Die Freiheit nehm ich mir

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Die vielen Diskussionen darüber, ob man Hoffenheim nicht mag, weil es kein „Traditionsverein“ ist oder weil man dort mit Geld hantiert, welches nicht der Verein selbst verdient hat, oder weil sie keine Fans haben oder was es sonst noch für Gründe gibt, denen entgegenargumentiert wird, kann man sich komplett sparen (was nicht heißt, dass man über all diese Faktoren nicht diskutieren sollte, nur eben mit anderer Zielsetzung).

Denn ob mir etwas gefällt oder nicht, hat sehr, sehr wenig mit rationalen Gründen zu tun. Insofern mögen die Gelder bei anderen Klubs aus ebenso zweifelhaften Quellen kommen, sie ebenso wenige Auswärtsfans mitbringen oder auch behaupten, sie setzten auf junge Talente aus der Region und tun es dann doch nicht.

Das ist irrelevant, denn die Gründe, warum ich Hoffenheim nicht mag, liegen an ganz anderer Stelle. Es ist das Getue des Chefs, der mit Kritik nicht umgehen kann, sich gleichzeitig aber z. B. im Sportstudio als großer Gönner geriert, es sind gerade die Argumente, mit denen versucht wird, mich zu überzeugen, dass man das „Projekt“ (alleine diese Vokabel schon für einen Fußballverein) doch wenigstens schätzen solle und es ist die provinzielle Dörflichkeit sowie die Gesichtslosigkeit des Kaders und seines Fußballs, die mich dazu bringen, Hoffenheim nicht zu mögen.

Und das Gute ist, für dieses Empfinden benötige ich keinerlei Argumente.

Wenn jemand genau gegenteilig verführe, bliebe mir immer noch das unanfechtbare Recht, diesen dann anderen Verein genauso wenig zu mögen. Offensichtlich übersehen viele, dass für Mögen oder Nichtmögen keine Argumente zählen. Gerade jene, welche stets betonen, dass der Fußball eine emotionale Angelegenheit sei. Am Ende des Tages ist es zwar überall nur ein Konstrukt, für das man möglichst seine Kohle, wenigstens aber seine Aufmerksamkeit einbringen soll, und kein Verein im klassischen Sinne mehr. Doch auch dort nehme ich mir die Freiheit, dass es mir eventuell gefällt — oder aber auch nicht.

Insofern kann man diese Diskussionen alle gerne führen, sie sind ja auch nötig, interessante Fragen rund um 50+1 werden aufgeworfen etc., und die basale Idee, seinen eigenen Jugendverein nach oben zu führen, bleibt ja auch liebenswert. Allein, an meiner Abgetörntheit von all dem Gebaren auf seiten Hoffenheims, am ganzen Erscheinungsbild und insbesondere an der auf Ralf Rangnick folgenden planlosen Personalpolitik, so wie es noch jeder x-beliebige andere von Mäzenen alimentierte Verein täte, wird das alles nichts ändern.

Es wäre schon allein deshalb sehr begrüßenswert, wenn dieser Bundesligastandort als Anlass für jene überflüssigen Überzeugungsversuche bald in der Versenkung verschwände.

18 Kommentare

  1. Stelle fest: Trainer Baade hat recht.

  2. Das Tolle ist, der Durchmarsch geschah ja mit einer guten Truppe und einem geschlossenen Kader. Das Image des Vereins, der mit Kohle nur so um sich wirft, hat sich ja erst in den letzten anderthalb Spielzeiten richtig gezeigt, wo Spieler und Offizielle völlig ohne Plan zusammengekauft wurden. Und dass sie nun genau damit scheitern, was man ihnen immer vorwarf, das gibt mir Genugtuung. Ein zusammengewürfelter Haufen Legionäre, die einzeln betrachtet alle schon gezeigt haben, dass sie was können, verliert gegen eine mannschaftlich geschlossene und kämpferische Augsburger Mannschaft.
    Vielleicht sehe ich aber auch nur, was ich sehen will, korrigiert mich wenn ich falsch liege.

  3. Da du erst kürzlich den Klugscheißmodus anderweitig im ‚Längste Serien‘-Beitrag nicht abwatschtest: Gebahren paßt hier etwas besser in den eigenes Grab schaufeln-Kontext, aber irgendwie – ne?
    Ansonsten ist mir ein Klub wie Hoffenheim statt des 1. FC Köln, 1. FC Kaiserslautern, MSV Duisburg, der Hertha oder ähnlichen Blitzbirnen schon deshalb lieber in der Bundesliga, damit sich die sogenannten Fans eben dieser ‚Traditionsvereine‘ deswegen in die Ärsche beißen. Gilt auch für Fürth, Augsburg usw, wenngleich der Vergleich natürlich hinkt, aber da empfinde ich halt so ;)

  4. Besser kann man das kurz und knapp nicht zusammen fassen. Ich mag die Art und Weise wie großkotzig man in Hoffenheim umgeht einfach nicht und würde mich natürlich tierisch freuen, wenn der Club wieder dahin verschwindet, wo ein 3000-Seelen-Örtchen hingehört – weit weg vom Profifußball.

