Fußball mit kakaohaltiger Fettglasur

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Wüsste der Autor es nicht selbst besser, dann würde er annehmen, dass er gestern den Anbruch einer neuen Ära gesehen hat. Denn eine Saison wie die vorige von Borussia Dortmund mag immer mal drin sein, ein Ausrutscher nach oben, bei dem sich mehr Glück als Verstand mit dem psychologischen Moment paart, weil man ständig gewinnt und demgemäß wie ein Duracell-Häschen und ganz von selbst eine Saison lang durchläuft. Und im Notfall sogar jene 90 Prozent des Gehirns anzapft, die der Mensch angeblich normalerweise nicht nutzt. Um den entscheidenden Schritt früher als der Gegner am Ball zu sein, der weiter auf seinen üblichen 10 Prozent daherdümpelt.

Eine Saison lang mag das gut gehen. Wenn das selbe Spektakel nun aber auch nahtlos in die nächste Saison übernommen werden kann, dann ist es wohl mehr als nur der günstigen Konstellation der Sterne über dem Westfalenstadion geschuldet, dass der (zugegeben nicht mehr als mittelmäßige) Gegner erneut über 70-79 Minuten lang keinen Ball bekommt. Stattdessen selbst zum mit heraushängender Zunge umherrennenden Häschen wird, dem der Igel Borussia stets zuvorkommt.

Nicht allein jene Tatsache war so überwältigend, dass Borussia Dortmund mal wieder Torchancen für sich und seine zweite Mannschaft zusammen herausspielte, sondern dass dem Hamburger SV zu keinem Zeitpunkt auch nur ein Hauch von Zugriff auf das Spiel gelang. Obwohl mit Michael Oenning jemand an der Seitenlinie saß, der Jürgen Klopps Methoden sicher besser kennt und demgemäß auch Gegenmittel hätte entwickeln können, als die meisten seiner Bundesliga-Trainer-Kollegen.

Bei kakaohaltiger Fettglasur denkt man zunächst an brasilianische Einflüsse auf das Spiel, in dieser Partie war aber gar kein Brasilianer dabei. Sieht man von Felipe Santana ab, der schließlich „nur“ verteidigte und somit nicht in erster Linie für jenen kakaohaltigen Glanz zuständig war, den die 3G-Connection „Götze, Großkreutz und KaGawa“ ganz ohne brasilianische Wurzeln verbreitete. Denn glänzend war die Glasur gestern, wenn 60-Meter-Pässe mit der Hacke nicht mal angenommen, sondern direkt weitergeleitet werden, und wenn jede scheinbar bereits geklärte Situation dazu geeignet ist, aus dem Nichts wieder Gefahr fürs HSV-Tor zu bedeuten.

Leider ist auch diesem Autoren bekannt, dass Prognosen die starke Neigung besitzen, falsch zu sein, besonders jene für die Zukunft. Weshalb das mit der „Ära“ erstmal noch in der Schublade bleibt. Erst mal abwarten, wer wen ansonsten heute und morgen noch auf welche Weise beherrscht oder eben nicht beherrscht.

Der letzte Deutsche Meister, der seinen Titel verteidigte, der nicht Bayern München hieß, war übrigens 1996 Borussia Dortmund.

8 Kommentare

  1. Okay, zwei Kagawalauer nur für dich, zum ergötzen:
    Ärare humanum est.
    Ära-Error.

    Klopper, wa :D ?

    Nebenbei: ich würde das mit der Schublade nicht unbedingt nur vom 1. Spieltag abhängig machen. Haste das einfach nur zu lax formuliert oder ganz im Sinne des deutschen Sportjournalismusimitats?

    Andererseits: who cäres?

  2. Nee, natürlich nicht nur 1. Spieltag, sondern längere Längen. Wohl zu läx formuliert.

  3. Ganz böses Foul bei KaGawa, dessen Nachname aus zwei Schriftzeichen besteht, nämlich Ka ? und Kawa ?. Das zweite Zeichen hat also eigentlich ein K am Anfang, und wird nur wegen einer Lautanpassung mit G ausgesprochen, weil dies im Japanischen flüssiger auszusprechen ist.

