Synchronicity

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Während man früher 500 Meilen lief, zum nächsten Kiosk am Strand von Jugoslawien nämlich, um das Ergebnis eines Spiels, das schon vor 56 Stunden gespielt worden war, zu erfahren. Während man früher die Telefondurchsage mit den Sportergebnissen anrief, natürlich genau an jenem Punkt in der Schleife landete, als die Fußballergebnisse bereits genannt waren und man alle Davis-Cup-Ergebnisse, Leichtathletik-Weltmeisterinnen und Motocross-World-Series-Zeiten geduldig abwarten musste, bis schließlich doch die Dame mit der so seriösen Stimme wieder von vorne begann und die Resultate der Bundesliga in einer Nüchternheit und Kälte verlies, dass man froh war, dieser Dame nicht in realiter zu begegnen, aber ebenso froh, nun auf dem letzten Stand zu sein. Während man früher zwar eine Partie im TV verfolgte, aber nicht wissen konnte, wie es auf den anderen Plätzen stand, und man deshalb bibbernd gleichzeitig ein Transistorradio aktiviert hatte, möglichst ein Mann auf dem Balkon, ebenfalls bibbernd, der, wenn er sich meldete, hoffentlich ein Tor für die richtigen Farben verkündete. Während man früher auf die Verlässlichkeit einer Satellitenverbindung nach Südamerika angewiesen war und doch nie sicher sein konnte, ob sie erstens grundsätzlich hielte und zweitens nicht trotzdem im entscheidenden Moment ein Gewitter über der Stadt die zwar nach Südamerika existierende Verbindung nutzlos werden ließ. Während man früher stoisch auf die Zahlen im flimmernden Videotext glotzte, sich für die Dauer der Partie ebenso wenig rührte, wie diese Ziffern, die zwar immer und immer wieder aufs Neue geladen wurden, aber eben nur zwei, drei Mal pro neunzig Minuten eine Änderung anzeigten. Während man früher also alles dafür tat, einen Spielstand oder ein Endergebnis endlich in Erfahrung zu bringen.

Ist man heute vor allem um Synchronizität der vielen Kanäle bemüht, die man gleichzeitig konsultiert. Angefangen hatte es mit den Vorläufern des Public Viewings. Wenn mehr als nur ein Sender ein Spiel zeigte, musste man hoffen, im Biergarten vor einem TV mit jenem Sender zu sitzen, welcher die entscheidenden Sekunden früher als die Konkurrenz an der Gegenwart sendete. War es andersherum, wurde ein Tor schon durch den Jubel der Gäste in der Nachbarkneipe angekündigt. Besonders frustrierend im Falle von Elfmeterschießen. Ein Sitzplatzwechsel ist aber nicht nur bei WM schwieriger geworden, seit der Fußball auch als Vereins- in den Mainstream eindrang und partout daraus nicht mehr verschwinden will. Immerhin konnte man noch zu Hause sicher vor zu früher Information sein. Mittlerweile ist die Hauptbeschäftigung selbst beim völlig isolierten, von der Außenwelt abgeschotteten Schauen bloß noch, nur ja keinem Kanal zu folgen, der ein Tor früher verrät als man es tatsächlich auf dem Bildschirm fallen sieht. Und wer weiß, welchem Bild die Mitkommunizierenden gerade folgen? Ist ein Tor bei skygo noch lange nicht gefallen, wird es im Stream erst in 5 Minuten fallen, in der Realität aber schon 2 Minuten her, so wird es spätestens nach wenigen Sekunden jemand aus dem Stadion getwittert haben. Gefolgt von jenen, welche in der Liste der Übertragungsmöglichkeiten als nächstes erscheinen, vielleicht sky, vielleicht ein ÖR. Es folgen die Nachrichten jener, welche ganz bewusst ihre Timeline erst mit Verzögerung lesen und doch kann man beinahe sicher sein, ein Tor früher zu erfahren, als es im Fernsehen dann tatsächlich fallen wird. Ein wenig ist es wie bei Neujahr: Wenn man schnell genug fliegt, kann man 24x Neujahr feiern und so kann man ein Tor auch beinahe dutzendfach jetzt gerade fallen sehen, während es in Wahrheit nur einmal — und zwar schon lange her — gefallen ist. Dem Vergnügen ist das nicht zuträglich, der Aufmerksamkeit schon gar nicht und den letzten Schutz bietet tatsächlich nur noch entweder völlige Abstinenz von anderen Kanälen oder die Anwesenheit vor Ort. Da Letzteres teuer werden kann, insbesondere bei großen Turnieren auf anderen Kontinenten, muss man wohl oder übel alle anderen Kanäle schweigen lassen — oder man balanciert zwischen den verschiedenen Phasen der Gegenwart hin und her und lernt Fußball nicht mehr als Live-Ereignis zu genießen, sondern als eines, in dem sich die Gegenwart, der Moment viel Zeit lässt, zu vergehen, sich auf mehrere Minuten ausdehnt und bei Gefallen sogar mehrfach wieder-erlebt werden kann. Ein Plugin für die Realität, das automatische Synchronizität bewirkt, wäre trotzdem recht willkommen.

