„Guten Abend aus Mexiko City“ — das herrlich unerträgliche Schweigen der vibrierenden Drähte

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„Guten Abend aus Mexiko City.“ Mehr als die fünf Wörter im Titel braucht es doch nicht, um Gänsehaut beim Zuhörer oder -seher zu erzeugen. Man mag mich alt(backen) schimpfen, aber mir ist jede Form von Marktschreierei am Kommentatorenmikrofon ein absoluter Gräuel. Mit dem verbreiteten Überbetonen jeder zweiten Paarung und jeder dritten Spielsituation, schlimmer Superlativitis und dem ständigen Heben der Stimme kann man mich wortwörtlich jagen, und zwar aus der Kneipe oder vom Sofa runter, weg von der Partie.

Als Kind sah ich Fußballspiele fast immer nur im TV, und selten im Stadion. Heute gehe ich unter Anderem deshalb lieber ins Stadion, weil dort garantiert kein Kommentator, keine Kommentatoren-Biene hyperventiliert, garantiert keine Zeitlupe fünf Mal hin- und hergewälzt und in obszöner Art so getan wird, als hätten sich nicht alle Beteiligten mit der Teilnahme am Spiel darauf geeinigt, dass ein fehlbarer, menschlicher Schiedsrichter die Entscheidungen treffen wird. Aber ich wollte nicht abschweifen.

„Guten Abend, hier ist Buenos Aires“ — und dann rauscht lange das Nichts, das Schweigen, zwischen Duisburg-Duissern und Buenos Aires vibrieren nur die Drähte, und die Spannung steigt ins Unermessliche, kaum noch auszuhalten, diese Anspannung, gemischt mit Vorfreude, aber auch Vorahnung einer denkbaren Niederlage, der Abend holt noch mal Luft, bevor er sich endgültig ins Getümmel dieser so oder so dramatischen Partie stürzt. Die Spannung steigt aber natürlich nur deshalb, weil es im Hirn des Empfängers von einer besonderen Wichtigkeit ist, wie diese Partie in Buenos Aires heute Abend/Nacht/Mittag ausgehen wird, und nicht, weil der Reporter hyperventiliert.

Er kann übertreiben und marktschreien, wie er will, dadurch wird eine Partie nicht großartiger oder spannender. Wenn „Guten Abend aus Belgrad“ nichts auslöst in den diversen Hirnregionen, dann kann auch ein herbeigeraunter Superstarstatus der Beteiligten nichts daran ändern, dass man sich für diese Partie eben nicht erwärmen kann.

Natürlich sind viele Spiele, die Reporter zu beschreiben haben, tatsächlich eher mau, auch in ihrer Bedeutung, und dennoch sollen sie ja ihr Produkt verkaufen. Schließlich wollen sie ihren Arbeitsplatz behalten. Zöge man also die 20 Prozent Marktschreierei um den eigenen Job ab, bliebe bei allzu vielen immer noch 80 Prozent zu viel des Rumgegröhles und Hochgejubels.

Für Spannung und Interesse benötigt es keinerlei Stars, Flutlichtspiele, Einlaufmelodien, ob von AC/DC oder von Beethoven, und es braucht auch keinerlei künstliche Aufregung in der Stimme des Reporters. „Ich melde mich aus Liverpool.“ und dann weiß man, dass es jetzt ernst wird und jede Sekunde der gesamten Spielzeit über Wohl und Wehe entscheidet. Man muss beim Kommentieren nicht gleich in Minimalismus verfallen und sich auch keine Huberty’sche Steifheit zurückwünschen.

Aber sich dessen bewusst zu sein, dass die Menschen an den TV- und sonstigen Empfangsgeräten selber wissen, wie wichtig oder nicht diese Partie ist, und darauf zu verzichten, mit aus der Tiefkühltruhe in Fips Asmussens Keller entwendeten Gags und vorgefertigen Metaphern das Spiel hochzufeuerwerken — das wäre schon schön.

Es knistert nämlich auch so.

13 Kommentare

  1. Sehr schön, auch wenn ich die Tage solcher Übertragungen hauptsächlich aus Erzählungen und Aufzeichnungen kenne.
    Schade, dass man sich im Fußball zur Spannungssteigerung schon aus der Mottenkiste des Privatfernsehens dieser Stilmittel bedient und kaum ebbt ein Phänomen ab wie „Ausgerechnet“ , kommen neue wie „seit 36 Jahren Sonntags nicht in Braunschweig gewonnen“…

    Dabei ist wie du sagst für den Liebhaber das Spiel oft spannend genug, ohne diese Aufblähungen…
    Aber vermutlich wirds gemacht, damit auch wirklich jeder Depp einschaltet, weil er denkt er kann den Verlierer selbst rauswählen…

  2. Ja, es waren wunderbare Abende (und auch Nachmittage), an denen man in den 80er Jahren die Auswärts-Auftritte der deutschen Teams in den Weiten des damaligen sogenannten Ostblocks live im TV verfolgen konnte und der Kommentator häufig per Telefon und relativ unaufgeregt das Geschehen auf dem Platz kommentierte.

