WM-Viertelfinale Niederlande – Brasilien (1994)

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Im Gegensatz zur weit verbreiteten Meinung, dass Brasilien das gesamte Turnier 1994 lang ermüdend, quälend und unansehnlich gespielt habe, war die Partie im Viertelfinale gegen die Niederlande ein echter Leckerbissen, wie es ihn selten bei WM und überhaupt gibt. Und das nicht allein wegen der 5 in dieser Partie insgesamt erzielten Tore. Sondern auch wegen des Spielverlaufs und insbesondere wegen des attraktiven Fußballs, den die beiden Teams darboten.

Ich sah die Partie damals bei Bekannten in Venlo. Der Hausherr, eine Generation älter als ich, interessierte sich sonst kaum für Fußball, war ein typischer „Nur-WM-Gucker“, was in den Niederlanden ja wahrscheinlich eher selten ist. Dennoch war er nach Abpfiff und diesem Spielverlauf so blass und relativ unansprechbar, dass der Besuchsaufenthalt schnell nach Abpfiff beendet war.

Man kann das ja auch nicht so richtig nachfühlen, wenn „man“ schon drei Mal Weltmeister ist und es nur vier Jahre zuvor vollkommen bewusst erlebt hatte, wie es ist, Weltmeister zu werden. Man kann es dann nicht so richtig nachfühlen, wie das als Niederländer sein muss, wenn man schon wieder scheitert und schon wieder mit gutem Fußball scheitert.

Was ein bisschen Angst macht für die heutige Partie. Denn dort treffen weder die Niederlande von 1998 noch die Niederlande von 1974 noch Brasilien von 1982 noch Brasilien von 1958 aufeinander, sondern zwei äußerst pragmatisch orientierte Teams, die endlich ihre Stärken und Schwächen so ausbalancieren wollen, dass es mal (bzw. wieder) zu einem Titel reicht.

Auf dem Papier ein Knüller. Aber das sind Paarungen wie HSV — Bayern oder Stuttgart — Dortmund meist auch. Und langweilen dann doch viel zu oft. Ein solcher Verlauf wäre bei dieser WM auch keine Überraschung. Aber traurig wäre es, erwartet man doch von Brasilien — Niederlande nahezu genialen Fußball.

Naja, wahrscheinlich zu viel verlangt von modernen Nationalmannschaften, die kaum noch Zeit haben, etwas einzustudieren.

Hier die Partie von 1994, leider ist das Video nicht von bester optischer Qualität, die Partie damals war es aber. Und die Blässe im Gesicht des niederländischen Hausherrn dann später auch. 1-A-Blässe.

2:2 nach 0:2-Rückstand und dann doch noch vor dem Erreichen einer möglichen Verlängerung verloren. Das kannten die Deutschen, dünkt mir, von 1986.



Bei Brasilien übrigens damals in der Startelf: ein gewisser Carlos Dunga.

PS: Immer noch extrem abturnend, der Torjubel der Brasilianer nach dem 2:0. Da fing das wohl alles an?

PPS: Die Partie bei fussballdaten.de.

17 Kommentare

  1. Was außerdem auffällt: Kurz vor dem 3:2 (Minute 5:40) hätte es heute wegen Tätlichkeit eine rote Karte gegen Bebeto gegeben. Soviel zur aktuellen Schiedsrichter-Bashing-Hysterie.

    Außerdem trägt Julio Cesar nicht nur weniger augenkrebsverursachende Kleidung sondern ist leider auch deutlich besser. Leiderleider.

  2. An diese Partie erinnere mich aufgrund einiger wirklich sehr markanter Momente noch ziemlich gut. Da wäre neben dem von Dir bereits erwähnten Babyschaukeln vor allem die Szene wenige Sekunden zuvor zu nennen. Romario steht kilometer- oder besser: meilenweit im Abseits, irritiert dadurch deutlichst sichtbar den niederländischen Vorstopper und sorgt so geradezu für eine Pervertierung der Idee des „passiven Abseits“.

    Was neben der reinen Paarung für ein gutes Spiel heute Mittag spricht: Viertelfinals mit brasilianischer Beteiligung waren in der Vergangenheit auffallend oft grandiose Fußballspiele. Man denke an die epische Schlacht mit den Franzosen 1986 oder, natürlich, an das mMn zweitbeste WM-Spiel aller Zeiten – das 3:2 von Brasilien gegen Dänemark bei der WM 98.

    Und noch ein kleiner Einwand: Dass es nicht viele „Nur-WM-Gucker“ in den Niederlanden gibt, kann ich so nicht bestätigen. In Gesprächen mit Vereinsfans haben sich diese mir gegenüber häufig über die „Oranje-Clowns“ beschwert.

