Als Deisler die letzte Hoffnung war

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Beruflicher Aufenthalt in Berlin, und mitten in der Woche ein Länderspiel. Wir schrieben das Jahr 2000, das Sommermärchen war von dort aus gesehen ebenso weit entfernt wie von heute aus: 6 Jahre würden noch ins Land gehen, bis der (Länder-)Fußball vollends in der Mitte der Gesellschaft angekommen sein würde (oder kann sich irgendjemand lebhaft erinnern, wo er die EM 2004 verfolgt hat?), und eben deshalb auch an seinen Rändern. Wobei er beim vorletzten Spiel gegen Griechenland, heutiger Gegner bei der EM 2012, zumindest am rechten Rand schon längst angekommen war, wie mir der Blick in die Kneipe unschwer verriet, in die ich mich auf der Suche nach einer Sehmöglichkeit des Länderspiels zwischen Deutschland und Griechenland begeben hatte. Vom Hotel aus in Mitte irgendwo Richtung Nordwesten, was vielleicht nicht die beste Idee war. Doch Fußball war noch nicht angekommen in der Mitte, und deshalb zeigten auch nur besondere Kneipen überhaupt Fußballspiele live und in Farbe (allerdings nicht nur „solche“).

Die Gegend wurde immer weniger prächtig, doch der Auswahlmöglichkeiten taten sich nicht entsprechend des Fußweges mehrere auf, sondern eigentlich nur eine einzige, man hatte das Gefühl, dass das Einkommen der Anwohner proportional zur Entfernung von Mitte sank und da der Anstoß nahte, also eben in diese Kneipe gehuscht, die von innen zunächst das Herz jeden Fußballfans höher hätte schlagen lassen, wären da nicht noch die anderen Begleitumstände gewesen.

Denn an einer der vier Wände des ersten Raumes, den man durch den Eingang betrat, waren fein säuberlich alle bisherigen Bundestrainer als eingerahmtes, nicht zu kleines Foto an die Wand gehängt. Bundestrainer und Reichstrainer. Echtes Geschichtsbewusstsein, das heißt, Fußballgeschichtsbewusstsein, das kann ja nichts Schlechtes, nun, es war dann vielleicht doch eher „Geschichtsbewusstsein“.

Die Wirtin noch bürgerlich-harmlos berockt, blickte ob des Neuankömmlings ein wenig skeptisch, vielleicht schauten öfter mal Zivile rein, waren die vier übrigen Gäste ein älterer Herr und drei Skins, man durfte davon ausgehen, nicht von der linken Sorte.

Als erster prangte „Dr. Otto Nerz“ an der Wand, möglicherweise sogar mit der Unterschrift „Reichstrainer“ von 1926 bis 1936 versehen, darunter die üblichen Bekannten, die Zeit von Erich Ribbeck war gerade abgelaufen. Angesichts eines gegen damals extrem verschlafene, weil noch in der Sommerpause befindliche Spanier errungenen 3:1 4:1-Sieges surfte man ein wenig auf der Euphoriewelle, die Völlers Amtsantritt bewirkt hatte.

Zudem spielte in der Nationalmannschaft besagter Sebastian Deisler, dessen Fähigkeiten damals paranormal wirken, heute neben Götze oder Özil gestellt immer noch ganz akzeptabel scheinen, vor allem, wenn man auf die Mitspieler namens Carsten Jancker, Jens Jeremies oder Marko Rehmer blickt. Carsten Jancker, der sich zu jenen Zeiten bekanntlich nicht davon distanzieren wollte, dass seine (Non-) Frisur Anlass zu Spekulationen gab, einem Wessi wie mir ohnehin aufgrund seines Ossitums plus Outfits des Rechtsseins relativ verdächtig, wie auch alle anderen Anwesenden in diesem inoffiziellen Vereinsheim der deutschen Nationalmannschaft, irgendwo fußläufige 20 Minuten von Berlin-Mitte entfernt.

Damals waren auch keine schwarz-rot-goldenen Plastikdingse en vogue, vielmehr bestand die besonders deutsche Einrichtung daraus, dass man in typischem Gelsenkirchener Barock hauste, die glattgezuppten Tischdecken mit Bierdeckeln mit altdeutscher Schrift versehen und ansonsten eben einfach nur auf Bier und den Qualmgeruch von Zigaretten vertraute, welche in Tateinheit jahrzehntelang am besonderen Bouquet dieser Gaststätte gearbeitet hatten.

Wenn man dem Autor jetzt vorwirft, diese Lokalität nicht stante pede verlassen zu haben, ahnt man ungefähr, wie arg es um seine Fußball-Leidenschaft bestellt ist. Die Alternative, das Spiel zu verpassen, war eben keine. Und das erste mobile TV im Telefon hatte der Autor auch erst im Jahr 2008, im Jahr 2000 lebten sogar noch viele Menschen gänzlich ohne mobiles Telefon, sodass sogar ein privater SMS-Ticker vielleicht hätte schwierig werden können. Das Spiel begann und die Gesellschaft begab sich ins Hinterzimmer, wo die WM-Qualifikationspartie von Hamburg aus übertragen wurde.