    Als ich Samstag gehört habe, dass doch sage und schreibe 120 Hoffenheim-Fans ihren Club zum Abstiegsschlager nach Augsburg begleitet haben, fiel mir nichts mehr ein. Das ist hochgradig erbärmlich. Solche Clubs haben in der Bundesliga überhaupt nichts zu suchen.

    Wenn man mal wissen möchte, wie so etwas bei richtigen Fußball-Clubs funktioniert, dann schaue man sich einfach mal Bilder vom Gästeblock im Römischen Olympiastadion des letzten Donnerstag (!) Abends an.

  5. …einfach nur Danke sagen.

  6. Dazu passend heute in der SZ
    „Hoffenheim weg, keiner schluchzt“ ( sz.de/1.1608551

    Es hat nun fast etwas Beruhigendes zu sehen, wie dilettantisch Hopps Kunstgebilde seit der unnötigen Trennung von Trainer Rangnick sukzessive eingerissen wird von Spielerberatern und sonstigen Einflüsterern.

    sz.de/1.1608551

  7. Der Wahrholsche Aspekt

    Kluge und ebenso entspannte wie entspannende Worte inmitten einer absurd überhitzten Diskussion. Mich kann quasi jede Mannschaft für sich einnehmen, der es gelingt, richtig guten Fußball zu spielen. Das war bei Hoffenheim während Hälfte eins ihrer ersten BL-Saison zweifelsohne der Fall. Das „Projekt“ hatte sich mittels sportlicher Leistung selbst gerechtfertigt. Es war aber ebenso klar, dass fußballerische Brillanz für lange Zeit der einzige Wahrnehmungsgrund bleiben würde. Wenn jetzt die 15 minutes of fame vorüber sind, will verständlicherweise niemand mehr das verbliebene Häufchen Elend sehen. Mich eingeschlossen.

  8. Ich hatte mal ähnliche Hoffnungen gegenüber der FDP (also die habe ich schon immer, nur hatte ich mir vor gar nicht langer Zeit mal realistische Hoffnungen gemacht, dass diese Partei tatsächlich von der Bildfläche verschwinden könnte).
    Letztlich hat sie dann zwei mal Sensationsergebnisse bei Landtagswahlen erzielt und ist immer noch da.
    Da ich den Glauben an das Gute verloren habe, wird es mit Hoffenheim schon auch so laufen. Selbst wenn die absteigen (meinetwegen in der Relegation gegen Stani-Köln), steigen sie dann eben direkt wieder auf. Für die zweite Liga wird der Kader mit den Hopp-Millionen schon reichen…

  9. Ich mag Hoffenheim auch nicht. Liegt aber nicht nur daran, dass es ein Retortenclub ist. Schließlich mag ich auch Gladbach nicht und die haben Tradition. Und wie Du richtig gesagt hast. Zum Glück muss man im Fußball seine Vorlieben und Abneigungen nicht begründen.
    Gruß
    Die kölsche Ziege

  10. Ach Hoffenheim … für mich nur ein Randnotiz eines langsam auslaufenden Kugelschreibers. Was soll es (die 2. Bundesliga machen die eben auch nicht attraktiver).

    Eigentliche, wirkliche Gefahr braut sich aber derzeit über Leipzig (noch Leipzig) zusammen … mit zwei/drei völlig runter gewirtschafteten Vereinen der DDR-Oberliga und dem Lichte empor eilendem Business-Plan eines österreichischem Getränkehändlers. Sollte die Zukunft des Fußballs in genau jene Richtung weiter voran schreiten, werde ich mich eines Tages nur noch auf armseligen Kreisliga-Plätzen herumtreiben und schales Bier zur lauen Bockwurst saufen. Räudig wie ein Traditionalist wie ich eben nur sein kann. Vielleicht treffe ich ja dann dort Hoffenheim wieder …

  11. D‘accord, Trainer (und Kölsche Ziege, wenn man Gladbach und Köln austauscht…)

    (was anderes: Albert Streit spricht „Mäzen“ übrigens „Metzen“ aus, gehört bei dieser eigenartigen Sendung mit Pocher auf Sky.)

  12. Was zack sagt: Hoffenheim ist noch lange nicht weg.

    Was mich damals, also im Herbst 2008, schon gestört hat, war das Gerede vom Konzept „Jugendarbeit“. Alle Medien haben in das Lied von der tollen Hoffenheimer Nachwuchsarbeit eingestimmt, obwohl die sich gerade mal einen B-Jugend-Meistertitel erkauft hatten (indem sie Spieler vom VfB Stuttgart abgeworben hatten), und obwohl zu diesem Zeitpunkt Hoffenheim einer der wenigen Clubs war, die keinen einzigen Spieler aus der eigenen Jugend in der BL eingesetzt hatten. Eine realistischere Betrachtung der Hoffenheimer Aufstiege hätte dem Team bei mir weniger Ablehnung eingebracht.
    „Zusammengekauft“ war das Team schon damals, allerdings hat es Rangnick offenbar besser verstanden, ein Team zu formen.

