Das ist das Ende

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Wir probten in dem Keller der Realschule.

Eines Tages kam der Hausmeister herunter, der bekanntlich bei der Stadt interveniert hatte, dass Bands in seinem Keller proben würden und noch dazu einen Schlüssel für die Kellerräume seines Hauses hätten. Die Entscheidung fiel gegen ihn aus. Jugendkultur. Müsse man fördern. Zumindest in geregelte Bahnen lenken und was gäbe es Geregelteres als einen Realschulkeller, über den auch noch ein Hausmeister wachte. Zuhören wolle er, bei unserer Probe. Abgesehen davon, dass Proben nicht zum Zuhören gedacht sind, war gegen diesen Wunsch eigentlich nichts einzuwenden. Abgesehen davon, dass der Hausmeister eben Lord Vader war, der uns jederzeit mit einer leichten Halsbewegung hätte herauskicken können. Eigentlich wollten wir dieses dings-getränkte Dingen spielen oder zumindest versuchen, zu proben, bei dem niemand wusste, wie es ausgehen würde, das nur einen Anfang hatte, einen sehr strukturierten, aber kein Ende. Es hatte nie ein Ende. Eigentlich war es auch langweilig, wenn man nicht in der Stimmung war. Aber bei den Proben machte es immer viel Spaß. Wir spielten es nie live, es wäre zu langweilig gewesen. Natürlich konnten wir jetzt, vor den Ohren der Obrigkeit in Person des Hausmeisters nicht so einen Scheiß spielen. Also spielten wir „The End“, ohne uns des Subtextes des Titels in Bezug auf die Situation bewusst zu werden. „The End“ in unserer Version war – Herrgott, wie kreativ wir waren – natürlich kein 1:1-Abklatsch, sondern gespickt mit Zitaten anderer Songs. Niemand nahm an, dass der Hausmeister, er war ja gar nicht so tumb, wie er aufgrund seiner Aushänge im Proberaumkeller immer wirkte, diese Anspielungen bemerken würde. War auch egal. „This is the end“, mein Hausmeister, er hörte zu, wir spielten und irgendwann zwischendrin kam mir das Bild von Paul McCartney in den Sinn. Wie er als junger Junge noch da sitzt und nicht ahnt, was aus ihm werden würde. Ich spielte weiter. Wir spielten weiter. Der Hausmeister hörte zu. Wippdiwipp, sein Kopf bewegte sich. Wie kann man zu „The End“ mitwippen? Offensichtlich verstand er kein Englisch. Dann, natürlich, hätte man sich auch all die anderen Anspielungen in unserer ur-eigenen Version sparen können, wenn er sowieso kein Englisch sprach. Vielleicht war er aber nur ein Motherfucker, der den einen oder anderen Song doch erkennen würde, selbst wenn er kein Englisch sprach. Er wippte mit. Das Ende, sofern es nicht schon da war, rückte näher. Er wippte weiter mit, so als wäre nichts geschehen, so als stünde das Ende nicht vor der Tür unseres Proberaums. Irgendwann neigte sich der Song dem tatsächlichen Ende zu, und der Hausmeister hörte auf, mitzuwippen. „Schön“, sagte er, als er ging. Aber jeder wusste, dass er dasselbe auch bei demselben Scheiß in blau gesagt hätte. Dass er sich überhaupt die fünf Minuten genommen hatte, um zuzuhören, war schon sehr erstaunlich. So viel Geduld hätte man heutzutage nicht mehr. Später gingen wir auf den Schulhof und bolzten mit einem Tennisball herum. Den hatte nicht mal einer mitgebracht, er lag so da herum und war noch nicht platt. In einer Band von vier ist es schwierig, keine internen Rivalitäten oder Vorlieben zu entwickeln, und so war die Teamaufteilung natürlich klar: Hier Rhythmus- und Leadgitarre – dort Bass und Schlagzeug. Die Rhythmusfraktion hatte natürlich keine Chance gegen uns. Nicht, weil sie so schlecht waren, sondern weil sie keinen, ähem, ähem, Rhythmus fanden. Sie fanden einfach nicht in die Partie. Mit dem Tor zum 10:4 war es dann vorbei. Solche Schulhof-Partien hatten schon immer bei 10 geendet und jeder, der schon mal Fußball mit einem Tennisball gespielt hat, weiß, wie viele Tore dort fallen. Meistens musste man mit dem Gong fertig werden, war man aber nie. Statt einem Elfmeterschießen galt dann die „Regel“: „Das letzte Tor entscheidet.“ So beknackt war man damals, dass man erst einen 40:0-Vorsprung herausspielte, um dann ganz am Ende das letzte Tor entscheiden zu lassen, wer die Partie gewinnt. Das war hier zum Glück nicht nötig. Lead- und Rhythmusgitarre gewannen 10:4. Ich will nicht verschweigen, dass der Bassist ein absoluter Fußballlegastheniker war. Aber, und das ist ja die Krux (oder auch das Glück): Man muss eben nicht Fußball spielen können, um Fußball zu spielen. Es reicht, wenn man weiß, wohin man laufen muss, dafür muss man noch nie Effet auf einen Schuss gesetzt haben oder wissen, was der Winkel ist oder gar, wie man darein schießt. Einfach nur laufen und richtig stehen und schon ist man, sofern man richtig steht, ein besserer Fußballer als ca. 2/3 der Menschheit. Sollte doch mal ein Ball auf einen herniederkommen, kann man immer noch mit der Picke, mit dem Schienbein oder mit dem Arsch klären, Hauptsache, man weiß, wo man stehen muss. Als das Spiel aus war, schwitzten wir. Der Hausmeister rief von oben: Aber nicht, dass Ihr das jetzt bei jeder Probe macht! Wir riefen zurück: Halt die Fresse, Du Arsch. Tatsächlich sagten wir: Aber nicht, dass Sie jetzt bei jeder Probe vorbeikommen. Er grinste ein wenig. Man weiß bis heute nicht, was er damit gemeint haben könnte. 10:4, danach gingen wir wieder runter in den Schacht und schrieben „A Day in the Life“, welches so noch nie von einer Band vorher geschrieben worden war. Es war ein wenig still und kalt, aber wir Gitarristen wussten nun, dass die Rhythmussektion keine Chance hatte gegen uns.

Der Hausmeister lief laut hörbar den Flur hinunter.

8 Kommentare

  1. Nette Story. Schön mit Musik gespickt, das hab‘ ich gern. Dass ihr damals ‚A day in the life‘ geschrieben habt. Erstaunlich! Ich dachte den hätten wir geschrieben…

  2. Da hatte er aber Glück, der Bassist, dass er einen starken Mitspieler hatte, der ihn einzusetzen verstand, oder? ;-)

    Gern gelesen, danke.

  3. Bassisten sind meistens Womanizer und die interessieren sich nicht so für Fussball ..

  4. Ich hab ja nie verstanden, wie Leute, die so gar nicht kicken können, Womanizer sein können.

    [ja, kreuzigt mich ruhig und unterstellt mir Neid]

  5. Und ich dachte, sowas schreibt man nur, wenn man mehr als 499 Beine hat ;-).

    Gerne mehr davon…

  6. Habe jetzt auf Deinen Kommentar hin zum ersten Mal überhaupt 500 Beine gelesen.

  7. Wo kann man denn die Mitschnitte von Musik dieser Band hören?

  8. Noch nirgendwo. Aber vielleicht lässt sich der alte Schlagzeuger ja doch mal dazu bewegen, in seinen Keller der DAT-Aufnahmen herunterzusteigen und diese mal auf moderne Formate zu „überspielen“.



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