Trainer Baade (Duisburg) oder Die Seuche vom Geographiewahn

| 24 Kommentare

Es gibt viele Fußballspieler in der Bundesliga, denn in der Bundesliga wird viel Fußball gespielt. Normalerweise wird dem geneigten Zuschauer aber nicht mitgeteilt, aus welcher Stadt einer der 22 plus Einwechselspieler Protagonisten stammt. Die Nationalität wird öfter mal erwähnt, aber auch nur dann, wenn sie nicht per Nachname ohnehin schon klar ist. (Abgesehen natürlich von der alten Sportjournalismus-Krankheit, Namen anscheinend niemals wiederholen zu dürfen, sondern immer durch geographische Pseudo-Bezeichnungen ersetzen zu müssen („der Kerpener“, „der Leimener“, „der Fröttmanninger“), auch wenn diese nämlichen Lokalitäten niemandem bekannt sind (und wenn, dann nur durch die ellenlangen Wiederholungen der Sündenfälle des Sportjournalismus)).

Die Heimatstadt an sich scheint irgendwie irrelevant zu sein, gerade im kicker (nicht-schützenswerte Marke übrigens) – Sonderheft wird noch mal auf so etwas wie den „Heimatverein“ eines Spielers eingegangen. Der Heimatverein muss aber nicht aus dem Heimatort eines Spielers stammen, das wiederum interessiert aber weder den kicker noch den Leser (komischerweise).

Es gibt sehr viele Spieler in der Bundesliga, bei all jenen erfährt man aber nie, ob er jetzt aus Rijeka, Charkov oder Plovdiv stammt. Dort wird immer nur auf die Nationalität eines solchen Spielers verwiesen. Bulgare, Pole, Portugiese.

Während man das einerseits ein wenig ignorant findet, dass Spieler immer nur dann, wenn sie aus Deutschland kommen, auf ihre konkrete Herkunft heruntergebrochen werden, während Ausländer immer nur Ausländer (aus einem Land) sind, gibt es eine Berufsgruppe, die sich immer der Nennung ihres Heimatdorfes sicher sein kann.

Die Schiedsrichter.

Niemand weiß, warum man z. B. Günter Perl (Pullach) als naturgegebenes Namens-Suffix empfindet, warum man weiß, dass Manuel Gräfe aus Hintertupfingen kommt oder dass Dr. Fleischer gar nicht aus einer Fleischerei kommt.

Bei den Schiedsrichtern wird dem geneigten Interessenten ständig eine Ortsangabe aufgedrückt, welche aber grundsätzlich keine Relevanz hätte und vor allem: welche auch niemand benötigt. So verschmelzen durch ständige (1984) Wiederholung irgendwann Realität und Dorf, aus dem der arme Mensch kommt (arm, weil er natürlich lieber gerne selber aktiver Fußballprofi geworden wäre), zu einer Einheit und diese Einheit hat es in sich.

Er wird sie zeit seines Lebens nicht mehr los.

Das Problem dabei ist: Wir auch nicht. Günter Perl wird immer aus Pullach kommen, auch wenn man dabei einen großen Pinkel-Reflex entwickelt. Horst Hanschneider wird immer aus Neudorf (an der Leine) kommen, weil er eben immer so genannt wird.

Es stellt sich die Frage: Wen interessiert, aus welchem Landkaff der Schiedsrichter kommt?

Es ist Zeit, mit dieser Tradition zu brechen, macht bitte Platz für mehr relevante, aber für weniger redundante Information.

Sagt

Trainer Baade (Duisburg Dellviertel)

24 Kommentare

  1. Keine Infografiken, keine Statistiken, keine Synonyme mehr – was machen wir denn demnächst mit unserer ganzen Zeit?

    Fragt J.S. gebürtig aus VIE, aufgewachsen in A., wohnhaft in DO.

  2. Ab und an ist zumindest die Verbandszugehörigkeit der Schiris ganz interessant. Da kann man als genigter Fan schon mal vorlieben ableiten. ;-)

    Außerdem hätte man ohne nie erfahren warum Markus Merk nie aufem Betzte gepfiffen hat.

  3. Bleibt das echt so bei dir hängen, Trainer?
    Ich weiß nur, dass Markus Merk aus Kaiserslautern kommt, aufgrund dessen, was Mahqz erwähnt hat, und Babak Rafati aus Hannover (ob er da geboren ist, weiß ich nicht), weil der im Olympiastadion so beliebt ist.

  4. Ich sag doch gar nix gegen Infografiken und Statistiken als solche, ich bin durchaus selbst ein Liebhaber dieser Elemente. Ich warn(t)e doch nur davor, diese überzuinterpretieren bzw. ihnen zu viel Bedeutung beizumessen.

