Löws Probleme mit dem System

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Och, schade. Der olle Jogi. Es war ja leider nicht anders zu erwarten. Jogi Löw, der schicke, der moderne, der flotte und der weltoffene Jogi Löw. Ja, er ist Social-Media-Legastheniker.

Genauer gesagt ist er Social-Media-Skeptiker, obwohl er all den Kram noch nie benutzt hat. Kommt einem bekannt vor, oder? Es sind doch immer jene, die neuetechnischemöglichkeit23 verfluchen, die diese selbst noch nie benutzt haben.

Bei Einführung der Eisenbahn warfen die Eisenbahn-Skeptiker das damals sicher Gewicht habende Argument in den Raum, dass es gut möglich sei, dass der menschliche Körper für den Transport mit derartigen Geschwindigkeiten nicht ausgelegt sei. Und die Körper der Insassen wahrscheinlich bei Benutzung der Eisenbahn von den unglaublichen Urgewalten einfach zerfetzt würden. Wohlgemerkt erreichte die erste etwas schnellere Eisenbahn etwa 48km/h an Geschwindigkeit. Zerfetzt wurde also niemand, abgesehen von diesem von den Skeptikern eingeworfenen „Argument“.

Jogi Löw hält Social Media nicht einfach nur für falsch, sondern für gefährlich.

Ich respektiere, dass die Spieler das nutzen. Meine Art, zu kommunizieren, ist das aber nicht. Ich halte diese Form des Austausches eher für gefährlich.

Wir werden alle störben, würde man dazu twittern, wenn man denn twitterte, was Jogi Löw nicht tut, weshalb er es ohnehin nicht lesen würde, weshalb man es nicht twittert, sondern hier in den Beitrag reinschreibt. Vielleicht nicht physisch, äh biologisch störben, sondern als soziale Wesen. Jegliche Reputation wird den Bach runtergehen. Glaubt er.

Das ist schon alleine deshalb sehr merkwürdig, weil Jogi Löw doch als Co unter Jürgen Klinsmann bei der Nationalmannschaft tätig war. Und Klinsmann saß schließlich in den USA und fand es total hip, mit allen seinen Spielern per Email zu kommunizieren, wie er stets verkündete und betonte. Mit allen Spielern, aber nicht mit seinem eigenen Co? Nun gut, um Email ging es ja nicht, sondern um Twitter und Facebook.

Und trotzdem bleibt die Frage, wieso die Entwicklung der Technikbewertung durch Menschen immer exakt nach dem von Douglas Adams beschriebenen Gesetzen funktioniert und sich dort nie etwas ändert:

1) everything that’s already in the world when you’re born is just normal;

2) anything that gets invented between then and before you turn thirty is incredibly exciting and creative and with any luck you can make a career out of it;

3) anything that gets invented after you’re thirty is against the natural order of things and the beginning of the end of civilisation as we know it until it’s been around for about ten years when it gradually turns out to be alright really.

Dreht man nur ganz leicht an den hier erwähnten Altersdaten, dann ist es so, dass Email für Löw gerade noch rechtzeitig kam. Alles, was danach erschien, aber nur noch eine „Gefahr“ sein kann, bedrohlich ist.

Das Morgenland wird zeitgleich mit dem Abendland untergehen, großer Donnerhall wird alles sein, was von unserer Kultur übrig bleibt, und von unserem Planeten nur ein kleines Häuflein Asche. Weil jemand Facebook und Twitter benutzt hat!

Dass man beim persönlichen Altern nicht alles Neue mehr nachvollziehen kann, war sicher schon immer so. Das Problem ist nun eben die Geschwindigkeit der Änderungen. Gestern war Jogi Löw noch echt hip bei den Videokonferenzen mit dem in den USA sitzenden Jürgen Klinsmann. Einmal kurz umgedreht, schon ist die Welt der Kommunikation eine andere und er kann den Nutzen des Neuen nicht mehr erkennen.

