Stell Dir vor, es ist Taktiktraining und keiner geht hin

| 4 Kommentare

Lädt nicht der Sport lädt dazu ein, ihn in diesem schlichten Muster von Helden und Versagern darzustellen? Und „Bild“ tut das dann?

Das Problem ist vor allem das Fernsehen. Die Sender wollen der Einschaltquote wegen gerade bei wichtigen Turnieren wie Weltmeisterschaften oder der Champions League, dass auch Leute zusehen, die sich eigentlich nicht so sehr für Fußball interessieren. Diese verstehen aber nicht, wie das Spiel funktioniert, und auch der Sportmoderator lässt sie im Dunkeln. Im Vergleich dazu sind die amerikanischen Sportsender sehr gut. Dort wird erklärt, was man nicht sieht. Die Taktik, die Regeln, die Stärken und Schwächen der Kontrahenten.

Neben vielem anderen Interessanten lesen wir vor allem das Obige in diesem Interview mit Detlev Claussen, der ja auch beim Direkten Freistoß schreibt.

Wir müssen allerdings ergänzen, dass selbst die meisten Leute, die Fußball spielen sich nicht für das Spiel interessieren, die Taktik, die Regeln. Sie machen irgendetwas, sie bolzen rum, sie rennen und sie dribbeln, das vor allem, und natürlich Torschüsse. Aber meist wollen die acht Millionen Deutschen, die Fußball spielen, das Spiel als solches nicht begreifen. Wenn Schachspieler mit so geringem Interesse für ihre Tätigkeit an die Sache herangehen würden wie diejenigen, die Fußball spielen, hätte Deep Fritz schon in seiner ersten Entwicklungsstufe alles abgeräumt.

Ausnahmen davon, denen auch noch ein wenig Talent und Ehrgeiz in die Wiege gelegt wurden, sieht man dann meist in der Nationalelf.

4 Kommentare

  1. Man wird ja nicht nur „vom Sportmoderator […] im Dunkeln“ gelassen, sondern gleichermaßen für dumm verkauft. Als sich durchaus für den taktischen Aspekt interessierender Zuschauer fühlte ich mich am Dienstagabend in der sogenannten „Halbzeitanalyse“ von Premiere mal wieder reichlich verarscht. Steht da doch der Dummschwätzer und erzählt mir: „Ja gut ääh die Stuttgarter haben schwach angefangen und sich dann ääh noch etwas ääh gesteigert, und dann hatten sie auch zwei ääh Torschangsen“. Geschliffener hätte ich’s auch nicht ausdrücken können. Und jetzt wage es noch jemand, sich über Detzer und Nelling zu beschweren!

  2. Diese Kritik an der Berichterstattung über Fussball ist ja nicht neu. Im Vorwort zu Christoph Biermanns und Ulrich Fuchs‘ Buch „Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann“ (2004) schreibt Ottmar Hitzfeld, dass die ausführliche Erörterung taktischer Zusammenhänge in Spanien, England, Italien oder Holland ein „selbstverständlicher Bestandteil der öffentlichen Diskussion über Fußball“ ist, wohingegen in Deutschland eher darüber berichtet wird, wer mit wem streitet, wer was verdient und welcher Stürmer sich gekränkt fühlt, weil ihn sein Trainer nicht aufgestellt hat.

    Ich glaube, dass das Publikum in Deutschland durchaus interessiert ist an taktischen Zusammenhängen. Dies zeigt der Erfolg von Jürgen Klopp als ZDF-Experte bei Spielen der Nationalelf. Im Bundesligaalltag gibt es allerdings gerade mal eine Sendung, welche eine brauchbare taktische Analyse liefert. Diese läuft aber leider auf dem Werbesender DSF. Von Sendungen dieser Art würde ich wirklich gerne mehr sehen wollen und hätte kein Problem damit, auf die uninformativen Spieler-/Trainerinterviews nach Spielende zu verzichten.

  3. Ach Trainer Baade, du weißt doch selber am allerbesten, dass das „Problem“ nicht darin liegt, dass der Mensch vom System beschissen wird, sondern darin, dass es nicht möglich ist, vom System bestimmte Sachverhalte vermittelt zu bekommen. Auch die Kommentatoren sagen doch durchaus taktisch gemeinte Dinge wie „die stehen zu weit weg von ihren Gegenspielern“, „die machen die Räume nicht eng“ oder ähnliches. Das absurde daran ist aber doch jetzt nicht primär, dass das falsche Aussagen sind, sondern vielmehr, dass niemand weiß, ob das relevante Aussagen sind. Da wir, wie du mir ja schon mehrfach berechtigterweise sagtest, Lichtjahre davon entfernt sind, Fußball zu verstehen, ist es auch gar nicht wünschenswert, dass Moderatoren noch die eigene Sicht der Dinge erklärend einbringen. Wenn ich schon etwas glauben muss, dann glaube ich mir am allerliebsten selber.

  4. Dass Leute, die selbst Fußball spielen, wenig an Taktik interessiert sind, könnte auch daran liegen, dass in den unteren Fußball-Regionen einfach die Trainer nix anbrennen lassen. Mit 31 Lenzen habe ich zum ersten Mal nach zehn Saisons Amateur-Fußball einen Coach, der versucht mit Vierer-Kette und Forechecking spielen zu lassen. Auch wenn es nicht sofort von Erfolg gekrönt ist, macht es mir doch unglaublich Spaß – viel mehr als jede Manndeckung und jedes urdeutsche 3-5-2, auch wenn das manche Beobachter mangels auch nur annähernder Kenntnis des Spiels fordern. Diesen Effekt hat Oliver hier schön beschrieben: http://www.direkter-freistoss.de/2007/09/30/effe-ich-hab-deiner-gedacht/

    Was ich sagen will: In Deutschland wird die Unterklasse einfach mit alten Bandagen gespielt. Und wir sind so geimpft – wenn einer auf Linksaußen frei steht und der Ball ist auf rechts, dann wird rein instinktiv der Typ manngedeckt, obwohl er niemals gefährlich werden könnte. Das ist nur ganz schwer rauszubekommen. Und es sind nur wenige, die geistig so beweglich sind, die alten Muster zu überwinden.

    Da könnte gute (!) taktische Analyse vielleicht was ändern. Aber neben einem Klopp sind auch Leute wie Oliver Kreuzer und Fredi Bobic unterwegs, die ganz offenbar noch nie eine Schalke-Spiel gesehen haben und trotzdem eine „Analyse“ auf dem DSF vornehmen sollen. Das durfte ich heute Abend miterleben. Eigentlich eine gute Sendung, die Spieltags-Analyse, weil mal Laufwege etc. aufgezeichnet werden (gegen das allgemeine Image des DSF),. Aber wenn man dann Jones und Bajramovic als versteckte Außen bezeichnet und Ernst als den Spieler, der nie nach vorne geht, hörts bei mir auf. Das ist dann genau das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll. Das ist Volksverdummung.



Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.