Bis dass der Tod uns

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Eins verstehe ich wirklich nicht, vielleicht kann mir jemand der Betroffenen es erklären. Warum muss man seinem Verein, der einen irgendwann in ganz jungen Jahren erwählt hat — schließlich sucht man ihn sich nicht selbst aus — ein Leben lang treu bleiben?

Er tut nichts für einen, nimmt nur dankend die Kohle an, die man für (Dauer-)Karte und Bier und Bratwurst raushaut, im Gegenzug lässt er einen macht- und mittellos dastehen, führt einen meist durch tiefe Täler des Leids, manchmal führt er einen nach diversen Abstiegen gar in die entlegensten Orte des Landes, er lässt einen ewig warten, erfüllt aber so gut wie nie die in ihn gesetzten Erwartungen.

Er beutet einen aus, man selbst aber soll stets treu sein? Man darf keine andere neben ihm haben, man darf sein Herz nicht mal Liebeleien-like mal kurz woanders hin ausleihen, man wird nicht ernst genommen mit seinen Anliegen, Wünschen und Forderungen und dennoch wird man als ureigener Bestandteil, quasi als basaler Rechtfertigungsgrund für diesen Club genommen.

Abwenden aber darf man sich nicht, egal welche Missverhältnisse herrschen, welche Fehleinkäufe und -strategien angewendet werden.

Kein Mensch würde eine solche Nibelungentreue im wahren Leben fordern. Schließlich kann man sich immer noch selbst aussuchen, wen man heiratet.

Warum aber existiert dieser Ritus, Glaube, Brauch von der absoluten Treue, geradezu faschistisch-führer-esk, von dem man niemals abfallen dürfe, beim Fansein zu Fußballvereinen?

Erklärt es mir.

31 Kommentare

  1. Dessen Wahrscheinlichkeit eh bei 1 liegt, also hab ich es sofort erledigt.

  2. Wenn man die wahre Liebe gefunden hat, hat man kein Interesse mehr an anderen…

  3. Mööp. Wahres-Leben-Vergleich.

  4. Ich reihe mich ein die Gruppe derer, die es erklärt bekommen möchten.

  5. Wer es erklärt bekommen muss, wird es nicht verstehen.

  6. So kommst Du mir nicht davon.

  7. Es geht ja nicht um „Fansein“, das kenne ich sehr, sehr gut. Es geht um den Aspekt, dass man seine Farben ein Leben lang nicht wechseln darf. Warum nicht?

  8. Eher wie die Tasse Tee, die man als Kind aufgeregt zur Schlusskonferenz schlürfte… Wer wollte sie missen?

    Wahrscheinlich aber sind die Gründe so gebrochen wie nur sonst was.

  9. Das ist schwer zu erklären.

    Ich habe die Farben gewechselt.
    Von Köln zu (den Namen des Vereins verrate ich nicht). Damals, ich war noch jung. Da konnte man noch nicht verstehen, daß der Torhüter auch mal den Verein wechselt (ich suchte mir damals den Verein aus, dessen Torhüter ich mochte).

    1987
    HSV
    Seitdem immer dort. Mich interessieren/bewegen andere Vereine nicht so wie mein Verein.

    Warum sollte ich wechseln?
    Weil der andere Verein attraktiver ist? Das kann man machen, ich würde dann aber sagen, daß es keine „Liebe“ war, sondern Interesse, ein Verliebt-sein.

    Wahre Liebe muß man doch nicht erklären, sie ist einfach da. Und währt ewig.

    Das ist schwer zu erklären.

  10. Trainer, ich glaube die Fragestellung ist falsch. Man DARF schon den Verein wechseln. Das Problem ist, dass man (zumindest ich) es nicht KANN.

    Als kleiner Junge (genauer 1974) habe ich mich für Borussia Mönchengladbach entschieden. Eine gute Wahl – damals. Seit ca. 15 Jahren beschert mir selbige aber ein versautes Wochenende nach dem anderen. Und ich habe keine Ahnung, wieso. Ich bin noch nie oft ins Stadion gegangen, habe kein Sky-Abo, und sitze trotzdem, wenn wieder mal die allwöchentliche Niederlage im Radio durchgesagt wird, da und bin getroffen. Bis ins Mark. Ich verstehs einfach nicht. Frauen kamen und gingen, aber dieser Verein lässt mich einfach nicht mehr aus seinen Klauen.

