janus — Der Traum vom Tal-Titan

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Diesen Text über seine Zeit im Jugendfußball beim immerhin ehemaligen Bundesligisten Wuppertaler SV verfasste janus, der seine Schreiberkarriere eigentlich beendet hat, für eine Ausnahme glücklicherweise in diesem Fall aber sehr gerne zu haben war.

Am Anfang war ein Traningsanzug. Damals, 1982, kickte ich im jüngeren Jahrgang der C-Jugend des 1. FC Wülfrath, als Muttern von einer Anfrage des Wuppertaler SV berichtete. Der galt in der Gegend meiner Geburt und Jugend als der „große“ Verein, als „Titan vom Tal“, weil es der einzige Club war, dessen Senioren höherklassig spielten, in den 1970er Jahren sogar in der 1. und 2. Bundesliga; Anfang der 1980er immerhin noch in der Oberliga Nordrhein. also drittklassig, jede Saison aufs Neue mit Aufstiegsträumen. Jugendarbeit und Talentförderung galten als vorbildlich. Das Kürzel WSV verhieß den Traum vom Profi-Fußball direkt um die Ecke, auf einem richtigen Rasenplatz im Stadion am Zoo. Hartnäckig hielt sich bei den Jugendmannschaften im Umkreis das Gerücht, der WSV würde all seine Mannschaften als erstes neu einkleiden, mit einheitlichen Trainingsanzügen, etwas, wovon wir auf dem Dorf nur träumen konnten. Nebenbei, es stimmte, aber nur bedingt.

Da meine Mutter berufstätig war und zumeist nur an den Wochenenden zu den Spielen fahren konnte, war ich beim Training auf Bus und Bahn angewiesen. Hierfür lagen die Trainingsplätze des WSV etwas abseits. Der Hauptplatz für die Jugendmannschaften hatte die schöne Adresse Am Freudenberg. Heute befinden sich dort ein Naturrasen- und ein Kunstrasenplatz, damals natürlich undenkbar, es waren zwei Ascheplätze. Die Anlage liegt auf halber Höhe eines steilen Berges, inmitten eines idyllischen Wäldchens in einem Wohngebiet. In diesem Wäldchen habe allein ich während meiner Schaffenszeit ca. fünf Bälle verloren, die nach verunglücktem Schuss über Tor und Mauer trotz intensiver Suche nicht auffindbar waren, weil sie hinter der Mauer zu weit den Berg hinunter rollten. Selbst heute noch kann man an der Wegbeschreibung auf der offiziellen WSV-Website erahnen, welche Irrfahrten so manch begabter Fußballer in Zeiten ohne Navigationssystem hinlegen musste, um dort endlich vor den Ball treten zu dürfen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln von meinem Kaff aus war es auch nicht viel übersichtlicher. Zunächst stieg ich in die Buslinie 641 (nur „die Rote“ genannt, weil sich die Wuppertaler Stadtwerke aus unerfindlichen Gründen dafür entschieden hatte, ausschließlich diese Buslinie recht farbenfroh auszustatten), die auf ihrem Weg von Velbert nach Wuppertal-Vohwinkel meinen Heimatort tangierte; in Vohwinkel hieß es dann umsteigen in das Fahrgeschäft, auf das alle in der Stadt so stolz waren, weil sie es exklusiv hatten, die Wuppertaler Schwebebahn. Mit ihr rumpelte ich einmal quer durch die Stadt zum Bahnhof Elberfeld, und ich erinnere mich noch, dass allein vier Haltestellen hintereinander direkt neben den Bayer-Werken lagen, so groß waren die. Auch das Zoo-Stadion liegt an der Strecke der Schwebebahn, als Erstes konnte man die Flutlichtmasten und die große Anzeigetafel sehen, dann die altehrwürdige Haupttribüne, und wenn dort mittig der Durchgang in die Katakomben geöffnet war, sah man, wenn die Schwebebahn auf Kernschussweite über der Wupper am Stadion vorbei rumpelte, für einige Sekunden den Heiligen Rasen, auf dem man so gerne spielen wollte. Da man noch nicht so weit war, hieß es allerdings sitzen bleiben und weiterfahren. Am Bahnhof Elberfeld hatte man die Auswahl zwischen vier verschiedenen Buslinien, die sich den Berg zum Sportplatz hinauf quälten, alles am Nachmittag im Feierabendbetrieb, die Busse proppenvoll mit müden, mürrischen Leuten, die Fenster von innen beschlagen, draußen war es eigentlich immer kalt, mittendrin ich mit meiner Sporttasche. Nach insgesamt gut anderthalb Stunden war der Freudenberg erreicht und wir durften zum Aufwärmen erst einmal drei Runden über die Aschenbahn drehen. Das alles nach der Schule, an jenen Tagen waren Hausaufgaben für mich kein Thema, es war eigentlich nie zu schaffen. Wenn um 18 Uhr Training war, musste ich spätestens um 16 Uhr aus dem Haus und war nie vor 22 Uhr wieder daheim. Die Lage besserte sich erst zwei Jahre später, als drei weitere Spieler aus Wülfrath zum WSV wechselten, dazu noch einer vom Mettmanner SC, und da waren dann auch Väter dabei, die uns zum Training fuhren, allerdings auch nicht immer.

