Eine wundervolle Saison

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Es ging zuletzt bei Jens Peters durch seine eigenen Rundungen, der aber im Endeffekt auch nur auf eine selbst titulierte Nutte einen Junkie verwies: Es hat den Anschein, als sei das Netz vornehmlich dazu da, zu twittern zu nörgeln. Das Nörgeln stellt den Grundzustand des Netzes dar. Das Nörgeln stellt auch den Grundzustand des Menschen dar, was sich einander bedingt. Schauen wir länger ins Netz, wissen wir irgendwann nicht mehr, wer zuerst da war: Der Blick ins Netz, das da wie ein ruhiger Fluss ständig vor sich hinnörgelt, oder der eigene Impuls, zu nörgeln. (Wäre es nicht schon mit anderen Assoziationen besetzt, drängte sich beinah dieses Bild auf: Sehr passend, wie jeder zu Hause sitzend in den großen Wurm des Nörgelns einstimmt.)

Natürlich wissen wir, dass alle Umfragen früher schon hauptsächlich deshalb für den aufs Schafott einer öffentlichen Abstimmung Geführten negativ endeten, weil zu Zeiten des Telefons (damals, you know) eben nur jene zum Telefon griffen und Neunundachtzig Pfennig für einen Anruf zu zahlen willens waren, die sich wirklich ärgerten. Wer sich eher weniger über den oder das Abzustimmende ärgerte, dem leuchtete auch nicht ein, diese Neunundachtzig Pfennig zu investieren: Es ist doch alles beinahe Bestens. Wozu sich also abmühen?

Begegnet man Menschen, die sich in einer meist teigähnlich geformten Auseinandersetzung mit anderen Menschen befinden, hört man auch von ihnen meist nur Schlechtes. Eine teigartige Verflechtung mit genau einem anderen Menschen, welche Spaß macht, zu gelingen, ja, aufzugehen scheint, ist selten der Rede wert. Worte der Begeisterung wollen auch nicht so leicht aus der Feder, dem Mund oder der Hand kommen wie der sich nur kurz anbahnende, dann aber abgeleitet werden müssende Impuls, seinem Unbill, seiner Missachtung und seiner Abscheu sowie seinem Nichteinverstehen Ausdruck zu verleihen.

Deshalb, weil das Grundrauschnörgeln der Grundzustand ist, und weil es eben da es immer gleichförmiger zu werden scheint, kaum noch dazu langt, sich dafür aus dem Bette zu erheben, deshalb wird es heute ausgerufen: Das Wochenende des Wohlfühlens. Wir für unseren Teil fühlen uns natürlich nur mit dem deutschen, gerne auch mit dem internationalen Fußball wohl. Damit aber zumindest für diese Woche umso mehr.

Fangen wir also an damit, den Blick auf die tollen, faszinierenden, begeisternden, ästhetisch ansprechenden, hintergründigen oder kurz gesagt einfach schönen Dinge des Fußballkosmos zu werfen, wobei dabei ausdrücklich nicht die Schönheit der Gesichter oder Körper bestimmter Handelnder gemeint sein sollen, denn diese Dinge finden wir immer — ganz unabhängig vom Grundnörgelrauschen des Netzes, welches ja schließlich wiederum nur das Grundrauschnörgeln der Menschen ist — schön.

Hier soll das im Fokus stehen, was wir sonst eigentlich allzu gerne bekritteln: Schiedsrichterentscheidungen wie zu wenig abseits, zu oft abseits, zu häufig Foul, zu oft indirekter Freistoß, zu rote Karten. Zu wenig Zuschauer, zu viele Zuschauer. Falsch singende Zuschauer, zu laut, an den falschen Stellen singende Zuschauer. Mit Trikots in der falschen Farbe singende Zuschauer. Schlechte Uhrzeiten und schlechte Stimmung, schlechte Stadien als solche, schlechte Anfahrtswege, schlechte Endergebnisse, schlechte Trainer, schlechtes Geld von schlechten Menschen, schlechtes Doping, alles schlecht, wir ergötzen uns am Götzen der Nörgelei.

Ich fange also an und werfe das Runde namens Schönheit in das Sperrige namens meine Webseite, die sich mit Fußball beschäftigt: Diese Saison ist außerordentlich schön anzusehen. Schöne Tore fallen (außer in Frankreich) ja ohnehin in jeder Saison viele. In dieser Saison gibt es aber neben außerordentlich schönen Spielen (Bayern-Hoffenheim) auch einen außerordentlich schönen Saisonverlauf und das sogar in allen Himmelsrichtungen (außer in Dortmund). Es perlt das Glück auf meiner Nase, zu sehen, wie auch nach zwei Dritteln der Saison immer noch ein Drittel der Saison Meister werden kann.

Wie wunderbar es ist, wenn Borussia Mönchengladbach gegen Köln gewinnt, wie wunderbar es ist, wenn wir eine direkt verwandelte Ecke sehen, wie wunderbar es ist, dass wir nicht mehr in Zürich nachlesen müssen, dass es uns gibt. Wie anstrengend es ist, dass Ibrahimovic kaputt ist, wie wunderbar es ist, dass Helmes alles noch reißen kann, dass die Hertha ernsthaft noch Meister werden kann und dass Hoffenheim nach der Hinrunde jetzt noch abkackt. Dass Daum plötzlich leise ist, dass der Rasen immer noch nach frisch gemäht riecht, dass Bälle im Winkel einschlagen, dass es endlich wieder müllert.

Und zu guter Letzt: dass es nur dann noch ein Wunder bleibt, wenn man nicht weiß, dass es eins ist.

So, bitte-butt,

machen wir es uns klar:

Die Wochen der Wohlfühlzeit sind da!

7 Kommentare

  1. Kann ich so unterschreiben…

  2. was für ein manifest!!
    danke trainer.

  3. Fast hätte es der Trainer sogar geschafft, nicht an Hoffenheim herumzunörgeln :o). [tsiolis] Immerhin, der Wille war zu erkennen [/tsiolis]

  4. Ist das jetzt die Wirkung der Droge Fußball;-)?

  5. darf ich deine muse sein… ?

  6. Auch wenn ich dir im Großen und Ganzen zustimme: Dass Gladbach in Köln gewinnt, ist nicht wunderbar. Überhaupt nicht. Aber sowas von ganz und gar nicht.

  7. Stefan, es war nur exemplarisch. Es hätte auch irgendein anderer Sieger gegen irgendeinen anderen Verlierer sein können und es hätte auch ein Spiel von einem anderen Spieltag als dem letzten sein können.

    Allerdings tut es mir nicht leid, sollte ich Deine Gefühle verletzt haben.



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