    Ich DARF Bayern-Fan werden, ich KANN es aber nicht …

  11. Wolfgang,

    das finde ich eine gute Erklärung.
    Ich kann auch nicht den Verein wechseln. Es geht einfach nicht.

  12. Natürlich wird man von seinem Verein in der Regel enttäuscht. Dann wäre das Naheliegendste natürlich sich einen neuen Verein zu suchen. Von dem man dann aber auch wieder nur enttäuscht wird. Beispiel: Schalker sehnen sich nach der Meisterschaft. Wie oft schafft der Klub das? Nie. Dann geh ich halt zum FC Bayern, die werden ja immer Meister. Jetzt erwarte ich aber den Champions League Sieg. Wie oft schafft Bayern das? Genau: So gut wie nie. Zusätzlich zu meiner enttäuschten Erwartung hab‘ ich jetzt aber auch ein Imageproblem (vergleichbar mit dem Typen, der jede Frau der Stadt schon mal hatte, weil er immer wieder enttäuscht wurde, beziehungsweise nie zufrieden war).
    Das Ding ist: Man würde niemals irgendwo bleiben, weil man niemals zufrieden sein kann.

    Naja, ganz ehrlich, da kann ich noch so viele vage Theorien aufstellen, selbst wenn ich irgendwann mal auf die wahnsinnige Idee kommen würde, den Verein zu wechseln, ich könnte es nicht. Das ist wie mit guten Freunden. Man kennt sich seit Jahren, hat viel zusammen durchgemacht, ganz sicher auch mal gegenseitig enttäuscht, aber auf jeden Fall in der Summe sehr viel mehr Spaß miteinander gehabt. Sowas wirft man ja auch nicht leichtfertig weg. Ich zumindest nicht.

  13. da, wo du herkommst. Lokalpatriotismus. Man wird halt irgendwo geboren und da gibt es dann bestimmt auch einen Verein.
    (Ich konnte damals schon die Kinder im $erfolgreicherVerein-Trikot irgendwie nie verstehen – das ist doch totale Entfremdung)

  14. Nee, das stimmt absolut nicht. Jedenfalls nicht als umfassendes Erklärungsmodell.

    Gerade Mönchengladbach hat Fans überall in der Republik. (Okay, Bayern auch, aber da griffe die Erfolgsfan-These, welche bei Gladbach zumindest seit 1979 nicht mehr greift. Den einen Pokalsieg mal außen vorlassend.)

    Außerdem hat die Antwort jetzt relativ wenig mit der Frage zu tun. Nicht, warum und wie man Fan wird wollte ich wissen, sondern warum man ein Leben lang treu sein muss.

  15. Es ist das Alter. Mit den Jahren tut man sich immer schwerer damit, neue Vereinsbeziehungen einzugehen. Deshalb sollte ein junger Mensch gut überlegen, auf wen er sich da einlässt, überreißt es aber mangels Lebenserfahrung noch nicht wirklich. Und dann, plötzlich, kommt er nicht mehr raus, aus der königsblauen Nummer.

  16. Kein Mensch würde eine solche Nibelungentreue im wahren Leben fordern. Schließlich kann man sich immer noch selbst aussuchen, wen man heiratet.

    Du hast zwar ungenau formuliert, schließlich gehört Fußball sehr wohl zum wahren Leben, aber im außerfußballerischen Leben ist die Tugend Treue, so wie sie ein echter Fan für seinen Verein empfindet, in der Tat eher selten. Und daraus schließe ich mit meinem Bachelor in Abstellkammerpsychologie, dass die Möglichkeit, einer großen Sache teutonische Treue bis ins Grab hinein angedeihen zu lassen, dem Fußball ein für viele verlockendes Fast-Alleinstellungsmerkmal gibt.

    Heirat – Scheidung. Vaterland – nun, diese Geschichte ist hierzulande auch ziemlich durch. Automarke – relativ unsexy. Aber ein Fußballverein – tjoa, dem könnte man ewige Treue schwören, ohne Gefahr zu laufen, albern oder uncool zu wirken, irgendwann ein garstig Weib an seiner Seite zu haben oder – untreu zu werden.

