Die redaktionelle Gefahr

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[photopress:die_gelbe_gefahr.jpg,full,alignleft] „Die Gelbe Gefahr ist ein Begriff aus der Kolonialzeit, mit dem die USA und die europäischen Kolonialmächte Ressentiments gegen asiatische Völker, insbesondere China, zu schüren versuchten. Der Begriff wurde geprägt durch The Yellow Danger, einer Reihe von wöchentlich erscheinenden Kurzgeschichten von M. P. Shiel, die 1898 veröffentlicht wurde. In späteren Editionen erschien die Reihe unter dem Titel The Yellow Peril, der Bezeichnung, die im Englischen heute verwendet wird. Shiel, der selbst wegen seiner mulattischen Herkunft diskriminiert wurde, gab hier seinen antichinesischen Gefühlen freien Lauf und gewann so große Bekanntheit. Anlass war die Ermordung von Missionaren 1897 in Kiau-Tschou, die zur Stationierung von Schutztruppen in China führte. 1899, mit dem Ausbruch des Boxer-Aufstands, und 1905 als im Japanisch-Russischen Krieg erstmals eine fernöstliche Macht eine europäische besiegte, gewann der Begriff eine weitere Verbreitung.“

Quelle 1, Quelle 2.

Offensichtlich ist es okay, Menschen wegen ihrer Herkunft („der Amerikaner Donovan“) oder ganze Völker wegen ihres Seins („die gelbe Gefahr“) herabzuwürdigen, so lange man nur niemanden als Ziel dieser Herabwürdigungen wählt, der damit nicht vernünftig umgehen kann. Oder vielleicht ist es auch einfach okay, Begriffe zu wählen, die man irgendwann mal in irgendwelchen Filmen oder auf deren Plakaten gehört oder gesehen hat. Wie „hart“ herabwürdigend der Ausdruck „die Gelbe Gefahr“ ist, wag man an dieser Stelle nicht zu beurteilen, würde es aber auch nicht einfach so gedankenlos in die Welt setzen.

14 Kommentare

  1. Der Artikel steht wenigstens in der richtigen Kategorie.

    Wenns nach den Anthroposophen ginge, ist übrigens der Fußball als solcher bereits eine Beleidigung, da nach deren Vorstellung der Ball wahlweise den menschlichen Kopf oder die Sonne symbolisiert (doch, ist so… ich durfte eine Zeitlang Waldorf-Sportunterricht mitmachen und wurde auf die Frage hin, warum wir denn zwar keinen Fußball, aber dafür Volleyball spielen dürfen, rausgeworfen).

  2. Einerseits: Demagogische, fremdenfeindliche Kampfsprüche ihres Sinns zu entleeren, indem man sie in neuen Kontexten platziert, ist – gut gemacht – saukomisch.
    Andererseits: Spielt in irgendeiner Form Hitler mit, gehts ja auch nicht.

  3. Warst Du es nicht, der vor einiger Zeit schonmal die wahre Bedeutung eines „Tollhauses“ enthüllt hat? Muss ich jedesmal dran denken, wenn ich es lese/höre, dass es sich dabei in Wirklichkeit um ein Irrenhaus handelt(e), in dem Behinderte unter unmenschlichen Bedingungen gehalten wurden. Hatte übrigens der Kicker letztens auch in einer Überschrift;)

    Man kann sicherlich nicht die Geschichte jeder einzelnen Floskel und Redewendung bis ins Detail nachverfolgen, um sie dann als unbedenklich oder vermeidenswert einzustufen. Aber wenn nicht von Journalisten, von wem kann es dann verlangen?

  4. Irgendwie ratterte es, als ich die Headline vorhin beim Kicker gelesen hatte. Aber es machte nicht klick. Dafür Dank an den Trainer.

    Jetzt, da es klickte, sag ich nicht: „Jedem das Seine“, sondern: Das geht halt nicht. Es wird zwar niemand direkt adressiert, weil es sich ja auf beide Teams bezieht, also überhaupt kein passender Kontext sich anbietet, auf den man die Verunglimpfung beziehen könnte. Naja, vielleicht noch die Schiris… Also ist der Spruch nicht nur historisch belastet, sondern auch noch deplatziert, wobei eine geschickte Platzierung die Sache nicht besser machen würde, demzufolge es durch die Deplatzierung nicht schlimmer wird. Gut, genug geschwafelt.

    In kurz: Unpassend und gedankenloser Blödsinn. Sechs, setzen.

  5. „Mulattische Herkunft“. Hm.

  6. Da gibt es Hitlerigeres Wilderes. Unbedarftheit kann man belächeln, aber ich würde nicht so weit gehen, mich zu echauffieren. Zumal es doch spannend ist, wie über Generationen hinweg (und hier müssen wir ja noch weiter zurückschauen als normalerweise bei historisch „belasteten“ Begriffen) idiosynkratische Wendungen in neue Kontexte gebettet und so uminterpretiert werden. Hier liegt ja nun eine Aussage fernab jeden Kolonialdiskurses vor. Und die Kickerredaktion… Opfer. In jedem mir bekannten Wortsinn.

  7. Um Gottes Willen, jetzt müssen wir als pazifistisch gesinnte und den Regeln der „PC“ huldigenden Menschen dann wohl den Fußball als solchen ächten. Dass Pässe geschlagen statt vorgezeigt werden, ist vielleicht noch so gerade eben zu verkraften. Ist ja nur eine leichte Zweckentfremdung. Hier wird gedankenlos geköpft (pfui, wie brutal), dort sogar geschossen. Geschossen! Und das auch noch ohne Blauhelm-Mandat. Skandal, so etwas. Allein schon ganze Mannschftsteile nach Naturgewalten respektive kriegrischen Handlungen zu benennen, ist ein Skandal an sich. Und erinnert Mittelfeld nicht schon an Mittelmaß. Wie soll man mit solcherlei diskriminierenden Bezeichnungen nur künftig umgehen?

