Was bisher geschah (I): Deutschland – Schweden 4:4

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Die mehr oder weniger „daily soap“ namens „Trainer Baade“ wird natürlich auch dann fortgeschrieben, wenn gerade keine neuen Folgen veröffentlicht werden, in den letzten Tagen grippal bedingt. Ereignet hat sich dennoch eine Menge im Intriganten- und Mimosenstadl namens Profifußball, was jetzt aufgearbeitet werden muss.

Deutschland führt nach berauschender Gala im Berliner Olympiastadion gegen den vermeintlich stärksten Konkurrenten in der Qualifikation für die WM in Brasilien mit 4:0 und gibt historisch einmalig eine Führung mit vier Toren noch aus der Hand. Schwierig macht die Bewertung dieses auch hier als „Desaster“ titulierten Ereignisses die Hinterher-ist-man-immer-klüger-Problematik. Denn wer hätte schon groß nach den zwei Gegentoren gekräht, wenn es beim 4:2 geblieben oder gar noch zu einem 5:2 oder 6:2, wie sonst gerne vornehmlich gegen Österreich erzielt, angewachsen wäre?

Hinterher weiß man natürlich, dass es falsch war, nicht die Defensive zu stärken. Aber hat man das Fehlen eines solchen Schrittes nach den zwei Gegentoren durch Griechenland bei der EM bemängelt? Oder nach jenen zwei durch eben genanntes Österreich in einem der vorigen Spiele? Hat man Löw vorgeworfen, dass er nach dem Anschluss durch die Niederlande bei der EM nicht anders gewechselt hat, als er es tat?

Insofern ist es wichtig zu wissen, ob alle, die nun nörgeln oder sich überhaupt äußern, wenigstens nach dem 3. Gegentor sicher waren, dass auch noch ein viertes folgen würde. Was retrospektiv schwierig in ehrlicher Weise zu beurteilen ist, gerade da diese Partie nun auch schon 7 Tage her ist. Dennoch einmal die Bitte an alle, die diese Frage für sich innerlich beantworten, dies so ehrlich wie möglich zu beantworten (mit dem Wissen im Hinterkopf, dass Zeugenaussagen vor Gericht mit höchster Vorsicht zu genießen sind, das gilt dann natürlich auch hier):

War nach dem Tor zum 3:4 wirklich so glasklar, dass auch ein viertes folgen würde, dass man anders hätte wechseln müssen?

Die Folgen dieses verheerenden Remis‘ sind insbesondere angesichts der noch nicht verarbeiteten (geschweige denn verziehenen) Halbfinalniederlage gegen Italien sowie den beiden sehr schwachen Partien gegen Argentinien und Österreich nicht einzuschätzen. Immerhin hätte Löw, so er nicht ebenfalls grippal erkrankt wäre, diesmal die Eier gehabt, nicht wochenlang in der Versenkung zu verschwinden, um sich hernach in einer etwas obskuren Pressekonferenz ohne Anlass gegen alle aufgelaufenen Vorwürfe, sinnvoll (schlechtes Coaching) oder nicht (Hymne, etc.) zu erwehren.

Sondern wäre direkt ins Sportstudio des ZDF marschiert und hätte sich dort verteidigt. Eloquenter sicher als direkt im Anschluss ans Spiel, als ihm nicht nur das Gesicht aus selbigem, sondern auch jeglicher Lebensgeist aus den Gliedern gefahren war. Das darf man merkwürdig finden, gleichzeitig darf man auch darauf hinweisen, dass derlei in nun 104 Jahren Länderspielgeschichte tatsächlich noch nie vorgekommen ist.

Weshalb man auch hier zur Einordnung dieses Ereignisses wissen sollte, sofern man im Fußball etwas „wissen“ kann, ob es schlicht ein ganz besonderes, aber einmaliges Ereignis war, oder ob es sehr wohl etwas mit der aktuellen Konstellation an Spielertypen und deren Auftreten in Länderspielen zu tun hat. Und ja, die Fragestellung ist, alter Martkforschungstrick, zugespitzt, damit man sich entscheiden muss. Wer meint, dass man diese Frage nicht entscheiden kann, der stimme eben nicht ab. Allen anderen allerdings Dank im Voraus.