  17. Du hast dir die Antwort doch schon selbst gegeben.

  18. Ich MUSS nix Trainer. Aber: Will der Mensch nicht wenigstens eine Sache im Leben, die Bestand hat? Ich wüsste fast nichts anderes. Frauen kommen und gehen, Freunde kommen und gehen, Feste kommen und gehen, Jobs kommen und gehen…..ich könnte ewig so weitermachen. Aber der Verein bleibt!

  19. Schöne Frage! Ich denke, es entwickelt sich im Laufe der Jahre ein immer feiner werdendes Beziehungsgeflecht aus Sympathien und Antipathien. Club A hat mal dem symphatischen Underdog B den Aufstieg versaut, Club C ist mal ungerechtfertigterweise die Lizenz nicht entzogen worden, Club D weist schon immer einen geringen Zuschauerzuspruch auf usw usf. So entwickelt sich ein Mosaik aus Erfahrungen und Gefühlen, das immer feingliedriger wird, je mehr Saisons man mitverfolgt. Außerdem die regionalen Bindungen oder (Lebens-)Einstellungen: Club E wird von einem CSU-Mann geführt; der Dialekt, der in der Gegend von Club F gesprochen wird, ist scheiße; Stadt G ist ein Drecksloch und also ist es deren Club auch usw. usf. Ich glaube, dass man aus diesem Netz nicht rauskann, weil es immer einen Grund gibt, dem potenziellen „Nebenbuhler“ der eigenen Mannschaft nicht sein Herz zu öffnen.

    Übrigens ist dieses Beziehungsgeflecht auch der Grund dafür, warum ich Plastikclubs wie Hoffenheim oder Wolfsburg hasse wie die Pest und viel lieber Waldhof Mannheim oder RW Essen in Liga 1 sähe (trotz jahrelangem Dilettantismus der dortigen Verantwortlichen).

  20. Jaja, das ist ja alles auch nachvollziehbar. Soweit. Aber: Was ist denn, wenn der Verein plötzlich 5. Liga spielt, wenn nur noch Idioten im Präsidium rumfuhrwerken, wenn plötzlich Peter Neururer als Trainer geholt wird? Wie soll man da treu bleiben? Und warum?

  21. Oh, das war jetzt auf Dr. Socrates bezogen, Gundula Gause kam erst danach rein.

  22. meine Frau letzte Woche zu mir so: Ich versteh nicht, wie man ewig an so einem Loser-Verein hängen kann.
    Du bist also nicht allein, Trainer.

  23. Nun Trainer, wenn der Verein von Idioten beherrscht werden würde, stellen wenigstens die unerschütterlich Treuen ein Gegengewicht dar. Würde ich einfach mal denken.

  24. Trainer, ich verstehe jedes Wort in dem Post (bis auf den Nazivergleich vielleicht^^), denn als Fan des schwarz-weiß-blauen Klubs aus Ostwestfalen kommt man gerade jetzt an diesen Fragen nicht vorbei.

    Warum es nun so ist, dass viele von uns trotz all dessen, was dort auf und neben dem Platz schiefgeht, immer noch auf der Tribüne stehen? Keine Ahnung. Ich kenne auch viele, die seit dem letzten Abstieg kein Spiel mehr gesehen haben. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass man etwas gefunden hat, wovon man Teil ist, was Teil meiner Identität ist und worauf man trotz allem stolz ist. Und ein bisschen ist man ja auch stolz darauf, einer von denen zu sein, die auch in harten Zeiten nicht in den Sack hauen.

  25. Vorweg: Ich meine nicht, dass man den Verein nicht wechseln dürfe.

    Die Anhänglichkeit zu einem Verein ist oft ein soziales Ding. Man geht mit Freunden zum Spiel. Man geht zum Spiel und trifft dort Bekannte. Man trifft dort Freunde, die man nur dort trifft. Man fährt zum Auswärtsspiel an entlegene Orte, meidet Fanbusse und -züge, geht ins Stadion und sieht bekannte Gesichter. Das müsste man sich bei einem Vereinswechsel erst mal wieder hart erarbeiten.

