Quark, Quark, Quark und Eifersüchteleien

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Seine Chance, auch noch Europameister zu werden — welcher deutsche Nationalspieler ist schon Welt- und Europameister, doch nur die so [Link leider tot.] großen — verbaute er sich nicht durch mangelnde Leistung oder Form, sondern durch seine Äußerungen. Nach diesem Interview mit dem Spiegel war Schluss in der Nationalmannschaft, was wahrscheinlich niemand so richtig bedauert hat. Thomas Berthold himself nicht, Berti Vogts nicht, und die deutsche Fußball-Öffentlichkeit auch nicht.

Begrüßt wird an dieser Stelle hingegen außerordentlich, dass Thomas Berthold uns als historisch Interessierte nicht ahnungslos sterben lässt. Vielmehr gibt er preis, was zumindest aus seiner Sicht mitverantwortlich fürs „Scheitern“ (viele, insbesondere britische Fußballauswahlmannschaften wären froh, wenn sie auch nur annähernd so weit kämen bei Turnieren) der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 1994 in den USA war.

Stefan Effenberg und Bodo Illgner nämlich. Deren Eskapaden und Sonderwünsche, allerdings nicht explizit der Stinkefinger von Effe. Schuld war nach Bertholds Ansicht aber auch Berti Vogts, der sich bezüglich der Sonderwünsche der beiden Erstgenanten auf der, sehr kleinen, Nase herumtanzen ließ.

Klingt alles ganz gefällig und sachlich überzeugend, zumal Berthold während seiner Karriere weder durch Eierlosigkeit noch durch ausgemachte Bräsigkeit aufgefallen ist (Aktive und Liebhaber von Fortuna Düsseldorf werden diese Ansicht nicht teilen, aber das ist eine andere Geschichte), doch ist es ja noch bei jedem Menschen so, dass immer irgendjemand Schuld ist — nur nicht der gute Bekannte aus dem Alibert im Bad.

Am 18.12.1994 also bestritt Berthold sein letztes Spiel für die Nationalmannschaft, Gegner Albanien, Gegentor: Rrakli. Nur einen Tag später, am 19.12.1994, erschien dieses Interview. Und Aus war’s für einen verdienten Weltmeister, der (Jahrgang 1964!) noch voll im Saft stand. Wie man sich beim DFB eben seit jeher mit manchmal maulenden, manchmal meuternden Spielern schwer tut. 62 Länderspiele, 1 Tor, gegen die CSSR beim 5:1 im Jahr 1985, ein Mal Vize-Weltmeister, ein Mal Weltmeister. Kein Mal Europameister, was er 1996 sportlich noch hätte schaffen können. Auch kein Vize-Europameister, denn 1992 saß er gerade beim FC Bayern München auf der Tribüne herum und ruhte sich vom Golfen aus.

Eigentlicher Grund für diesen Beitrag war aber, so ist das beim Wilfing, die Frage, wer Rudi Völler den Spitznamen Tante Käthe verpasst hat. Das muss man klären, bevor die Erinnerung der Beteiligten verblasst. Zum Beispiel „Dixie“ Dörner kann sich ja bereits nicht mehr erinnern, wie er zu seinem Spitznamen kam. „Tante Käthe“ also, dessen Urheber war der Titelheld dieser Geschichte, als Rudi Völler mit nassen Haaren, nur mit einem Handtuch bekleidet, aus der Dusche stieg und es Thomas Berthold entfuhr: „Du siehst aus wie meine Tante Käthe.“

Falls jetzt noch jemand wüsste, ob Berthold tatsächlich eine solche Tante Käthe hatte, dann wäre ein weiteres Geheimnis gelüftet. Falls nicht, müssen wir mit den netten Zeilen aus dem Dezember 1994 vorlieb nehmen. Da äußert sich Thomas Berthold ganz allgemein zur Atmosphäre bei der WM 1994:

Bei der Weltmeisterschaft in Amerika hat auch jeder sein Süppchen gekocht. Geschmeckt hat es keinem.

Und spezieller zum Thema Effenberg samt dessen Stinkefinger:

Da war mehr passiert. Als Spieler mußt du wissen, wann Schluß ist, sonst geht der Respekt verloren. Effe konnte nie etwas eingestehen und sagen: „Okay, das war mein Fehler.“

Hätte man von „einem“ Stefan Effenberg auch nicht anders erwartet, aber es ist immer wieder schön, wenn damals Nahestehende diesen Eindruck auch bestätigen. Denn die eigenen Vorurteile über Bord werfen zu müssen ist stets sehr anstrengend und verbreitet den Hauch von einer Niederlage, mindestens schlechter Menschenkenntnis.