    Also ein Leben ohne Fußballstatistiken könnte ich mir auch nicht vorstellen.

    Die Verbandszugehörigkeit oder generell regionale Herkunft sollte sicher ein Thema sein. Aber das wirklich ganz konkrete Dorf, muss es das sein? Wenn nur diese Schiedsrichter nicht immer aus den hinterletzten Käffern kämen. Ist übrigens auch seltsam, wie wenige dieser Schiedsrichter aus einer größeren Stadt kommen: die meisten kommen echt vom Dorf.

  5. Ich protestiere energisch. Mit meinen Schiri-Kollegen habe ich manch unvergesslichen Abend damit zugebracht, die Wohnorte von ehemaligen und aktiven Unparteiischen aufzusagen, bis hinunter zur Oberliga. Jede Runde wurde mit einem Kranz Kölsch beschlossen, wobei der Gewinner eingeladen war. Zu den Highlights gehörte stets die Nennung der Kollegen Niebergall (Rammelsbach), Risse (Hattingen) und Treib (Wadgassen). (Seltsam ist übrigens, dass bei den Schiedsrichtern niemand vom „Rammelsbacher“ oder „Hattinger“ spricht oder schreibt. Dabei hatten die auch mal einen Leimener, nämlich Manfred Neuner.)

    Eine noch größere Herausforderung wäre es natürlich, auch noch die Vereinszugehörigkeiten der Referees zu kennen. Aber die weiß nur Rolf Töpper (Wien).

  6. Das ist so ein Ding der oberen Ligen oder? In den unteren Ligen wird nämlich die Vereinszugehörigkeit genannt. Und es freut mich dann ungemein, ein Dreigespann von Hertha BSC, 1. FC Union und BFC Dynamo ein Verbandsligaspiel pfeifen zu sehen.

  7. Is mir noch nie so aufgefallen, dass nur deutsche Heimatorte genannt werden. Aber interessant.

    Letztens hatte ich per Stream die Auswahl mir ein Spiel auf deutsch oder auf polnisch anzuschauen, da fiel mir die Wahl echt nicht schwer, zumal es ein Bayernspiel war und man mit Thurn und/oder Taxis oder Reich rechnen muss…

    Außerdem haben die Polen einen Fall indem ein A an den Namen drangehängt wird, was sehr hübsch sein kann, zB bei Philippa Lahma.

    Aber generell empfinde ich es als Zumutung, was einem manchmal als Sportberichterstattung verkauft wird.

    Heffer

  8. Der geneigte Leser beachte, wie irgendwann so rund um 2000 aus Markus Merk (Kaiserslautern) Markus Merk (Otterbach) wurde. Wobei ich nicht weiß, ob er auch den Verein gewechselt hat und dann – vielleicht um dem Verdacht der Parteilichkeit entgegenzutreten – statt für den 1. FC Kaiserslautern lieber für SpVgg/SC/FV/TuS Otterbach 07/03/1899 nominiert wurde. Jedenfalls liegt Otterbach bei Kaiserslautern.

    Laut Wikipedia ist Otterbach jedenfalls sein Heimatort.

  9. Am Samstag habe ich im ZDf (oder war’s bei Sky?) den Geburtsort von Felix Zwayer nicht erfahren, sondern nur, dass er für Hertha BSC pfeift – und mich sogleich auf die Verschwörungstheorien gefreut, die seine Ansetzung für das Abstiegskampfduell Nürnberg-Stuttgart mit sich bringen könnte.

  10. @liborix: Markus Merk war und ist Mitglied des 1. FC Kaiserslautern. Dass da irgendwann Otterbach in Klammern hinter seinem Namen stand, hing ausschließlich mit seinem Wohnortwechsel zusammen. Vergleichbare Fälle: Lutz Wagner (erst Hofheim, dann Kriftel), Jochen Drees (erst Mainz, dann Münster-Sarmsheim, eine Ortsgemeinde im Landkreis Mainz-Bingen), Wolfgang Stark (erst Landshut, dann Ergolding), Helmut Fleischer (erst Hallstadt, dann Neuburg/Donau und jetzt Sigmertshausen).

    Manchmal ist es ja auch ganz nett, wenn der Wohnort genannt wird. So weiß man beuspielsweise, dass Markus Wingenbach (der in der Winterpause in die 1. Liga aufgestiegen ist) in Altendiez lebt, wie auch Theo Zwanziger. Und der Ex-FIFA-Schiri Günter Linn. Da muss ein ganzes Nest sein.

