Es hat sich nichts geändert

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Letztens führte ein Student eine Untersuchung durch, ob die Medien seit dem Fall von Robert Enke kritischer oder weniger kritisch über den Fußball berichteten. Heraus kam: Noch kritischer, vor allem diffamierender („Torwart-Trottel“) als früher.

Beim Bildblog ist es neuer Sport geworden, die Notenvergabe der Bild aufzulisten und zu kritisieren (was insofern berechtigt ist, als diese sich selbst dahingehend geäußert hatte, mit den Noten verantwortlicher umzugehen).

Die FR spekuliert, dass es die „besonders Empfindsamen“ träfe, wenn es um Depressionen gehe. Die offensichtlich ihrer Ansicht nach dann entstehen könnten, wenn der so besonders Empfindsame eben mit dem Druck nicht zurecht komme.

All das und die vielen weiteren Quellen, die ins selbe Horn stoßen, verleiten dazu, mit Fug und Recht festzustellen:

Ja, es hat sich tatsächlich in einem Punkt nichts geändert.

Die Medien spekulieren immer noch nach gusto herum, was die Ursache für Enkes Depressionen und für Depressionen im Allgemeinen sein können, ohne sich für Fakten zu interessieren.

Nur weil Zwanziger in einem seiner Anfälle von Omnipotenzphantasien bei Enkes Trauerrede den diagnostizierenden Psychiater mimte und „Fußball ist nicht alles“ in die auf allen TV-Kanälen lauschende Republik rief, bedeutet das noch lange nicht, dass er Recht hat mit seiner impliziten These, dass der Druck von außen zu groß war und dieser es war, der zu Depressionen geführt hat.

Vielleicht liegt die Ursache auch in falscher Ernährung oder dem Einfluss des Mondes, wie jener schließlich auch die Gezeiten erzeugt. Das interessiert jene Medien aber nicht. Es war der Druck, findet Zwanziger, und schwupps finden es in der Folge auch alle anderen plausibel, ohne zu erwägen, dass es auch vollkommen anders sein könnte, obwohl genau diese Prüfung doch die Pflicht der darüber Schreibenden wäre.

Denn es ist überhaupt nichts bewiesen und die FOTO, Express und Co. könnten jeden Tag und immer allen Spielern die Note 6 geben und trotzdem würden sich unbehandelt von den 450 Erstligaprofis pro Jahr vielleicht 0,02 vor den Zug werfen — und nicht alle.

Nur weil Enke und Deisler zufällig beide in die Schublade des zurückhaltenden, eher introvertierten Typen passen, bedeutet das ebenso wenig, dass in jenem Umstand die Ursache für die Depression zu finden ist. Wer weiß schon, wer von den vielen „aggressive leadern“ der Bundesliga nicht ebenfalls schon mal eine — nicht publik gemachte — Depression hatte? Die diversen Alkoholiker und damit per se schon depressionsgefährdeten aus dem englischen Fußball: Meistens zumindest nach außen Raubeine.

Es hat sich nichts geändert — es wird spekuliert und ein wackeliges Kausalitätshäuschen zusammengezimmert, das nicht auf Fakten basiert, sondern auf Mythen, an die sich der Mensch immer noch gerne hält, wenn er nicht verstehen kann, was sich tatsächlich ereignet hat.

Angenehm wäre, wenn die, die darüber schreiben, endlich verstehen würden, dass des Zwanzigers Worte nichts mit der Realität zu tun haben. Auch dann nicht, wenn er es ahnungslos in den Raum stellt. Es geht nicht um Druck und darum, wie ernst man Fußball nimmt. Es geht um eine Krankheit, deren Ursachen bis heute nicht eindeutig definiert sind. Dass das für Zwanni zu schwierig ist und er das alles nicht begreift — geschenkt. Warum aber selbst die Edelfedern das nicht sehen: Das ist nicht nachzuvollziehen.

7 Kommentare

  1. Depressionen sind nach Innen gerichtete Wut. Ich litt früher auch lange Zeit darunter. Aber als ich gelernt habe, die innere Wut nach Außen zu lassen, hab ich

    a) nie wieder Depressionen gehabt und
    b) erstaunlicherweise auch nie wieder Wut empfunden

  2. Sehr, sehr richtiger und leider auch wichtiger Beitrag. Nur ein Detail:

    Ich lese da, dass Du andeutest, Kenntnisse darüber zu haben, Herr X habe irgendwann in der Vergangenheit an einer diagnostizierten Depression gelitten. So sehr ich persönlich das nicht unplausibel finde und ich ganz persönlich und unfundiert auch ziemlich wahrscheinlich finde, dass der Mann an einer tiefgehenden seelischen Störung leidet, halte ich das trotzdem für eine gefährliche Formulierung. Liesse sich ja auch ungefährlicher ausdrücken, was Du, so meine ich, sagen willst.

    Ganz ohne Smiley.

  3. Sehr sehr richtiger und leider auch wichtiger Kommentar.

    Weshalb ich den Text und hernach den Kommentar bearbeitet habe. Danke dafür.

    Einigen Spielern bzw. deren Anwälten sitzt der Colt in solchen Fragen tatsächlich recht locker.

  4. Den Kommentar wiederum halte ich auch in der Ursprungsversion für ungefährlich. Und vorher fand ich den text besser. ;)

    Beim Ursprungsbeispiel schwang so schön mit, dass es außerhalb von F32.2 noch andere Spielarten der seelischen Störung gibt – die einem bei dem einen oder anderen Protagonisten unseres liebsten Beklopptentheaters nicht extrem überraschen würden.

  5. Pingback: Neunnnachneun « Ansichten aus dem Millionendorf

  6. Dazu passen ja die heutigen HSV-Online-Noten von FOTO und Hamburg-FOTO (Quellen unten – leider nur mit Javascript sichtbar – was ja auch für bzw. gegen sich spricht) Wobei, nein, es passt nicht: Es ging ja um Edelfedern. Sprich: Qualitätsjournalismus. Aber der ist, wenn nicht sogar unauffindbar, so doch schwerlich zu finden!

    FOTO:http://sportdaten.bild.de/sportdaten/uebersicht/sp1/fussball/co12/bundesliga/#sp1,co12,se7094,ro23042,md3,gm0,ma376971,pe0,te0,rl0,na4,nb2,nc1,nd1,ne1,jt0,

    Hamburg-FOTO:http://www.mopo.de/sport/hsv/0-5–bayern-lacht-ueber-den-hsv/-/5067038/9558498/-/index.html

  7. Pingback: Deprimierend | Rainer Kühns Lindenblatt



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