Category Archives: Klug geschissen ist noch lange nicht die halbe Miete

Wenn Trainer Baade eins kann, dann isses klugscheißen

Geniestreiche günstig im Angebot

Ich bin wieder drauf reingefallen, auf das Marktschreierische des Sportjournalismus, wo alles und überhaupt alles noch und nöcher und mindestens am nöchsten sein muss. Denn die Partie Bayer Leverkusen — FC Bayern München konnte ich nicht verfolgen. Kam nach Hause und freute mich angesichts der Worte, die der Kicker kredenzte: Mario Gomez sei bei seinem Tor ein „Geniestreich“ gelungen

Endlich! Das muss dem Jungen doch unglaublich gut tun, was wiederum gut für die Chancen der Nationalmannschaft bei der WM 2014 ist und das wiederum ist gut für meine Laune und auch sonst für Einiges.

Was konnte dieser „Geniestreich“ gewesen sein? Hatte er wie Maradona oder Messi ein atemberaubendes Solo von der Mittellinie hingelegt, dabei fünf bis acht Gegner ausgetanzt oder à la Ibrahimovic aus unmöglicher Entfernung per Fallrückzieher getroffen? Ein Geniestreich sollte es gewesen sein, sein 1:0 gegen Bayer Leverkusen.

Die Enttäuschung, als wüsste man nicht seit Jahren, dass die Übertreibivitis den jeweiligen Schreibern so sehr ins Blut übergegangen ist, dass sie ihr Pfuschwerk gar nicht mehr als solches erkennen können, folgte auf dem Fuße.

Wie sah er aus, Mario Gomez‘ Geniestreich? Nun, er wurde mit einem hohen Ball angespielt, den nahm er mit der Brust an, spitzelte ihn folgend an einem Leverkusener vorbei. Im Anschluss spielte er durch eine Körpertäuschung genau einen (!) Gegenspieler aus und schoss ungefähr an der Sechzehnmeterraumlinie befindlich den Ball durch einen zwar präzisen, aber unspektakulären Schuss ins Tor. So sah das aus.

Und selbst wenn es auch auf diese Weise gut für sein Selbstbewusstsein und somit für die WM 2014 ist: Der Autor verordnet sich selbst 20 Peitschenhiebe sowie keinen Kakao vorm Zubettgehen, weil er wieder und wieder reingefallen ist.

„Geniestreich“ — pft.

„Ciao Capitano“ — aber was macht Ballack an dem Abend?

Merkwürdig, dass Michael Ballack sein Abschiedsspiel unter das Motto des Spitznamens von Rekordnationalspieler Lothar Matthäus stellt. Und wieso „ciao“ — wohin geht Lothar Matthäus nach diesem Spiel? Ist es doch eher ein versteckter Aufruf Ballacks an den einstigen Inter-Profi, sich endlich von den Hoffnungen auf eine Anstellung als Bundesligatrainer zu verabschieden? Der „Capitano“ jedenfalls, das ist Lothar Matthäus, wie man schon seit Jahrzehnten weiß.

1990 schrieb der Spiegel:

… „ehrlicher“, wie Matthäus behauptet, ist ihr Spiel dadurch tatsächlich geworden. Mit Schaudern erinnert sich der „Capitano“ an die Publikumsveräppelung, die sich die deutsche Mannschaft in Spanien vor acht Jahren gegen Österreich leistete.

Und 1993 erneuerte er diese Bezeichnung.

Müde kam der Capitano den Gang herunter, der Tritt war schwer und bedächtig. Doch auf den letzten Metern drückte der Fußballprofi das Kreuz durch. […] Lothar Matthäus war bereit für seinen Auftritt.

Oder sollte die Titulierung als „Capitano“ doch nur das deutsche (!) Pendant zum in der spanischsprachigen Welt so höchst selten verwendeten Spitznamen „el loco“ sein? Jeder also ein Capitano, wenn er nur einfach irgendwann mal die ominöse Binde trug? Es würde doch nicht etwa bedeuten, dass man in deutschen Landen ermüdend einfallslos ist, was Spitz- und Rufnamen von Spielern angeht? Im Land der Dichter und Denker doch eigentlich nicht vorstellbar. Oder — Schweini, Litti, Grabi, was meint Ihr?

