Gewissensfrage: Bei Hymnen nicht mitsingen

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Eigentlich nur eine Frage für immigrierte Nationalspieler, würde man annehmen — ob nun aus einer anderen Nation immigriert oder einer anderen Weltanschauung, in der Nationen keine Rolle spielen.

Doch auch der gemeine Fan auf der Straße muss sich diese Frage dann und wann stellen. Zumindest eine gar nicht so kleine Mehrheit jener Fußballfans, die zwar Anhänger eines bestimmten Fußballclubs ist, aber nicht in dessen Heimatstadt lebt und auch noch nie gelebt hat.

Wenn in den Vereinshymnen aus unerfindlichen Gründen nicht nur der jeweilige Verein, seine Farben, seine Spieler und seine Erfolge abgefeiert werden, sondern auch noch die Vorzüge der jeweiligen Stadt schwülstiger noch, als es je ein Reiseprospekttexter hinbekäme, gepriesen werden, dann stellt sich für jeden Auswärtigen die Gewissensfrage: Mitsingen oder nicht?

Von dem einmaligen Lebensgefühl in Köln hat er, auf seinem Sofa in Gera sitzend, doch noch nie etwas mitbekommen. Er kennt, in Buxtehude daheim, den Viktualienmarkt nur aus dem Fernsehen. Und obwohl er selbst in einer Bäckerei in Sulz am Neckar schuftet, ahnt er nicht einmal das Geringste von dem vermeintlichen großen Zusammenhalt in einer Bergarbeiterstadt wie Gelsenkirchen.

Mitzusingen wäre also ein wenig verlogen, wenn der Songtext jene eine Stadt so preist, da man ja nicht nur ahnungslos bezüglich der Eigenarten dieser Stadt ist, sondern auch keine sonstige Verbindung zu der Stadt hat. Nur weil man einst gerne Littbarski zusah, liebt man doch nicht die Stadt Köln und schon gar nicht ihre Bewohner.

Nicht mitzusingen würde aber das eigene Fan-Erlebnis in jenem Aspekt entscheidend schmälern, der überhaupt erst ausschlaggebend für ein Fandasein ist: dem emotionalen. Noch dazu erweckte es den Anschein, als würde man den Text der Hymne des eigenen Vereins nicht kennen. Das kann sich kein Fan erlauben, der als „echter“ tituliert werden will.

Ein Dilemma also, aus dem es kein Entrinnen gibt. Denn sich in dieser Frage nicht zu entscheiden, ist nicht nur nach Watzlawick nicht möglich.

7 Kommentare

  1. Also zumindest auf den FC trifft das nicht zu. Grundsätzlich wird zwar in fast jedem kölsche Karnevalslied auch die Stadt und „dat Jeföhl“ besungen, in der FC-Hymne aber nicht. Im Gegenteil, da heißt es sogar, dass es sogar in Rio und Rom Fans vom FC Kölle gibt.

  2. cf. Karl, L.K.: „Hamburg, meine Perle“ ? Hymne, die sich darauf beschränkt, die anderen madig zu machen — bezeichnend für das Fantum in jener Stadt.

  3. Auf den „Stern des Südens“ trifft das auch nicht zu. Im gesamten Stück geht es ausschließlich um den FC Bayern als Klub, aber an keiner Stelle um die Stadt München.

  4. „nur eine Frage für immigrierte Nationalspieler, würde man annehmen — ob nun aus einer anderen Nation immigriert oder einer anderen Weltanschauung, in der Nationen keine Rolle spielen.“
    Gemäß dieser Definition waren 1974 aber viele globale Freidenker in der deutschen Mannschaft …
    http://www.youtube.com/watch?v=W4Ljs-WVwX0#t=6m53s

  5. Das Mitsingen der Hymne vor Länderspielen wurde erst 1984 eingeführt, und zwar von Franz Beckenbauer persönlich.

  6. ..Auf seinem Balkon in der Sonnenallee stehend möchte er in Mönchengladbach streng genommen nicht tot über‘m Zaun hängen.

  7. Bei welcher Gelegenheit stellt sich denn die Gewissensfrage? Die Hymne ist doch praktisch nur Teil der Heimspiel-Liturgie. Ich kenne niemanden, der anderenorts dann den Fernseher ansingt. Selbst wenn man wollte wird doch die Hymne seitens des Kommentatoren immer mit dem Verlesen der Aufstellung überquatscht. Aber man will auch nicht. Trotzdem wäre es schöner, wenn für diese kurze Zeit mal keiner ins Mikro reden würde und der Blick in die Fankurve nicht von der taktischen Aufstellung überdeckt wird. Nationale Hymnen werden respektiert, warum also nicht auch die Vereinshymnen?



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