Zu guter Letzt noch ein Berthold-Zitat zu Bianca-Bodo Illgner und dem tatenlosen Berti Vogts:

[Illgner] hat es nie geschafft, sich auf das Wichtige zu konzentrieren. Ob die Ehefrau nach Malente kommen darf, kann bei der Vorbereitung auf eine WM nicht wichtig sein. Und da hat auch Berti Vogts Fehler gemacht. Er hätte sagen müssen: „Wenn das wichtig für dich ist, bitte schön, aber hier ist die Tür.“ Da hätte er ein Zeichen setzen müssen. Wir hatten genug gute Torhüter. Wir haben uns an Nebensächlichkeiten zerrieben. Darf die eine Frau das? Darf die andere jenes? Dürfen die Kinder zum Essen kommen? Quark, Quark, Quark, alles nur Eifersüchteleien.

7 Kommentare

  1. die einen mögen thomas berthold als „abgewichst“, die anderen als „stinkstiefel“ bezeichnen. mir hat immer gefallen das er immer seine meinung gesagt hat, sei sie auch noch so unbequem. die daraus resultierenden konsequenzen hat er angenommen.

    mir fehlen die klaren statements der spieler heute. es geht um job, geld, viel geld und mundtot. die gut geölte marketingmaschinerie darf nicht gestört werden.

    berthold war/ist klar und gerade. das gefällt mir. ein weiterer vertreter dieser zunft ist frank rost.

    vogts, illgner, effenberg. einst verbindet die drei vorstehend genannten. jenseits der spielfeld-markierungen zeichneten sich stets als alltags-hampelmänner aus!

    uuh, aah cantona!

  2. Frank Rost ist nicht gerade, sondern total schräg. Ich bin ja nie dabei, aber auf mich macht er den Eindruck, ein totaler Spaltpilz zu sein. Vielleicht bekommt man seine positiven Einflüsse auf eine Mannschaft nie zu Gehör, vielleicht aber liegt das daran, dass es sie nicht gibt.

    Seine ganze Attitüde, seine verschwurbelten Goethe-Zitate (oder was es war), sein vermeintliches Klartext Reden ohne jemals wirklich Klartext zu reden, das ist einfach nicht mitanzusehen. Ich würde fast die Vokabel des Fremdschämens bemühen, wenn er mit dieser vollkommen ungebrochenen Überzeugung, dass er wisse, wie der Hase läuft, in Interviews mit seiner Miene, als stünde er auf der Kanzel, Besserwissereien absondert, die er alle lieber innerhalb des Teams erzählen und zum Wirken bringen sollte, statt sich außerhalb zu profilieren, ohne dass damit der gewünschte Effekt eintritt. Sondern der gegenteilige.

    Das würde man einem 20- oder 25-jährigen verzeihen, aber der Mann ist fast 40 und glaubt immer noch, dass er die Weisheit mit Besteck gegessen hat.

    Erstaunlicherweise unterscheidet sich aber auch meine Wahrnehmung von Thomas Berthold (als Spieler) („sagte, was er dachte“) stark von der von Frank Rost („klugscheißender Stinkstiefel, der nur außerhalb des Teams sagt, was er denkt“). Gründe suche ich noch.

  3. Du kennst es natürlich nur unter dem Fachbegriff Schizomycet, nehm ich an.

  4. Achso! Oder wie wir Fachleute sagen: „Schizo“. Hättest Du das mal gleich gesagt..
    Spaltpilz…tztz…wie oldschool! ;)

  5. amüsant finde ich imterview auch folgende antwort (es geht um jungprofis):
    „Früher hast du gebissen und getreten, um dich nach oben zu kämpfen. Und den Mund hast du sowieso gehalten. Die Jungen von heute wollen Tips oft gar nicht aufnehmen. Ich vermisse den absoluten Biß.“

    ich meine, sowas auch schon von ballack, frings et.al. gelesen zu haben. früher war alles besser (nur nicht der fußball).

  6. Heute müssen die Jungen gar nicht mehr beißen, weil sie in den meisten Fällen einfach besser sind als die Alten, dräut mir.



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