Magier Mario G

Mario Götze ist solch ein Magier, dass er den Ball ins Tor schießen kann, ohne ihn auch nur zu berühren. Da verblassen selbst Diego Maradonas und Lionel Messis Künste am Ball. Der WM-Titel 2014 dürfte nur noch Formsache sein. Zumindest, wenn man dem Liveticker des Kickers Glauben schenken darf.

Pakt mit dem Teufel oder profane Gottlosigkeit?

Falls es noch eines Beweises bedurft hätte, dass man dort mit dem Teufel paktiert — oder, wenn man länger drüber nachdenkt, eben gerade nicht mit dem Teufel paktiert — so sollte die Information, dass der Staat Vatikanstadt das einzige Land des Planeten darstellt, welches über keinen eigenen Fußballplatz verfügt, einen Haken hinter dieses Fragezeichen machen.

Allerdings, da kommt der Teufel dann doch wieder ins, ähem, Spiel, betreibt man in dem Land Vatikanstadt eine eigene Fußballliga mit 16 Teams. Deren Begegnungen werden auf einem zu Italien gehörenden Fußballplatz in Rom ausgetragen. Auf dem eigenen Staatsgebiet existiert keinerlei Freiraum, um einen Fußballplatz zu errichten.

Auf eigenem Herrschaftsgebiet lässt man also keine anderen überirdischen Wesen walten, und sei es nur der Fußballgott.

„Ich brauche mehr Details“

In der Liste der Nonsense-Informationen, mit denen uns Berichterstatter von Fußballspielen gerne in Ermangelung substanzvoller Aussage(möglichkeiten?) überschütten, ist ein besonderes Bonbon die meist beschwörend hervorgepresste Äußerung, dass ein bestimmter Spieler, während er an einer bestimmten Stelle in der Nähe des gegnerischen Tores den Ball erhält, von „genau dieser Position gegen YXZ auch getroffen“ habe.

Was soll uns diese Information an Erkenntnis, Erleuchtung, Erhellung oder Erheiterung bringen? Doch wohl höchstens Letzteres.

Denn erstens hat die Tatsache, dass ein Fußballspieler von einer bestimmten Position aus ein Tor erzielte, nur so viel mit der aktuellen Spielsituation zu tun, dass es also ganz grundsätzlich im Verhaltensrepertoire dieses Menschen enthalten ist, von dieser Position aus aufs Tor zu treffen. Das aber, würde man meinen, sollte auf jeden Fußballer zutreffen, der damit Geld verdient. Sogar auf Jürgen Kohler, Berti Vogts und zur Not Christoph Metzelder.

Zweitens hat die Tatsache, dass irgendwann einmal von dieser Position aus getroffen wurde, keinerlei Aussagekraft für die aktuelle Spielsituation. Die Wahrscheinlichkeit zu treffen, ist immer gleich hoch, ganz egal, wie oft und wann er von dort aus vorher bereits getroffen hat.

Drittens gibt es beim Toreschießen ohnehin nur grob gerechnet 12 verschiedene Positionen, von denen aus man treffen kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Positionen gleichen, von denen ein Spieler aus trifft, ist ebenfalls immer gleich hoch, und bei nur 12 möglichen Wahlergebnissen eben per se sehr hoch.

Aber die 90 Minuten wollen ja gerne gefüllt worden, so dann also auch mit dem Aufschrei, dass der gerade im Ballbesitz befindliche Spieler vor 2 Wochen aus der selben Position schon einmal getroffen hat. Meist passiert danach dann aber überhaupt nichts auch nur annähernd Ähnliches wie vor 2 Wochen und der Schütze schießt einfach vorbei.

Aber beim American Football spielt man den Ball doch gar nicht mit den Füßen

Lange tradierte Witzmuster zu zerstören kann ja ganz schön heikel sein. Der Überbringer der schlechten Nachricht, dass ein Witz gar nicht witzig ist, wenn man die Hintergründe der Basis des Witzes kennt, wird gerne schon mal wie ein Überbringer einer schlechten Nachricht behandelt.

Das Zerstören dieses Witzmusters kann aber auch sehr erleichternd wirken, wenn man schon länger die Erklärung kennt, viele Andere, die sich auf Teufelkommraus an dieser Witzform festhalten, aber nicht.

