Ja das „Buch“ is äh

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Oliver Kahn hat ein Buch mit dem gewohnt bescheidenen Titel „Ich“ geschrieben. So weit, so bekannt. Was wahrscheinlich nicht bekannt ist, ist dass er immer noch auf Platz 23 der Sachbuch-Bestsellerliste in Deutschland liegt. Oliver Kahn! Sein Sachbuch!

Die Veröffentlichung ist schon Monate her und immer noch kaufen etliche Menschen dieses Buch. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass man dort irgendetwas erfährt, was man nicht viel besser, eloquenter und auf-den-Punkter und vor allem viel lieber von Bernhard Peters (polemik- und ironiefrei, nur falls jemand fragt) erführe.

Leider ist das Werbevideo nicht direkt einpflegbar, aber auf jeden Fall sehenswert: Wie Oliver Kahn zunächst inmitten von leeren Stadionsitzen gedankenverloren auf die Seiten seines Buches starrt (würde er lesen, würden sich ja seine Pupillen bewegen). Und dann von der Stimme aus dem Off gefragt wird, worum es in seinem Buch geht:

Das bekannte Schnaufen, gefolgt von

Ja das Buch is äh

Natürlich geht es um

Erfolg

Wenn man ein Buch über Erfolg schreibt, dann geht es natürlich auch um

Misserfolg

Sehenswert, wie er als ausgewiesener Experte für alles Mögliche schon vor dem Ende seiner Karriere übte, sich selbst glaubwürdig darzustellen, um für die späteren Auftritte auf der Showtreppe neben JBK gerüstet zu sein.

Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie schwul Kahn formulieren lässt in seinem sicher lesenswerten Wegweiser zum lebenslangen Erfolg, dann liefert es der Leseausschnitt auf der verlinkten Seite:

Woher kommt die Kraft, das, was man macht, so „aufzupowern“, damit das daraus wird, was man haben will? Ich will nicht lange fackeln — die Kraft kommt: von innen! Nehmen Sie den Dirigenten. […] Nehmen Sie den (bildenden) Künstler. […] Nehmen Sie den CEO eines Unternehmens: […] Nehmen wir den Torwart: Warum schafft er es, seine Mannschaft anzutreiben, wenn es keiner der (mindestens) zehn anderen auf dem Platz mehr hinbekommt?

Hat das einer für Doofe geschrieben? Ist die Fußballersprache („Ich will nicht lange fackeln“) hier bewusst gewählt oder weil keine anderen Möglichkeiten zur Verfügung standen? Ein Torwart in einer Reihe mit einem Dirigenten oder einem (bildenden) Künstler. Es fehlt noch ein Bundeskanzler und ein Herztransplantatist. Besonders gefallen die falsch gesetzten Anführungszeichen, die keine ironische Verwendung eines Wortes anzeigen wollen, sondern lediglich Wörter anzeigen, die zwar in diesem Zusammenhang Kacke klingen, aber dennoch nichts anderes als das sagen, was sie sagen sollen. Dem Autor ist dann irgendwann aufgefallen, dass er das tatsächlich passende Wort nicht gefunden hat, weshalb er diese „verschleiernden“ Anführungszeichen setzen muss (das war jetzt ein Beispiel dafür).

Liest man weiter, erkennt man sofort, dass man eigentlich nicht weiter lesen müsste:

Ein Blick in Wikipedia zeigt …

Dann wählt Kahns Ghostwriter aber doch lieber noch eine andere Wikipedia-Definition des Begriffes „Authentizität“:

[…] Also keine Fälschung sein. Sein „Selbst“ gefunden haben. Wissen, wer man ist. Was man will. Wohin. Auf welchem Weg und welche Weise. Alles das schauen wir uns in diesem Buch an.

(Man beachte die Anführungszeichen bei „Selbst“.) Der Sport-Foto-Stil ist unerträglich und nach dieser kurzen Leseprobe. Will. Ich. Mir. Das Buch. Auch nicht mehr „kaufen“!

(Vollkommen falsch gesetzte Satzzeichen kosten 10 Cent pro Falschsetzen in die private Trainer-Baade-Mannschaftskasse, womit Oliver Kahn schon mal tief bei mir in der „Kreide“ stehen dürfte.)