Es gab jedoch noch einen zweiten Platz, dorthin mussten besonders die zweiten Mannschaften des jeweiligen Jugendbereichs ausweichen, bei denen ich zeitweise auch trainierte. Dieser Sportplatz wurde im Volksmund nur „Gym“ genannt, keine Ahnung, warum. Und gegen den lag der Freudenberg nun wirklich zentral und war hochmodern. Den Gym erreichte man mit dem Auto, indem man nach Durchqueren des Kiesbergtunnels rechts abbog, eine Zeitlang durch die dort befindlichen Wohn- und Gewerbegebiete irrte und sodann im anschließenden Wald (wieder Wald!) über einen holprigen Pfad mitten auf dem Berg plötzlich einen kleinen Sportplatz mit noch kleinerem Platzwart-Hexenhäuschen vorfand. Mit dem Bus musste man den Berg von der anderen Seite erklimmen und anschließend noch ein gutes Stück zu Fuß gehen. Der Platz selbst brillierte dadurch, dass auf beiden Seiten ungelogen keine drei Meter neben der Strafraumbegrenzung die Außenlinie zu finden war, es durften auch keine offiziellen Spiele dort ausgetragen werden. Platzwart spielte ein älteres Ehepaar, das in dem Häuschen ganz allein mitten im Wald wohnte, und dessen männlichen Part ich bis heute in Verdacht habe, beim Getränkeverkauf nach dem Training in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben, denn „offiziell“ war da oben wirklich gar nichts. Der Platz ist heutzutage auch mit Google Maps nur noch zu erahnen, er scheint eine Brache geworden zu sein und in seiner Nähe wurde das Gebiet ein wenig erschlossen und ein paar Häuser gebaut. Es war abenteuerlich, dorthin zu gelangen und dort zu trainieren, noch abenteuerlicher wirkt es aber heutzutage, wenn man bedenkt, dass der renommierteste Verein im ganzen Umkreis so etwas unter „Jugendarbeit“ verstand. Es waren halt andere Zeiten.