Warum heißt American Football „Football“, obwohl der Ball größtenteils mit der Hand gespielt wird?

Weil die Gesellschaft zu jener Zeit, in der die Grundlagen des Footballs entwickelt wurden, eine Unterscheidung danach betrieb, ob ein Spiel mittels der eigenen Füße oder auf dem Rücken eines Pferdes bestritten wurde:

foot vs horseback.

Und deshalb ist auch der American Football ein footballsport.

Bitte, sehr gerne.

Jeder nur ein Jahrhundert

Ein Unglück kommt selten allein. Nicht nur, dass die FAZ glaubt, dass ein in einem Konsolenspiel geschossenes und als Video bei youtube hochgeladenes Fallrückziehertor, welches aus noch größerer Entfernung als jenes von Zlatan Ibrahimovic erzielt wurde, im Offlineleben geschehen sei, wie das Bildblog berichtet.

Die ganze Einleitung zu diesem Text fusst auch noch auf einem weiteren Fehler. Denn zunächst geht es darum, dass Klaus Fischer seine Auszeichnung für das „Tor des Jahrhunderts“ losgeworden wäre, wenn Ibrahimovic Deutscher wäre:

[…] was dem damaligen Schalker gleich fünf Auszeichnungen einbrachte: Tor des Monats, des Jahres, des Jahrzehnts, die Vierteljahrhunderts, des Jahrhunderts. Die letzte Auszeichnung hätte am Mittwochabend anderweitig vergeben werden müssen, eben an Ibrahimovic.

Zur Erinnerung: Klaus Fischers Tor datiert vom 16. November 1977, also aus dem 20. Jahrhundert. Zlatan Ibrahimovic fabrizierte seinen famosen Fallrückzieher vorgestern, und somit im 21. Jahrhundert. Dass man für eine Auszeichnung in diesem Jahrhundert dem Preisträger des letzten Jahrhunderts seine Auszeichnung entreißen müsse, wäre nicht nur schlechter Stil, sondern auch neu.

Mangos in der Früh

oder:

Ein typischer Tag im Leben eines Standardsituationenübungsverweigerers

Damit man das nicht missversteht. Neid und Missgunst auf jemanden, der für knapp 3,5h Arbeit am Tag Millionen erhält, sollen nicht in diesem Beitrag transportiert werden. So sind die Verhältnisse nun mal. Und ab 60.000 Euro im Jahr wird man ohnehin mit steigendem Einkommen nicht glücklicher. Es ist nur der dezente Hinweis darauf, dass von 15h bis sagen wir mal 20h noch ordentlich Zeit wäre. Und nein, beim Einüben von Standardsituationen muss man sich nicht mal zwangsläufig auf dem Platz befinden und somit auch nicht physisch anstrengen.

Wie sieht ein typischer Tag im Schweinsteiger-Leben aus?
Schweinsteiger: Meistens haben wir um 11.30 Uhr Training. Also stehe ich um 9 Uhr auf und trinke einen Kaffee. Ich frühstücke oft auf dem Bayern-Trainingsgelände: Müsli oder Rühreier, Marmeladenbrot und Obst. Ich liebe Mangos in der Früh. Dann Training. Das ist verbunden mit Aufwärmen, Stretching, Analyse – und nach dem Training gemeinsames Mittagessen mit den Kollegen. Wenn ich fertig bin, gegen 15 Uhr, fahre ich gleich nach Hause oder mit Freunden Kaffee trinken.

Alles nur geripofft

Wann immer dem in den Grenzen von 1990 lebenden Rezipienten eine vermeintlich originelle Idee des deutschen TVs über die Netzhaut flimmert, sollte er hellhörig werden. „Deutsches Fernsehen“ und „originelle Idee“, das passt normalerweise zusammen wie Friedhelm Funkel und faszinierender Fußball: Wo das eine ist, kann das andere nicht sein.

So darf es auch nicht verwundern, dass die vermeintlich frische Aktion des Bezahlfernsehsenders „sky“ in den letzten Tagen, ein Kreisligaspiel mit vollem Bundesliga-Aufwand an Kameras, Kommentator, Feldreporter und sogar gemieteten Fans zu übertragen, nur ein Rip-Off einer Budweiser-Werbung im Rahmen des Super-Bowls war. Damals allerdings im Bereich Eishockey.

