Verpasste Dekomposition des Mythos Sammer

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Rants sind ja etwas aus der Mode. Also halten wir weiterhin den Ball flach. Der Beitrag von „sport inside“, der gestern im WDR lief (hier in der Mediathek) und sich knappe 10 Minuten mit Matthias Sammers neuer Rolle beim FC Bayern beschäftigte, ist ein schönes Beispiel dafür, wie überflüssig solche Form von Reportage ist, wenn sie aus ein paar Interviewschnipseln mit Matthias Sammer und ansonsten aus mit pathetischer Musik untermalten Szenen — bekanntes Stilmittel des Boulevard-TV — besteht, in denen Sammer mit verkniffenen Augen das Training beobachtet oder über einen Fußballplatz schreitet.

Kein einziges Wort darüber, was Sammer außer einer gewissen Siegermentalität überhaupt ändern oder einführen möchte. Kein einziges Wort darüber, dass möglicherweise den Großteil der inhaltlichen Arbeit der „wissenschaftliche Mitarbeiter“ von Matthias Sammer macht. Keine einzige Nachfrage, wie man die Hülse „Siegermentalität“ überhaupt mit konkreten Inhalten füllen könnte. Sammers Erläuterung, dass man in jedem Training heiß sein müsse auf den Sieg im Trainingsspiel und sich über eine Niederlage ärgern müsse, bleibt extrem dürftig. Das soll in Zeiten von verstärktem Einzug von Taktik in die Partien alles sein? Ob der FC Barcelona wohl davon lebt, kein Trainingsspiel verloren zu geben (abgesehen davon, dass in einem Trainingsspiel, wie in jedem Fußballspiel, das nicht Remis endet, immer eins von beiden Teams verliert …)?

Stattdessen eine Charakterisierung von Matthias Sammer, wie man sie schon hundertfach konsumieren musste. Es ist ja sicher größtenteils zutreffend, dass er extrem ehrgeizig ist. Extrem leistungsorientiert und dabei auch wenig Spaß versteht. Es ist unbestritten richtig, dass er massenweise Erfolge als Spieler errungen hat.

Ob die Erfolge als Trainer und als Sportdirektor immer auf seinem Mist gewachsen sind, könnte man da schon eher hinterfragen. Eine glückliche Fügung für Sammer, dass nach jahrzehntelanger Durststrecke die U-Nationalmannschaften plötzlich drei Titel auf einmal gewannen. Und was kam danach an Erfolgen der selben Auswahlmannschaften? Gewinne privatisieren, Verluste verstaatlichen, äh, nein, Titel für sich reklamieren, sich bei Misserfolgen aber dünn machen, das ist natürlich clever. Aber auch das müsste man mal beleuchten, mit welchem Recht Sammer diese U-Titel für sich reklamiert.

Eine einzige Enttäuschung, in Form — zu viel Pathos — und Inhalt — keinerlei kritische Auseinandersetzung mit dem von ihm und anderen gestrickten Mythos Sammer. Kein Wort über Inter Mailand, kein Wort über die Entlassungen in Dortmund und Stuttgart und deren Gründe, die sicher noch nachwirken könnten und kein Wort zur für jemanden, der so sehr auf Loyalität Wert legt, blamablen Geschichte rund um den HSV. Und nicht zuletzt kein Wort zur so genannten „Bayernklausel“, die für sich genommen schon ein Skandal des DFB wäre, und in Konsequenz eben auch für den nicht ganz so loyalen Erfolgsmenschen Sammer, der schon zu Dortmunder Zeiten stets damit kokettiert hatte, doch zu den Bayern wechseln zu können und so sein Gehalt in die Höhe trieb.

Diese Art von Phrasen-Journalismus, der nur unreflektiert die ja nicht ohne Absicht produzierten Mythen nacherzählt, braucht man nicht auch noch zusätzlich neben dem sonstigen Claqueurtum rund um die Bundesliga. Vor allem, wenn er innerhalb eines ansonsten Hoffnung machenden Formats daherkommt. Eine vertane Chance, denn hier im Blog wartet man sehnsüchtig darauf, dass eingeweihte Quellen endlich mal den Scheinwerfer auf den wissenschaftlichen Mitarbeiter „Dr. Karsten Schumann“ richten und darauf, die durchaus eloquent vorgetragenen Floskeln Sammers auf ihren Kern hin zu durchbeißen. Auch wenn dann die Zähne schmerzen könnten.