Insgesamt waren es zwiespältige vier Jahre, die ich beim Wuppertaler SV verbrachte. Was durchaus auch an mir lag. Ich war ein Wanderer zwischen den Welten, stets Stammspieler in der zweiten Mannschaft der C-, B- und A-Jugend, stets auch mit Einsätzen in der ersten Mannschaft, das eine oder andere Auswahlspielchen war auch dabei, aber so ganz packte ich es nie. Ich wurde Meister in der C-Jugend Niederrheinliga und in der A-Jugend-Bestengruppe. In meinem ersten Jahr erzielte ich 11 Tore, was ich später nie wieder schaffen sollte, denn eigentlich war ich nur ein Mittelfeldgrätscher mit ein bisschen Technik. Ich spielte mit Carsten Pröpper (übrigens auch ein Schulkamerad von mir), dem Sohn von WSV-Legende Günter „Meister“ Pröpper, der – also der Sohn – es in den 90er Jahren mit dem FC Remscheid, dem FC St. Pauli und RW Oberhausen auf über 200 Zweitliga- und 60 Erstliga-Spiele bringen sollte. Ich spielte gegen Oliver Bierhoff (bei SW Essen) und Marcel Witeczek (bei RW Oberhausen), beide nur ein paar Monate jünger als ich, aber damals schon Auswahlspieler, bewundert und gehätschelt, während sich weiterhin ein Bus dreimal die Woche mit mir als Insasse den verfluchten Freudenberg empor keuchte oder mich mitten im Nirgendwo absetzte, von wo aus ich zu Fuß zum „Gym“ zu finden hatte. Solange man in der ersten Mannschaft war, die jeweils in der Niederrheinliga antrat und deren mögliche Abstiege jeweils eine Katastrophe für den Jugendfußball des WSV bedeutet hätten und auch öffentlich so zelebriert wurden, war alles gut, inklusive Gegnern wie dem MSV Duisburg oder Bayer 05 Uerdingen. In den zweiten Mannschaften, die in den „Bestengruppen“ des Kreises kickten, hießen unsere Gegner FSV Vohwinkel, Sportfreunde Wichlinghausen oder SC Sonnborn. Und ich machte die schmerzhafte Erfahrung, dass die heiß wie Frittenfett auf alles waren, wo „WSV“ drauf stand, auch wenn es nur die zweite Mannschaft war. Ironischerweise war dies in meiner Heimat Wülfrath auch schon immer so gewesen, wenn wir mal (selten) gegen ein Team des WSV ran durften. Da hatten meine Spielkameraden und ich auch alles weggegrätscht, was nicht bei Drei von der Asche runter war. Nun bekam ich also umgekehrt zu spüren, was es hieß, „der FC Bayern vom Tal“ zu sein. In der B-Jugend verloren wir mal im Nebel beim TSV Einigkeit Dornap mit 1:5, was eher der Tatsache der unmöglichen Anstoßzeit 9.30 Uhr am Sonntag Morgen geschuldet war, die dafür sorgte, dass das komplette Mittelfeld vom Vorabend noch hackedicht und der komplette Sturm noch völlig zugedröhnt auf dem Platz stand, wir waren am Abend vorher alle auf derselben Party gewesen und keiner hatte vor dem Spiel länger als drei Stunden geschlafen; daraufhin durften wir uns am nächsten Tag über einen zynischen Nachruf auf die Jugendarbeit des WSV in der Westdeutschen Zeitung freuen. Wie groß diese Blamage war, wird am Rückspiel deutlich: wir gewannen in Unterzahl mit 8:0.

Drei-, viermal durfte ich in diesen Jahren auch an der großen weiten Fußballwelt schnuppern, wenn als absolute Ausnahme auf dem Nebenplatz des Zoo-Stadions trainiert wurde, auf Asche natürlich, heute ebenfalls Kunstrasen. Viel interessanter war allerdings, dass wir uns in den Katakomben des Zoo-Stadions umkleiden durften, dem Heiligen Rasen so nah! Als ich mich nach einem solchen Training frisch geduscht wieder in zivil umkleidete, erschien im Rahmen der Kabinentür eine Gestalt, woraufhin sich der Raum verdunkelte. Der Torjäger des WSV schaute vorbei, einfach mal, um den Jungs Hallo zu sagen. Und wer sich noch an Günter Delzepich erinnern kann, 1,92 m groß, 98 kg schwer, der anschließend von 1984 bis 1990 bei Alemannia Aachen die 2. Liga als Sturmtank aufmischte, der wird erahnen können, warum mir als 14-Jähriger der Mund offen blieb. Wahrscheinlich schwante mir beim Anblick dieses Titanen im Türrahmen bereits, dass ich Hänfling es nie so weit bringen würde. Und ich hatte Recht.