  13. @mikewerner: Äh, der „Durchmarsch“…?
    Nachdem man in der damals noch drittklassigen Regionalliga nicht so wirklcih weiterkam, wich man vom einst tatsächlich in Ansätzen verfolgten „aus der Region“-Konzept ab und verpflichtete erfahrene Profis wie Teber, Maric, Seitz oder Copado.

    In der (bislang) einzigen Zweitligasaison 07/08 hat man dann für knapp 20(!) Mio. EUR neue junge Spieler geholt, womit man damals die Nr. 2 bei den Transferaufwendungen in Deutschland hinter Bayern war > http://www.transfermarkt.de/de/tsg-1899-hoffenheim/transfers/verein_533_2007_default_default_alle_a.html

    Widerspricht jetzt Deiner Theorie von der geschlossenen Truppe ein wenig.

  14. > Als ich Samstag gehört habe, dass doch sage und schreibe 120 Hoffenheim-Fans ihren Club zum Abstiegsschlager nach Augsburg begleitet haben, fiel mir nichts mehr ein. Das ist hochgradig erbärmlich. Solche Clubs haben in der Bundesliga überhaupt nichts zu suchen.

    Da erlaube ich mir aber doch eine andere Meinung. Jeder, der sich sportlich und legal für die Bundesliga qualifiziert, ist zu Recht dort. Ich finde den Gedanken abwegig, dass man eine Zahl von „Mindestfans bei Auswärtsspielen in Augsburg“ nachweisen muss, um als legitimes Bundesligamitglied anerkannt werden zu dürfen. Nicht die Fans, sondern die sportliche Leistung ist die „Seele“ des Fußballs.

    Ich sehe Hoffenheim eigentlich erst seit der Trennung von Ralf Rangnick kritisch, und das hat nichts mit der Zahl der Fans, Stehplätze, Pyrotechnik oder Fanzines zu tun.

  15. Pingback: Die Blog- & Presseschau für Dienstag, den 26.2.2012 | Fokus Fussball

  16. „Denn ob mir etwas gefällt oder nicht, hat sehr, sehr wenig mit rationalen Gründen zu tun.“ – Mein ganz klares NEIN zu diesem Satz.
    Tradition schafft Emotion und LEIDENschaft für je seinen Verein. Und da ist translatio ratio drin.
    Hoffenheim weiß gar nichts, für SAP-Hoffenheim ist das bloß eine Branche, die TUS (von welchem Jahr?) könnte genauso gut Tomaten verkaufen. Das wäre zwar auch rational, aber ohne Tradition, Emotion und LEIDENschaft.
    Deshalb gibt es auch so wenig ‚Kunden‘, die etwa zum geschätzten FCA fahren.

  17. Du kannst mir in dem Fall nicht widersprechen, denn welche Gründe ich habe, etwas zu mögen oder nicht, weiß nur ich, wenn überhaupt. (Wobei die Hirnforschung wahrscheinlich inzwischen so weit ist, dass sie doch weiß, was ich ungefähr empfinde.)

    Und ich verstehe auch nicht ganz. Tradition schafft Emotion? Das Traditions“argument“ ausgerechnet von Dir, werter netzberg? Nun gut, Du nutzt es nicht als Argument, sondern beschreibst, dass sie wirksam wird. Das glaube ich aber nicht. Denn in jenen Momenten, in welchen wir alle uns in unsere Vereine verliebten, wussten wir nichts über eine vorhandene oder abwesende „Tradition“ dieses Clubs und lebten nur im Jetzt.

    Insofern ist Tradition möglicherweise hilfreich beim Verlieben, aber niemals notwendig. Okay, ich vermische gerade zwei Dinge, das echte Fansein und die Sympathie, die man für irgendeinen anderen Club empfindet. Aber das Fass mit der Tradition mache ich jetzt – für mich, siehe ganz oben – nicht auf. Und bleibe dabei: keine Ratio in dieser Angelegenheit.

  18. > Da erlaube ich mir aber doch eine andere Meinung. Jeder, der sich sportlich und legal für die Bundesliga qualifiziert, ist zu Recht dort.

    Natürlich ist sie das, aber erbärmlich für den Club bleibt es trotzdem, dass in so einem wichtigen Spiel gerade mal zwei Busladungen Leute den eigenen Club unterstützen möchten. Auf dieser Ebene steckt einfach noch zu viel Kreisligist im Bundesligisten. Das Umfeld hat nicht mit dem Hoppschen-Zuchttempo mithalten können und dieser ist halt ein Bereich in dem Hoffenheim gefühlt nicht bundesligatauglich ist, auch wenn es sich dabei um einem Punkt handelt, der für die sportliche Qualifikation überhaupt nicht maßgeblich ist.



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