Recht schnell zeigte sich die Überlegenheit der Deutschen auf dem Platz, wie auch im Hinterzimmer, in dem der Autor schweigend an seinem Bier nippte und auf möglichst positiven Spielverlauf hoffte. In eigenem fußballerischem Interesse, aber auch im Interesse der Stimmung dieser Lokalität. Und da blieb eigentlich nur auf Sebastian Deisler zu hoffen, denn auch wenn Mehmet Scholl heute gerne den Erklärbär an der Außenlinie gibt: In seiner eigenen Nationalmannschaftskarriere hat er sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert, wie auch in dieser Partie nicht.

17 Minuten benötigte Sebastian Deisler dann zur Erleichterung nur, um mit einem Treffer die Zeichen auf Sieg zu setzen. Ansonsten ist nicht viel von dieser Partie haften geblieben, denn die Umstände waren zu herausstechend. Gut, phänotypisch waren da auch bei einer Niederlage keine Verwechslungen möglich gewesen, anders als wenn der Gegner Dänemark oder Holland geheißen hätte, aber dass die Laune einem Fremden gegenüber möglicherweise nicht besonders freundlich gewesen wäre, und sei er auch noch so deutsch, schien nicht gänzlich ausgeschlossen. Und beruhigte sich ebenso wie jene Sorge des Einfahrens der drei Punkte erst gänzlich mit dem Eigentor der Griechen in der zweiten Hälfte zum 2:0-Endstand für … die deutsche Nationalmannschaft im Fußball.

Denn anders als die Herren neben mir wahrscheinlich annahmen, spielte dort nicht Deutschland, Fußball ist kein Ersatzkrieg, sondern eine Auswahl von besonders guten Fußballspielern, die gegen eine Landesauswahl anderer besonders guter (immerhin schon unter den letzten 7 des Turniers) Fußballspieler antreten. Mehr nicht, da kann man reininterpretieren, was man möchte. Wenn man es genau nehmen will, spielt dort der DFB, welcher wiederum nichts Anderes als der Fußballverband in Deutschland ist, nicht aber eine politische, alle hier lebenden Menschen vertretende von irgendetwas außer sich selbst (bzw. der FIFA, welche wiederum selbst keine Legitimation besitzt) legitimierte Einrichtung. Man versuche zum Beispiel einmal, als zwar Deutscher, aber Nichtmitglied des DFB Einfluss auf dessen Entscheidungen zu nehmen. Wie man weiß, ist das bereits als Mitglied beinahe ein Ding der Unmöglichkeit.

Heute Abend also wieder diese Auswahl an Fußballern gegen Griechenland. Im Fußballsport und sonst nichts weiter. Es möge also allen die Zunge und auch die Tastatur vom Smartphone abfallen, die platte, chauvinistische Witzchen über die finanzielle und politische Lage der Griechen machen und die gesamte Partie in einen politischen Kontext stellen, wie das aber ohnehin für jede andere Paarung ebenso gilt. Entfesselter Anti-Italienismus scheint bedauerlicherweise zu Turnierfußballzeiten in diesen Breiten besonders hoffähig zu sein, auch dank der gewissenlosen Arbeit einer gewissen Zeitung, welche hier aber ohnehin nicht als Denkersatz fürs eigene Hirn akzeptiert würde.

Anderenfalls, falls also weder Zunge noch Tastatur vor dem Sprücheklopfen abfallen, droht die Strafe, nicht unter 8 Partien in jener Spelunke zu sehen, in der man zweifellos auf der Seite der Deutschen steht, und sich dann zu vergegenwärtigen, wie viel oder wenig man mit einem solchen Deutschland eigentlich gemein haben möchte.

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5 Kommentare

  1. Auch wenn es nur ein unwichtiges Detail dieses Artikels ist: ich bin mir recht sicher, dass Deutschland damals 2000 Spanien sogar mit 4:1 schlug?

  2. Jo, stimmt, etwas in meinem Hinterkopf schrie auch laut auf während des Tippens, aber ich habe nicht genug hingehört. Danke, ist geändert.

  3. Sehr theoretisch und von Wunschdenken getragen. In Italien könnten sie mit einer derartigen Abstraktion (Länderspiele sind keine Spiele zwischen Ländern) nix anfangen.

  4. Schon klar, dass das hier von Wunschdenken durchsetzt ist. Wollte nur mal für mich klar machen, dass ich, wenn es der Zufall gewollt hätte, auch Schweden-Fan hätte sein können. Und dass man in einem Land, das und wie es 1954 Weltmeister geworden ist, äh, Tschuldigung, dessen Nationalmannschaft im Fußball natürlich nur, das nicht so strikt trennt wie ich, ist ebenfalls klar. Es bedürfte auch weiterer sozio-kultureller Betrachtung. Die ich aber für meinen eigenen Standpunkt nicht benötige (also gerne einfließen lasse, aber nicht basal brauche).

  5. Pingback: Weise Worte von Trainer Baade « sportinsider



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