Interview: 10 Monate seinen Traum leben

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Markus Oellers war 10 Monate beim KFC Uerdingen im Training Heute sprechen wir mit einem der Nebendarsteller des Fußballs, die ihre 15 Minuten Ruhm oder auch 10 Monate Training bekommen und dann wieder abtauchen. Trainer Baade hat einen davon ausfindig gemacht.

Hallo, Markus Oellers, Dein Name ist den Fußballfans in Deutschland wohl kein Begriff, dabei bist Du eigentlich ein ganz besonderer Star, in Deinem Twitterprofil nennst Du Dich scherzhaft selbst einen Z-Promi. Du hast im Jahr 2005 einen Kaderplatz beim damaligen Oberligisten KFC Uerdingen bei eBay ersteigert. Eine komplette Saison lang durftest Du an allen Trainings teilnehmen, warst Teil der Mannschaft und bist sogar immerhin ein Mal einige Minuten zum Einsatz gekommen.

Ich hatte diese Versteigerung damals sogar hier im Blog erwähnt, ohne ahnen zu können, dass wir uns nur wenige Monate später kennenlernen würden. Dann dauerte es immer noch fünf Jahre, bis ich von dieser Deiner Geschichte erfuhr.

Über die gesamte, fabelhaft im Wortsinne klingende Aktion würde ich gerne heute mehr von Dir hören. Bevor wir uns mit den Details und Anekdoten während dieser zehn Monate beschäftigen, die Eingangsfrage, wie Du überhaupt auf die Idee gekommen bist, mitzubieten.

Als glühender Fan lässt man es sich nicht entgehen, mitzubieten. Mit meiner Freundin hatte ich damals abgesprochen, dass 2.500 Euro die Obergrenze sind und sie stand voll hinter mir. Als die Auktion damals endete, war ich gerade im Urlaub und freute mich für den Verein, der damals weltweit Schlagzeilen machte und ein nettes Sümmchen bekommen sollte …

Wie viel hast Du schließlich bezahlt?

Ich war irgendwo an 30. oder 35. Stelle von den eBay-Geboten und habe schließlich genau 2.688,05 Euro an meinen Club überwiesen. Bekommen habe ich die „Stelle“, weil ich ein Probetraining mit Kamerateams gemacht habe, während die Auktion noch lief … wegen meiner eBay-mich-Seite waren die Medien und der Verein damals auf mich gekommen. Dem KFC ging es laut eigener Aussage damals weniger um das Geld — das Höchstgebot von einem Anwalt aus Hamburg lag bei über 30.000 EUR, der dann aber zurückzog — als vielmehr darum, einen echten Fan oder Fußballverrückten zu engagieren.

Und wie lief das dann im Detail ab? Du hast schließlich noch einen richtigen Vollzeitjob ausgeübt zu jener Zeit, wenn ich es richtig erinnere? Wie oft habt Ihr trainiert, wie hast Du das organisatorisch hinbekommen?

In der Regel war jeden Tag ein Mal Training, nach Spielen aber auch mal ein Tag frei. Die 2-3 Stunden Training — inklusive Besprechungen und Körperpflege — konnte ich kompensieren, schließlich laufen manche auch jeden Tag vor oder nach der Arbeit. Durch meine selbständige Tätigkeit hatte ich die Möglichkeit, mir die Zeit etwas besser einzuteilen, als wenn ich Angestellter gewesen wäre.

Und die physische Seite? Ein bisschen Fußball spielen in diesem Metier ja wohl alle — aber jeden Tag und dann auf so einem hohen Niveau? Jeden Tag todmüde vom Training nach Hause?

Das Ganze war für mich auch eine Motivation, einige Kilos von den Rippen zu bekommen. Allgemein schätzt man das Niveau in Liga 4, also damalige Oberliga, nicht so hoch ein, aber wenn man sieht, dass ich mit mehreren Ex-Profis, u.a. Stephan Paßlack, gespielt und trainiert habe, kann man sich das vielleicht vorstellen. Ich war denn auch gerade am Anfang oft verletzt, weil ich vielleicht auch zu viel wollte …

Wie hoch hast Du selbst denn vorher gespielt und für wie groß würdest Du den Niveau-Sprung einschätzen, vielleicht in Prozent oder Vielfachem?