Man sehe selbst. Das Video des von „sky“ zum größten Spiel seiner Geschichte hochgejazzte Spiel des SV Lohhof, welches es ohnehin nicht war, gegen Kreisliga-Mitinsassen Dillingen.

Kopie:



Original:



(Damals gebloggt von Check-von-hinten.de)

Und ja, die ganze Idee ist überhaupt so naheliegend, dass auch dieses nicht das erste Mal gewesen sein wird, dass ein Sender ein unterklassiges Sportereignis mit vollem Aufwand übertragen hat …

Immerhin eins kann man daraus lernen: Es gibt auch unterklassiges Eishockey. Dass das meiste Fernsehen in Deutschland unterklassig ist, wäre ja keine neue Erkenntnis.

Und früher schon nach dem selben Schema: Larry Bird vs Luca Toni.

Reminder für Länderspiel-Reporter

Es gibt neuerdings Tretesel. Und Dampfrösser. Sogar Automobile zu erschwinglichen Preisen. Das hat zur Folge, dass Menschen auf den Rängen eines Stadions in einer bestimmten Stadt womöglich eine ganz andere Stadt ihre Heimat nennen.

Die Bundesliga hat ihre eigenen Gesetze

Zum Beispiel, dass sie angeblich ein Pokal ist.

Mit Legenden aufräumen: Horst Hrubesch dankt herzlich, nicht viel

Gerne bedankt man sich in fußballaffinen Kreisen mit dem vermeintlichen Horst-Hrubesch-Zitat, der „nur dieses eine Wort sagen“ wolle: „Vielen Dank.“

Tatsächlich benutzte er aber eine andere Vokabel, und wer es genau nimmt, sollte von nun an mit „herzlichem Dank“ in Einwortform danken.



Auch wenn sich das „Vielen Dank“ wohl schon allzu weit verbreitet hat — historisch richtig wäre „herzlich“, denn so sprach Horst Hrubesch, seines Zeichens Europameister von 1980 und Vorsitzender der Interessengemeinschaft Edelbluthaflinger.

Vor Apotheken Fußball spielende Pferde

Es ist eine Binsenweisheit, dass Fußball deshalb so spannend ist, weil man nicht weiß, wie es ausgeht. Was man dabei nicht übersehen darf, ist, dass man auch in der 89. Minute noch nicht weiß, wie es ausgeht. Das wird leider gerne vergessen, was verzeihlich wäre, wenn es sich um viel zitierte EM/WM-Gucker handeln würde. Wer aber in der Materie zu Hause ist, sollte das eigentlich nicht nur nicht vergessen, er sollte es auch nicht vergessen können. Es ist nicht jeden Tag „Barcelona 1999″ oder Afrika-Cup 2010, aber es könnte jeden Tag so sein.

Beim Kicker-Ticker mag man das noch verzeihen, weil es vermutlich niedrig bezahlte Studenten sind, die den Ticker füllen.

Der Einfachheit wegen jetzt dieser beinahe unlesbare Screenshot, damit ich nicht drei Bilder einfügen muss.

Folgende Situation war gegeben: Die Partie Fortuna Düsseldorf – MSV Duisburg ist beendet. In St. Pauli steht es 5:0 für den Gastgeber, die Partie läuft noch. St. Pauli bräuchte noch 5 Tore, um den Relegationsplatz zu erreichen, und niemand weiß, wie lange der Schiedsrichter nachspielen lassen wird.

Das hindert den Menschen am Ticker nicht, bei Abpfiff der Düsseldorfer Partie zu tickern: „… pfeift ab und schickt die Düsseldorfer in die Relegation.“

Gut, hier waren es nur einige wenige Sekunden noch in St. Pauli, würde man vermuten, weiß man aber nicht genau, weshalb Düsseldorf auch noch nicht in der Relegation war. Unschön, aber eventuell verschmerzbar, auch wenn man beim Kicker auch mal eine Qualitätskontrolle seiner Ticker betreiben sollte.

