Deutschland — Italien bei Turnieren oder Don’t look back in Ehrfurcht

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Explizit noch mal der Hinweis, dass solche Auflistungen der Vergangenheit keinerlei Aussagekraft für die Zukunft besitzen. Sie sind nur das, was auch der Fußball selbst ist: Eine nette Spielerei. Und weil wir das wissen, dürfen wir uns diesen Blick in die Vergangenheit auch erlauben, ohne in Ehrfurcht vor dieser zu erstarren. Was wir hier denken und tun ist ohnehin vollkommen wurscht, wichtiger ist, dass die Journalisten, die auf diese Bilanz verweisen (werden), nicht von den Spielern wahrgenommen werden. Und dass niemand, niemand, niemand seine Frage auf der Pressekonferenz damit einleitet, dass Deutschland noch nie zuvor bei einem Turnier gegen Italien gewann. Denn dies ist der einzige Weg, auf welchem eine derartige Bilanz Wirkmächtigkeit für die Zukunft erhält: Wenn sie die Psyche der ausführenden Spieler verändert, obwohl dazu keinerlei Anlass bestünde.

Wir also dürfen diesen Kram hier lesen und genießen, nicht aber die Spieler. Und falls doch irgendein Honk diese Frage auf der Pressekonferenz stellt, sollte er unter allen Umständen hinzufügen, dass die Vergangenheit (in diesem Fall) keinen Einfluss auf die Zukunft hat. Was aber auch nur noch wenig retten könnte, denn ist die Information vom Noch-nie-gewonnen-haben erst einmal zu den Spielern durchgedrungen, wird sie sich dort einnisten und ihre Wirksamkeit, die sie ja eigentlich nicht besitzt, voll entfalten. Es sei denn, die Spieler sind ähnlich unbekümmert, wie man es ihnen in böser Absicht des Öfteren unterstellt. Dann prallte diese Information eventuell an ihnen ab und hätte doch keine Auswirkung auf das kommende Halbfinale.

Apropos Halbfinale. Wir wollten uns ja den bisherigen Turnierspielen gegen Italien widmen — und da sind gleich zwei Halbfinals und ein Finale dabei. Also los:

WM 1962, Vorrunde
Deutschland — Italien 0:0

WM 1970 Halbfinale
Italien — Deutschland 4:3 n. V.

WM 1978 2. Finalrunde
Italien — Deutschland 0:0

WM 1982 Finale
Italien — Deutschland 3:1

EM 1988 Vorrunde
Deutschland — Italien 1:1

EM 1996 Vorrunde
Deutschland — Italien 0:0

WM 2006 Halbfinale
Italien — Deutschland 2:0 n. V.

Bilanz bisher also 7 Turnierspiele, alle Vorrunden- und Zwischenrundenspiele endeten remis, alle KO-Rundenspiele gewann Italien, 3 an der Zahl, 2 davon erst in der Verlängerung. Torbilanz aus deutscher Sicht: 5:10. Von den 5 Toren gegen Italien im Wettbewerb erzielte 1 Paul Breitner im WM-Finale, 2 Gerd Müller und 1 „ausgerechnet“ Schnellinger sowie 1 Andreas Brehme.

Man hört es nicht gerne, aber es lässt sich nicht vermeiden, die folgende total neue und bahnbrechende Erkenntnis aus dieser Bilanz zu ziehen: Bei Turnieren hat Deutschland noch nie gegen Italien gewonnen — und deshalb logischerweise bislang jedes KO-Rundenspiel gegen Italien verloren. Der Song ist zwar eigentlich *******, aber plötzlich hat man Grönemeyers „Zeit, dass sich was dreht“ im Ohr. Vielleicht auch, weil er zur Zeit der bitteren letzten Turnierniederlage gegen Italien gerade en vogue war.

„Wir haben keine Angst“, erklingt eine sonore Stimme, und Sommermärchenfilmguckern läuft ein leichter Schauer über den Rücken.

