FC Bayern, Weltmeister in Europa

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Das ist Weltrekord in der Türkei.

Vielleicht liegt es daran, dass man schon so viele schale Endspiele gesehen hat, bei denen der Hype vorher ähnlich groß war, und man dann auf die erste Torchance bis zur 27. Minute wartete, die Partie hernach durch ein Tor zum 1:0 in der 54. samt anschließendem Komplettvermauern des eigenen Strafraums entschieden wurde, dass die Begeisterung über dieses Fußballspiel so groß war.

Mit großer Verwunderung las man davon, dass mancherorts die Partie als „spielerisch bieder“ bezeichnet wurde. Mit Verlaub, da haben Sie ein anderes Spiel gesehen als ich. Wenn spielerisch unbieder und somit attraktiv nur bedeutet, dass alle Passstafetten stets funktionieren, landet man in der von vielen zurecht beklagten Langeweile durch Perfektion des spanischen Spiels bei der EM 2012 (mit Ausnahme des Finales).

Das hatte diese Partie ganz und gar nicht. Eher war dieses extrem hohe Verteidigen der Dortmunder eine Offenbarung: Da hat jemand Maßnahmen im Köcher, die selbst die derzeit beste Mannschaft der Welt, die, nur zur Erinnerung, in zwei Spielen 7:0 gegen den FC Barcelona gewann, in Verlegenheit bringen und irgendjemand beklagt sich über spielerische Biederkeit? Wie gut soll Fußball denn noch werden?

Denn dieses Finale bringt zumindest den Autor an den Rand seiner Vorstellungskraft. Sepp Maier war es, der 1972 nach dem deutschen 3:1 in Wembley dachte: „Besser kann man nicht mehr spielen“. Und dieses Zitat wird jetzt ausnahmsweise nicht gebracht, um über den Maier Sepp zu spötteln. Es wird immer verständlicher, wie man in seinem Gedankengefängnis der Gegenwart festsitzt und sich partout nichts Anderes, dieser Spielweise noch Überlegeneres vorstellen kann. Und dennoch wird es so kommen, dass dieser Fußballsport in 20 Jahren wieder einen weiteren Schritt gemacht haben wird. Wie gesagt ohne, dass man sich hier vorstellen kann, wie das aussehen könnte.

Apropos „überlegen“ — das waren die Dortmunder ja nur in den ersten 25 Minuten, bis der Schiedsrichter ein Zeichen setzte, sich in eine Passkombination einschaltete, den Ball und für den Rest des Spiels auch das Dortmunder Spiel bremste. Die Bayern ein völlig verdienter Sieger, denn Matchplan und -taktik hin oder her: Wer Gomez und Schieber, die beiden Eingewechselten, vergleicht, weiß, wo den BVB ein wenig der Schuh drückt, der Atem ausgeht oder die Potenz fehlt. (Ein totaler Underdog eben, nur drei Titel in den letzten zwei Jahren.)

Die mit offensichtlich großem Abstand beste Mannschaft Europas ist also quasi Weltmeister geworden, wenn man in schöner Tradition amerikanischer Sport-Arroganz die Champions League mal als die wahre WM des Klubfußballs interpretiert. Weltmeister in Europa, mit demnächst dem weltbesten Trainer und dem immer noch talentiertesten Jungspieler mit deutschem Pass, wo der deutsche Fußball doch ohnehin schon an Talenten so reich ist, dessen Karriere wohl irgendwann an der Wahl zum Weltfußballer des Jahres vorbeistreifen könnte: Da kann einem Angst und Bange werden.

Die schöne Bundesliga, jetzt gerade zu ihrem Geburtstag nur noch ein besseres Warmlaufen für die Bayern, die auch die Dreifachbelastung samt Länderspielen locker wegstecken können, Geld für einen doppelt erstklassig besetzten Kader ist eben schon lange vorhanden und wird auch in Zukunft nicht fehlen.

Eigentlich ein schöner Moment „für den deutschen Fußball“, dieses Endspiel, der Fußball darin und in gewisser Weise auch sein Verlauf, zumindest wenn man auf den WM-Titel 2014 hofft, der besser mit Siegertypen wie Lahm und Schweinsteiger 2013 als mit Verlierertypen wie Lahm und Schweinsteiger 2012 zu erringen sein wird.

Neben dem Licht, das dieses Finale auf die Zukunft des Fußballs hierzulande wirft, liegt aber auch ein ziemlich dunkler Schatten. Ein Motorrad knattert vorbei, eine Scheibe wird eingeworfen. Jemand schreit. Schnell den Kragen hochgeschlagen und nach Hause. Dem Sog der Spielkraft des FC Bayern scheint zur Zeit niemand gewachsen. Finstere Eintönigkeit am Ende der Straße.

Zum Glück kommt im Fußball aber sowieso immer alles anders als man denkt und schon im DFB-Pokalfinale könnte die nächste Überraschung zelebriert werden, wenn der VfB Stuttgart den amtierenden Weltmeister in Europa besiegen sollte. Allein, dass es überhaupt eine Überraschung wäre, wenn ein mehrfacher Meister wie der VfB Stuttgart ein Pokalspiel gegen die Bayern gewinnt, ist dann nun mal nicht zu leugnen. Finstere Eintönigkeit am Ende der …

4 Kommentare

  1. „Wie gut soll Fußball denn noch werden?“

    das habe ich mich nach dem letzten em-finalspiel auch gefragt und nun eine antwort bekommen, die mich sehr erfreute und lust auf mehr macht.

  2. Pingback: Blog- & Presseschau am Mittwoch, den 29.05.2013 | Fokus Fussball

  3. Welche abseitigen Texte liest denn der Trainer mancherorts?

  4. Das Spiel war exzellent. Habe mich extrem gut unterhalten gefühlt. Nach 8 Minuten sagte ich zu meiner Liebsten:

    ,,Das Forechecking hält keine Mannschaft der Welt durch.“

    Sie schaute mich kurz fragend an.

    ,,Keine 90 Minuten, keine 60 Minuten, keine 45 Minuten.“

    Wäre interessant gewesen wenn Klopp ab der 75 Minute zwei frische Spieler gebracht hätte. Seine Einwechslungen kamen zu spät. Die Mannschaft lief bereits im roten Bereich.

    Aber er hat ja noch viele Trainerjahre vor sich.

    Mit den Prädikat Spiel der Spiele oder Bestes Spiel aller Zeiten ist es ja immer so eine Sache.

    Woran misst man es? An dem Tempo, an den spektakulären Toren, an taktischen Meisterleistungen, an der Spannung und dem dramaturgischen Thriller Verlauf, an der Sympathie für die gewonnene oder unterlegene Mannschaft?

    Bei mir wird immer das Finale BRD – Niederlande 1974 einen überragenden Stellenwert haben. Erstes Live-Fernsehen WM-Endspiel mit dem Vater im beisein anderer Väter. Unbezahlbar. Und die richtigen haben auch noch gewonnen. Dabei war es spielerisch keine Offenbarung. Auch das Tempo war ein anderes wie heute. Aber das ist sowas von egal gewesen.



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