„Spott im Internet“

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„Spott im Internet“ gebe es, schreiben alteingesessene Medien gerne, wenn sie über ein aktuelles Thema berichten. Spott gebe es im Internet zu diesem Thema. Aha, welch Nachrichtenwert. Inzwischen sind die Reaktionen des Publikums auf bestimmte Ereignisse schon oft genauso wichtig wie das Ereignis selbst. Aber wen interessiert noch eine Pointe und noch ein flacher Gag zu irgend einem Thema, wenn er eine Einordnung, eine Analyse, oder wenigstens die Hintergründe dieses Ereignisses erfahren möchte?

Hat man auch über Tschernobyl berichtet, indem man Menschen in Gießen oder Saarbrücken fragte, was sie zu diesem Thema twittern würden?

Simulation von Berichterstattung, das gute alte „Tweets vorlesen“. Wie man früher halt in der Fußgängerzone ahnungslose Idioten zu einem Thema interviewte, welchen Mehrwert auch immer das haben sollte. „Spott im Internet“, soso, hat’s ja noch zu keinem Thema bislang gegeben. Der Job der Bericherstattenden ist doch genau das: sich über dieses Rumgesülze, das die Medien heute ermöglichen, hinwegzubegeben und mehr Inhalte zu bewirken als platte Stammtischwitze zu rezitieren. Irgendwann wird das auch diesen Medien noch auffallen, dass ihre Aufgabe ist, zu erklären, zu analysieren und zu berichten. Falls nicht, sollte man auch nicht mehr dafür bezahlen müssen. Für Tweets vorlesen? Ich bin selbst bei Twitter.

Verkruxterweise ist dieser Text aber nur auch wieder eine Form von Spott im Internet, wenn auch mit keinem konkreten Anlass, nur mit „den Medien“ als Ziel. Der Nachrichtenwert dieses Textes ist also ebenfalls gleich Null, denn den, haben wir gerade einekatzebeisstischindenschwanzfressenderweise gelernt, gibt es im Internet schließlich über jedes Thema. Also, im Internet nix Neues. Weiterschlafen.

3 Kommentare

  1. Guter Artikel, muss ich direkt mal weitertwittern!
    Ne im Ernst:
    Das Auflisten von mehrheitlich leider dümmlichen Tweets zu dem Tatort (nur ein Beispiel) hat in Qualitätsmedien nichts verloren.
    Wer tweets lesen will, soll halt selbst auf Twitter nach den entsprechenden Hashtags suchen.
    Das wäre sonst ja wie die Fernsehsendung, die die besten Radiosendungen beobachtet. Oder Radio, was die besten Zeitungeartikel vorliest. Wobei das sogar Sinn ergäbe… jedenfalls mehr als Tweets zitieren?
    Danke für den Artikel, Trainer. Musste mal gesagt/schrieben werden.
    Mit wütenden Grüßen
    M.

  2. @Trainer B.:
    Alteingesessene Medien? Wattndat? Du schießt mit einer Schrotflinte und triffst niemanden richtig. Und schreibst nicht, dass im Netz gerne auch deshalb gespottet wurde und wird, wenn Netz-Geschehnisse gar nicht in den Medien vorkommen. Das Feld „Wie bringe ich Internet-Inhalte am klügsten in anderen Medien unter“ ist ein weites.

    „Inzwischen sind die Reaktionen des Publikums auf bestimmte Ereignisse schon oft genauso wichtig wie das Ereignis selbst.“
    Ich wage zu behaupten, dass das früher™ nicht sonderlich anders gewesen wäre. Nur war es wesentlich schwieriger, an diese Reaktionen zu kommen.

    „Aber wen interessiert noch eine Pointe und noch ein flacher Gag zu irgend einem Thema, wenn er eine Einordnung, eine Analyse, oder wenigstens die Hintergründe dieses Ereignisses erfahren möchte?“
    Die Myriarden Menschen interessiert das, die die Klatsch-, Boulevard- und Clickbait-Industrie mit ihrer Aufmerksamkeit finanzieren. Wer Einordnung und Analyse will, findet sie. Gerade „alteingesessene Medien“ können sich das allerdings immer weniger leisten, weil ihr Geschäftsmodell erodiert.

    „Hat man auch über Tschernobyl berichtet, indem man Menschen in Gießen oder Saarbrücken fragte, was sie zu diesem Thema twittern würden?“
    Ich wette, man hätte.

    „Irgendwann wird das auch diesen Medien noch auffallen, dass ihre Aufgabe ist, zu erklären, zu analysieren und zu berichten. Falls nicht, sollte man auch nicht mehr dafür bezahlen müssen.“
    Die Erkenntnis, dass es ausreichend Menschen gibt, die für guten Journalismus ausreichend Geld bezahlen, hat sich leider noch nicht ausreichend herumgesprochen.

    @Metrosilius:
    „Das Auflisten von mehrheitlich leider dümmlichen Tweets zu dem Tatort (nur ein Beispiel) hat in Qualitätsmedien nichts verloren.“
    Wenn jemand dumme Tweets auflistet, hat er nicht intensiv gesucht. Und jede Tatort-Kritik wird mindestens einmal mit „Euch fällt auch nix mehr ein! Jeden Montag das gleiche!“ kommentiert. Tatort und Twitter ist eben mittlerweile eine ganz spezielle Verbindung, daran können auch die Berufskritiker nicht mehr vorbei. Und ich lese lieber ein paar treffende Tweets als eine abgehobene Feuilleton-Kritik.

    „Wer tweets lesen will, soll halt selbst auf Twitter nach den entsprechenden Hashtags suchen.“
    Nein. An einem Montag nach dem Hashtag #Tatort suchen? Viel Spaß! Twitter durchsuchen und das Beste (es muss dann aber auch das Beste sein!) daraus hübsch angerichtet auf einem Tablett servieren, gehört mittlerweile zum journalistischen Standard wie früher™ Pressemitteilungen zu durchforsten und das Beste daraus hübsch angerichtet auf einem Tablett zu servieren.

    (Ich sehe aber den Punkt. Allerdings führen die Alternativen direkt ins Netz. Und da wird es eben leider derzeit dann schnell prekär.)

  3. @selanger:
    ich behaupte – ohne es beweisen zu können – dass man auf Twitter den „richtigen“ Kanälen folgen muss (ggf. sind das bereits die Medien wie Zeit Online?) und darauf hoffen, dass witzige/treffende Tweets auch ordenlich retweetet werden.
    Und mit #tatort und meist retweetete (was für ein komisches Wort) kann man die „besten“ Tweets bestimmt finden.
    Wenn das, was ich da jeden Montag auf Zeit Online lesen muss (ok, sieht nach Stockholmsyndrom aus), das beste sein soll, dann haben wir den Untergang des Abendlandes wohl schon hinter uns. Ganz ohne Zutun des Muselmannes.
    Zugegeben: Einige Tweet-Sammlungen enthalten tatsächlich richtig gute Perlen der Twittergeschichte. Vielleicht nerven mich nur die restlichen 80% für die sich der Redakteur, der sich die hastig zusammengeklickt hat, in Grund und Boden schämen müsste. Wenn das der journalistische Standard ist, *gulp*
    Dass früher alles besser war, liegt vermutlich wirklich daran, dass es diesen Rückkanal des Zuschauers technisch bedingt einfach gar nicht gab.



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