21 Kommentare

  1. Zu spät. Irgend ein Maulwurf hat geplaudert. Sie wissen es längst.

  2. Geil, ein Fluch^^.

    Die Stimme der Jugend hätte da was:
    http://www.youtube.com/watch?v=o_zc_bSWEj0

  3. Es sind 4 Unentschieden und 3 Niederlagen. 1 der Niederlagen geht in Ordnung (Finale 82), bei der 2006er Niederlage hatten sie das Glück des Abgezockteren (und Olli hätte gehalten, da bin ich mir sicher), und die Niederlage im Jahrhundertspiel ist eine der größten Ungerechtigkeiten der Fußballgeschichte, begünstigt durch Arturo Yamasaki, den korruptesten Schiedsrichter der Fußballgeschichte, der einseitig für Italien pfiff und uns mindestens zwei klare Elfmeter verweigert hat.
    So gesehen macht mir diese dauernde Unentschieden-Spielerei mehr Sorgen als die Niederlagen.

  4. Die Niederlage 2006 hatte recht wenig mit italienischem Glück zu tun, wenn man sich die Spieldaten mal anschaut. Noch weniger, wenn man sich heute das Spiel noch mal anschaut.

  5. Die Niederlage 2006 hatte wenig mit italienischem Glück zu tun, sondern mit fehlendem Milchreis.

    Milchreis gehört zu den Lieblingsspeisen vieler Spieler. Wie kam es dazu?

    Das ist schon lange so. Ein Spieler hat mir mal erzählt, warum sie 2006 nicht Weltmeister geworden sind: Weil es an dem Tag vor dem Halbfinale gegen Italien keinen Milchreis gegeben hätte. Er meinte das im Ernst.

    (Via Blog-G.)

    Im Ernst: Stefan hat, meiner Ansicht nach, Recht. Glücklich wäre gewesen, wenn Deutschland 2006 weitergekommen wäre.

  6. Aber natürlich haben die vergangenen Spiele einen Einfluss auf die zukünftigen! Wie wir seit Rangnick wissen: „Es ist eine mathematische Tatsache, dass mit jedem Spiel, dass man verliert die Wahrscheinlichkeit steigt, dass man das nächste Spiel gewinnt!“
    Noch Fragen?

  7. Es haben schlappe 3 Minuten oder was zum Elfmeterschießen gefehlt. Dann noch zwei Tore zu machen hat auch mit Glück zu tun.

  8. @chris
    Totschlagargument. Das beendet natürlich jede Diskussion. Zumal ich Milchreis hasse.

  9. Für die Jahre vor ‚82 kann ich nicht sprechen, weil noch zu gering an Jahren, aber diesmal empfinde ich durchaus Zuversicht den „Fluch“ zu bannen. Grund: Die deutsche Mannschaft ist diesmal deutlich spielstärker als die italienische, das war in den Duellen, zumindest in denen nach 1970, nicht mehr der Fall. Dazu kommt, dass, jedenfalls in meinen Augen, die Deutschen auch die individuell stärker besetzt sind, besonders wenn man die Gesamtheit des Kaders betrachtet. Italien hat 3 Schlüsselspieler, das sind Buffon, deRossi und, natürlich, Pirlo. Der Rest ist mehr oder weniger Durchschnitt, und ein Spieler wie Balotelli mag zwar großartige Fähigkeiten besitzen, zeigt diese aber sehr selten, ist nicht eben teamfähig und macht viel zu wenig in der Defensive.

    Die taktische Überlegenheit die italienische Teams früher gegen die Deutschen zeigten ist seit Löw passé, wenn der Bundestrainer mit einer ähnlich offensiven Aufstellung spielt wie gegen die Griechen wird die Abwehr Italiens massive Schwierigkeiten bekommen, zumal man gegen Deutschland, anders als gegen Spanien, nicht die Flügel „herschenken“ kann, weil von da sowieso nicht geflankt wird (in Ermangelung großgewachsener kopfballstarker spanischer Spieler). Dazu kommt, dass weder Balotelli noch Cassano für die Defensive mitarbeiten, dass wird sich rächen, wenn die Deutschen schnell spielen.

