Deutschland soll gewinnen

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Ich lehne mich damit nicht zu weit aus dem Fenster. Ich habe eine Meinung, von mir aus ist das auch eher ein Gefühl, ein Wunsch, aber die lautet eben: Deutschland soll gewinnen.

Das hat zwar ganz sicher damit zu tun, dass ich hier geboren und aufgewachsen bin, aber nicht nur am Rande hat es auch damit zu tun, dass es nichts Spannenderes gibt als den FC Adelaide gegen die Sydney Rangers oder auch Burkina Faso gegen die Demokratische Republik Kongo spielen zu sehen. Das Spiel macht keinen wirklichen Spaß, wenn einem egal ist, wer gewinnt — die Freaks mal ausgenommen. Einer der Gründe, warum ich so selten Champions League live schaue: Was interessiert mich Benfica Lissabon gegen Panathinaikos Athen — außer in einer 6-minütigen, rasanten Zusammenfassung?

So lange einem egal ist, wer gewinnt, bekommt man fast eine amerikanische Sicht auf das Spiel: diese Pausen, dieses Gähnen, dieses langsame Trotten zum Ausführen eines Eckstoßes. Und dann, irgendwann in 90 Minuten mal ein Tor, und dann irgendwann noch eins. Das war’s. Die einen sind weiter, die anderen sind raus, gähn. Wie hießen die noch mal? Wie kann man nur Fußball schauen?

Grundvoraussetzung ist also: Dem Zuschauer ist nicht gleichgültig, wer gewinnt.

17 Kommentare

  1. Ich behaupte ja schon lange, dass sich genau deshalb die meisten Fussballinteressierten mehr oder weniger unbewußt ein persönliches Netz an Sympathie und Antipathie über den Globus gehäkelt haben, um so mehr oder weniger immer und bei jeder Begegnung eine Mannschaft zu haben, die man mehr mag. Oder – häufiger und auch hilfreicher – eine, die man weniger mag.

    Dass das Verfolgen eines Fussballspiels , bei den einem der Sieger gleichgültig ist, in etwa so spannend ist, wie sich an einem heißen Sommertag in die Küche zu setzen und zu beobachten, wie sich das Linoleum wellt (Garfield) – ich denke, dass wissen letzlich alle. Warum trotzdem noch Menschen zu irgendwelchen Abschiedsspielen gehen, war mir schon immer schleierhaft.

  2. Hach, auch hier geht es mir anders. Habe mit Interesse und Begeisterung das Vorrundenspiel Südafrika-Angola beim diesjährigen Afrika Cup geschaut. Wer das im Liveticker noch einmal nachlesen möchte, um die Zeit bis zum Finale zu überbrücken, bitte hier entlang:

    http://tinyurl.com/65j8h5

  3. Ach Trainer Baade, natürlich soll Deutschland gewinnen und natürlich weißt du selber am besten, dass das, was du hier wieder geschrieben hast, exakt eine mögliche Variante ist, die nur darauf hinweist, dass es auch anders möglich wäre. Ich schenke dir noch ein paar Minuten Traffic plus diesen Beitrag, möge er dich auf deinen Wegen heute begleiten und schützen!

  4. Für mich muss es bei dem Spiel um etwas gehen. Kann Freundschaftsspielen nichts abgewinnen. So gucke ich lieber 2. Stadtklasse als z.B. meinen Verein gegen den FCB z.B. in nem Kick um nix.

    Ansonsten, genialer Monolog den du heut früh verfasst hast. Schade das ich kurz davor meinen PC ausgeschaltet hatte.

  5. Mein Motto lautet immer: „Möge der Bessere gewinnen.“ (Frei nach P.Lahm, Gähnfaktor 40)

  6. Niemand möchte, dass heute Abend Spanien gewinnt. Also lass den Scheiß. Jeder innerhalb dieses Kulturkreises möchte, dass Deutschland gewinnt. Also wenn schon verlieren, dann im Halbfinale. Nicht im Finale.

  7. Manno, jetzt aber nicht so pampig werden….
    Gilad ist nah am Wasser gebaut und außerdem Sangria-abhängig.

  8. Ich war nicht pampig. Ich kann nur nicht mehr. Diese Spannung, dieses unendliche Leiden nach dem Abpfiff. Warum muss ich immer die Spiele ertragen, in denen „wir“ verlieren? Ich mag nicht mehr verlieren.

  9. Ich bleibe dabei. Es gibt keinen Grund jetzt schon verzweifelt zu sein, Trainer.
    Ich habe heute an Wolfgang Dremmlers Leistung im WM Finale 1982 denken müssen. Da wurde verloren, auch wegen ihm. Wie stehst du eigentlich zu Wolfgang Dremmler? Es gab meines Wissens hier noch keinen Eintrag über ihn…

  10. Wolfgang Dremmler ist selbstredend eine Institution. Welche, das müssen wir morgen diskutieren, ich fragte mich aber immer, wie er überhaupt zu den Bayern gelangen konnte. Und das Problem ist ja auch: Wir haben aktuell keinen Dremmler.