Im Jahr 1986 wechselte ich wieder zurück zum 1. FC Wülfrath, um mein letztes Jahr im Jugendbereich in der dortigen A-Jugend zu begehen. Zum Teil, weil ich die ganze Fahrerei nach vier Jahren satt hatte, aber auch, weil ich in der A 1 des WSV keine Chance auf einen Stammplatz gehabt hatte, und ich wollte noch ein bisschen spielen. Und so endete meine Karriere denn auch, wie solche halbgaren Karrieren wohl immer enden: mit Platzverweis beim 4:1-Pokaltriumph über den SC Langenhorst im Frühjahr 1987. Es war mein letztes Vereinsspiel. Ich habe keins davon bereut.

Von den ganzen Auswahlspielern, die mir vor die Nase gesetzt wurden und mich nach Wülfrath zurück kehren ließen, habe ich mit Ausnahme des schon erwähnten Carsten Pröpper sowie Achim Weber (RW Oberhausen, VfL Bochum) nie wieder etwas gehört. Den Heiligen Rasen, für den ich mir vier Jahre lang stets die Nase an der Scheibe platt drückte, wenn die Schwebebahn am Zoo-Stadion vorbei rumpelte, und der bei den wenigen Trainingseinheiten am Stadion in den Umkleidekabinen schon zum Greifen nahe war, durfte ich nie betreten.

Bliebe noch die Frage nach dem Trainingsanzug zu klären. Die jeweils ersten Mannschaften im Jugendbereich wurden damit ausgestattet; die zweiten nicht. So ein Verein war das.

8 Kommentare

  1. Ich erinnere mich an meinen Mitspieler Ludwig, den der WSV aus der C-Jugend der ruhmreichen Borussia Velbert rausgekauft hat; vielleicht ein oder zwei Jahre vor janus. Dem hatten sie angeblich ein Mofa versprochen – das hat er nie gesehen, soweit ich mich erinnere…
    War Marcel Witeczek nicht bei Bayer Uerdingen? Ich bin mir fast sicher.

  2. Bevor ich alles hier reinkopiere, siehe wikipedia-Eintrag zu kleines, dickes Marcel:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Witeczek

    Passt mit RWO zeitlich. Ich kam jetzt auch schon ins Grübeln, war ja alles aus dem Kopf ;-)

  3. Hach, der Delzepich. Magaths Mantra und/oder feuchter Traum. Der Mann, der nen Medizinball vom 16er übers Tor schießt. Großartig.

  4. Oberhausen stimmt.
    Dann war das wohl schon A-Jugend mit Uerdingen. Ist auch nicht gerade eine meiner schönsten Erinnerungen, wie der uns den Ball durch die Nase gezogen hat…

  5. Günter Delzepich im Interview. Wobei Fotos fast wichtiger sind.

  6. Trainer, wie sieht es denn aus mit dem Projekt, Janus‘ kleine Welt hier irgendwie eingebunden zu bekommen? Lange her, nix passiert, s‘up?

  7. Da sagste was, das ist aus diversen Gründen, die mit dem Blog zu tun haben, ganz nach hinten gerutscht. Aber es rückt bestimmt irgendwann weiter vor auf der Liste, denn ich halte das weiterhin für eine gute Sache. Wobei ich leider absolut keine Voraussage geben kann, wann ich dazu komme. Danke für den Reminder allerdings. Und gibt’s den janus überhaupt noch im Fußballnetz? Scheinbar nicht oder an mir nicht bekannten Fortuna-Orten vielleicht.

  8. Ker, do, wenn du datt nich weiß, is doch dein Mettje.



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