußfolgerung: Der Torjubel nimmt das selbstgemachte Schicksal des Nationalhymnengesangs. – Das Spiel wird ernst; Denken hemmt jede Emotion. So etwa …



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