  11. Ah, und noch etwas: Als ich 15 war, gab’s mal so eine Art Gewinnspiel von Kellogg’s (an die Älteren unter uns: Das sind die mit den Cornflakes). Wenn man denen eine Postkarte schickte, auf der der Name eines aktiven Bundesliga-Schiris – inklusive Wohnort! – notiert war, bekam man eine gelbe und eine rote Karte zugeschickt. Und als ich die in den Händen hielt, reifte mein Wunsch, Schiedsrichter zu werden, zur Vollendung.

    Gut, das hatte sicher auch was mit meiner autoritären Charakterstruktur und der Tatsache zu tun, dass ich nur ein mäßiger Kicker war, aber immerhin ist das der schlagende Beweis, dass es durchaus nützlich sein kann, die Wohnorte von Unparteiischen zu kennen. Und wer weiß, ob der Schlachtruf „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht“ jemals ins Werk gesetzt worden wäre, wenn nicht immer alle Zeitungen den, äh, jeweiligen Lebensmittelpunkt der Referees erwähnt hätten.

  12. In Eishockey-Berichten wird zum Schiedsrichter nie ein Ort genannt, damit er beim nächsten Besuch der Halle nicht nur noch die Überreste seines Autos wiederfindet. Also sind die Fußball-Fans wohl netter zu den Schiris, deren Parkplätze besser bewacht – oder sie nutzen alle den öffentlichen Nahverkehr…

  13. In den ersten drei deutschen Fußball-Ligen reisen die Schiris nie mit dem privaten Pkw an, sondern mit dem Flugzeug, der Bahn oder einem Mietwagen.

  14. Vielleicht will man ja aber mit den Kaffbezeichnungen dezent darauf hinweisen, dass „Amateure“ Spiele im Millionengeschäft Profifußball leiten und entscheiden dürfen. (Bayern gg. Dortmund leitet der kleinen Herr X aus Klein Kleckersdorf…)

  15. Der Herkunftsort des Schiris ist schon wichtig, sie werden ja eben nicht bei Spielen mit Beteiligung von benachbarten Vereinen eingesetzt.
    ich schätz mal daher kommt das.

  16. Eine der „Verschmelzungen“ schlechthin ist irgendwie ein gewisser „Alfons Berg aus Konz“…

  17. Alfonsberg Auskonz. Genau!

    @Liza + Trainer: Ihr stiesst mir ein Tor in eine völlig fremde Wissenswelt auf.

  18. Alfonsberg Auskonz. Hihi.

    Liza ist natürlich perverso. Und das völlig unabhängig davon, ob sie das alles gesuchmaschient hat, oder es sich tatsächlich um präsentes Wissen handelt.

    Davon ab verbinde ich mit Pullach immer noch vor allem eine der unnützeren Behörden dieses schönen Landes.

  19. ist der Merk nicht aus Schalke? Da hat er doch nie gepfiffen.

  20. vielleicht spielt auch eine Rolle, dass jeder Verein entsprechend seiner größe eine Anzahl von Schiedsrichtern für den Spielbetrieb stellen muss/sollte.
    wenn nun einer davon in höheren Ligen pfeift, ist man darauf durchaus stolz und freut sich, wenn der Name des Dorfes im Fernsehen genannt wird.
    (Ich kann mich erinnern, als E- oder D-Jugendlicher mit der Gastmannschaft in Rammelsbach gespielt zu haben: „…die haben eine Bundesliga-Schiedsrichter!“ Das war beeindruckend)

  21. Manueller Trackback: [… Statt dessen feiern wir heute Thorsten Kinhöfer (Herne)…]

  22. @derTreter: Aber es wird ja der Wohnort gennant, nicht der Heimatverein (was ich eben auch eher verstehen würde, so von wegen: Unparteilichkeit unterstreichen, da von keinem Verein kommend, der Interesse an einem gewissen Spielausgang kommend)

    Obwohl dann müsste man ja nahcträglich in die Spielberichte „Robert Hoyzer (Cafe King)“ einfügen…

  23. wingenbach aus Altendiez,Platz 4 mit noch einem Schiri in der Bewertung ,ergo 5 leute die zur Auswahl standen zur Bundesliga. Der Nachbar von Zwanziger wird in die Bundesliga befördert trotz schlechterer Leistung bzw Bewertung,was soll mann da denn denken nun? Vier Schiris vor Wingenbach werden einfach übergangen trotz nachweislich besserer Leistungen,das ist als ob ein 4 Platzierter bei Olympia die Goldmedallie bekommt,weil der IOC Präsident sei Nachbar ist. Hallo gehts noch beim DFB? Werde mal Günther Habermann (Weißensee) fragen am Wochenende ob er mich nicht auch in die Bundesliga nominieren kann ,er wohnt ja 2 orte weiter,das müsste noch reichen.

  24. Pingback: Trainer Baade » Vom Kahnbein zum Schleimbeutel:



Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.