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Was sich auf jeden Fall enorm verändert hat, ist die öffentliche Sicht auf Löw. Schon wieder ein Fehler, wenn nicht gleich mehrere, jedenfalls hat er falsch und zu wenig (die dritte!) Auswechslungen getätigt, zumindest Letzteres ist unabhängig von allen hellseherischen Fähigkeiten zutreffend.

Womöglich ist Löw es angesichts der vielen positiven Ergebnisse in den letzten Monaten nicht mehr gewöhnt, überhaupt in solchen Partien in hektische Situationen zu geraten. Möglicherweise war er es aber auch noch nie. Und vielleicht war Urs Siegenthaler an jenem Abend in Berlin beim Stand von 4:0 auch schon nach Hause gegangen, in ein Hotel am Alexanderplatz, mit extradicken Betonwänden aus der Zeit des Kalten Krieges und ergo keinem Handynetz. Wenn aber ein Trainer derart von anderen Geistern abhängig ist, darf die Frage gestellt werden, wieso Siegenthaler eigentlich nicht mit auf der Bank sitzt.

Löws Image jedenfalls hat, ob nun durch ihn verschuldet oder durch einen hanebüchenen Schwenk des Fußballgotts, enorme Kratzer erhalten. Und angesichts der vier Gegentore mit allen Schwächen der jeweils beteiligten deutschen Spieler ist noch dazu völlig in den Hintergrund gerückt, dass weiterhin keine Standards trainiert werden, ob defensiv oder offensiv.

Ebenso weiterhin darf man das hier nicht falsch verstehen: Löw soll nicht abgelöst werden. Die verfügbaren und willigen Alternativen wären kaum besser. Nur soll er endlich an seinen eigenen Schwächen arbeiten. Insofern mag dieses 4:4 tatsächlich einmal als mittlerer Wendepunkt gesehen werden. Die Augen kann man jedenfalls nun endlich nicht mehr davor verschließen, dass „vorne hui und hinten pfui“ gegen Spanien oder Italien nicht reichen wird. Und dass die langjährige defensive Nachlässigkeit endlich wirksam bekämpft werden muss. Natürlich macht das einem wie Löw weniger Spaß, weil es da weniger zu feiern gibt. Aber: (auch) zo is voesbal.

13 Kommentare

  1. Der Unterschied des 4:4 gegen Schweden und der 2 Gegentore durch die Griechen ist, daß bei dem einen die Überlegenheit schwand, während sie gegen die Griechen gewahrt blieb. Die Gegentore der Schweden ließen eine Dynamik aufkommen, die bei den Griechen da war. Die Griechentore waren Schönheitsfehler, die der Schweden nicht. Klar, wenn man sich richtig dumm anstellt, kann man auch gegen einen viel schwächeren Gegner noch verlieren. Aber gegen einen Gegner, der nur etwas schwächer als man selbst ist, muß man doch sehr viel aufmerksamer sein als gegen eine Mannschaft, die nur durch Fehler der stärkeren Mannschaft Erfolg haben kann. Vor allem, wenn der Gegner eine Granate wie Ibrahimovic in seinen Reihen hat (sorry, hatte mich vor dem Spiel durch verschiedene Youtube-Bestof von ihm geklickt. Ich bin immer noch hin und weg von dem Typen). Wenn man diese permanente Aufmerksamkeit nicht hat, weil es gerade so gut läuft, ist das eine strukturelle Gefahr.

    Ich meine mich zu erinnern, nach dem 1:2 in Österreich eine Bewertung gelesen zu haben (vielleicht sogar bei Dir, habe das beim Suchen aber gerade nicht gefunden), die sagte, die deutschen Tore wären dem schwachen Torhüter geschuldet gewesen, das österreichische Tor wäre aber wegen der schwachen deutschen Abwehr zustande gekommen. Das mit dem Toreschießen haben die Deutschen prima hinbekommen, die vier Treffer gegen Schweden waren kein Zufall, aber die Schwächen in der Abwehr sind nicht behoben. Sich an so etwas zu erinnern bezeichne ich nicht als nachtragend.