  4. Okay, wenn Du mir sagst, wo ich die Sonderzeichen finde, trag ich sie bei Dir im Kommentar nach. Notfalls als Bild.

  5. Sehr schöner Text. Sogar mit einem hübsch-originellen Sprachbild! Gerne gelesen.

    Tja. Bei Dortmund kann einem derzeit die Spucke wegbleiben. Dieser Klopp ist wirklich ein verflucht heller Bursche. Der weiß genau, was er kann und – wichtig! – bei und mit wem sein Ding funktioniert. Ich glaube, mit einem Robben, vam Bommel, Ribery, Gomez oder Timoschtschuk (der mit eigenen Friseur) würde es sofort knirschen.

    Die U-23-Talente dagegen scheinen regelrecht an seinen Lippen zu hängen und brennen darauf, Klopps „Philosophie“ (was für einen Abstieg hat dieses Wort hinter sich!) auf den Platz zu bringen. Wird ’ne tolle Saison.

    Die Bundesliga ist sowieso das letzte, was in diesem Land noch funktioniert. Man bilde andere Komposita mit „Bundes-“ und vergleiche…

  6. Ach so, die Zeichen werden gar nicht angezeigt.

    Einfach bei Wikipedia nachschauen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Shinji_Kagawa

  7. >>sondern dass dem Hamburger SV zu keinem Zeitpunkt auch nur ein Hauch von Zugriff auf das Spiel gelang<<

    Da hab ich dann gestern ne falsche Schlussphase gesehen. Erst das Gegentor in der 80. Minute, eine Minute später muss es eigentlich wieder scheppern, als Töre für Jansen auflegt, nachdem er gefühlt 41 Dortmunder Zaubermäuse ausgespielt hat, die sich wohl gedanklich schon die Schlagzeilen des nächsten Tages vorstellten, und bei der Nummer mit Ben-Hatira in der 86. Minute pfeift ein Schiri von, hihi, internationaler Klasse wie z.B. Manuel Gräfe gern schon mal Elfmeter. Und schon stehts 3:3, und die Lobeshymner kriegen echten Hass, weil sie Zweidrittel ihrer, sorry, Wichsvorlage schon fertig hatten und nun umschreiben müssen.

    Ohne Zweifel ein verdienter Sieg von Dortmund und ohne Zweifel auch zeitweise berauschender Fußball. Ebenso ohne Zweifel hatten sie aber mal kurzfristig vergessen, dass ein Spiel 90 Minuten dauert.

    Immerhin, der "Anbieder-und-Knie-nieder-"Preis 2011 dürfte bereits vergeben sein: was dieser Marc Schlömer (?) heute in der Spochtschau als "Nachbericht" abgeliefert hat, kann man auch nur dadurch erklären, dass er zuviel Norbert Dickel auf ex inhaliert hat.

    Wirds bei diesen geballten Ladungen untertänig gehauchter Attribute, mit ehrfurchtsvoll bewundernder Stimme vorgetragen und mit dramatischer Filmmusik untermalt, nach EINEM EINZIGEN Spiel, eigentlich nur mir schlecht?

    Okay, ist dann mein persönliches Problem. Sorry für die Störung :-)

  8. Ich für meinen Teil berufe mich auf das weiter oben stehende „70-79 Minuten“.

    Die Spochtschau hab ich nicht gesehen. Jetzt, wo Du sie erwähnst, fällt mir überhaupt erst wieder ein, dass es sie noch gibt.

    Ansonsten finde ich schon, dass dieser Dortmunder Fußball etwas Besonderes ist, mehr als eins dieser vielen Werder-Hochs, weil es konstanter ist und geplanter wirkt.

    Hochjubeln ist ja dann, ich dachte, da würde man irgendwann immun, das, was vor meiner Haustür auf der Litfaßsäule mit „Hier werden Helden geboren“ überschrieben ist, ja? Natürlich ist das grottig, aber nimmt das noch jemand ernst? Oder werd ich etwa alt?

    Ansonsten hat alleine jede mit dramatischer Musik unterlegt zusammengeschnippelte Zusammenfassung von einem Fußballspiel natürlich alle Mageninhalte dieser Welt verdient.



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