Zahl der Woche — Folge XXVIII

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Die Zahl der Woche wird heute aus Anlass der Existenz des riesigen Fundus des „Früher war alles [hier irgendeinen positiven Begriff einsetzen, als Komparativ eines Adjektivs]“-Dezernates ehemaliger Fußballer genannt. Diese — das wissen ja die wenigsten und eigentlich darf es auch nicht verraten werden — haben sich heimlich zu einem die Kommunikationsherrschung im Fußball besitzenden Konglomerat mit unterirdischem Bunkersystem und hochfliegenden, immerwährenden Zielen zusammengetan. Dieses Dezernat besitzt die Kommunikationsherrschung über alles, was zu jedem beliebigen Zeitpunkt im „Jetzt“ des deutschen Fußballs erreicht werden könnte oder erreicht werden kann oder sogar erreicht wird. (Allerdings nicht zu verwechseln mit diesem anderen, dem 0:6-Verlierer, der die Kommunikationsherrschung anstrebte, aber nie erlangte; darum wird es hier noch spätertags gehen. An dieser Stelle geht es um das Konglomerat der Ex-Fußballer.)

Sobald das nächste, neue, größere Länder-Fußballturnier ansteht oder ein Titel im nationalen oder internationalen Vereinsfußball zu vergeben ist, klöppelt das Dezernat alle seine Mitglieder zusammen, gruppiert sich selbst adrett um sich selbst und um einen Tisch in Form eines runden Balles herum und berät dann kurz in Form eines stummen Insichgehens, während dessen all die zur Legende verklärten Momente ihrer eigenen Karriere vor ihrem geistigen Auge Paroli laufen.

Einstimmig, und, das ist wichtig: in ewiger Eintracht — mit der Betonung auf ewig und der Betonung auf Eintracht — wird das stets selbe Urteil gefällt: Früher war alles [hier den Komparativ eines positiv besetzten Adjektivs einsetzen].

Punkt.

„Da gibt es kein Vertun.“ Das Tolle an diesem Gremium ist für uns Nachgeborene vor allem eins: Dass es sich nie irrt. Immer und immer hat es Recht mit seinen Aussagen und uns stehen die Münder offen, nicht nur vor so viel [positiv besetztes substantiviertes Adjektiv], sondern auch das Ewig Währende dieses Urteils beeindruckt uns dermaßen, dass wir uns kaum noch trauen, nachzufragen, ob das hohe Gremium denn auch alle Faktoren des heutigen „Jetzt“ berücksichtigt hat. Ob die ganzen Veränderungen, die die Zeit zwangsläufig mit sich bringt, genügend gewürdigt wurden und ob piepsmäuschenleise Zweifel nicht vielleicht doch angebracht wären. Fragt keiner, ist auch richtig so, denn das hohe Gremium liegt ja ohnehin immer richtig.

Normalerweise ist das so und normalerweise wissen wir dann auch die Äußerungen ehemaliger Fußballgrößen richtig einzuordnen. Sie stammen halt aus dem Gremium. Irrt sich nie. Ist weise. Ist altklug. Und berücksichtigt keine neuen Entwicklungen.

Heute aber müssen wir dann feststellen, einer der ganz alten Legendenbehafteten gehört gar nicht zu diesem hohen Gremium:

Horst Hrubesch.

Ja, der gute alte Mann, der ein Tränchen verdrückte, als die EM 2000 mit einem Desaster endete, obwohl man doch im letzten Spiel noch weiterkommen konnte. Man wünschte sich ohnehin manches Mal ein wenig mehr Tränen, z. B. von EM-Spielern, die am Tag zuvor ein Finale verloren und dann auf dem Ku‘damm mit diesem unsäglichen Zeugen Jehovas einen Affentanz vollführten, wie er vielleicht einem Qualifikanten aus der unteren Hälfte der Weltrangliste gebührte, wenn er für alle überraschend das Finale erreichte, nicht aber, wenn das Bergsteigerteam antrat, um den Titel zu holen und dann schließlich und endlich eben genau das nicht erreichte. Ein Tränchen, das wäre etwas gewesen, womit man sich ebenfalls in sein Kämmerlein hätte zurückziehen wollen, nicht aber, wie kann man nur, am nächsten Tage noch mit Hunderten (mal Tausend) von Menschen zu feiern. Da gab es nichts zu feiern, da hätten es auch zwei, drei Tränchen mehr sein dürfen. Und sei Michael Ballacks Anblick, wie er immer wieder von Kummer zerfressen Finale um Finale verliert: Was anderes würde man sich denn wünschen, als einen Spieler, der sich dafür zerreisst, dass er den (welchen auch immer) Titel holt. Und wenn das nicht der Fall ist, dass er dann in die Gräben der Trauer springen muss, gar keine andere Wahl hat, weil seine Psyche, die die Ziele definiert und das Handeln bestimmt hat, keine andere Wahl lässt. Was würde man denn da anderes wünschen?

Nun gut, Horst Hrubesch, wie uns geheime Quellen zuspielten, die nicht genannt noch gekannt werden dürfen, gehört diesem Gremium des höchsten aller Güter des deutschen Fußballs, der erlauchten kollektiven Erinnerung gar nicht an. Statt sich in unterirdischen Bunkern mit hochtrabenden Zielen zu treffen, verbringt er seine Zeit mit dem genauen Gegenteil: Er verändert die Gegenwart. Und dass er das als U21- und U19-Trainer sogar ziemlich ordentlich bewerkstelligt, mag den Zufällen guter Jahrgänge geschuldet sein. Eins aber kann man ihm nun mal nicht vorwerfen: Dass er nur von gestern faselt und ansonsten die Hände in den Schoss legt. Und so lautet die aktuelle Zahl der Woche auch:

18.

18 von 20 Flanken machte der Trainer Horst Hrubesch beim Training seiner U21 U19 ins Tor rein, als seine Jünger sich noch damit rausredeten, dass die Zuspiele aka Flanken zu ungenau seien:

Dafür steht auch die Anekdote von einer Trainingseinheit während der U19-EM, als Flanken in den Strafraum geschlagen wurden, die Stürmer die Bälle aber einfach nicht verwerteten. Die Zuspiele seien nicht genau genug, meinten die Spieler, woraufhin sich Hrubesch kurzerhand selber ins Sturmzentrum stellte und 18 von 20 Hereingaben versenkte. „Ich tue es einfach“, sagt Hrubesch. „Wenn ich dahin will, dann tue ich es einfach. Ende. Dann werde ich Europameister.“

Ein Kommentar

  1. So hat er es auch schon vor knapp 30 Jahren mal gemacht und ist tatsächlich Europameister geworden. :-)



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