Die Großtante aller Niederlagen

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Am Samstag waren wir alle Bayernfans Hobbypsychologen. Gab es irgendjemanden, der bei dieser Art Bastian Schweinsteigers, zum Elfmeter anzulaufen, nicht aufgeschrien und Stop! gerufen hätte? Jede Faser seines Körpers wollte doch intensiv seiner Umwelt mitteilen, dass dieser Körper es für keine gute Idee hielt, jetzt, am Ende dieser 120+x Minuten auch noch in wenigen Sekunden für die Niederlage verantwortlich zu sein. Aber wenn die fünf Schützen nominiert sind, gibt es nun mal kein Zurück mehr. Und all wir Hobbypsychologen waren danach und womöglich für längere Zeit noch mit dem eigenen Bewältigen dieser Niederlage beschäftigt. Wobei, das darf sicher sein, es eben kein zweites Barcelona war. Weshalb die Bewältigung schneller gehen wird.

Vorab: Es sei niemandem seine persönliche Einschätzung dieses Finales daheim genommen. Jeder leidet selbst so, wie er will und gerne auch mit immer neuen Höhe- bzw. Tiefpunkten des Leidens. Objektiv gesehen ist aber klar, dass es nur die Aktualität des Schmerzes gewesen sein kann, die zum Ausspruch verleitete, dass Drogbas Schüsse ins Tor im Resultat schlimmer gewesen seien als die Mutter aller Niederlagen. In diesem Spiel sah es keineswegs die gesamte Spielzeit lang so aus, als würde der FC Bayern sicherer Sieger dieser Partie werden, sondern nur genau von Müllers Tor bis zu Drogbas Ausgleich. Das ist zwar „schon au“ irgendwie bitter, hat aber eine ganze andere Qualität, zumal (bis auf den von Robben vergebenen Strafstoß) die ganz großen weiteren Chancen fehlten.

In einem Elfmeterschießen, und darauf lief die gesamte Spielanlage des FC Chelsea doch schon in den ersten Minuten hinaus, stehen die Chancen nun mal 50-50, wobei sie aufgrund diverser Umstände in diesem Fall aus Münchner Sicht schlechter standen. Zum Einen, weil man sich selbst diesen Riesendruck auferlegt hatte, das „Ding“ (O. Kahn) im eigenen Stadion unbedingt zu gewinnen. Zum Anderen, weil man immer noch keine professionelle Vorbereitung auf Eventualitäten eines Fußballspiels für nötig hält. Dazu gehörte, intensiv Elfmeter zu trainieren, die jeweiligen Spieler auf das vorzubereiten, was kommen kann und — das ist kein Muss, aber wie sichtbar wurde, wäre es nötig gewesen — auch die Schützen schon im Vorhinein zu bestimmen.

Ändern könnte man diese dann immer noch, wenn es soweit ist. Jupp Heynckes lief angeblich vom Einen zum Anderen und erntete nur Absagen, so dass der eigene Torwart schon einer der regulären fünf Elfmeterschützen sein musste. Was sich im Nachklapp als absolutes Plus für Manuel Neuer erwiesen hat, ist eine unübersehbare Peinlichkeit für jene, welche ins Finale mit dem höchsten aller möglichen fußballerischen Niveaus gingen und für diese Angelegenheit verantwortlich sind.

Weiterhin weiß doch jeder, dass man nicht im Vorhinein zum Geburtstag gratuliert. Insofern musste jeder, der einen Funken Aberglaube in sich wiemeln spürt, zusammenzucken, als die Kurve der Bayern die Worte „Unsere Stadt, unser Stadion, unser Pokal“ ausrollte und damit den Grundstein für die Niederlage gelegt hatte. Selbst wenn man nicht abergläubisch ist, ahnte man in diesen Momenten, dass es nie gut ist, die Götter herauszufordern, und wenn es nur die Fußballgötter sind.

So entspann sich eine Partie, die man so ähnlich schon im Halbfinale dieses Wettbewerbs gesehen hatte, und so unansehnlich es auch sein mag, es ist vollkommen legitim, so zu spielen. Zumal sich auch die berechtigte Frage stellt, wie stark oder schwach die Bayern wirklich waren — und wie viel der schwachen Offensivleistung der Gäste darin zu begründen war, dass Bayern eben so stark spielte.

Einen Höhepunkt an Frechheit lieferte jener Reporter von sky, der den Trainer des frisch gebackenen Champions-League-Sieger befragte, ob dieser den Stil seiner eigenen Mannschaft „schön“ fände. Ein bisschen frech ist es, diese Frage zu stellen. Frecher ist es allerdings, dass sich ein Mensch mit so wenig Ahnung vom Spiel jemals als Sportreporter beworben hat und somit zu diesem Job gekommen ist. Als wäre es im Fußball je um Schönheit gegangen und als interessierte das irgendjemanden im Moment des Triumphs — außer schlechten Verlierern, denen die Argumente fehlen. Und die einzigen Argumente, die es im Fußball gibt, sind erzielte Tore.

