Blamieren ist das neue Respekt

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Allerdings nicht erst seit heute.

Das Wort Blamage wurde im 18./19. Jahrhundert in der Bedeutung „Beschämung, Schande“ aus dem französischen blâmer („tadeln“) entlehnt. Das französische blâmer geht auf das lateinische blasphemare, „lästern, schmähen“ zurück. Heute steht Blamage auch für „Bloßstellung, Reinfall, Peinlichkeit“. Das Verb blamieren in der Bedeutung „bloßstellen, beschämen“ wird im deutschen Sprachraum bereits seit dem 17. Jahrhundert verwendet. Das Adjektiv blamabel für „beschämend“ ist seit dem 19. Jahrhundert in Gebrauch.

Man kann theoretisch, so es angepfiffen wird, ein jedes Spiel verlieren. Je weiter-weg-klassig der Gegner nach unten hin ist, desto angebrachter das Wort. Bei einem Unterschied von nur einer Klasse wird es dann aber und wie oben bereits gesagt nicht erst seit heute inflationär.

War — nur so als eines der vielen Beispiele zufällig ausgewählt — die Niederlage gegen den zumindest selbst erklärten Aufstiegsaspiranten wirklich eine „Blamage“ von Borussia Mönchengladbach? Oder ist mein Sprachempfinden so vermurkst, dass es gänzlich anders funktioniert als das derjenigen, die die immer gleichen, vollkommen unangemessenen Floskeln in die Tasten trompeten, sobald nur ein Favorit (auf dem Holz) gegen einen Nicht-Favoriten ein Spiel verliert?

(Das waren zwei rhetorische Fragen.)

Blamieren ist das neue, eigentlich leider schon allzu alte Respekt.

Es gehört nicht minder in den Schrank geschlossen und nur zu besonderen Anlässen herausgeholt. Sollte jemand aus Versehen den Schlüssel verlieren, würde ihm allerdings auch niemand eine Träne nachweinen.

19 Kommentare

  1. Ob sich Fußballprofis wirklich schämen, lasse ich mal dahingestellt. Doch eine Bloßstellung der Gldbacher war das schon irgendwie. Auch ein Reinfall, dass würde die Niederrheiner bestimmt ebenso sehen. Gelästert wird heute über die bezwungenen Borusen bestimmt auch noch mächtig. Es war halt eben nur keine Blamage. Die fand in Trier statt.

  2. DER Respekt – Grenzt ja an Respektlosigkeit hier.
    Im Großen und Ganzen aber gelungener Beitrag!

  3. Rhetorische Fragen, hm. Und wie soll ich jetzt antworten? Bzw. konkret: meine Zustimmung äußern?

    Und wo kann man überhaupt die ADW kommentieren? ;-)

  4. Da sage ich nur Sportjournalisten mit Klassenbewusstsein! Auch deren Zeiten werden wiederkommen. Und danke für die Gelegenheit, mich schon wieder mit dem gestrigen Abend zu beschäftigen.

  5. Und Delling hat es dann vollendet:
    Die eigenen Gesetze des Pokals.

  6. Das Prinzip funktioniert leider auch in der anderen Richtung: SpOn macht heute den Sieg von Duisburg gegen Gladbach zur „Pokalsensation“. Soso, ein ambitionierter Zweitligist gewinnt gegen einen formschwachen Erstligisten, und das ist dann eine Sensation. Und was ist dann in Trier passiert?

  7. Man sollte eine feste Terminologie einführe. Äh, also eine neue.

    Mindestens 15 plätze (ligenübergreifend) zwischen den Kontrahenten, der Underdog gewinnt zuhause: „Ein unerwarteter Sieger.“
    15+Plätze, Underdog gewinnt auswärts: „Eine Pokalüberraschung.“

    25 Plätze oder mehr zwischen den Kontrahenten, Underdog gewinnt zuhause: „Eine große Überraschung.“
    Underdog gewinnt auswärts: „Pokalsensation.“

    Mindestens drei Ligen Unterschied, Underdog gewinnt zuhause: „Riesensensation“, „Pokalblamage für..“ „Der Pokal hat seine eigenen Gesetze.“

    Mindestens drei Ligen Unterschied, Underdog gewinnt auswärts (Ist das schon mal vorgekommen): Freie Auswahl bei den Superlativen. Überschlagende Stimme, Brüllen etc. für alle Reporter zugelassen.