Bei der ARD mag man das nicht so einfach verzeihen, weil da Profis sitzen. Und einer dieser Profis, es ist schon wieder Steffen Simon, ich kann ja auch nix dafür, bläst und tutet aufgeregt in sein Mikrofon, als er die Konferenz zwischen dem Spiel Köln-Bayern und Hertha-Hoffenheim kommentiert, ungefähr in der 60. Minute, als es 0:3 aus Kölner Sicht steht und er rübergeben wird nach Berlin:

„Aus eigener Kraft können es die Kölner nicht mehr schaffen. Was geht in Berlin?“

(Der zweite Satz sinngemäß zitiert, der erste wörtlich.)

Ich verstehe sehr gut den Impuls, die Angelegenheit zu dramatisieren. Selbst wenn er nicht damit wie vermutet den nächsten Porsche für seine hungernde Familie herbeischreien wollen würde bzw. müsste: So ein Impuls ist verlockend.

Die Pointe, die Zuspitzung, sie liegt da. Und — das ist nur meine Annahme — je häufiger man schon zugelangt hat, je häufiger man diese Grenze schon überschritten hat, die Realität gebeugt, desto niedriger sinkt die Hemmschwelle. Es ist dann nur noch weniger als bei Rot über die Ampel gehen, quasi gar nicht mehr wahrnehmbar — für den Täter selbst.

Also ist er wieder drübergegangen, hat die Dramatisierung gezogen. Ich weiß auch nicht, was er dabei denkt, wenn ihm einige Millionen Fußballfans zuhören — dass es niemandem auffällt? Dass er ein paar Millionen Leute für doof verkaufen kann, und es fällt niemandem auf?

Dass er damit seinem Arbeitgeber, seinem eigenen Standing gar, einen Gefallen tut? Es ist wohl nur so zu erklären, dass er zu oft schon drüber gegangen ist und die Pointe eingesammelt hat, wo er die Realität nur ein ganz kleines bisschen gebeugt hat und es deshalb heutzutage für ihn wie etwas gänzlich Normales erscheint. Er es womöglich selbst gar nicht mehr merkt.

„Aus eigener Kraft können es die Kölner nicht mehr schaffen.“

Das kann man doch als Sport-, als Fußballreporter niemals sagen, man darf es so konkret nicht mal denken, bevor die Partie nicht abgepfiffen ist.

Man macht sich normalerweise als Klugscheißer (in diesem Fall bin das ich) keine Freunde — ich würde aber behaupten, dass man sich langfristig noch weniger Freunde damit macht, wenn man immer wieder mal die Realität zugunsten der Dramatik vor einem nicht gänzlich ahnungslosen Millionenpublikum verbiegt.

Wir! — wolln! — Euch! … …

Ganz sicher wollen die Fans vor allem eins sehen: Punkte auf der Habenseite in der Tabelle. Das mit der Habenseite ist zwar seit geraumer Zeit, genauer gesagt: seit Einführung der Dreipunkteregel, hinfällig, das mit den Punkten, die man gerne in der Tabelle hinter dem eigenen Team stehend sehen wollen würde, hingegen nicht.

Ob da nun jemand kämpft oder nicht, ist am Ende doch beinahe irrelevant, weil eigentlich alle immer kämpfen. Es mag seltene Fälle der Arbeitsverweigerung geben, solche sind aber nun mal schlicht nicht die Regel. Stattdessen muss man offensichtlich immer wieder die grundlegenden Banalitäten des Fußballsports ins Gedächtnis rufen:

  1. Kaum ein anderer Sport ist so vom Zufall abhängig wie Fußball. (Der Hauptgrund, warum er so spannend ist, übrigens.)
  2. Wer 2:0 führt, egal wie glücklich das zustande kam, gewinnt sehr häufg am Ende auch das Spiel.
  3. Wer hinten liegt, muss aufmachen. Macht das eigene Team konteranfällig.
  4. Konteranfällig zu sein bedeutet: erhöhte Wahrscheinlichkeit von Gegentoren. Je mehr Gegentore man hat, Goto 3.

Und so weiter und so fort.

Circa 20-30 Prozent aller Tore werden zufällig erzielt (abgefälschter Torschuss, glücklich abprallende Abwehraktion oder schlimmer individueller (nicht technischer) Fehler). Da kann man noch so viel „kämpfen“, man kriegt trotzdem derartige Tore. Liegt man dann hinten, nun gut, das schrob ich ja schon, muss man aufmachen, was zu mehr Gegentoren zu mehr Panik zu mehr Armageddon führt.