10 Kommentare

  1. Sehr lesenswert. Ein Glück will die Bundesliga ja alles dafür tun, in Sachen Synchronizität für Abhilfe zu sorgen. Jede Stunde ein neues Spiel – kann man machen.

  2. „Telefondurchsage mit den Sportergebnissen“ Herrje, die hatte ich schon längst vergessen und verdrängt. Aber es war genau so wie du es beschreibst. Ganz nach Murphys Law kam das was man hören wollte immer ganz zum Schluß wenn man sich nicht mehr konzentrieren konnte. Unfaßbar was man mal durchgemacht hat. War nicht alles besser früher…

  3. Schöner Text über ein seltsames Phänomen des heutigen „Live“-Konsums auf mehreren Kanälen.

    Bei uns lief das in der ersten Zeit so ab: SkyGo läuft, Frau schaut halb mit, Ticker meldet auf dem Tablet: Tor; ich sag zu meiner Lieben: Jetzt musste hingucken.

    Komische Sache … deshalb auch bei uns: Beschränkung auf möglichst einen Kanal.

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  6. Anruf des Kabelanbieters vor ein paar Jahren mal:

    „Wir haben ein ganz tolles Angebot für Sie, hunderte Programme mehr im dann digitalen Kabel, Receiver gibt’s auch und kostet nur’n paar Euro mehr als das derzeitige analoge Kabel.“

    Frage: „Ist das auch genauso schnell? Momentan bin ich 8 bis 10 Sekunden vor meinem besten Kumpel, wenn wir während eines Spiels telefonieren.“

    Anwort: „Wie, genauso schnell?“

    Frage: „Naja, bin ich dann immer noch 8 bis 10 Sekunden schneller als mein Kumpel?“

    Antwort: „Also, das weiß ich jetzt nicht. Die Frage hat mir noch keiner gestellt.“

    „Amateure!“ hab ich damals gedacht. DARAUF kommt’s doch an, auf nix anderes. Eben nicht am Telefon das Tor zu hören während Ballack sich im eigenen Fernseher den Ball noch zurechtlegt.

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  8. Das bringt mich zu einem bisher völlig vernachlässigten Vorteil der Winter-WM in Katar: die Gefahr, dass ein Nachbar schon jubelt, während bei mir die Flanke noch in der Luft ist, wird erheblich reduziert. Also jubeln wird er schon noch, aber ich höre es wahrscheinlich nicht mehr, da das Balkonfenster geschlossen sein wird.

    Andere Kanäle, insbesondere Twitter, nutze ich während einer Live-Übertragung sowieso nicht, zumindest nicht bei Spielen, die mich wirklich interessieren.



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