  8. Hm, ist das jetzt Widerspruch zu meinem Beitrag oder ein D‘accord, Linksaussen?

    Und die ADW kann man in den Kommentaren kommentieren, wie von Dir praktiziert, Heinz…

  9. Ein D‘accord, ganz ohne Ironie. Mich regt es auch jedes Mal auf, wenn die Reporter ihre vorgefertigten Sprachschablonen rausholen.

  10. Die Frage ist doch, Trainer, ob Du, wenn Du dereinst Deine Kommentare in Buchform veröffentlichst („Trainer Baade’s comments: the early years“), die ADW-Kommentare noch der jeweiligen ADW zuordnen kannst.

    Naja, vielleicht ist das auch nicht die Frage.

  11. @Linksaussen .. der Höherklassige gewinnt nicht mit mindestens 5 Toren unterschied: „Das erwartet schwere Spiel“ und „aufopferungsvoll kämpfende Amateure ..“

    Beliebig zum Einstreuen: „Soundso hat sich heute extra einen halben Tag frei nehmen müssen ..“, „Spiel des Lebens ..“, ..

  12. *hust* „Mindestens drei Ligen Unterschied, Underdog gewinnt auswärts (Ist das schon mal vorgekommen): Freie Auswahl bei den Superlativen. Überschlagende Stimme, Brüllen etc. für alle Reporter zugelassen.“

    Wie gehtn ditt? Also: Drei Ligen Unterschied und trotzdem ein Auswärtsspiel? Hat nicht der Pokal da eigene Regeln? ;)

  13. Niemand hat behauptet, daß der drei Klassen höher spielende Verein nicht trotzdem der Underdog sein kann… Ähem. Obwohl: Gilt das auch, wenn z.B. ein Dritt- gegen einen Sechstligist spielt? Diese Heimrecht-Regelung?

    @moldo: ergänze: „sonst im richtigen Leben Heizungsklempner/Verwaltungsfachangestellter/“ sowie „der alleine mehr verdient als die gesamte xxx Mannschaft…“

  14. Sensation! Baade entdeckt eingeschliffene Idiotenformulierung in der Fussball-Berichterstattung! Tiefe Schmach für bisher so respektablen Berufsstand!

    @Linksaußen: Entschuldige, aber es heißt „Fliesenleger“.

  15. Wie soll denn ein Dritt gegen einen Sechstligisten spielen? Diese Ansetzung wäre echt eine Sensation. Die Amateure sind in den ersten zwei Pokalrunden immer in einem eigenen Topf. Theoretisch ginge es also erst ab Achtelfinale, weil da aus einem Topf gelost wird.

  16. Sternburg, eine Sensation ist es wirklich. Nämlich dass ich nach fast vier Jahren immer noch etwas in der Berichterstattersprache finde, was hier noch nicht verwurstet wurde.

    Und, bunki, ich erinnere mich durchaus an viele Fälle, in denen „Amateure gegen Amateure“ spielten, damals, vor dem heutigen Modus, dass Amateure in einem Extratopf landen. Ob da jetzt mal ein Sechst- gegen einen Drittligisten dabei war, weiß ich nicht, könnte man schauen. Ich würde fast sagen: ganz bestimmt war das mal so.

    Aber okay, das war damals, heute ist heute.

    Beim Fliesenleger möchte ich noch den „Studenten“ hinzufügen.

  17. Also ich habe mich geschämt und fühlte mich bloßgestellt, so direkt nach dem 0:1 in der Nachspielzeit. Eine Blamage ist es deshalb aber sicher noch immer nicht.

  18. Ach, Trainer, da wird noch viel kommen. Die Phrasendreschmaschinen arbeiten doch nach wie vor ohne Pause, langweilig wird das sicher nicht. Grade las ich diesen Satz hier: ‚Die Dramatik des unglaublichen Spielverlaufs, spiegelte sich dabei in seinem Gesicht wider.‘ Gemeint ist Bruno Labbadia nach dem Pokalspiel in Osnabrück. Mal von dem Komma abgesehen: gibt’s davon ein Foto?

    (Aus: http://www.sport1.de/de/fussball/fussball_dfbpokal/artikel_155362.html )

  19. Hach, kleinen Spaß gemacht und den Titel des Beitrags hier eingetragen, was zugegeben wenig Sinn hat:

    http://dasistdasneuedas.de/

    Wie allerdings das meiste, was man so im Netz tut.



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