  2. Löws Image? Der Mann steckt bis zu den Ohren in der klassischen lame-duck-Falle.

    Nach der EM-Pleite hätte er einen Bilderbuch-Abgang haben können: „Es ist mir zum vierten Mal – trotz heißen Bemühens – nicht gelungen, was zu gewinnen. Daher mache ich Platz für einen Besseren. Danke.“

    DAS wäre ein Auftritt/Abtritt gewesen! Als „großer Trainer“ hätte Löw ganz nach Gusto überall die dollsten Jobs an Land ziehen können. Das hat er (auch) vergeigt, obendrein im Trotzkind-Style.

    Nun geht das große Gegreine, Gejammer und Geflenne bis 2014 weiter.

    Flankiert von Zigtrillionen Artikeln „er kann es/er kann es nicht, er kann es/er kann es nicht, er kann es/er kann es nicht… usw., usf.

    Das halte ich nicht durch. Gnade, Jogi!

  3. Was hat es mit der Siegenthaler-Anspielung auf sich?

  4. Ganz konkret nichts.

    Vager betrachtet haben zumindest einige der Trainer in der Bundesliga ein „taktisches Mastermind“ neben sich, welches meist eher von der Öffentlichkeit unbemerkt wirkt. Es wäre nicht unwahrscheinlich, dass auch Löw selbst taktisch eher unbeschlagen ist und die tatsächliche taktische Arbeit und Einstellung bzw. Planung von Siegenthaler ausgeht, welcher wiederum ein Team um sich herum nutzt.

    Und noch mal ganz vage war Siegenthaler während der EM mit einem Hörsturz erkrankt und außer Gefecht — und heraus kam ein völlig vercoachtes Halbfinale gegen Italien, bei dem noch dazu unnötigerweise bis zur Halbzeit gewartet wurde, ehe auf Missstände reagiert wurde.

    Aber: Nichts Genaues weiß man leider nicht, und wird man auch nicht erfahren, wenn nicht jene, welche es wissen (könnten), mit der Sprache herausrücken. Ob er überhaupt beim Schwedenspiel anwesend war, weiß ich zum Beispiel nicht.

  5. Ich bring‘ das mal ganz konkret auf den Punkt: Siegenthaler könnte unter Umständen für Löw das sein, was Löw übereinstimmenden Vermutungen zufolge für Klinsmann war.

  6. Ja, allerdings kommen wir mit dem Konjunktiv auch nicht wirklich weiter. Wikipedia sagt immerhin, dass Siegenthaler seit 2005 für den DFB tätig ist, also schon zu Klinsmanns Zeiten. (Interessant auch, wer den Job eigentlich hätte übernehmen sollen: Berti Vogts (welcher bekanntlich Klinsmann beim DFB vorgeschlagen hatte)). Siegenthaler existiert also schon seit 2005 in der Nationalelf, und wird auch damals schon Einfluss genommen haben.

  7. Interessant. Komm‘ mir gerade vor wie bei der Auflösung eines Krimis, bei der ein unscheinbarer Nebencharakter plötzlich als genialer Strippenzieher entlarvt wird.

    Gibt es Theorien, wer in der Bundesliga mit einem „Mastermind“ arbeiten? Bei Trainerwechseln sieht man ja häufig, dass ein kleines Team mitwechselt, z.B. bei Magath. Das wäre doch mal einen Artikel wert ;).

  8. Vielleicht liegts daran,dass ich mich für die Nationalmannschaft nicht so sehr begeistern kann, aber für mich war es einfach ein geniales Spiel.Da wurden Erinnerungen an unser 4-4 in Karlsruhe wach.
    Aus meiner Sicht gar nicht so ungewöhnlich das Zustandekommen des Ergebnisses. Ein Gegentor kann verunsichern und umso mehr fielen umso mehr haben die hinten das Flattern gekriegt…Spricht für eine zu junge und nicht abgezockte Mannschaft…
    Ich behaupte mal vor zehn Jahren hätten wir keine vier Dinger gegen Schweden gefangen. Aber vermutlich auch keine 4 geschossen…Mir gefallen so ne Spiele trotzdem…

  9. @ Eisenmann

    Der Artikel wurde gerade geschrieben. Ich habe aber keine Ahnung, wer Xtranews ist.

    http://www.xtranews.de/2012/10/20/war-seppo-eichkorn-der-macher-im-magath-team-co-trainer-position-so-wichtig-wie-nie/

    Jürgen Klopps Co-Trainer, der auch schon in Mainz mit ihm tätig war, fällt wohl auch in die Kategorie „Talente, die sich ergänzen“. Wenn hier eine Liste wichtiger Co-Trainer zusammenkommt, wäre es interessant zu analysieren, wer es vom Co-Trainer zum erfolgreichen Cheftrainer gebracht hat. Das Vornestehen ist nicht jedermanns Sache. Wo wird Hansi Flick in einigen Jahren tätig sein?