15 Kommentare

  1. Um einen großen Meister zu zitieren: Richtig, richtig, popichtig. Oder auch: Zustimmung, Zustimmung, Pozu.. naja.

    Zwischen den Titelgewinnen der U-Mannschaften des DFB vor geraumer Zeit und Sammers Anstellung als DFB-Sportdirektor habe ich auch noch nie einen kausalen Zusammenhang entdecken können. Und ja: Die HSV-Nummer war ein Skandal, woraufhin er eigentlich entlassen gehört hätte. Stattdessen verhätschelten sie Sammer weiter beim DFB und gratulieren ihm dann auch noch, als er sie etwa später stehenlässt, weil er endlich das Angebot bekam, auf das er scheinbar seit Jahren bloß zu warten schien.

    Zumal ich bei Sammer noch früher ansetzen möchte, denn mir kam sein Wechsel vom Trainerjob zum Sportdirektor-Posten nie so hundertprozentig freiwillig vor. Ich hatte stets den Eindruck, dass man ihn bzw. er sich diesen Job seinerzeit schönsaufen musste, um im Geschäft zu bleiben – und er erst mit der Zeit seinen Frieden mit der Rolle gemacht hat. Aber hundertprozentige Identifikation, um eine von Sammers Leitlinien herzunehmen, habe ich bei ihm zu DFB-Zeiten nie verspürt. Das zeigten ja auch der Flirt mit dem HSV und der Wechsel zu den Bayern.

  2. Ich habe den Beitrag zwar nicht gesehen, kann mir durch Deine Beschreibung aber ganz gut vorstellen, dass man da auch nichts verpasst hat. Wünschenswert ist, dass die Berichterstattung rund um Sammers Person bald abebbt, weil sie ja doch nur immer gleiche Oberflächlichkeiten wiederholt, die nun jeder schon zu Genüge gelesen oder gesehen hat. Interessant finde ich rund um Matthias Sammer auch, dass er vorgelebte Werte wie Loyalität hier und da selbst über Bord wirft, wenn er sich dadurch verbessern kann. Aber dieses Thema bewahren sich die großen Medien wahrscheinlich für schlechte Zeiten auf (oder ich habe das noch nicht mitbekommen).

  3. Ich hab Sammer noch im Trikot von Dynamo Dresden in der DDR-Oberliga live spielen sehen. Er war sehr talentiert, torgefährlich und hatte auch international die ersten Meriten erzielt. 1986 war Sammer mit der U-18 Europameister geworden. Im Halbfinale gab es ein 1:0 gegen die BRD. Im Endspiel ein 3:1 Sieg gegen Italien. Matthias Sammer schoss das wichtige 2:1 kurz vor der Halbzeitpause.

    Der Name Sammer hatte durch seinen Vater Klaus bereits einen sehr guten Klang im Fußball. Erfolgreicher Spieler und Trainer von Dynamo Dresden. Dabei stand der Vater von Matthias Sammer nach der Uerdingen Sache (Sport und Politik) unter Beschuss und musste seinen Trainerjob der Männermannschaft am Ende der Saison 85/86 auf Druck der Funktionäre abgeben. Das blieb in der Regel nie ohne Schatten für den Sohn. Der Junior Matthias Sammer musste sich da schon sehr kräftig im System durchkämpfen. Das war sicher ein Element der Basis für seinen unbändigen Ehrgeiz.

    Ich erinnere mich noch sinngemäß an die Worte von Dieter Hoeneß, noch nie so einen ehrgeizigen Spieler erlebt zu haben.

    Natürlich ist am Mythos über Jahre gestrickt worden. Machen aber ja Beckenbauer, Hoeneß, Löw, Bierhoff, Allofs, Klinsmann, Völler, Rettig, Kahn, Netzer und Co. auch. Da ist Sammer kaum ein Vorwurf zu machen.

    Ja, die Interviewschnipseln und die (mich) nervende Musik sind von Dir zu Recht kritisiert worden. Wahrscheinlich dem Zeitgeist geschuldet. Ich weiss es nicht.

