Fingerzeige

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Irgendwann muss es passiert sein. Der genaue Zeitpunkt liegt zwar im Dunkeln. Doch irgendwann hat der Fußballgott seinen Platz aus dem Fußballhimmel erst ins Stadion, dann in die Nähe der oder gar direkt auf eine der beiden Trainerbänke verlegt.

Anders ist es nicht zu erklären, dass Torschützen direkt nach ihrem Torerfolg früher die Hände zum Himmel reckten und auf und ab sprangen. Während sie heute mit dem nackten Zeigefinger irgendwohin ins Stadion zeigen und oft extrem agitiert dorthin laufen, wohin sie mit ihrem meist wie ein Wackeldackel wackelnden Zeigefinger zeigen.

Überhaupt ist die geballte Faust eine im Absterben begriffene Geste nach Torerfolg, während der einzelne Zeigefinger — den mannschaftlichen Aspekt an der Entstehung des Torerfolgs wenn nicht verneinend, so doch von ihm ablenkend — beinahe alle anderen Jubelkulturen verdrängt hat.

Nicht mal mehr fünf Freunde müssen es zum Jubeln also sein, es reicht ein Symbol mit der Betonung auf dem Singulären, wie es ja tatsächlich für ein Tor immer nur einen einzelnen Torschützen geben kann, niemals zwei, dieser aber wiederum ohne die anderen zehn nur dann eine Chance hätte, ein Tor zu erzielen, wenn er aus dem Fußballolymp stammte, in dem Maradona oder Messi wohnen, ansonsten aber wäre ein Torerfolg ohne Mitspieler undenkbar.

Und selbst bei Mitwirken der anderen zehn, weiß sogar noch der selbst zentrierteste Besitzer des wackelnden Zeigefingers, konnte es doch nur deshalb wieder damit klappen, den Ball am zu spät kommenden Torhüter vorbeizuschieben, weil es der Fußballgott so wollte. Der aber, ahnen wir jetzt, sitzt inzwischen irgendwo auf Höhe des Spielfeldes und schaut nicht mehr von oben zu.

Wahrscheinlich ist ihm das Spiel aus größerer Entfernung gesehen einfach zu schnell geworden, um es noch genießen zu können. Er musste näher ran. Wo er genau sitzt, das zeigt uns Nichtsahnenden die Richtung des Zeigefingers an, in die der Jubelnde ihn wackeln lässt. So muss es sein, denn dass der Zeigefinger einfach ohne tieferen Sinn ins Nichts zeigte, das würde der Fußballgott sicher nicht zulassen.

3 Kommentare

  1. Den mannschaftlichen Aspekt verneinend – das wäre ja noch zu verstehen, daß man nicht jedesmal in tiefer Dankbarkeit gegenüber dem Kollektiv verharrt. Aber bei einem Treffer, den ich letztens sah, fiel mir unangenehm auf, wie der Torschütze allen Ruhm einheimste und zum Jubel davonstürmte, obwohl sein Beitrag lediglich darin bestanden hatte, den Fuß nicht zu hoch zu halten, um den Ball drunter durchrollen zu lassen. Die Vorarbeit des Zuspielers dagegen war dagegen von ziemlichem Geschick und Durchsetzungsvermögen geprägt gewesen und der Paß ziemlich knifflig. Anstatt zum Paßgeber zu laufen und sich für das Zuspiel zu bedanken, lief der Spieler irgendwohin, um sich feiern zu lassen, als hätte er den Ball von der Mittellinie alleine bis über die Torlinie begleitet und alle Gegenspieler abgeschüttelt. An der Stelle des Paßgebers hätte ich dem Torschützen ein paar Takte gesagt oder meine Pässe erstmal für mich behalten.

    Noch peinlicher sind aber die Mannschaftskameraden, die einen davon rennenden Spieler unbedingt einholen und zu Fall bringen müssen, um ihm dann ihre Dankbarkeit in intensivster Form darzubringen. Das finde ich zum Fremdschämen. Winkende Zeigefinger sind dagegen nur inhaltslos.

  2. Die Sache mit dem Fingerzeig. Gut beobachtet. Ich muss direkt mal in meinem Gedächtnis kramen wie der Jubel bei meinen regelmäßigen Live-Besuchen in den Siebzigern in Probstheida und Leutzsch aussah. Ich glaube die Spieler bildeten oftmals eine Traube. Blieben dabei aber nie minutenlang stehen. Es ging dann konzentriert weiter. Die älteren Herren auf der Tribüne klatschten wohlwollend und wir jungen Kerle schwenkten Fahnen, Schals oder fielen dem Kumpel um den Hals und applaudierten auch, stimmten dann semiprofessionelle Gesänge an mit der Bitte nach dem nächsten Tor.

  3. Das ganze ist aber immer noch besser – nein, weniger schlimm – als die ganzen vorher einstudierten Mätzchen, vor denen erst mal die beteiligten Mannschaftskollegen sortiert oder bei Soloaufführungen die ignoranten Gratulanten auf Distanz gehalten werden müssen, damit alles klappt.



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