Filmkritik: Tom meets Zizou

| 13 Kommentare

Ja, dieser Film ist anders. Anders als was? Als Fußballfilme, die sich mit Fans, Fiktion, Glamour oder Stars beschäftigen. Und das, obwohl auch Thomas Broich zumindest ein kleiner Star ist. Denn hier erhalten er und der Zuschauer die Gelegenheit, im australischen Outback am Lagerfeuer sitzend seine Karriere, seine Fehler und überhaupt das „Business“ in der Bundesliga Revue passieren zu lassen.

Dem Autor zumindest ist kein deutschsprachiger Film bekannt, der mit solch langem Atem hinter die Kulissen des Profiseins blickt, wie es „Tom meets Zizou“ bewerkstelligt, dessen Titel übrigens von der damaligen Email-Adresse des Protagonisten Thomas Broich abgeleitet ist. Wie lange „damals“ schon her ist, beweist der Umstand, dass sie auf „aol.com“ endete. Und natürlich ist sie nicht mehr in Betrieb.

Wie auch der jungschnöselige U21-Nationalspieler nicht mehr in Betrieb ist, der nach nur einer guten Halbserie bei Borussia Mönchengladbach zu den anderen Quietsche-Entchen in den Teich geworfen wurde, in dem die Talente für die bevorstehende Heim-WM 2006 damals gesammelt wurden. Deisler sowieso, aber auch Schweinsteiger, Lahm und wie schlimm es um den Fußball stand, zeigt das Auftauchen des Quietsche-Entchens mit dem Namen Mike Hanke im selben Teich. Nicht mehr in Betrieb ist allerdings nur der schnöselige Anteil von Thomas Broich, als Fußballer ist er frisch erspielter Australischer Meister, wohin ihn sein Bruch mit der Bundesliga schließlich führte.

„Wenn sich einer irgendwie anders verhält, wird er entweder als Gefahr erkannt oder er wird Trendsetter.“

Just kurz bevor Thomas Broich von Wacker Burghausen zu seiner ersten Station in der 1. Bundesliga wechselt, setzen die Betrachtungen mit und vor der Kamera ein. Die ihn gerne auf dem Spielfeld zeigen, ihm aber auch abseits des Trubels bei Selbstreflexionen zuhören. Und ihn zu jenen Hintergründen von Fotoshoots begleiten, welche nur wenig später dem hoffnungsvollen Karrierestart Broichs einen ersten Garaus machen (weitere werden folgen).

Dass die Musik, die einst in seinem Autoradio lief und die ihm zu seinem Spitznamen verhalf, gar nicht von Mozart war, ist Sinnbild für die Diskrepanz der Interessen von Thomas Broich und jenen durchschnittlicher angehender Fußballprofis. Es war Orff. Wer Orff nicht mal von Mozart unterscheiden kann, für den ist wohl auch jedes Buch ein solches mit sieben Siegeln. Und Thomas Broich fährt die ganze Palette von postpubertärem pseudointellektuellem Gepose auf, mit dem er glaubt, der Welt in einer erstarrten, inhaltsleeren Pose etwas mitteilen zu können, gar zu müssen. Woran es „der Gesellschaft ganz allgemein“ mangele und dergleichen mehr quatscht sich Broich in seinen frühen Jahren in die Ecke des übermäßigen Klugscheißertums.

Allzu willfährig lässt er sich in Hörsälen mit Büchern ablichten, die ihm wenig später in Form von Häme auf die nur vermeintlich so zarten Zehen fallen. Man kennt das Ende der Geschichte seines Spitznamens. Wie sich zeigt, muss man aber nicht in die Fremdscham bewirkende Szenerie hereinrufen, dass er diesen Quatsch mit den Denkerposen-Fotos und sein lassen soll: Der gereifte Thomas Broich findet das alles selbst inzwischen albern und von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Sofern man in der Branche Bundesliga tätig bleiben will, zumindest. ZDF-Menschen, die Mainzer Boybands inszenieren, lassen an dieser Stelle schön grüßen.


[Foto folgt.] Thomas Broich, wie er sich zu Beginn seiner Karriere sah

Der Film verfolgt natürlich auch Broichs allgemeine Entwicklung: Erst wohnt er mit der Freundin aus Schulzeiten im beschaulichen Mönchengladbach, dann zieht es ihn nach Düsseldorf und schließlich wohnt er — längst wieder Single — in einer Kölner Studi-WG. Als er beim 1. FC Köln ankommt, sieht er irgendwann ein, dass niemand ausgewählte Statements zum Leben oder auch nur zum Fußball erwartet, so dass er von nun an „den selben nichtssagenden Scheiß wie 70% meiner Kollegen“ in Interviews erzählt. Und damit besser fährt, bis er schließlich auch in Köln nicht mehr bleiben kann.