Eigentlicher Knackpunkt aber ist: Es gibt tatsächlich Mannschaften, die besser sind als andere. Wenn schlechtere gegen bessere Mannschaften spielen, gewinnt immer noch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit die bessere Mannschaft. Hat die schlechtere verloren, so tut sie dies nur in Ausnahmen wegen mangelnden Kampfes.

Wenn bis zum letzten Fußballinteressierten durchgedrungen sein wird, dass „kämpfen“ keine adäquate Methode ist, um einen Ball in seinen Besitz zu bringen, den man nie sieht, weil der Gegner ihn schneller weiterpasst als man verteidigen kann, dann …

… dann müsste man natürlich zu rufende Slogans im Stadion ändern.

Und, tragischer, eventuell auch seinen Frust auf so etwas Ärgerliches umleiten wie den Umstand, dass die „eigenen Spieler schlechter sind“ als jene des Gegners.

Lässt sich nicht so gut rufen, macht sich allgemein nicht so gut wie die Sache mit dem Kämpfen. Denn Letzteres würde man ja durch den eigenen Willen ändern können. Ersteres leider nicht.

Weltmeister in Amerika

2014 findet die 8. Weltmeisterschaft in Amerika statt, Ausrichter Brasilien zählt sich selbst sicher trotz zuletzt unausgeschlafener Leistungen der Nationalmannschaft zu einem der Favoriten, wofür es mehrere Argumente gibt. Zunächt mal ist Brasilien der Rekordweltmeister mit 5 Titeln, dann ist das Reservoir an Spielern rund um Copacabana und Favelas unter anderem wegen der großen Armut „schier unerschöpflich“, dann ist Brasilien auch noch Gastgeber und nicht zuletzt gibt es da diese ominöse Angelegenheit, dass noch nie ein außeramerikanisches Team in Amerika den Titel gewann.

Ausrichter Weltmeister
1930 Uruguay Uruguay
1950 Brasilien Uruguay
1962 Chile Brasilien
1970 Mexiko Brasilien
1978 Argentinien Argentinien
1986 Mexiko Argentinien
1994 USA Brasilien
 

Aber! Bitte nicht vergessen, die Tabelle dient schlicht zur Veranschaulichung des Umstands, das bislang alle Weltmeisterschaften in Amerika von amerikanischen Mannschaften gewonnen wurden, der so gerne erwähnt wird. Er bedeutet aber nichts weiter, als dass bislang alle Weltmeisterschaften in Amerika von amerikanischen Teams gewonnen wurden. Es hat keinerlei Aussagekraft für die kommende WM 2014 in Brasilien. Es gibt kein Gesetz oder Ähnliches, das besagt, dass man nicht als außeramerikanische Mannschaft schnöde hinfahren und das Dinge gewinnen kann. Was einem all jene rund um unseren Lieblingssport aber stets glauben machen wollen, die auch an den Weihnachtsmann glauben: „Bislang hat noch nie eine Mannschaft … blabla Südamerika … blabla …“, so als hätte es irgendeine Bedeutung für die Zukunft, was in der Vergangenheit geschehen ist.

Dieser Umstand hätte eventuell tatsächlich eine gewisse Bedeutung, wenn es immer noch so wäre, dass die nicht-amerikanischen Mannschaften drei Wochen lang mit dem Schiff anreisen müssten und dann vor Ort Montezumas Rache in voller Dröhnung erlebten, der komplette, von der Schiffsreise schon ausgelaugte Kader.

Da Brasilien aber sogar näher an Europa liegt als dieses am vorherigen Ausrichter Südafrika (mit dem Weltmeister Spanien), infrastrukturell, bezogen auf die Reise-Entfernung und evtl. sogar aufs Klima, ist die oben stehende Liste ein glücklicher Zufall und mehr nicht. Kein Gesetz, keine sich zwangsläufig aus sich heraus ergebende Serie, sondern ein Fügung der Möglichkeiten. Vergesst das bitte nicht, wenn Ihr demnächst wieder eine derartige Leier hört: In Amerika hat noch nie … es ist nichts weiter als das: Blabla.