    Damals allerdings wurden Fußballspiele allerdings auch für Fußballfans oder -wie es mikewerner viel schöner ausdrückt- „Liebhaber des Spiels“ übertragen. Heute geht es darum, eine möglichst große Anzahl Fernsehzuschauer dazu zu bringen statt beim Fernsehfilm oder der Doku-Soap bei der Fußball-Show hängen zu bleiben.

    Bei der Gelegenheit fällt mir allerdings wieder ein, dass auch schon damals Anstoßzeiten so angepasst wurden, dass möglichst viele Spiele live übertragen wurden. Das ging ja tatsächlich häufig schon nachmittags los, um dem gemeinen Fußball-Junkie auch alle vier Erstrundenpartien im Uefa-Pokal präsentieren zu können. Was aber selbst für aktive Fans selten ein Problem darstellte, da ohnehin kaum jemand auf die Idee gekommen ist, sein Team nach Kiew oder sonstwohin zu begleiten.

  3. „Heute gehe ich unter Anderem deshalb lieber ins Stadion, weil dort garantiert kein Kommentator, keine Kommentatoren-Biene hyperventiliert,…“

    Leider erwartet einen dann bei uns in der Arena ein gewisser Herr Reif (oder Konsorten) auf dem gar nicht mehr so stillen Örtchen. So sehr ich es schätze, selbst beim Verrichten der Notdurft das Spielgeschehen verfolgen zu können, so sehr wünschte ich mir oben beschriebenen Kommentatorenstil.

    Schöner Text!

  4. Und mich ärgern im Stadion die grundlosen Beleidigungen des Gegners und das Lamentieren über jeden Pfiff des Schiedsrichters gegen die eigene Mannschaft, auch wenn er noch so berechtigt war. Ich gehe zwar gern ins Stadion, aber manches würde ich dort gern ebenso abschalten können wie den Kommentator im Fernsehen.

  5. Fußballkommentatoren kommentieren immer, als wenn sie Fan des gerade torschießenden Vereins seien. Am nächsten Spieltag auch, und auch andersrum. Dann denke ich immer: Sind die doof? Oder haben sie doch nie über ihren Beruf nachgedacht …

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  7. Schon ärgerlich, wenn man regelmäßig bei Steffen Simon die eigentlich dezent eingestellte Lautstärke des Fernsehers ungefähr um die Hälfte runterstellen muss (bzw. stumm stellen oder wegschalten), wenn man keine lauthals krakeelenden Schreihälse in seinem Wohnzimmer duldet. Aber der Zug ist leider abgefahren.

    Im Beitrag geht’s zwar wohl eher um Live-Spiele, aber mich würde mal interessieren, ob du auch ab und zu die Sportschau guckst, Trainer.

    @ mikewerner
    Von einem Abebben der „Ausgerechnet“-Kommentare hab ich bisher eigentlich nichts mitgekriegt…

  8. Wieso interessiert Dich das, wenn ich fragen darf?

    Nein, ich schaue die Sportschau maximal noch 2x im Jahr, obwohl ich sie sowohl als Einrichtung als auch in ihrer Darreichungsform mag. Aber 90 Minuten für fünf oder sechs Spielbeiträge – das passt einfach nicht mehr zu meiner Form des Medienkonsums, denn das hab ich in weniger als 30 Minuten bei z. B. 101greatgoals.com erledigt. Die Nachrichten drumherum, Interviews — habe nicht das Gefühl, dass ich da irgendetwas verpasse.

    Wäre ein Menschenleben etwas länger als es das ist, würde ich auch weiterhin die Sportschau gucken, so aber hat sich der sonstige Konsum bei mir einfach so beschleunigt, dass mir die Art der Präsentation der Spiele auf deutsch gesagt schlicht zu lahmarschig ist. Und Werbung gucken müsste man dann ja auch noch, oder zumindest umschalten. Ich gucke eigentlich nur noch Livespiele im TV. Alles andere am Rechner, zu selbstgewählten Zeitpunkten.

  9. Ich musste bei „Marktschreierei am Kommentatorenmikrofon“ einfach sofort an Steffen Simaon und die Sportschau denken und daran, wie ich sie mir immer noch so gut wie jeden Samstag anschaue, obwohl mir die Marktschreierei und das Konstruieren einer Story vor den Spielberichten ziemlich auf die Nerven geht.

    Deswegen wollte ich einfach mal wissen, ob der einzige Fußballblogger, den ich regelmäßig verfolge, sich das auch antut :)

  10. Diese Marktschreierei ist wirklich nervig.
    Damals hat mich allerdings oft der Mangel an Emotionen. Während südländische Kommentatoren mit Gooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooool schreien noch nicht fertig waren, schienen deutsche Kommentatoren oft schon wieder den Ruhepuls erreicht zu haben ;-)
    Gruß
    Die kölsche Ziege

  11. Ich achte gar nicht mehr auf die Kommentatoren, allerdings kenne ich es auch nicht anders als mit dieser „Marktschreierei“. Irgendwann gewöhnt man sich so sehr daran, dass man es nicht mehr bemerkt.

  12. Auch wenn das bei den meisten so ankam, sollte es eigentlich kein Vergleich früher vs heute sein, sondern einer von laut vs (angenehm) zurückhaltend. Das gibt es doch auch heute noch.

  13. Pingback: Lesestoff vom 28. Februar 2013 | metasierchen



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