  8. Ich huldige ja gar keiner übermäßigen Politischen Korrektheit, das Köpfen habe ich bei Luca Toni schon angegrient, und dass das Spiel aus „Angriff“ und „Verteidigung“ besteht, ja, sogar „Stürmer“ mitspielen (und schießen, richtig), ist ja alles unbestritten und auch unbeanstandet.

    Die „Gelbe Gefahr“ ist aber ebenso unbestritten eine feststehende, insbesondere wohl zu Propagandazwecken verwendete Bezeichnung einer vermeintlichen oder tatsächlichen Bedrohung durch ostasiatische Völker oder Länder. Ich nehme doch schwer an, aber gerne in dubio pro reo, dass das gänzlich unbedacht beim kicker verwendet wurde. Mehr sag ich ja erstmal nicht.

    Dass die nahezu gesamte Sprache im Fußball dem Kriegerischen, dem Konfliktausübenden entlehnt ist, bestreitet keiner und will auch keiner insgesamt abschaffen.

    Aber das hier ist eine andere Kategorie, als dass jemand aufs Tor „schießt“ oder „angreift“.

  9. War eine feststehende Bezeichnung, Trainer. War. Linguistic Turn hin oder her, die „Gelbe Gefahr“ wurde so lange schon in anderen Kontexten verwendet und vor allem humoristisch umgedeutet, da würde ich nicht einmal einen Kickerredakteur für ansaugen. Wortspiele mit gelbe Gefahr sind ja schon Cliché (und damit dem Kickerredakteur an sich sicherlich lieb und teuer).
    Und der WikiArtikel ist sicher keiner der vorzeigbaren. Bei Diskursen, die die unsere Zeit plagende political correctness tangieren, sind Wikipediaartikel traditionell scheiße. Viel zu viele Leute mit Agenda statt Ahnung, die daran rumporkeln. Mulatte ist echt gut.

  10. Erinnert mich an eine Nummer „Was die BILD daraus machen würde“ aus den guten alten 80er-MAD-Zeiten, als Feuerstein dort noch als Red. wirken durfte und das Feindbild auch noch stimmte. Szenario (Gedächtnisprotokoll): Verkehrspolizist im Interview vor einer Fußgängerampel: „Die Kinder müssen lernen, dass man bei einer gelben Ampel auch nicht mehr auf die Straße rennt. Da ist die Gefahr, dass etwas passiert, viel größer als bei einer roten Ampel.“ Was die BILD daraus macht: 15 cm Schlagzeile „Polizei warnt: Gelbe Gefahr in unserem Land!“, und darunter, ein paar cm kleiner: „Polizeisprecher sagt: noch viel gefährlicher als die Roten!“
    Schon traurig, wenn die Realität die Satire überholt…

  11. Bei Diskursen, die die unsere Zeit plagende political correctness tangieren, sind Wikipediaartikel traditionell scheiße. Viel zu viele Leute mit Agenda statt Ahnung, die daran rumporkeln.

    How come you know? Arbeitest Du selbst bei der Wikipedia mit? (Nicht, dass man das nicht auch sonst wissen könnte, aber interessiert mich.)

  12. Ja, ich habe tatsächlich mal ein paar Artikel erstellt und bearbeitet und schon bei wenig polarisierenden Themen mitbekommen, wie Rechthaberei das Bearbeiten zur Qual macht. Man kann sich nur wünschen, dass immer mal wieder frisches Blut und viele vernünftige Leute die Wikipedia bereichern. Gerade die deutsche Wikipedia krankt an ihrer Diskrepanz von Anspruch (die etablierten Editoren haben so eine verkrustete Struktur aufgebaut, dass ein geschlossener Zirkel entstand, der Gatekeeping betreibt) und Wirklichkeit (wenig kompetente Leute haben Lust, sich diesem Umfeld auszusetzen, dementsprechend fehlt es häufig an Qualität, je nach Themenfeld).

    Bei politisch brisanten Themen (bewertung von historischen Ereignissen etc) kommen dann doch viele Externe, weil jeder den Wahrheitsanspruch seiner Agenda untermauern will. Stichwort Edit Wars. Grundsätzlich rekrutieren sich viele regelmäßige Autoren entweder aus Fanzirkeln (da gibt es natürlich auch manchmal heftigen Streit) oder eben grundsätzlich aus Leuten auf Mission. Die Mission muss nicht politisch motiviert sein, sondern ist vielmehr Ausdruck der Weltanschauung (die allerdings meist eine Einordnung in politische Lager erlaubt).

    Viele wollen „die Wahrheit“ verkünden. Also das, was sie als Wahrheit empfinden. Und je dichter ein Themengebiet an Spannungsfelder von Weltanschauungen rückt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Mehrzahl der Autoren Idioten dass die Qualität der Artikel in diesem Themengebiet sub par ist.

    Dieser kleine Exkurs ist meine Einschätzung nach Recherche zu und ein wenig Arbeit mit der deutschen Wikipedia. Die ich übrigens als Werkzeug weiterhin schätze. Man muss halt wissen, wie man es für seine Bedürfnisse nutzt, wie bei jedem Medium. Ich hoffe, dein Bedürfnis befriedigt zu haben.

  13. Auch die Kreiszeitung scheint sich die Bedeutung der Worte nicht bewußt zu sein…

    [Link leider tot]

  14. Ich nehme die Kreiszeitung mal in Schutz, auf auf „meiner“ LZ sieht das nicht anders aus, weil da die Meldungen incl. Überschrift direkt von der dpa automatisch einlaufen:

    [Link leider tot]



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