  11. Ohne einen Dremmler oder Dieter Eilts oder Diego haha Buchwald kann man eigentlich keinen Titel gewinnen. Eigentlich.

  12. Einen der besten Golfspieler Deutschlands zähle ich auch noch dazu: Thomas Berthold (1990)

  13. Noch 4 Stunden, 22 Minuten und ein Text von Maxim Biller, erschienen in:

    Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.06.2008, Nr. 26 / Seite 30

    „In der 89. Minute des EM-Finales Deutschland gegen Israel lief der deutsche Trainer Löw plötzlich weinend zum vierten Schiedsrichter und schrie: „Israel ist doch gar nicht in Europa! Warum spielen die mit?!“

    Sekunden vorher hatte Eyal Bimsstein von Hapoel Hebron das eins zu null für die Israelis geschossen. Und das kam so: Sein bester Freund Gai Kackwurstowicz von Makkabi Golan Heights hatte sich an die Mittellinie gestellt und gerufen: „Wer von euch Jungs will umsonst nach Polen, ohne Knarre und Uniform, und auch nicht morgens um Viertel vor sechs? Polen dürfen sich übrigens auch melden und mitplündern!“ Sofort bildete sich vor ihm eine Schlange von elf deutschen Spielern, und von der Reservebank kamen auch alle angerannt. Erst jetzt bekam Bimsstein das erste Mal im ganzen Spiel den Ball unter Kontrolle, und er schaffte es damit irgendwie bis zum leeren deutschen Tor. Fast hätte er danebengeschossen, und eigentlich schoss er auch daneben, aber zum Glück war an diesem Abend der Erzengel Uriel im Kurt-Waldheim-Stadion in Wien. Er stoppte mit seinen unsichtbaren Flügeln den Ball an der Außenlinie und schob ihn mit der Hacke noch rein.

    In der Nachspielzeit, in der Bimsstein und Kackwurstowicz und die anderen Israelis bereits ihre ersten Interviews gaben, passierte sonst nicht viel. Die Deutschen und ihre beiden Polen studierten zusammen den „Warschau bei Nacht“-Guide und holten telefonisch von polnischen Zahnärzten Kostenvoranschläge ein. Und Löw, der deutsche Trainer, ließ sich im Zeitraffer Schläfenlocken und Bart wachsen, und als das Spiel zu Ende war, zog er unter der Trainerbank einen Kaftan raus, schob sich eine Kippa auf den Kopf und lief jubelnd zu den Israelis. „Jetzt kann ich es euch sagen“, flüsterte er Bimsstein zu, „ich bin der Ur-ur-ur-Enkel des berühmten Rabbi Judah Löw von Prag! Darf ich bei euch mitfeiern?“

    Er durfte – aber nicht lange. Noch bevor die Israelis auf die Tribüne steigen konnten, um den Siegerpokal entgegenzunehmen und ein paar von den neuen Uefa-Aktien zu zeichnen, wurden sie unter dem Applaus des österreichischen Publikums und der meisten israelischen Spielerfrauen von der Wiener SD-Sonderabteilung „Schmäh“ verhaftet und nach Mauthausen gebracht. Den weinenden Löw, der laut schrie, er habe nur Spaß gemacht, nahmen sie auch mit. Das israelische Sonderkommando, das die neuen Europameister eine Woche später aus Mauthausen befreite, ließ den deutschen Trainer als Einzigen dort. „Wir haben ohne ihn das Turnier gewonnen“, sagte der Mossadchef in einer Pressekonferenz, „und die Deutschen haben es mit ihm verloren. Und wenn er der Ur-Enkel von König David wäre – was, bitte, soll unser bedrohtes Land mit einem Hysteriker wie ihm?“

  14. Ich habe Pierre Littbarski vor ein paar Jahren mal – sinngemäß, aber direkt – ins Gesicht gesagt, dass die Nationalmannschaft mit ihm keinen WM_Titel gewonnen hat. Da hat er protestiert. Und ich habe mich geschämt, weil ich ihm das so sehr nicht zugetraut hatte, dass ich unter anderem auch deshalb dieses Finale von 1990 verdrängt hatte. Ihm nicht und den anderen nicht, die damals mitgemacht haben. Auch heute noch kann ich mich über diesen Erfolg nicht freuen. Bloß gut, dass die Typen von 1982 und die von 2002 nicht Weltmeister geworden sind, dann würde ich mich noch mehr ärgern. Deutschland darf ja gerne gewinnen, aber lieber bitte so wie 2006 oder in diesem Jahr (ja, ich denke, sie werden es packen.)

  15. @trainer baade: ich denke da ist wohl der Wunsch Vater des Gedankens, dass der ganze hiesige Kulturkreis (http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturkreis) wünscht, dass Deutschland Europameister wird.

    Denke dass die meisten für Spanien sein werden, was auch die diversen Umfragen zeigen.

    Also: Hoffen & Bangen – vielleicht geht sich ja doch was aus, und wenn nicht freuen sich die meisten Europäer darüber dass Spanien EM geworden ist.

  16. Wie gut der Maxim Biller-Text – unglaublich. Merci!



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