    Natürlich besteht die Möglichkeit, dass Deutschland wieder unterliegt, aber dennoch scheint mir die Möglichkeit die Italiener zu schlagen diesmal größer denn je.

  10. Anders akzentuiert:

    Bei 6 von 7 Spielen stand es nach der regulären Spielzeit von 90 Minuten unentschieden. Nur 1982 war Italien so viel stärker, dass es D innerhalb der 90 knacken konnte.

    Der bedauerliche Sieg von 2006 war verdient, weil a) Ausdruck der doch etwas größeren Klasse (individuell: Pass von Pirlo, Schusstechnik von Grosso) und b) Ausdruck des großen Willens, es noch in der Verlängerung zu entscheiden (z.B. offensive Einwechslungen) und dafür auch das nötige Risiko nach vorn einzugehen. Dies war auch der Gegensatz sowohl zu früheren italienischen Mannschaften, die sich nach einem 1:0 zu sehr auf Defensive verlassen hatten, sich selber einlullten und den Willen zur Entscheidung vermissen ließen (z.B. WM 2002, auch bei EMs gelegentlich), als auch zu Argentinien im Viertelfinale 2006.

    Vor der WM 2006 hätte man sich halt nicht träumen lassen, dass man überhaupt für 118 Minuten auf Augenhöhe (oder minimal niedriger) gegen Italien antreten würde. Jetzt ist das ganz anders aufgrund der Entwicklung der deutschen Mannschaft seitdem.

  11. Es ist wohl das erste Mal seit vielen Jahren, daß sich die deutsche Mannschaft zumindest auf Augenhöhe mit Italien befindet.
    Hoffentlich wisen das die Spieler auch und lassen sich nicht von der Vergangenheit verrückt machen.

  12. @wawerka: Prandelli macht mir aber auch einen taktisch fitten Eindruck bzw. er kann seinen Kader einschätzen.
    D.h. wenn man zu der Überzeugung kommt, dass Cassano und Balotelli gegen Deutschland zu wenig defensiv arbeiten würden, dann kannst du davon ausgehen, dass die beiden auch nicht zusammen starten werden. (evtl. Diamanti dann hängend? Kenne aber den italienischen Kader nicht gut genug)

    Italien ist vielleicht, neben den Deutschen, das taktisch vielseitigste Team. Könnte also spannend werden.

  13. Es wird nicht spannend. „Wir“ verlieren. Wie immer. Es gibt Gesetzmäßigkeiten im Fussball, die erkennen nur die Eingeweihten, aber daran ist nicht zu rütteln. Am Ende gewinnen immer die Italiener, so steht es geschrieben. Jogis Jungs spielen um den dritten Platz gegen Portugal, und sie werden dieses Spiel dann gewinnen. Auch das steht geschrieben: wir werden immer Dritter. Also gegen Portugal jedenfalls.
    Dafür ist dann der Ausgang des Finales völlig offen. Italien gegen Spanien, darüber steht im Buch des Lebens nichts geschrieben. Warum auch immer.

  14. Klar, diese Gesetzmäßigkeiten sind bekannt, zu diesen Gesetzmäßigkeiten gehörte aber auch (bis 2008), dass Spanien im Viertelfinale rausfliegt. Also lässt sich da doch was ändern…

  15. Bei der EM gibt kein Spiel um Platz 3. Und klar ist aus der Vergangenheit, dass, wann immer „wir“ ein EM-Finale verloren, 4 Jahre später Europameister wurden.