In der Jugend habe ich beim damaligen Werksclub Bayer 05 Uerdingen gespielt, nach den ersten Trainingstagen der damaligen A-Jugend musste ich aber verletzungsbedingt und aufgrund eines Schulwechsels meine Karriere beenden. (Grinst.)

Danach habe ich nur noch sporadisch in Hobbyligen und in der Halle bei einer Betriebssportmannschaft gespielt. Ob und wie viel ich während der KFC-Zeit gelernt habe, kann ich nicht beurteilen. In jedem Fall war mein neuerlicher Ehrgeiz gepackt, der dann unter Anderem in der Gründung des Klein-Feld-Club Uerdingen im Jahre 2006 gipfelte.

Wie bist Du aufgenommen worden? Die übrigen Spieler wussten schließlich, dass Du kein Profi oder Ähnliches bist, warst Du da nicht ein ziemlicher Fremdkörper?

Ich war damals super nervös, denn schließlich waren die Spieler meine „Stars“. Meine Vorstellung in der Kabine — „Hallo, ich bin der Markus und bin Stürmer“ — wurde aber herzhaft lachend zur Kenntnis genommen. Teilweise haben gerade die etablierteren Spieler mit einem kritischen Auge darauf geschaut, dass ich tatsächlich jeden Tag mittrainierte — aber ich habe mich sehr zurückgenommen, nicht gegrätscht oder sonstwie gefoult, ich wollte schließlich nicht der Grund für den Ausfall eines Leistungsträgers sein. Vor dem Training habe ich damals auch mit einer Gruppe Spieler sehr oft zu Mittag gegessen und noch heute zu Einigen von damals Kontakt.

Wie ist überhaupt die Stimmung und wie sind die Abläufe in so einer Mannschaft? Da würde mich eigentlich alles interessieren, was Du dazu erinnerst. Gab es Flachs untereinander, Verständnis oder eben kein Verständnis für Schwächen der Anderen? Hat die Mannschaft auch selbst über die Spielanlage oder Taktik diskutiert? Was war der Zeitvertreib der Spieler abseits des Trainings und wie groß waren die Unterschiede bei der Bezahlung?

Ich habe in meiner Zeit bei Uerdingen sehr wechselnde Stimmungen in der Mannschaft erlebt, was auch an den Handlungen der damaligen Vereinsführung und den 2-3 Trainerentlassungen bzw. Rücktritten lag. Details möchte ich nicht nennen, sonst bekomme ich noch Stadionverbot! (Lacht.)

Im Ernst, der KFC ist geführt wie ein Proficlub und auch die Spieler haben sich dementsprechend verhalten. Klar gibt es mal Flachs, wenn zum Beispiel unser Elfmeterschütze trotz gefühlter 20 Fehlschüsse immer wieder den Ball fordert und manchmal wird auch über die Schwächen von Spielern gelästert, aber da ist, glaube ich, kein Unterschied zu einer Kreisliga-Mannschaft.

Beim KFC, das ist kein Geheimnis, gab es auch damals schon Profis, die entsprechend verdient haben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch immer wieder gerade junge, hungrige Spieler, die fast ohne Bezahlung spielen, um sich bei Uerdingen einen Namen zu machen.

Wie ist Dir der Trainer begegnet? Hat er Dich überhaupt wahrgenommen? Und falls ja, hat er Dich überhaupt ernst genommen?

Es gab nicht unbedingt den Trainer, denn ich habe in meiner Zeit mindestens drei erlebt. Wolfgang Maes betreute die Mannschaft bis zum Anfang der Rückrunde, dann wurde der Co Hussi zum Chef und anschließend trat der damalige Neuling Jürgen Luginger seinen ersten Trainerjob an. Letzterer hat mich — auch im Training — weniger berücksichtigt, was aber wohl auch am Erfolgsdruck im Umfeld lag.

Denn bis auf das letzte Spiel gingen alle Partien verloren oder wurden Remis gespielt … Es gab jedenfalls große Unterschiede zwischen einem Trainerfuchs und einem Jungspund, der gerade von der „Schule“ kommt. Während der eine viele Freiräume ließ und einen Großteil durch Motivation regelte, spulte der Neuling seine gerade gewonnenen Erkenntnisse ab.

