Drama Queen

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Man sagt, dass es zwischen zwei und drei Jahren dauert, bis ein Mensch, der zuvor sehend war und dann erblindet, vergisst, wie Farben aussehen. Schwierig vorzustellen für uns Sehende, dass man vergessen könne, wie Farben aussehen. Analog wird man, nehme ich an, auch nach Ertaubung innerhalb dieses Zeitraums vergessen, wie sich Musik, Geräusche, Sprache anhören; eine schreckliche Vorstellung — bezogen auf alle Sinnesmodalitäten. Man stelle sich vor, man verlöre seinen Tastsinn und wüsste irgendwann nicht mehr, wie sich Berührungen anfühlen, ganz gleich, ob nun die der Liebsten oder die des Wassers aus dem Duschkopf.

Zwei bis drei Jahre sind je nach Alter des Lesers viel oder nicht so viel, in meinem Alter klingt es eher nach ziemlich wenig. Wüsste ich jetzt schon, dass ich mich in zwei Jahren nicht mehr an den Geschmack von Erdbeeren noch an überhaupt irgendeinen Geschmack erinnern könnte, ich wüsste nicht damit umzugehen.

Zwei bis drei Jahre also, und genau diese drei Jahre ist es her, dass wir eine echte Sommerpause erlebt haben. EM 2004, Confed-Cup 2005, WM 2006. Jetzt ist es 2007 und meine, unsere letzte Fußball-Sommerpause war 2003. Davor war sogar noch WM 2002, an die ich mich wegen der ungewöhnlichen Anstoßzeiten besonders intensiv erinnere. Meine letzte Fußballsommerpause war also 2003, vier Jahre her. Ich muss zugeben, ich kann mich a) nicht mehr an das Gefühl des Fußballentzugs erinnern und b) nicht daran erinnern, was ich überhaupt stattdessen in jenem Sommer getan habe.

Nun rufen einige schon das Ende dieser Sommerpause aus, weil die Bundesligisten wieder mit dem Training beginnen. Tatsächlich endet die Sommerpause aber — Ligapokal hin oder her — erst mit dem ersten Bundesligaspieltag. Und das ist immer noch ein gutes Weilchen hin.

Eine völlig neue, zwei bis drei Jahre, Erfahrung mache ich zur Zeit: Ich erlebe die Wochenenden so wie ca. 50 Millionen andere Deutsche und unzählige weitere Nicht-Sportinteressierte auf der ganzen Welt. Das Wochenende ist frei.

Frei bedeutet: Es gibt keine Höhepunkte, es gibt keinen Plan, es gibt nichts, was Dramatik verspricht, es gibt nichts, was entschieden oder zumindest vorentschieden wird. Es plätschert so dahin, und zwar dermaßen laut, dass man vor Plätschergeräuschen kaum schlafen kann.

Sicher ist es eine interessante Erfahrung, zu sehen, wie andere Menschen das Wochenende erleben. Als Zeitraum der Muße, der Entspannung, vielleicht auch des aktiven Sports (Läufer, Volleyballer und Tennisspieler interessieren sich ja eher selten wirklich für Fußball), Zeit dafür, liegen gebliebene Dinge zu erledigen oder einfach nichts zu tun.

Diese Ereignislosigkeit des Wochenendes wird von den Nicht-Sportinteressierten bestimmt gar nicht so erlebt, im Gegenteil passiert gerade deshalb viel am Wochenende, weil man Abwechslung von der Arbeit findet, die Gelegenheit zu einem Städtetrip oder zu einem Spaziergang im Wald nutzt. Vielleicht besucht man mal wieder Oma in Gütersloh, vielleicht den Neffen in Finsterwalde, vielleicht macht man gar einen Kurs, der einem Spanisch, Koreanisch oder Tai Chi beibringt. Es ist also alles keine verlorene Zeit und noch nie hörte man einen Nicht-Sportinteressierten über die Langeweile seines Wochenendes klagen.