  16. @ chris: Bei Spanien tippe ich auf einen Pakt mit dem Teufel, so was von Seele verkaufen und so. Seitdem spielen die Iberer ja auch einen langweiligen, seelenlosen Fussball und geben dem Gegener nie den Ball. Öde ist das, ein moderner Antifussball.
    @M: Wirklich? Danke für den Hinweis. Sollte die WM sich ein Beispiel nehmen. WM- und EM-Regularien sollen doch angeglichen werden. Aber es wird natürlich so kommen, dass die Europäer ein sinnfreies Spiel gegen Platz 4 einführen werden, und dann ein 32er Starterfeld. Erhöht nunmal die Einnahmen. Ist aber ein anderes Thema.

  17. Den Spaniern hatte wohl auch keiner gesagt, dass sie noch nie gegen Frankreich in einem Turnier gewonnen haben. Insofern geht jede Serie irgendwann mal zuende.

    Die Niederlage 2006 war besonders bitter, weil man a) kurz vor der WM noch große Zweifel am Erfolg der deutschen Mannschaft hatte, sie b) überraschend gut spielte und c) mit Argentinien zum ersten Mal seit fast 6 Jahren ein großer Gegner besiegt werden konnte. Danach dachte man: Jetzt ist alles möglich.

    Die Italiener hatten bisher eine durchwachsene Turnierleistung abgeliefert und außerdem noch zu Hause einen Skandal (deutsche Fußballskandale pflegt man hingegen gerne zu vergessen). Man gönnte es ihnen einfach nicht.

    Aber wie Trainer Baade schon ganz richtig feststellte: In diesem Halbfinale waren sie den entscheidenden Tick besser. Das heißt nicht, dass sie „verdient gewonnen haben“, aber sie haben einfach die Tore gemacht. Immerhin wissen wir seit dieser EM, dass die Strategie, gegen Italien bis zum Elfmeterschießen durchzuhalten, auch im Erfolgsfall am Ende nicht erfolgreich sein muss.

    Der Spruch „Die haben Angst“ aus dem Film ist wirklich saudumm und offenbart eine gewisse Selbstüberschätzung. Hochmut kommt vor dem Fall…

    Das 1:1 von 2011 halte ich durchaus für aussagekräftig. Hätte Löw allerdings auf Ergebnis halten spielen lassen wollen, hätte er nach dem Führungstor nicht so viele Wechsel vorgenommen. Insofern scheint er kein Freund dieser vielbeschworenen Serien zu sein, die es zu halten bzw. zu beenden gilt.

    Italien 2012 ist nicht Italien 2006, eher stärker. Die Italiener haben in der Vorrunde ein sehr gutes Spiel gegen Spanien abgeliefert, bei dem beide Seiten bis zuletzt das Siegtor schießen wollten. Statt einem hässlichen Defensivspiel, wie es in den Fußballballaden über Italien stets gesungen wird, scheinen die Italiener diesmal offensiv mehr zu wollen. Gleichzeitig hat Deutschland – wie auch Trainer Baade bereits bemerkte – in letzter Zeit ein Problem (oder keine Lust), „zu Null“ zu spielen. Es könnte also wieder ein 3:4 werden. Deutschland ist zwar ebenfalls 2012 besser als 2006, aber ich sehe sie im direkten Vergleich nicht vorne.

  18. Pingback: EURO2012-Tagebuch (29) | feynschliff Blog

  19. Klar, nach Statistiken steht Italien deutlich besser da.
    Ich hoffe aber für unsere Mannschaft, dass wir uns trotzdem nicht verstecken, denn dann denke ich gewinnen wir ohne Probleme.

  20. erst mal: es ist gut, dass Italien im HF wartet (und nicht das Fallobst von der Insel). Unser Jungs müssen voll da sein und laufen sich warm für das Finale :)

    Die Italiener machen ein Tor, weil Jerome B. ein mal schläft. Und dieser Abwehr werden unsere Jungs drei einschenken (wenn Mario G. nicht den Platz in der Mitte zwischen den beiden IV zustellt).

  21. Pingback: EURO2012-Tagebuch (30) | feynschliff Blog



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