Um dann endgültig auf FOTO-Niveau zu enden, lesen wir die letzten Zeilen der Leseprobe:

Wirtschaft funktioniert, so habe ich es verstanden, ungefähr so, dass es einerseits Waren gibt und auf der anderen Seite Zielgruppen. Zielgruppen, das sind Menschen, die etwas haben wollen, die Bedürfnisse haben. Waren hier, Zielgruppe da.

So sieht es aus. Menschen hier, Wölfe da. Sonne da, Sonnenmilch hier. Ball da, Torwart hier. Bedürfnis zu brechen hier, Olivers Buch da.

Zielgruppe hier, Ghostwriter da.

In diesem Falle sagt die Zielgruppe allerdings leider nein zum Bedürfnis, etwas haben zu wollen.

Um meine eigene Frage zu beantworten: Ja, er schreibt für Doofe, für Menschen ohne Gehirn, ohne Sprachempfinden, für Menschen, die eigentlich nur die FOTO lesen. Damit dann Platz 23 nach so langer Zeit zu halten, nicht schlecht, Oliver. Immer „weiter“. Eher ein Ssachbuch.

17 Kommentare

  1. Klappentext:
    DIES IST EIN EXTREMES BUCH.
    VON EINEM EXTREMEN MENSCHEN.
    ÜBER EINEN EXTREMEN MENSCHEN.
    ÜBER EINEN EXTREMEN BERUF.
    IN EINEM EXTREMEN UMFELD.
    ÜBER EXTREMEN ERFOLG.
    ÜBER EXTREMES SCHEITERN.
    EXTREM LEHRREICH.

    Ein Buch über Extremitäten? Oder, um die Blöd auch noch zu zitieren: ‚Kahn schreibt, wie er Kahn wurde.‘ Hardcore im Hardcover, soso…

  2. „Solange in diesem Land Menschen leben, die Geld haben, um Bücher von Dieter Bohlen zu kaufen, brauchen wir keine Steuersenkungen!“ (Volker Pispers).
    Nach der mir eben zu Gemüte geführten Leseprobe bin ich sicher, dass der im obigen Satz verwendete Eigenname variabel gesehen werden muss.

    Aber ich sehe durchaus ein, dass ich beim Thema „Unerträgliche Buchveröffentlichungen“ lieber leiser treten sollte…

    Und wegen dem hier –> „Alles das schauen wir uns in diesem Buch an“, habe ich ja noch die leise Hoffnung, dass es sich um ein Bilderbuch handelt.

  3. Vielleicht ist es auch nur ein Sachbuch wegen des „Autors“. Denn „unmenschlich“ ist ja noch glatt untertrieben, wenn ich mir die „Leseproben“ angucke.

    Aber ich geb‘ zu: Vor Jahren, mit 11 oder 12, hab‘ ich Franz Beckenbauers Autobiografie gelesen. Damals las ich noch ein Buch nach dem anderen – vielleicht sind „Werke“ wie dieses Ungetüm von Kahn Schuld daran, dass das heute nicht mehr so ist.

  4. Platz 23 kann ja nur zustande kommen, weil die Deutschen eigentlich keine Bücher kaufen. Wozu auch? Es gibt ja nur Schrott zu lesen…

  5. Das Psycho-Gebrabbel von Kahn ist nicht nur in Buchform unerträglich, das nervt schon seit vielen Jahren. Wenn man sieht wie er sich damit selbst überhöhen und ein Heldenimage herbei quatschen konnte, dann wäre es andererseits dumm von ihm damit aufzuhören.
    Wahrscheinlicher ist, dass wir bald noch mehr Spieler sehen die uns ihr Innerstes offenbaren und vom unmenschlichen Druck bei einem Eckball erzählen.

  6. Sehr schön, lieber Trainer, es ist immer wieder entspannend zu sehen, dass es Menschen gibt, die bei den allgegenwärtigen Zumutungen der Vollverblödeten noch nicht komplett resigniert haben, und sich nicht zu schade sind, ihre wertvolle Lebenszeit mit der Bekämpfung des Unrats zu vergeuden. Anders als ich. Leider.

    btw: Bin ja mal gespannt, wann der erste Spassvogel wegen der konkreten Platzierung aufschreit.