Man kann sich doch nicht ein (monetäres) Leben daraus basteln, die Unwägbarkeit des Fußballsports so sehr zu melken, dass es für ein Häuschen im Grünen reicht und man den Kindern die Universität bezahlen kann, wenn die Unwägbarkeit dann aber ernst macht mit ihrem Unwägbarsein, sich über ihre Existenz beschweren.

Weshalb sich stante pede ans Scheitern anschließende Diskussionen der üblichen Verdächtigen (Kahn: „Eier“, Effenberg: „Führungsspieler“, Lattek: „Neid“) auch darin erschöpfen, ihre Weltsicht auf den Fußball wiederzugeben, statt sich mit aktuellen Problemen des FC Bayern auseinandersetzen. Wer in einem Pokalwettbewerb im Fußball Zweiter wird, hat nicht allzu viel falsch gemacht, sonst wäre er dort nicht hingekommen. Was nicht bedeutet, dass man nichts verbessern könnte, denn:

Was ist nur aus dem FC Bayern geworden, der als ich als Kind zum Fußball kam noch nie ein Finale verloren hatte? Dann kam Aston Villa, dann Uerdingen, dann Porto und heutzutage verlieren die Bayern mal eben zwei Finals in einer Woche. Ein „Barcelona“ war es aber dennoch nicht, weil die Häufigkeit des Scheiterns bei den Bayern enorm zugenommen hat, und man deshalb dran gewöhnt sein müsste. Schon beim Abschlachten während des DFB-Pokalfinales durch den BVB spürte ich zum allerersten Mal in meinem Leben eine Gefühlsregung, die mir wirklich Angst bereitete: Ich hatte Mitleid mit den Bayern.

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17 Kommentare

  1. Danke! Mitleid von allen Seiten.. das baut einen wirklich wieder auf!
    Die Tränen steigen schon wieder auf….

  2. War es denn Wirklich Mitgefühl, oder fürchteten die Leute nur, die Felle der Nationalmannschaft davonschwimmen zu sehen?

  3. Danke, Trainer – hatte nichts anderes erwartet, als ein so den Punkt treffendes Statement. Stimme absolut überein.

  4. Ich weiß nicht, von Trauer zu reden finde ich immer etwas seltsam, wenn es um die Niederlage in einem CL-Finale geht. Trauert man darüber,dass einem zur Krönung einer tollen Saison das Quäntchen Abgezocktheit gefehlt hat? Finde das unerträglich, einen zweiten Platz nicht mal zu feiern. Sicher kann man kurz enttäuscht sein, aber dass weder Fans noch Spieler in der Lage sind, nach dem erßten Schock in der Lage sind, eine tolle Saison auch ohne Titel zu feiern finde ich lácherlich.
    Hast aber absolut Recht,was die sog. Experten angeht. Dieses Gelaber von wegen Spiel auf ein Tor, hat mich schon im Halbfinale gegen Barcelona angekotzt. Wenn eine Mannschaft 90 Minuten auf ein Tor spielt und die andere ein Tor mehr schießt,dann ist das doch eine eindeutige Aussage über die Qualität der beiden.

  5. @Und all wir Hobbypsychologen waren danach und womöglich für längere Zeit noch mit dem eigenen Bewältigen dieser Niederlage beschäftigt.

    ich habe mich über das ergebnis und sein zustandekommen gefreut. :-)

    pro koan titel

  6. Korrektur:Nicht unbedingt „mehr“ Tore, aber genügend.

  7. Hinterher weiß man es ja leider immer besser. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, als die Bayern vor dem Finale verlauten ließen, sie würden sich gut fühlen und alles sei total harmonisch. Das hatte man ja auch vor Beginn der diesjährigen Rückrunde behauptet, und dann ging es abwärts in der Bundesliga…

  8. ich bin ganz mit franz, derwahrebaresi.
    Wenn Kapitän Helmchen sich nach 5:2 gegen Dortmund hinstellt und sagt „wir waren über 90 Minuten die bessere Mannschaft“ oder Weltklassestürmer Gomez, nachdem er gegen Kaiserslauten 3 mal getroffen hat, „es ist die reine Freude gegen einen Gegner zu spielen, der chancenlos ist“, dann sitzt man schon vor dem Fernseher und freut sich mit dem sympathischen Drogba.
    Und der sympathische Schweini wird es verwinden bis zur EM.

  9. Ich hab nur zwei Anmerkungen dazu: Eier und Führungsspieler hatte der Gegner, ersteres quasi Schockweise und vom 2. ne gute Handvoll und zweitens:
    Here Comes the Sun:
    Didididit Didididit Didididit Didididit…

    Geht auch zu Tom’s Diner.

    Abosfuckinlutely loved it!

  10. „In einem Elfmeterschießen […] stehen die Chancen nun mal 50-50, wobei sie aufgrund diverser Umstände in diesem Fall aus Münchner Sicht schlechter standen“

    Wie im Buch Soccernomics dargelegt wurde, gewinnt die Mannschaft, die als Erstes antreten darf ein Elfmeterschießen zu 60%.
    Außerdem hatten die Bayern den „Vorteil“ auf die eigenen Fans anzulaufen, ich persönlich vermute, dass Pfiffe während des Anlaufs die Beine nicht unbedingt leichter gemacht hätten.