In Michael Oenning verfügt der Film auch über einen ebenso eloquenten wie aussagewilligen Nebendarsteller. Dieser war schon zu Dick Advocaats Zeiten in Mönchengladbach Broichs Co-Trainer und holt ihn später zum 1. FC Nürnberg. Das besondere Band zwischen Oenning verhindert aber Broichs endgültige Abkehr von der Bundesliga nicht. Wie es genauso wenig der Offenheit Michael Oennings bei der Bewertung von Thomas Broich im Wege steht. Ob Michael Oenning mit seiner Einschätzung Recht behalten wird, dass dieser Film „die Szene“ verändern wird, können allerdings nur die beurteilen, die auch deren Teil sind.

Am Ende stehen mit 87 Erstliga-Einsätzen und ebenso respektablen 106 Zweitliga-Einsätzen nicht mehr oder weniger für Thomas Broich zu Buche, als der durchschnittliche U21-Patient in den letzten drei Jahrzehnten erreichte. Broich erwischte weder einen Ausreißer nach unten noch einen nach oben. Wobei Letzteres angesichts der von allen Seiten geschürten Erwartungen nicht zuletzt ihm selbst wie ein Flop erscheint.

„Wenn man für Köln oder Gladbach spielt, gewinnt man eben nie drei Mal hintereinander.“

Wo der Film im zweiten Drittel Längen aufweist, wenn nicht alles, was Thomas Broich so schildert und erlebt, unbedingt in dieser Tiefe hätte beleuchtet werden müssen, fehlt ihm am Ende eigentlich das entscheidende Kapitel. Denn bei allen seinen (gerade mal drei) Stationen zuvor war er jeweils nach glänzendem Beginn am Ende wieder stecken geblieben. Dass er nun bei Brisbane Roar voll einschlägt und „auf gutem Zweitliganiveau“, wie die Einschätzung des Trainers von Brisbane Roar zur australischen ersten Liga lautet, Meister wird, wäre ja nur wieder das erste Kapitel des sich stets wiederholenden Schicksals von Thomas Broich bei seinen Vereinswechseln.

Warum der Film hier bereits endet und nicht das komplette Karriere-Ende von Thomas Broich abwartet, mag in nicht ersichtlichen Vertragslagen des Filmemachers begründet liegen. Die Tiefe, die der Film zuvor erreicht, lässt er am Ende vermissen. Vielleicht hatte sich der Protagonist aber auch ausbedungen, nicht mit einem fußballerischen Scheitern abzugehen. So offen wie Thomas Broich in dem Film auch mit seinem jüngeren Ich umgeht, ist das aber kaum vorstellbar.

Diese Offenheit sowie die Länge des Querschnitts — der Jahre von etwa 2002 bis 2011 — machen den Streifen so sehenswert, auch wenn die Offenbarung für den gemeinen Fußballkulturinteressierten ausbleibt: Wer dachte nicht direkt nach dem Abitur, dass ihm die Welt gehöre — und wer hätte nicht mit spätestens um die 30 Jahre gemerkt, dass dem zu keinem Zeitpunkt so gewesen ist? Aber auch, wie fragil die Karriere eines jeden Spielers ist, wenn ein Trainerwechsel oder eine Verletzung zur falschen Zeit alles ins Wanken bringt, führt der Film, man ist schon eher geneigt zu sagen: diese Studie, anschaulich vor.

*****

Alle Trailer gibt es hier.
Eine andere Kritik bei textilvergehen.de
Auch der Frittenmeister findet den Film auf eine Art.
Eine Webseite besitzt der Film unter www.tommeetszizou.com.

Von den Trailern — ja, das schafft natürlich niemand, wenn sie schon daliegen, und sie sind auch verdammt verführerisch — ist aber eher abzuraten. Sie versprechen zu viel Spektakel, zu viel Aufklärung und zu viel Witz, was der Film nicht über seine 135 Minuten halten kann, allerdings auch gar nicht muss, weil er in seiner Art so einmalig ist.

Achso — sollte man den Film anschauen? Unbedingtes ja. Im deutschen Raum gibt es solche Blicke hinter die Kulissen sonst nicht. Und der alte Dülp wird sogar mit einem seiner Comics [ehemaliger Link leider tot] im Film zitiert.

13 Kommentare

  1. Dass der Film so geendet hat, kann ich nachvollziehen.
    Thomas Broich ist immerhin erst 30 Jahre alt und das Projekt ist ja so schon weit mehr ausgeufert als ursprünglich beabsichtigt war. Falls er jetzt noch 3-5 Jahre spielen sollte, hätte ich Angst vor einem Mammutwerk a la „Dances With Wolves“ (extended) gehabt (die Analogie passt auch zu den ganzen Naturaufnahmen in Australien…) und es hätte ebenso die Gefahr bestanden, dass der Name bis dahin soweit in Vergessenheit geraten ist, dass sich noch weniger Menschen für den Film interessieren als jetzt schon. Ich war ein bisschen verdutzt, wie viele meiner fußballaffinen Freunde gar nichts mit dem Filmtitel anfangen konnten und auch nach Aufklärung (bisher) kein Interesse gezeigt haben. Von daher trotz des (in meinen Augen: vernachlässigbaren) strukturellen Bruchs völlig in Ordnung.