Günter Netzer ohne h

Jetzt, da er wieder als Kommentator beim Fußball einsteigt — schon im DFB-Pokal-Halbfinale am Mittwoch wird er für 90elf aus seiner Heimatstadt Mönchengladbach vom Spiel gegen die Bayern berichten — muss man es leider trotzdem immer wieder sagen.

Günter Netzer schreibt sich ohne h.

Vielleicht als Eselsbrücke: Hat Günter Netzer Haar? Nein, er hat kein h, es ist ein Toupet.

Sonst würde es doch nicht seit 40 Jahren gleich aussehen!

Und für alle, die ins Internet schreiben, aber nicht mal die 500 Millisekunden erübrigen, zu prüfen, ob Günter Netzer mit H oder ohne haar geschrieben wird: Schämt Euch.

Beim Durchschnitt geschnitten

Eine gestrige kurze Diskussion begann der Der Fohlenflüsterer mit dem Hinweis darauf, dass Marc-André ter Stegen die Note 3 vom Kicker erhielt, obwohl der FC Schalke bei seiner 0:3-Niederlage am Niederrhein kein (?) einziges Mal aufs Gladbacher Tor geschossen hatte.

LizasWelt merkte an, dass man sich im Kicker wohl darauf geeinigt habe, dass das die Standardnote sei, wenn ein Torwart nix zu tun hatte.

Meine Wenigkeit ergänzte, dass man es in Sportredaktionen wohl nicht so mit Zahlen habe, denn der neutrale Wert der Liste 1 – 1,5 – 2 – 2,5 – 3 – 3,5 – 4 – 4,5 – 5 – 5,5 – 6 ist nun mal 3,5 und nicht 3. Es sind von der 3,5 aus fünf Schritte nach oben und fünf Schritte nach unten.

Woraufhin Stadioncheck einwarf, dass eine solche Notenskala nicht „linear“ verlaufen müsse. Darauf könne der Kicker sich immer noch berufen.

Eine nicht „lineare“ Notenskala, die meine Klugscheißerigkeit dann zu „nicht intervallskaliert“ erhob. Woraus folgte, dass man keine Durchschnittsnote berechnen darf, sofern man sich darauf beruft, dass sie nicht intervallskaliert ist.

Womit klar wäre, dass entweder die Idee, dem Torwart stets eine 3 zu geben, sachlich falsch ist oder die Idee, eine Durchschnittsnote aus diesen einzelnen Werten zu berechnen.

(Die Erkenntnis, welch Schwachfug mit den Noten getrieben wird, ist allerdings nichts Neues.)

Anfang, Ende und die graue Suppe dazwischen

Was macht man, wenn man prüfen möchte, ob das Gedächtnis eines dies gerade behauptenden Fußballer noch vollkommen intakt ist? Man fragt natürlich nach dem ersten oder letzten Spiel der Karriere, weil man die auch so leicht vergisst.

Okay, es ging in dem Gespräch nicht um den absoluten Gedächtnistest für den befragten Friedhelm Funkel, es ist nur ein Schwenk, um ein bisschen Gesülze über das Leben von Friedhelm Funkel zu ermöglichen, und das einzige Thema des Gesprächs ist „Erfahrung“, da darf man gerne mal an die weit zurückliegenden Anfänge erinnern.

Dennoch: Wer wissen will, ob sich ein Fußballer wirklich gut an die eigene Karriere erinnern kann, der fragt nach einem Spiel aus der Mitte der Karriere, nicht nach dem ersten oder dem letzten.

Probe zum Selbermachen: Erster Schultag, letzter Schultag. Und dann den 3. Donnerstag im Februar in der 9. Klasse dazu ranholen.

Wie cool Friedhelm Funkel ist, merkt man auch daran, dass er „fasziniert“ war von Uwe Seelers „Bodenständigkeit“. Meiomei, auf die Idee muss man erstmal kommen … Ob er noch in anderen Bereichen so erfahren sei wie im Fußball? „Ich bin mallorca-erfahren.“ Nun gut.

Ansonsten aber eine lesenswerte Reihe, diese SOLO-Reihe — ein Thema, ein Interview — auch mit Heribert Bruchhagen, Theo Zwanziger, Renate Lingor und mal wieder Ioannis Amanatidis.