  10. Da Urs Siegenthaler erwähnt wurde.

    Hier ein vielsagendes Interview unmittelbar vor dem WM-Halbfinale gegen Spanien im Juli 2010.

    http://www.tagesspiegel.de/sport/fussball-wm2010/interview-dfb-chefscout-urs-siegenthaler-spanier-sind-zu-stolz-fuer-ausraster/1876940.html

    Noch ein paar Worte zu Übungsleiter Löw hat. Ist er eigentlich noch im Amt? Okay, das war billig. Ich hab ihn immer sehr kritisch gesehen. Auch bereits 2008.

    Natürlich hat der Boulevard nach dem unsäglichen Aus gegen die smarte italienische Elf in vielen Dingen sehr unsachlich auf Löw draufgehauen und einzelne Details draufgehauen.

    Hymne: Quark, man schaue die stummen Helden von 1974 beim spielen der Hymne sich auf Archivaufnahmen an. Breitner, Müller, Hoeneß, Beckenbauer und Co. Die Lippen blieben ganz gut verschlossen.Trotzdem besiegte die deutsche Elf das ,,Spanien“ der 70er Jahre um Neeskens, Cruyff und Co.

    Verpampern der Elf: Okay, es muss keiner mehr mit dem VW-Käfer durch die Gegend fahren, wenngleich es mich vor Jahren stutzig machte, als der Trainer des damaligen deutschen Frauenhandballmeisters aus Nürnberg mir in einem Gespräch die Zeitfenster und Trainingsumfänge der Fußballer vom 1. FC Nürnberg und der Nürnebrger Handballerinnen darlegte.

    Der Trainer und Hausherr dieses Blogs hatte ja letztens auch ein altes Playboy-Interview mit Schweinsteiger hier auf dem Trainingsgelände ausgegraben. Da umreisst Schweinsteiger die Tagesstruktur…bienenfleißig geht anders.

    Doch wenn sie den Titel im Sommer geholt hätten würde man ja auch großzügig über diese Sachen hinwegsehen.Also die Sache mit dem Trainingsfleiß, Standardsituationen üben etc.

    Was mir bei Löw mir zu kurz kam: Sein Statement zu den taktischen Fehlern im Halbfinale gegen Italien.

    Erst abtauchen, dann vor dem Argentinien-Spiel ein Festival der Floskeln mit Schelte auch an seriösen Journalisten. Man frage bei Rolf Schneider vond er Schwäbischen Zeitung nach. Der Mann hat Löw immer verteidigt. Nach der PK war er … etwas abgewendet von Löw. Ausklammern der taktischen Löwschen Fehler vom Übungsleiter.Danach eine klare Niederlage gegen die Südamerikaner. Krisenmanagement geht anders.

    Irgendwann wächst Gras drüber … dachte vielleicht der Stab mit Köpcke, Flick, Bierhoff und Co. Dann kommen diese symphatischen Schweden. Drehen ein 0:4 in einer guten halben Stunde. Gehen voll mit dem Rasenmäher über das gerade nach dem Irland Spiel wieder etwas gewachsene Gras hinüber. Ein bissel gemein.

  11. “.. Die verfügbaren und willigen Alternativen wären kaum besser. ..“
    Pep G. hat also schon gesagt, er will nicht? :)

  12. Ich halte es da auch eher mit mikewerner.
    Bei allem solte man auch nicht vergessen, dass weder Spiele noch Titel wirklich planbar sind, auch wenn letzteres mittlerweile nahezu Prämisse jeglicher Diskussionen ist.

    Auf den Punkt gebracht hat es Härringer:
    http://www.spottschau.com/

  13. Urs Siegenthaler ist mir unbekannt. Der kann also keine große Rolle spielen. ;-)



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