    Dem „unbedingt anschauen“ würde ich auf jeden Fall zustimmen, trotz der für mein Gefühl viel zu ausgedehnten „Woohoo, das Paradies“ Aufnahmen am Lagerfeuer, beim Zeltaufbau, beim Laufen am Strand etc. in Australien, und auch einige Szenen aus dem laufenden Betrieb Bundesliga fand ich etwas unrhythmisch (mit einem Beispiel hakt es leider gerade).

    Was für mich zu kurz gekommen ist in allen Kritiken, die ich bisher zum Film gelesen habe (und auch im Film selbst): Die „enorme persönliche Entwicklung“ des Menschen Broich hab ich irgendwann nicht mehr gesehen. Die ersten Male, als er in süffisantem und selbstironischem Ton sein früheres Ich kommentiert hat, hab ich noch als Selbsterkenntnis & Weiterentwicklung verstanden und er hat da auch unterhaltsame Worte gefunden. Mit der Zeit hat sich aber immer mehr der Eindruck eingestellt, dass er eigentlich nur die Projektionsfläche mit der Zeit geändert hat. Wo er früher wie ein besserwisserischer Snob gegenüber den Stumpfnasenkollegen bzw. dem Fußballgeschäft und der gesellschaftlichen Entwicklung im Allgemeinen aufgetreten ist, wendet er in sehr ähnlicher Form genau dieses Verhalten jetzt auf sein früheres Ich an.
    Es mag sein, dass er nach so vielen Jahren Kamerabegleitung ein anderes Gefühl für schneidige, amüsante Kommentare entwickelt hat, dass er da vor der Kamera mit einem gewissen Showfaktor auslebt und was nicht 100% deckungsgleich mit seiner „privaten“ Meinung ist, aber ich fand schon, dass es immer auffälliger wurde, wie sehr sich Ton & Art der Bemerkungen ähnelten.

    Und bevor ich jetzt so episch werde wie der Film, warte ich mal weitere Kommentare ab. ;)

  2. Unseren Kinobesuch sehr schön zusammengefasst, Herr Trainer. Auch ich möchte den Film empfehlen, obwohl der Film für seinen Inhalt und ohne wirkliches Ende 30 min zu lang ist, musste man als Fußballinteressierter keinesfalls unruhig im Sessel hin und herrutschen oder gar auf die Uhr schauen.

  3. Der einzige Wermutstropfen ist, dass ich eine knappe Stunde fahren darf um diesen Film zu sehen. Das ist auf mindestens zwei Ebenen schade.

    Und: ich will nicht den Korrekteur spielen, aber vielleicht möchtest du den Tippfehler im zweiten Absatz bei „Tom meets Ziziou“ berichtigen.

  4. Trainer, ich zolle dir mal nen Offtopicrespekt für die Verwendung des Wortes ‚Photoshoots‘.

  5. Der letzte Satz gefällt mir. Der erste deutsche Fußballblogger in einem Kinofilm.

    (Oder?)

  6. Würd ich meinen.

    Bin mir nicht mal sicher, ob er selbst es weiß. Aber gefragt werden se ja schon haben … ?

  7. Das Foto ist nicht von Mitmenschirgendwas sondern von Cartier-Bresson/Magnum.

  8. Korrekt, der große Henri Cartier Bresson hat’s geschossen. Und wo wir schon dabei sind (und weil es bei Herrn Bade häufiger mal auftaucht): Der Wem-Fall von Autor ist Autor, nicht Autoren. Man sagt ja auch nicht: Dem Motoren fehlt Benzin, was? Ansonsten alles tiptop, den Trainer gern immer wieder.

  9. Da hat er Recht, der Edgar. Gerne angenommen und geändert. Baade hingegen im Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ mit zwei a. Ansonsten alles tiptop, den Edgaren gern immer wieder.

    Beim Foto muss ich mir dann wohl was einfallen lassen. Danke auch hier für die beiden Hinweise.

  10. Pingback: Die Blog- & Presseschau für Dienstag, den 21. August 2012 | Fokus Fussball

  11. Pingback: Trainer Baade » Philipp Lahm: „Der feine Unterzzzzz…

  12. Pingback: Bücher, nichts als Bücher | Kühns Lindenblatt

  13. Pingback: Trainer Baade » Filmkritik: Trainer!



Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.