SOLO.

Maier Sepp, Puskás Ferenc, Bum-kun Cha

Ihr wolltet Namen? Spielernamen? Diskussionen über Spielernamen? Wie man sie richtig oder falsch ausspricht? Gar in welcher Reihenfolge?

Dann aber nicht hinterher beschweren.

Fortuna femminile

Es wird eine harte Erkenntnis für Blog-G sein. Nicht nur kann man so eine kleine Klitsche wie SpVgg Greuther Fürth zu Hause nicht bezwingen.

Seine Mannschaft Eintracht Frankfurt spielt nun sogar in einer Liga mit Fortuna Dortmund. Und schafft es nicht mal, die selbe Punktzahl wie der Herbstmeister und Tabellenführer zu erreichen.


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Das ist nicht schlimm, nimmt man beim ersten Lesen an? Immerhin steigt auch der Tabellenzweite ja noch direkt auf?

Doch — tatsächlich bedeutet es die Höchststrafe.

Denn Tabellenführer Fortuna Dortmund ist war eine Frauenmannschaft.

The Colour Experiment

Stets sehr verwirrend ist es, wenn in einem Live-Ticker Spieler der selben Mannschaft mit unterschiedlichen Trikots dargestellt werden. Instinktiv nimmt man an, zwei verschiedene Mannschaften hätten getroffen. Eine der höheren kognitiv beanspruchenden Aufgaben für das menschliche Gehirn, der nicht jedermann gewachsen ist, noch dazu an einem ohnehin mental nur mit halber Kraft gefahrenen Zweitligasonntag.


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(Titel inspiriert vom Color Changing Card Trick.)

Auch bei der dpa ist die Erde keine Scheibe

Die Fälle für die heutige Kategorie („Someone is wrong on the internet.“) sind ein bisschen rarer geworden, nicht weil sich weniger Menschen irren, sondern weil sich irren nun mal menschlich und damit nur mäßig witzig ist. Nur die dicken Dinger kommen hier noch herein und heute ist uns ein solches nach längerer Zeit mal wieder aufgestoßen. Und das Folgende ist ein durchaus dickes Ding, sofern man nicht 2003 noch in der 9. Klasse war und verliebt zur Sitznachbarin schaute, statt aufmerksam die Bundesliga zu verfolgen, wie es sich für jeden angehenden Sportredakteur gehörte.

Auch für die dpa ist die Erde keine Scheibe, sondern rund, was man immer mal wieder schmerzhaft zu spüren bekommt. Denn aus diesem Grund kann man vom Sitz der dpa aus auch nicht bis nach München sehen und muss deshalb folgende Falschmeldung in seine Tasten und anschließend in die Gehirne der Leser fließen lassen:

Der als Spaßvogel des Teams bekannte Miller erschien befreit und fröhlich, hatte aber auch ernste Erklärungen und Botschaften. […] Vor ihm hatte noch kein Bundesligaprofi eine psychische Krankheit öffentlich gemacht.

Weil man von der dpa aus nicht bis nach München sehen kann, hat man nämlich nicht mitbekommen, dass sich Sebastian Deisler vor lockeren 8 Jahren, 2003 nämlich, bereits wegen Depressionen in Behandlung begab und dies auch — nach einigen Schutzbehauptungen, zu denen wohl vor allem die Vereinsseite anstiftete — veröffentlichen ließ. Vorreiter ist also keineswegs Markus Miller, sondern Sebastian Deisler.

Dass sich Zeiten sehr wohl ändern und die Aussage darüber, dass „sich nix geändert hat“ einfach falsch ist, beweist der Umgang der Mitspieler mit dieser Erkrankung. In Teamkreisen mobbte man Deisler als „die Deislerin“ (was zugegeben auch noch andere Gründe als die Depression gehabt haben könnte und wohl auch wird), während 8 Jahre später die Mannschaft von Markus Miller diesem eine Videobotschaft zukommen lässt, sicher mit aufmunterndem Inhalt. Was, das darf man so vermuten, ohne die Vorleistung von Deisler und anderen nicht passiert wäre. Bei der dpa ahnt man von diesen Zusammenhängen allerdings nichts.