Wieso aber selbst der eigentlich intelligente — vielleicht wirkt er auch nur so intelligent, weil er ständig mit nur 20- bis 30-Jährigen zu tun hat — Jogi Löw nun gleich alles in einen Topf wirft und verdammt, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Schade, Jogi.

Es ist für mich ganz und gar unverständlich, wie Menschen ihr Privatleben, bis hin zu wirklich vertraulichen, ja intimen Dingen, so wahllos mit Tausenden oder gar Millionen Menschen teilen. (…) Ich selbst habe gerade gehört, dass mein Anwalt wieder Seiten sperren lassen musste, die jemand unter meinem Namen betrieben hat. Dass jemand unter falschem Namen so was machen kann, ist schon bezeichnend für das ganze System.

Das ganze System „Telefonbuch“ war damals übrigens auch schon bezeichnend für das ganze System „Telefonbuch“. Ein einziger Druckfehler konnte aus einem Anton Schmidt einen Anton Schmid machen. Teufels Küche war da nicht weit.

Ansonsten aber ist sein komplettes Interview bei Zeit online högschd lesenswert, plaudert Löw darin doch ein wenig aus dem Nähkästchen und lässt sich in die Karten gucken, wie er mit seinen Spielern umgeht.

Statt Einzelgesprächen über den Schreibtisch hinweg inklusive Standpauke und Kloß im Hals des Delinquenten gibt es unter Jogi Löw bei wichtigen Gesprächen dann eher Lounge-Atmosphäre. Zeitgemäß. Was wohl Helmut Schön oder Sepp Herberger zu solch einem Vorgehen gesagt hätten?

16 Kommentare

  1. Wääältklasse.
    Nun gut, Jogi Löw tritt ja meistens nicht als Privatperson auf, sondern als Bundes-Jogi und als solcher darf er Bedenken haben, ob seine Jungs alles richtig machen im cyberspace.
    Dass da einer mal die Startaufstellung raushaut, beovr es der DFB tut, halte ich nur für allzu wahrscheinlich.
    Ansonsten sollte Löw schnell raus aus dem Mantel des Konservativen, steht ihm nicht gut und passt nicht zu seiner Arbeit. Sowas könnte ihm später nochmal vorgeworfen werden.

  2. „Gefährlich“ sind vor allem Standardsituationen.
    Also Email, Facebook oder auch Twitter …
    Trotzdem, die DFB-Truppe hat eine Chance verdient.

  3. Wahrscheinlich bin ich zu jung, um „heute“ mit „damals“ vergleichen zu können, aber ich denke mir oft, dass man sich immer nur einbildet, dass früher alles so anders war.

    Kann mir gut vorstellen, dass auch Herberger, Lattek, Vogts und wer auch immer den Spielern ganz klar gesagt haben, was sie von ihnen erwarten, damit sie in der Mannschaft bleiben.

    Löw im Interview:
    „Sie können heute nicht mehr von oben herab etwas anordnen, Sie müssen die Spieler überzeugen.“

    Und später:
    „Irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich gesagt habe: Ja klar, ich verstehe euch, aber wir machen es so! So machen wir es! So will ich es haben!“

    Wer sich nicht von der Marschroute überzeugen lässt, fliegt eben raus, damals wie heute.

    Genauso kann ich mir auch vorstellen, dass die Menschen schon seit Jahrhunderten (oder Jahrtausenden) von „dieser schnelllebigen Zeit“ reden (bis zur Rechtschreibreform halt dann mit 2 „l“).

    Sehr lesenswertes Interview jedenfalls, aber ich bin auch froh, dass wir keine Mannschaftspsychologen, Lounge-Atmosphären und duzenden Spieler mehr im Kopf haben werden, sobald „der Ball rollt“.

  4. Nochwas.
    Hing Lothar Matthäus während eines Trainingslagers nicht immer am einzigen Telefon und hielt somit Kontakt zur Außenwelt?
    Und: hieß es nicht sogar in einer Studie, dass Zugfahren unfruchtbar mache?