    Die Dellen in der Sammer Biografie sind der kurze Ausflug nach Mailand, die Stuttgart Geschichte als Trainer und natürlich das kneifen bei der Aufgabe beim HSV. Da sah Sammer nicht gut aus. Bei der Dortmunder Trainerstory … nun ja 2002 holte er den Titel. Einzug in das europäische Finale gegen Feyenord Rotterdam. So schlecht war das nicht.

    Danach gab es eine Abwärtsspirale bei Borussia Dortmund. Kann passieren. Klinsmann hatte einst bei Bayern gar nicht erst die Höhen erklommen.

    Hintergrundreportage sieht anders aus. Doch da ist die Kritik an der journalistischen Arbeit anzusetzen.

  4. So much win, Trainer.

    Sobald einer ausgemacht wird, dem mehrheitlich Fachkenntnis zugeschrieben wird, gibt es nette Berichte, Reportagen und schmückende Attribute en masse.
    Der Aufbau solcher Filmchen ist im Grunde jedes mal der selbe. Gleich zu Anfang ein Bild, welches es im weiteren Verlauf zu festigen gilt. Dazu passende Musik und die tiefe Stimme von (mir fällt der Name nicht ein, der B. Büchler der ARD). Bloß nicht zu kritisch (man sieht sie ja jetzt öfter), bloß nicht zu tief in die Thematik hinein (der schöne Schein könnte ja zerstört werden). Das sind wohl die Dinge, die man durchmachen muss, in Zeiten in denen KMH mit Olli erregt plaudert und in Frauenzeitschriften erklärt wird, warum man bei der EM seinen Traummann finden kann.(Ich war letztens beim Zahnarzt)

  5. Ich glaube, ein grundlegendes Problem der Berichterstattung sind die völlig überzogenen Preise, die für die Fernsehrechte abgedrückt werden müssen. Da mag der jeweils übertragende Sender seine Ware eben nicht madig machen. Zumal der „Fan“ ja offenkundig mehrheitlich sowieso nicht danach verlangt.

    Kann sich noch jemand an Michael Palme vom ZDF erinnern? Viel zu früh verrentet, viel zu früh gestorben. Ein erstklassiger und kritischer Fachmann. Eben ein Journalist und nicht der größte Fan derer, über die er berichten soll. Hätte heutzutage keine Chance mehr und würde ausschließlich als Miesmacher wahrgenommen.

    Naja, es war zwar nicht alles schlecht, aber es ist auch nicht alles schlecht. Dafür gibt es heutzutage eben Blogs wie den vom Trainer, in dem Dinge wie diese angesprochen werden.

  6. „Ich glaube, ein grundlegendes Problem der Berichterstattung sind die völlig überzogenen Preise, die für die Fernsehrechte abgedrückt werden müssen. Da mag der jeweils übertragende Sender seine Ware eben nicht madig machen.“

    Die Preise sind nicht überzogen.
    Aber denken wir den Absatz mal weiter. Teure Inevestition, deshalb braucht es jeden Zuschauer. Die Deppen, die den Sport lieben, schalten eh ein. Es wird sich also um noch eine ganz andere Gruppe bemüht. Das hat weichreichende Folgen, manche behaupten sogar, es hat Einfluss darauf, wie die Schiris pfeifen und wer die Sache um Ibisevic mitbekommen hat, wird es verstehen.
    Dann braucht man sich auch nicht mehr wundern, warum Christian Fuchs im ASS nach Haarpflegeprodukten gefragt wird und nicht, warum Österreich ein Dutzend gestandene Profis stellt, aber eine so miserable Nationalmannschaft. Anstelle einer ordentlichen Analyse eines Viertelfinalsiegs darf Hella von Sinnen Schland bei Lanz gröhlen.
    Diese Entwicklung ist bedenklich.

  7. „Die Preise sind nicht überzogen.“

    Das sehe ich anders.

    Wenn es, wie du ja weitergehend in deinem letzten Post ausführst, nicht nur die echten Fans („Deppen“) sondern jeden Zuschauer braucht um das teure Produkt zu refinanzieren, dann sind die Preise überzogen.