Aber wie man an Saarbrücken sieht, ist Luginger ja keinesfalls ein schlechter Trainer.

Das Highlight der ganzen Zeit war dann ja wohl Dein Einsatz in einem Spiel?

Meine Krönung der gesamten Aktion war das Spiel gegen den FC Bayern München, in welchem ich die letzten drei, vier Minuten spielte, zwei Ballkontakte hatte und in einer Situation sogar Hasan Salihamidzic ausgespielt habe. Knapp 20.000 Fans brüllen Deinen Namen bei der Einwechslung, das war wirklich geil. Aber auch vorher war ich für die letzten Minuten — immer ohne Ballkontakt — gegen die Profis des MSV Duisburg und gegen eine Trainerauswahl, unter Anderem mit Icke Häßler, eingewechselt worden.

Was waren sonst noch herausragende Anekdoten aus dieser Zeit, die Du öffentlich machen kannst, willst, darfst?

Wegen der Fernsehteams, die mich nach dem Bayern-Spiel sofort bestürmten, konnte ich kein Trikot ergattern. Als ich dann allen brav Rede und Antwort gestanden hatte, lief ich schließlich zur inzwischen fast leeren Kabine und niemand Geringeres als Felix Magath persönlich reichte mir eins meiner Favoriten, nämlich das Trikot von Mehmet Scholl.

Aber leider war er an dem Tag ohne Einsatz geblieben und — noch schlimmer — ich war schließlich der einzige Uerdinger, der sein Trikot im Tausch abgeben musste. Im Nachhinein war das vielleicht ein Fehler …

Würdest Du sagen, Du hast für 10 Monate Deinen Traum davon gelebt, Teil genau der Mannschaft zu sein, deren Fan Du bist? Und war es so toll und faszinierend, wie Du es Dir erhofft hast? Wie es sich eigentlich alle Fans vorstellen, ausgerechnet dieses Hobby quasi — bei Dir war es ja nicht ganz so — zum Beruf zu machen?

Bis zum Bayern-Spiel war alles traumhaft und ich war so stolz, im 100-Jahr-Buch als Spieler aufzutauchen und Teil „meines“ Vereins zu sein, den ich auch schon zum Pokalsieg 21 Jahre vorher nach Berlin begleitet hatte.

Dass wir dann von einem Aufstiegsaspiranten zum Fast-Absteiger wurden, hat aber auch die Stimmung im Team und im Umfeld etwas gestört, weshalb ich mich lieber an die guten Dinge erinnern möchte. Trainingslager auf Norderney, das Bayern-Spiel, die temporäre Berühmtheit — das war alles viel besser als erwartet. Zumal ich gerade von dem Spiel gegen München bei meinem Einstand nichts wusste …

Sicher gab es auch weniger positive Dinge, die wir hier aber angesichts der Verifizierbarkeit des Zeitpunkts Deines Einsatzes nicht weiter diskutieren wollen. Wenn Du es jetzt noch mal nachrechnest: War es seinen Preis von 2.688,05 Euro wert?

Ich habe mal vor verschlossenen Toren gestanden, als das Training ausfiel und mich niemand informiert hatte … das fand ich etwas frech. Oder meine eigentlich geplante Einwechslung im letzten Spiel, die aus taktischen Gründen — ich hätte mehr als eine Minute spielen müssen und wir führten nur 1:0 — ins Wasser fiel. Insgesamt war der Preis für die Auktion aber ein Schnäppchen, vor allem wenn man bedenkt, dass manch einer schon genauso viel oder sogar mehr für einen zweiwöchigen Urlaub ausgibt. Die tollen Erfahrungen kann mir keiner nehmen.

Vielen Dank für Deine Auskünfte, Markus Oellers, jetzt ist wohl jeder, der dieses Gespräch über Deine Zeit als Semiprofifußballer gelesen hat, neidisch auf Dich. Ich jedenfalls schon.

Markus Oellers betreibt www.oellers.com, ist @MarkusOellers bei Twitter und auch bei diesem Dings.

Zum Zeitpunkt der Ersteigerung der Teilnahme am Training des KFC Uerdingen war Markus Oellers 32 Jahre alt, beim Spiel gegen die Bayern 33 und damit im besten Fußballalter. Wie ja auch Hasan Salihamdzic erleben durfte …

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