  5. Trainer, Du hast mir das Du auch nicht angeboten und ich habe es mir einfach genommen. Ist das Okay, ich meine hier so im Internet?

  6. Gleiche Bedenken hatte ja bereits Sokrates zur Schrift: Man werde seine geistigen Fähigkeiten aufweichen, sich nicht mehr vernünftig erinnern können, weil man ja alles aufschreibt. Selbiges beim Roman. Und so setzte es sich fort.
    Finde ich aber nicht schlimm, möchte auch gerne mit 50 über die ganzen neuen Sachen nörgeln.

  7. Nach einem Zwei vorne, einem Zwei, äh, Null hinten, kann man doch durchaus badisch in die Zukunft schauen, die nähere. Geht der Test auch hin (remember Schweiz), so doch auch her: Ich tippe auf ein Abschneiden in der Vorrunde. Und wenn auch nur in Twitter, Facebook und Email …

  8. … Ich schreibe eine SMS …

  9. Ich gebe zu, auf einen anderen Aspekt des Interviews gehofft zu haben: die Duzfrage. Den Umstand, dass Podolski ihn duzt, ohne je die Erlaubnis dafür erhalten zu haben. Und dass der Trainer sich das auch noch gefallen lässt. Man stelle sich vor, der Prinz läse das Interview. Der wüsste doch gar nicht mehr, wie er den Trainer jetzt anreden soll. Dächte stundenlang darüber nach. Auf dem Platz womöglich. Puh.

  10. (Verzeihung. Ganz schön off topic.)

  11. Äh, ich verstehe nicht ganz. Dieser Aspekt wird doch angesprochen im Interview. Oder meintest Du jetzt, ob das hier im Beitrag beleuchtet wird?

  12. Ja, ich meinte im Beitrag. Und schäme mich dafür, Einfluss auf Deine Themenwahl genommen haben zu wollen. Oder so.

  13. Fußball ist ein ziemlich intelligentes Spiel. Finde ich. Und ich bin nicht mal Systemtheoretiker …

  14. Pingback: System Nationalmannschaft, In Jogi We Trust | Fußball Taktik Blog - RasenSchach

  15. Hm. In dieser Pauschalisierung finde ich das schon eher blödsinnig, was der Mensch, der entgegen dem allgemeinen Sprachgebrauch gar kein Amt innehat, da so von sich gibt. Da ich dies für mich persönlich – halt ohne dies irgendjemandem aufzudrängen – jedoch ganz genau so halte, möchte ich aber auch nicht, dass Gesichtsbuch- und sonstige Klarnamenverweigerer hier pauschal der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Ich jedenfalls empfinde es durchaus als Gewinn, dass Google bei der Suche nach meinem Namen ein großes Nichts ausspuckt (gut, das wird Joachim L. nicht mehr hinbekommen).

    Wobei mir einfällt, dass ich schon seit Monaten meinen Twitter-Account nicht mehr besucht habe. Ich hoffe, der wird nicht irgendwann gecruncht?

  16. Tja. „Jogi“ Löw – „intelligent“? Könnte wirklich eine optische Täuschung sein. Eine Art „Lahm-Effekt“: wird für i. gehalten, um sich dann aber um so drastischer als profilsüchtiger (weil völlig profilloser) Kasper zu enttarnen.

    Dieses unbeholfene, grammatikalisch verworrene Gestammel auf der Kaderbekanntgabe-PK vor paar Wochen, dieser furchtbare Dialekt… (Das Zeit-Interview ist doch tausendmal redigiert, geglättet, gegengelesen, bearbeitet. Die Rohfassung könnte auch meine Oma abliefern!)

    PS.: Wenn der Mann im selben Ausmaß statt badisch sächisch spräche, wäre er entweder nie Bundestrainer geworden oder schon längst wieder weg vom Fensterchen.



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