  3. @ Jens – Äh, ich hab nun auf die Schnelle keine Bestätigung dafür finden können, aber gabs das passive Abseits seinerzeit schon? Ich meine nicht. Um Gottes willen, was wurde diese WM verpfiffen!!111 Hehe.

  4. Bebetos widerliche Babyschaukel ist zumindest in meiner Erinnerung der Anfang dieser ganzen Jubel-Pest gewesen. Und der Hauptgrund für mich, damals im Finale für die Italiener zu sein.

  5. Pingback: Niederlande – Brasilien 2:1 | Spreeblick

  6. Hach, Dennis Bergkamp. Einer der größten Spieler aller Zeiten. Und die Rache gerade war zwar nicht schön anzusehen, aber trotzdem schön.

  7. @mars: Doch doch, passives Abseits hat es auch damals schon gegeben. Siehe z. B. das Viertelfinale Deutschland – Bulgarien, in dessen Verlauf Rudi Völler ein (zu Recht) nicht anerkanntes Tor aus einer zunächst passiven Abseitsstellung erzielte.

  8. @Jens – echt, das passive Abseits gibt es schon mindestens 16 Jahre? Jesses, ich werd alt.

  9. Wo wir hier schon beim Spiel DK-BRA sind und beim Torjubel-Bashing: Das hier ist meiner Meinung nach ein wirklich guter Torjubel:

    http://www.youtube.com/watch?v=Kc0shLDKOnE&feature=related

  10. Hach schön das sich noch jemand an das Spiel erinnert. War meine erste bewusst erlebt WM und eines der ersten Spiele was mich zum Fussballfan machte und ich war Riesen Fan der Niederländer, mit Trikot sogar (Alter 13). Nach dem Spiel aber natürlich am Boden zerstört.

    Heute natürlich alles ein bissel anders, aber hab mich für die Niederländer gefreut.

    P.S.: @ Jens

    Fand auch das Viertelfinale 2006 FRA-BRA grandios, war eine Riesen Zidane Show.

  11. Das passive Abseits wurde 2005 eingeführt.

  12. Während des Confed-Cups 2005 hatten wir doch noch diesen Unsinn, dass erst Abseits gepfiffen wurde, wenn der passiv stehende Stürmer den Ball berührte (nach kräftezehrendem Sprint). Dieses Absonderlichkeit wurde kurz darauf in die heute bekannte Form abgeändert.

    Erinnert Ihr Euch echt nicht mehr an diese bizarren Situationen??!!

    Oppas, sach ich doch.

  13. Also hier in Australien laeuft ziemlich haeufig beim Fussball die Coca-Cola Werbung die den Eckfahnen-Tanz-Jubel von Roger Milla als Anfang fuer Torjubel der anderen Art nennt. Denke das kommt gut hin. Gibt auch eine lange Version der Werbung wo passenderweise Bebeto mit furchtbarer Sonnenbrille seine Bewunderung fuer den Jubel von Milla ausspricht.
    Daher wuerde ich sagen hat das ganze (leider) mit einem wunderbaren Jubler angefangen.
    Top auch im Video der brasilinische Kommentator, wenn er halb euphorisch die Tore der Hollaender kommentieren muss.

  14. Was mich beim damaligen Spiel wundert: Warum spielen beide (!) Teams in ihren Ausweichfarben???

    Und auch beim gestrigen Aufeinandertreffen: Holland normal in orange/schwarz, Brasilien im Ausweichtrikot in blau mit weisser Hose. Warum zum Teufel spielen nicht beide in ihren angestammten Farbkombinationen (Orange/Schwarz (oder Weiss) und Gelb/Blau)?? Kann mir keiner erzählen, dass die Farben auf dem Platz zu ähnlich aussähen und die Teams nur schwer zu unterscheiden wären (auf der Playstation stört es auch nicht…)

  15. @Ste: Beim Confed-Cup 2005 wurde lediglich eine neue Regelauslegung getestet, nach der erst abgepfiffen werden sollte, nachdem der angespielte Spieler den Ball auch tatsächlich berührt hatte. Das wurde zum Glück aber wieder verworfen.

    Wenn ich „The History of Offside“ ( http://www.corshamref.org.uk/offhist.htm ) richtig verstanden habe, lag die Beurteilung von passivem Abseits seit jeher im Ermessen des Schiedsrichters.

    Erst 1995-96 wurde das ganze dann von der FIFA konkretisiert:

    „A player shall only be penalised for being in an off-side position if, at the moment the ball touches, or is played by one of his team, he is in the opinion of the referee, involved in active play.“

  16. Darüber hinaus eine ganz wunderbare Geräuschkulisse (abgesehen von den billigen Früstücksradio-Samples der Brasilianer). Hach, die 90er. Vielleicht nicht der beste Fussball für die Augen, aber ganz sicher für die Ohren.

  17. Jens: Oh, und ich prolle mit vermeintlichem Wissen rum, danke für die Aufklärung!



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