  7. Vor 10 Jahren hab ich mir auch Tünn Schumachers „Anpfiff“ reingezogen, was ich damals als ein sehr authentisches Werk betrachtete und deshalb sehr interessant fand.
    Jedoch heute weiß ich, dass sich Toni da auch vieles zusammen gereimt hatte, mit dem er dann die Wahrheit total verzerrte:
    - Z.B. dass er und Battiston später best friends geworden sein sollen stimmt vorne und hinten nicht, wie ich vor einigen Jahren mal in einer regionalen Zeitung (ich glaub, es war die NOZ) gelesen habe. Also im Endeffekt alles (Fernseh-)inszeniert.
    - Ach, und dass seine Frau eine big love forever war – ja Mensch, die waren schon längst geschieden, als ich das Buch in den Händen hielt – was ich aber nicht wusste, da ich noch kein Internet hatte.

    Wie dem auch sei: Zwar schreibt jeder ein bissche seine Wahrheit und ncit die objektive, aber als ich die Ungereimtheiten herausfand, lasse ich de Finger we von Biographien…

  8. ich frag lieber noch mal nach, bevor ich das in den falschen hals kriege: wie genau ist hier „schwul“ gemeint, trainer?

  9. Linksaussen, dieses schwul ist gemeint, obwohl ich dafür eigentlich schon zu alt war, als ich dieses schwul vor ca. 15 Jahren zum ersten Mal hörte.

  10. Und sternburg, das hier:

    btw: Bin ja mal gespannt, wann der erste Spassvogel wegen der konkreten Platzierung aufschreit.

    verstehe ich nicht. Hilfst Du mir? Die Nr. 23 statt der Nr. 1? Oder was?

  11. Mir macht die Leseprobe großen Spaß.

    Ich finde es toll, wenn mir die Originalstimme so präsent ist, dass ich sie mir beim Lesen vorstellen kann. Ein Hörbuch im Kopf, sozusagen. Und wenn ich dann Worte wie „Extrem“ oder „Authentizität“ lese passiert es mir: Ich schiebe den Unterkiefer leicht schräg nach vorne-links, ziehe die Wangen Richtung Ohren, schaue wichtig und spreche mit … Authentizitäät … immennnnser Druck …

    Gut, man wird doof angeschaut dabei. Und für ein ganzes Buch reicht der Spaß dann auch nicht. Aber die Leseprobe ist toll.

  12. @trainer: dann möchte ich gerne darauf hinweisen, daß ich den abwertend gemeinten gebrauch des wortes schwul als unerträglich empfinde, obgleich ich nicht persönlich betroffen bin. bei 14jährigen hat das einen anderen reflektionsgrad, aber bei einem erwachsenen wie dir sollte man schon mal drüber nachdenken, was das über den eigenen umgang mit sprache aussagt.

    egal, wie flapsig oder beiläufig das gemeint ist. und gerade angesichts deiner sonstigen lobenswerten beiträge, die sich gegen homophobie richten.

  13. Ich sachs mal so, lieber Trainer: wenn die Deppen dein Blog in Frieden lassen, will ich nicht selber davon anfangen.

  14. Linksaussen, ich sagte ja, ich bin eigentlich zu alt dafür.

    Ich bin mir aber ganz, ganz sicher, dass ich mir über meinen Umgang mit Sprache sehr, sehr bewusst bin. Ich gebe zu, das sieht man den sechs Buchstaben, die ich dort benutzte, nicht an. Aber im Kontext mit dem Rest, den Du ja selbst ansprichst, könnte man es ihnen zumindest ansehen.

  15. kann man, ja. gerade deshalb solltest du dich aber bemühen, „schwul“ von deiner liste der negativ konnotierten wörter zu entfernen. einfacher vorgang.

  16. Ich weiss nicht was besser ist: Der Eintrag oder die Kommentare? Ich pepiss mich gerade voll schwul vor Lachen.



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