  26. Klar darf man den Verein wechseln, die meisten können es nur nicht. Und selbst wenn ich es könnte: Welcher Verein sollte denn so herausragend anders sein, dass ich seine Farben annehme? Wer behandelt mich denn anders, als oben von Dir beschrieben? Ich muss aber zugeben, dass ich nicht wüsste, was passieren würden, wenn mein Verein irgendwann in den Amateurfußball absteigen würde.

    Solange man den kritischen Blick nicht verliert und das, was in den eigenen Augen falsch läuft, auch anprangert anstatt es schön zu reden, ist es völlig in Ordnung, denselben Farben ein Leben lang hinterher zu laufen.

    Ich will einmal Meister und einmal Pokalsieger werden, da hab‘ ich noch circa 60 Jahre Zeit für. Stell‘ Dir mal vor, ich würde jetzt wechseln, zum VfB Stuttgart oder so, und 2037 wird Gladbach Meister…

    Gerade die Menschen, die einem Verein überhaupt so tief verbunden sind, dass man sie als richtige Fans bezeichnen kann, denen eine Niederlage zumindest die kommenden Stunden versaut, die stecken in der Sache einfach zu tief drin, um dasselbe für einen anderen Verein empfinden zu können.

  27. @Jannik:
    Bis 2037 hättest Du immerhin schon 2-3 Meisterschaften gefeiert, je nachdem, wann der VfB seinen 30er-Jahre-Titel plant.

  28. Aber ein Fußballverein – tjoa, dem könnte man ewige Treue schwören, ohne Gefahr zu laufen, albern oder uncool zu wirken, irgendwann ein garstig Weib an seiner Seite zu haben oder – untreu zu werden.

    Umgekehrt wird der Vereinswechsel eines Fans geächtet, während eine Scheidung heutzutage kaum noch ein Kopfschütteln hervorruft. Wer sich bezogen auf einen Fußballclub entliebt bzw. neu verliebt wird als unnormal angesehen, wird hinterfragt und ihm werden unlautere Absichten (Mode-, Erfolgsfan, Mitfeiergeier) unterstellt.

    Ich denke man kann von einer großen Dunkelziffer ausgehen. Irgendwoher müssen die Menschen ja kommen, die plötzlich in Hoffenheim im Stadion sitzen oder die dafür sorgen, dass Klubs Steigerungen in Ticket- und Fanartikelverkäufen verbuchen können.

  29. Trainer: >>Jaja, das ist ja alles auch nachvollziehbar. Soweit. Aber: Was ist denn, wenn der Verein plötzlich 5. Liga spielt, wenn nur noch Idioten im Präsidium rumfuhrwerken, wenn plötzlich Peter Neururer als Trainer geholt wird? Wie soll man da treu bleiben? Und warum?<<

    Okay, ich muss zugeben, dass wir 2002 "nur" viertklassig wurden, aber mit dem Rest Deines Beispiels kann ich dienen. Sogar nicht nur mit Peter Neururer, sondern auch mit Horst Köppel. Und Thomas Berthold als Manager. Undundund. Und irgendwann fragt man sich natürlich: Warum tue ich mir das noch an? Eine Antwort habe ich auch nicht. Nur: Ich WILL es mir antun, weil alle diese Gestalten relativ belanglos und sehr vergänglich sind (besonders Dancing Pete). Solange noch Fortuna Düsseldorf drauf steht, und die in irgendeiner Liga auflaufen, will ich wissen, wie es ausgeht. Auch wenn ich verarscht werde. Aber eben nie vom Verein, sondern nur von den Gestalten, die in dieser Zeit in seinem Namen dilettieren dürfen. Auf den Verein fällt das nicht zurück. Bei mir auf jeden Fall nicht. Ich habe schon immer geschrieben: "Die beste Mannschaft der Welt", selbst wenn wir mit elf gefühlt Einbeinigen beim Tabellenletzten der Oberliga Nordrhein 1:4 verloren haben (so geschehen gegen den Gürzenicher FC 09 Düren am 13.10.2002…). Aber immerhin stand Fortuna Düsseldorf drauf, und sie sind tatsächlich angetreten. Das ist es letztlich, was für mich zählt.
    Hm, eine Erklärung war das sicherlich nicht. Nur "E Jeföhl".
    PS. Ich halte mich mittlerweile für dermaßen gefestigt, dass ich auch Holgi Fach als Trainer irgendwie überstehen würde. Aber dies wäre sicherlich eine Grenzsituation.



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