Für uns Fußballjunkies ist das aber gänzlich anders: Normalerweise lebt die ganze Woche davon, sich auf das Spiel am Wochenende vorzubereiten, sei es, weil man Karten hat, sei es, weil an jenem Tag das Derby (welches auch immer) ansteht, man den Abstieg oder den Verlust des Meistertitels fürchtet. Jede Woche ein Orgasmus frei Haus, ja, auch Enttäuschung, aber auch Jubel, Freude, Adrenalin und Endorphin satt und genug. Mag sein, dass am selben Wochenende das Date mit der heißen Rothaarigen ansteht, ein neues Auto gekauft oder der Sohn nach Fahrradunfall ins Krankenhaus eingeliefert wird: Entscheidend und dominierend bleibt das Spiel am Wochenende.

Ohne ein solches Spiel erscheint das Wochenende leer und überflüssig. Man könnte eigentlich die ganze Zeit im Bett bleiben. Es wird ja doch nichts entschieden und es werden auch keine Punkte vergeben. Es passiert nichts. Regungslos sitzt das Wochenende da und blickt uns an. Wir starren zurück, aber wir können nichts in ihm erkennen.

Jetzt, da die Sommerpause ein paar Wochen alt ist, muss ich konstatieren: Was für ein seltsames Leben diese anderen Menschen doch führen — frei von Höhepunkten, frei von Spannung. Ein in jeglicher Hinsicht freies Wochenende. Nein, ich möchte nicht tauschen.

7 Kommentare

  1. grandios. und sowas auch noch um 6:11 Uhr!

  2. Man kann die Menschheit garantiert anhand dieses Textes trennscharf in zwei Gruppen aufteilen:
    - In die eine, die sich von ihm vollkommen und schön aus der Seele gesprochen fühlt.
    - Und in die andere, die den Verfasser für einen sonderlichen bis gefährlichen sozialverstümmelten Geisteskranken halten.

    Ob wohl irgendwann die Wissenschaft für diese Erkenntnis eine sinnvolle Anwendungsmöglichkeit findet? Ob man z.B. so gut und böse unterscheiden kann?

  3. Ich habe bei mir die Tendenz entdeckt, ganz viel am Wochenende zu arbeiten. Es gibt gar kein Wochenende mehr. Das Wochenende ist in ganz vielen Wochen wieder. Verdammt.

  4. Ey! Copa America läuft! (Man hält sich an jedem Strohhalm fest)

  5. ja, mein Leben ist langweilig. jetzt habe ich den beweis. danke trainer. all die parties, flohmärkte, lerntreffen, fahrradtouren, kranklettereien und dates sind nichts im vergleich zu einem fußballsamstag. ich denke ich werde mir einen strick basteln und mich vom balkon stürzen, bis die saison losgeht könnt ihr dann ja einfach trauern, das macht man meist mit viel alkohol und schon ist das wochenende rum!

  6. @ Dülp: Auch nur Methadon oder? :)

    spiegelt aber genau das wieder, was mich derzeit in unruhe versetzt: man weiss nichts mit seiner zeit am samstagnachmitttag und abend (coverage nimmt schließlich auch zeitressourcen in anspruch ;)) anzufangen…

    so siehts aus. die folge: sonntagnachts schlaflos :D

  7. besser spät als nie…

    Auch nach 2 – 3 Jahren Abstinenz vom aktiven Fußball und aktiven Bundesligadabeisein vergisst man das Gefühl nicht. Auch wenn es nur unterschwellig da ist – deutlich zieht sich an dem Samstag Nachmittag ein dunkler Schleier durch den Geist – dort wo früher der Platz in Dortmund in der Kurve war. Und am Sonntag Nachmittag, der später von KLN gefüllt war. Oder vom SV Budberg. Oder SV Büderich. Oder alles nacheinander. Ein kleiner Stich ins Herz, eine kurze, unbewußte Sehnsucht… alles was blieb ist das Frühstücksfernsehen am Montag morgen, so kriegt man wenigstens noch mit, ob Duisburg erste oder zweite Liga spielt. Man kann machen was man will, Fußball läßt sich nicht allein Leben oder Widerbeleben. Zum Fußball gehören immer die Kollegen oder die Mannschaft. Und wenn die nunmal weit weg sind, ist auch der Fußball weit weg. Zum Fußball gehört auch immer Kommunikation mit Leuten, die einen verstehen, Emotionen, die geteilt werden, Trauer wie Freude. Fußball ist kein Egotrip. Fußball ist Famillie. Ja, Fußball ist Farbe, Gefühl, Geräusch, Geruch und Geschmack gleichzeitig. Deswegen macht es so glücklich.



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