Fußball ist ein Nasensport — Stadionführung in Stuttgart

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Vorweg sei noch mal daran erinnert, dass der Geruchssinn des Menschen der am intensivsten mit emotionaler Bewertung verknüpfte ist. Nichts bringt so schnell Bilder aus der Vergangenheit ins Hirn wie das erneute Wahrnehmen eines einst vernommenen Geruchs. Beispiel: Begegnet man irgendwo einer Dame, die das selbe Parfüm trägt wie jene beim ersten Kuss, ist die Situation bei Letzterem sofort wieder präsent. Für den Gleichgewichtssinn oder den Tastsinn gilt das nicht mal im Entferntesten. Und deshalb ist nicht nur Fußball ein Nasensport, sondern der Mensch ein Nasentier.

Letztens lud uns der Hauptsponsor der Nationalmannschaft zum deutschen Länderspiel gegen Chile nach Stuttgart ein, wir trafen dabei Giovane Elber und diskutierten vorher und nachher über Fußball und Internet. Wir trafen auch noch ein paar andere Fußballgrößen, aber dazu später mehr. Teil des Besuchs beim Länderspiel in Stuttgart war auch eine Stadionführung. Da wir selbst zwar pünktlich, aber irgendetwas rund um die Nationalmannschaft nicht ganz so pünktlich wie gewünscht war, ging die Stadionführung samt Besuch der Kabinen etwas unter Zeitdruck vonstatten. Was keine Klage ist. Im Angesicht der im Schnitt 10 Millionen Zuschauer, die ein Länderspiel so vor die Bildschirme ruft — und nicht zuletzt im Angesicht des Umstands, wie elementar solch ein Länderspiel für die Finanzierung des DFB ist — gibt es natürlich Wichtigeres, als eine Gruppe von Bloggern durch ein Stadion zu führen und ihnen dabei möglichst alles zu zeigen.

Alles hieß hier: die Kabine der Nationalmannschaft, den Vorraum für Physios und Zeugwart, den Ort der zukünftigen Pressekonferenz nach dem Spiel, das Kabüffchen, in dem die ARD-Interviews stattfinden würden und die Verbindungswege zwischen diesen Plätzen. Letztere übrigens — ganz wie im Bremer Weserstadion — mit einigen interessanten Dingen geschmückt, aber das war auch nötig. Denn beim ersten Eintreten besitzt das Innere noch den Charme einer in der Nachkriegszeit errichteten Uni. Nackte Wände, die zwar in VfB-Farben stilecht größtenteils weiß und mit einem roten Streifen versehen angestrichen sind, optisch aber nicht viel hermachen. Deshalb die Ornamente:

Erstens ein Foto von Karl Allgöwer bei der Platzwahl mit einem bekannten Steuerhinterzieher.

Zweitens eine Tafel mit allen Europapokalheimspielen des VfB Stuttgart, welche in diesem Stadion oder seinen Vorgängern stattfanden.

Auf meinen Kommentar, dass man da wohl bald erweitern müsse, schließlich sei die Tafel fast voll, entgegnete der Fotograf recht lapidar: „Leider nein.“

Aber vor allem das Spielfeld selbst natürlich war Teil der Führung und — tatsächlich erhebendes Erlebnis — zuvor der Marsch durch den überdachten Gang hinaus auf den Platz. Da dieser den Beginn der Führung darstellte, entzündete sich sogleich Fußballlust (das Pendant zur Wanderlust) in den Köpfen der Beteiligten. Nicht ganz unwichtig übrigens im Vergleich zum Beispiel zum Duisburger Stadion: dass der Gang aus den Kabinen heraus deutlich länger sowie überdacht ist — das macht einen Tunnelblick, äh, eine besondere Steigerung der Empfindungen möglich, statt einfach nur die Kabinen zu verlassen und schwupps auf dem Platz zu sein.

Auf dem Platz angekommen, juckten aber allen enorm die Fußballbeine, denn was dieser Rasen an olfaktorischer Rasenhaftigkeit versprühte, benebelte angenehm die Sinne. Nicht sicher ist es, ob die Luft im Ländle doch ein wenig besser ist als im Revier und der Rasen deshalb deutlich schmackhafter roch, oder ob da künstlich nachgeholfen wurde.

Der intensive und wohltuende Rasengeruch erinnerte sofort an die wenigen Partien, die man einst ebenfalls auf besserem Rasengeläuf absolvierte und vor dem geistigen Auge lief der innere Blogger das innere Kind dicht an der Strafraumgrenze entlang, um schließlich ins lange Netz zu schlenzen. Nur ein paar Unzen Rasengeruch in der Luft — und schon schreiben sich ganze Dramen wie von selbst.

Der Rasen betäubte und ließ gleichzeitig frohlocken. Was ist Fußball doch für eine schöne Angelegenheit, die sich die Menschheit ausgedacht hat, und wenn sie dann noch so gut riecht, Verzeihung, werte Ascheplätze dieser Welt, dann ist man durchaus ein wenig entrückt und will sich am liebsten auf diesen werfen und mit ihm kuscheln. Da machte es auch nichts, dass die Einlaufkinder und Bannerträgerkinder gerade in militärischem Drill ihre Aufgaben probten.