    Und den „Riesendruck“ hatten vermutlich auch die Chelsea-Spieler, immerhin ging es für sie zusätzlich um die Qualifikation zur CL nächste Saison, auch wenn daran vermutlich kein Spieler während des Anlaufs dachte.

    Ansonsten Zustimmung zu diesem gelungenen Artikel.

  11. Guter Artikel, ich kann ihm in vielen Punkten zustimmen. Besonders finde ich das dies der erste Artikel ist, der M. Neuer positiv erwähnt. Was ist das für eine Mannschaft, in der der schiessen muss / soll der mit am meisten verlieren kann? Wer stoppt Robben eigentlich beim nächsten mal? Hoeneß von der Tribüne?

  12. Pingback: Didi did it – Kopfball mal anders | Kühns Lindenblatt

  13. Das ist der gottverdammt beste Kommentar zu diesem Thema. Sozusagen die Mutter aller Kommentare zu diesem Thema.

    Danke, Trainer.

  14. Habe oft genug mit meiner Fußballmannschaft bei Turnieren die Chelsea-Taktik angewendet: Hinten gut stehen, vorne hilft der liebe Gott und zur Not gewinnen wir im 11m-Schießen. Hat auch oft genug funktioniert. Und der Sieg fühlt sich trotzdem gut an…

    Dass sowas allerdings in einem Champions League-Finale funktioniert, hätte ich nicht gedacht…

    Interessant fände ich mal als Diskussionsansatz, warum so wenige Trainer Elfmeter trainieren. Druck, Psyche hin oder her – das ist die einfachste Standardsituation, die man trainieren kann und scheinbar macht es fast keiner.

    P.S.: Der Elfmeter von Luiz, so stelle ich mir den perfekten Elfer vor.

  15. Stimmt. Im Vorherein zum Geburtstag gratuliert. Das fing für mich schon mit dem unsäglichen „Finale dahoam“ an, das allen TV-Zuschauern immer wieder übergestülpt wurde, sogar mit Logo!

    Und – von wegen Aberglaube – der Chelsea-Sieg war noch aus zwei anderen Grünen im Grunde logisch:
    1. In den Vor-Interviews waren 2 Stehtische aufgestellt, einer blau für Chelsea, einer rot für die Bayern. Am Chelsea-Tisch saßen 3 Leute, am Bayern-Tisch 2 Leute.
    2. Michael Ballack hat – wenn ich mich recht entsinne – immer mit Chelsea knapp am Titel vorbei gespielt. Er wurde VOR dem Spiel interviewt und er spielt nicht mehr für Chelsea.

    Mitleid mit den Bayern als Ganzes hatte ich nicht wirklich. Diese schon jahrelang andauernde Arroganz à la mia san mia geht mir schon auch jahrelang auf den Keks. Etwas mehr Zurückhaltung wäre vielleicht der bessere Weg für ein paar Sympathiepunkte mehr.

    Herr Schweinsteiger tut mir leid; es war wirklich ein unglücklich verschossener 11m. Es muss ein fürchterliches Gefühl sein.

  16. Gunnar: meine liebste Erinnerung an ein Jugendspiel ist ein mit mir als Libero ermauertes 1:1 gegen eine Mannschaft, die in der höchsten Jugendklasse zu diesem Zeitpunkt seit 2 Jahren keinen Punkt mehr abgegeben hatten. Wir haben das für unsere Verhältnisse damals sehr gut gemacht und es hat sich hinterher toll angefühlt. Ich weiß also, was du meinst.

    Ich fand aber nicht, dass Chelsea das im Finale gut gemacht hat. Deren Verteidigung wirkte mir für dieses Level relativ konzeptlos und hat doch auch ziemlich viele Torchancen zugelassen. Alleine die 20 Eckbälle. Dass Bayern daraus wie auch aus den sonstigen Chancen UND dem Elfmeter nichts macht, zeigt dann natürlich wiederum das Unvermögen der Bayern an diesem Tag. Ich habe in diesem Endspiel zwei Mannschaften gesehen, die beide viele Unzulänglichkeiten gezeigt haben, davon hat die deutlich passivere gewonnen. Ergo finde ich das Ergebnis ärgerlich.

  17. Ich kenne auch noch die Zeiten, da der FC Bayern ‚nie‘ ein Endspiel verloren hat. Mein erstes war das mit Schwarzenbecks Bayerndusel, am Fernseh, ein nachhaltiges das mit dem Kopfverband beim ‚Schwabenpfeil‘. Bayerntypen schossen Tore, von Bayerntypen, die noch Spitznamen hatten, umgeben. – Heute würde ich sagen: Nicht (nur) der Titel zählt, sondern der „Saisonabschluß“. Und da ist, denke ich, der FC Bayern weiter vorne und seit langem in der CL dahoam. Berechtigte (Selbst-)Kritik nur auf ‚Wolke sieben‘.
    Ich hab das Spiel in Holland gesehen, in einer Kneipe. Viel Jubel, Achs und Wehs für Robben und Co. Trotzdem siegte ‚der Blues‘; nicht mal überraschend …



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