    Allerdings ist die Debatte fruchtlos, bzw. führt zu wenig, denn es lassen sich auf beiden Seiten genug Argumente pro und contra finden.

    Ich finde auch nicht, dass die Berichterstattung in fussballtaktischer Sicht schlechter geworden ist, das war früher auch nicht besser. Sie ist nur generell viel unkritischer geworden. Ein schlechtes Spiel ist ein schlechtes Spiel und dies wurde noch bis weit in die Achtziger rein auch so genannt. Mit dem Wechsel ins Privatfernsehen („Anpfiff“) wurde es clownesker, die Show drumherum wurde mindestens genauso wichtig wie das Spiel selbst. Der Höhepunkt war dann „ran“ unter Beckmann, wo erstmalig bratwurstessende Fans in Super-Slowmotion für endlose Sekunden in den Beitrag geschnitten wurden. Die teuer eingekaufte Ware sollte eben möglichst viele Werbekunden und Werbungszuschauer anziehen.

    Man muss allerdings zugeben, dass das unkritische Showfußballfernsehen auch wenig fußballaffine Menschen für diesen (oder die Show drumherum) begeistern konnte. In den Achtzigern lag der Zuschauerschnitt in den Stadien bei ungefähr der Hälfte von heute.

    Dass man dieser Tage auch „Pseudo-Fans“ das Gefühl gibt, sie verpassten wirklich etwas, wenn sie ein „wichtiges“ Spiel nicht gesehen haben, das verdanken wir eben eher Sendungen wie Lanz mit Hella von Sinnen als man es einer sachlichen Analyse verdankte.

  8. Es ließe sich trefflich streiten, ob Ei oder Henne; )

    Und dass die vorher in taktischer Sicht nicht viel besser waren, könnte damit zusammenhängen, dass generell nicht allzu viel Wert darauf gelegt wurde. Jede Niederlage war doch fehlender Wille & Kampf.

  9. Dabei ist sport inside ja noch vergleichsweise ambitionierter Sportjournalismus. Am schlimmsten hat es aus meiner Sicht das Sportstudio erwischt. Es gab dort zwar schon immer Unterhaltungselemente, aber dafür auch immer interessante Interviews. Heute alles nur noch Boulevard, KMH sei Dank. Aber es scheint tatsächlich so, als würde das Publikum dies honorieren, man braucht ja nur die Fanmeilen dieser Republik zu betreten.

  10. ich mag den nicht. und sei er noch so eine siegermentalität. gar noch als verbandsdirektor. – es gibt sympathischere siegermentalitäten.
    und zweimal schwarzgelb? ich will´s nicht durchrühren. ich wünsche dem fcb trotzdem alles gute!
    (ach ja, der sportjournalismus: niedergangsmentalität!)

  11. Sammer ist das Gegenteil von einem Sympathiebolzen und genau deswegen haben sie ihn geholt. Die Hierarchie ist in der Mannschaft wohl zu flach geworden; die Spieler sind zu gleichförmig zu harmonisch; da muss Aufruhr rein, damit das wieder was mit Titeln wird.

    Fernsehen ist ein Trashmedium. Hin und wieder – vielleicht – findet man dort eine Perle. Der Tiefgang findet woanders statt; z.B. hier, in Blogs generell und bei Trainer Baade im besonderen.

  12. Guter Blog. Gerade beim VfB hat sich der Trainer Sammer sicher keine Freunde gemacht. Beim HSV hatte er doch bereits zugesagt als ihn die personifizierte Deutungshoheit der BRD, äh, die personifizierte Deutungshoheit des deutschen Fußballs, anrief, um ihm zu sagen, bleib doch noch ein wenig in München, bald bieten wir Dir einen Job bei uns an.

  13. Danke, aber Du meinst sicher „guter Beitrag“. „Blog“ ist das gesamte Ding hier, die einzelnen Einträge heißen „Beitrag“, „Artikel“, „Text“, oder was immer Dir beliebt, aber niemals „Blog“.

    Weißt Du mehr über seinen Abgang vom VfB?

  14. Der Blog ist aber gut, Trainer! Da kann der einzelne Beitrag ruhig mal schlechter sein, im großen und ganzen fällts nicht auf ^^

  15. Pingback: Trainer Baade » Dekompositions-Häppchen am Morgen



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