Rasengeruch galore.

(Man beachte das neckisch sich zu einem angedeuteten Hüttchen vereinende Doppel-T in der Mitte des durch verschiedenfarbige Sitze dargestellten Wortes „Stuttgart“.)

Zudem ist der Umbau des Stadions rundum gelungen. Ein imposanteres Stadion gibt es in Deutschland kaum, auch wenn böse Zungen züngeln, dass sich dieses „wie eine Trutzburg“ in den Stadtteil einfüge. Die Rede ist hier aber von dem Zweck, für den es gebaut wurde: darin Fußballspiele zu sehen. Ausreichend steile Winkel, eine große Kompaktheit und dennoch Raum für eine gewisse architektonische Freiheit, welche sich die heutigen Arenen sonst ja kaum erlauben.

Zurück vom Spielfeld ging es rein in die Kabine der Nationalmannschaft, mit striktem Fotoverbot. Zunächst muss man am Zeugwart und an den Phyisos vorbei, die im Vorraum arbeiten. Beim Passieren des Haufens an Fußballschuhen, der bereitlag, fielen fast nur Schuhe in grellem Rot, Orange, Gelb oder Pink ins Auge. Man schämte sich fast, dass man Anhänger einer Mannschaft war, die so offensichtlich ein Länderspiel mit einem („Bursche zum Mitfahren gesucht“) Treffen auf einem Autoscooter verwechselte, auch wenn diese Assoziation einen ähnlichen Bart haben mag wie einige der Anwesenden. Einziger mit schwarzen Schuhen sei wohl Philipp Lahm, antwortete der Zeugwart auf Nachfrage. Immerhin das, Herr Spitzenfußballer.

Die Kabinen selbst sind kleiner als man in solch einem großen Gebäude wie der Mercedes-Benz Arena — nur echt mit Deppenleerzeichen — annehmen würde, sie erinnern fast an eine Kabine eines normalen mittel- bis unterklassigen Vereins, was den reinen Grundriss angeht. Bereit lagen erstmals die rot-schwarzen Trikots des DFB und die Sitzfläche pro Nationalspielerhintern ist wirklich nicht größer als in jeder anderen Kabine auch. Erstaunlich.

Danach schnell durch die Mixed Zone.

Vorbei am Sportschau-Kabuff, das wirklich nur ein Räumchen ist, in dem diese Hintergrundwände aufgebaut sind und von Beleuchtung bis Kamera nur auf diesen Interviewzweck ausgerichtet ist. Anders als sonst im neuen Stuttgarter Stadion üblich aber in den Katakomben und nicht mit Blick aufs Stadion im Hintergrund. Weiter zu jenem Raum, in dem die Pressekonferenz stattfinden würde. Mit kurzem Seitenwechsel zur sportlichen Spitze der Nationalmannschaft, als die Blogger für 2 Minuten jene Position einnahmen, wie später der Nationaltrainer von Chile und Jogi Löw himself. Klassenfahrts krönender Auftakt wie Abschluss der Stadiontour:

Frank Baade als Trainer beim DFB

Weiter ging’s in den Presseclub des DFB, wo später besagter Giovane Elber dazustieß. Neben allerlei Mitgliedern der Journalistenposse, die der eine oder andere von Twitter kennen könnte.

Herm von Hermsfarm war ebenfalls dabei und hat schönere Fotos.

Highlight an Erkenntnissen der Stadionführung war übrigens, dass der arme, gebeutelte, am Hungertuch nagende DFB für die Versorgung der Pressekonferenz doch tatsächlich Volunteers einsetzt, die dann für lau das Mikro durch die Gegend tragen dürfen. Vielleicht sollte man dem DFB ein paar Groschen spenden, sonst gibt es ihn bald nicht mehr.

Nach dem Spiel ging es noch zur Pressekonferenz, als — für Eingeweihte vielleicht selbstverständlich, für andere aber überraschend — die beiden Nationaltrainer getrennt voneinander vor den Journalisten anwesend waren. Zunächst der chilenische Nationaltrainer samt mehr oder weniger überflüssigem Dolmetscher, denn Fragen stellten nur die Chilenen, übersetzt wurde trotzdem. Danach Jogi Löw, ohne dass wie bei einem Bundesligaspiel üblich beide Trainer zugleich auf der Bühne anwesend waren. Platz genug wäre ja gewesen, selbst für 11 Blogger, siehe oben.

Ein sehr schönes, vielleicht bald Zweitliga-Stadion in Stuttgart, aber vor allem:

herrlichst!, dieser Duft des Rasens … Kunstrasen ohne dieses Odeur ist einfach keine Alternative.

2 Kommentare

  1. Die Tafel mit den EC-Heimspielen ist ja… einfach, schlicht, genial.

  2. Ich stolperte über den Absatz zur Stadionarchitektur. Ich empfand es immer als viel zu flach, so dass das Geschehen auf dem duftenden Grün meilenweit weg schien. Besonders kurios ist das in den oberen Reihen des unteren Ranges der Cannstatter Kurve, wenn der Oberrang dem stehenden Zuschauer doch gehörig nervig im Blickfeld liegt.



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