Hagebuttentee (II)

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Die Tür zum Proberaum fiel zum letzten Mal ins Schloss, als er noch damit beschäftigt war, seinen Verstärker in den Kofferraum zu bugsieren. Die Rückbank musste er nicht umklappen, denn die war ohnehin schon kaputt und stets nach hinten gelehnt, als müsste ständig ein Verstärker transportiert werden. Dabei war dieses das letzte Mal, wenigstens in diesem Wagen. Er hatte einen Käufer in der selben Stadt gefunden. Damit war dieses Kapitel der Arbeitsverweigerung beendet. Was nicht beendet war, war das Pfeifen in seinem Kopf, das den Grund für seinen Entschluss geboten hatte, den Verstärker zum Verkauf anzubieten. Von da an gab es nur noch ein Thema in seinem Leben, und das war der Fußball.

Denn wer vor der Aufgabe flüchtet, eines Tages nicht mehr zur Uni gehen zu — ein Müssen war es ja nicht, sondern ein Wollen — dürfen, der findet schlagartig neue Beschäftigungswege, wenn die Worte auf den wenigen Verwandtenfeiern, zu deren Besuch man sich durchringen kann, immer die selben sind, wo sie sich doch eigentlich ebenso wie die Antworten darauf ändern sollten. Fußball als Handbremse der Zeit, als ewiges Bildnis des Dorian Gray, angenehmerweise noch damit verbunden, Siege zu feiern und einzutauchen in eine Gruppe von anderen Jungs, die ihre Wege ebenfalls in verminderter Geschwindigkeit zurücklegten. Nicht jene auf dem Platz, da wo es anders als man gerne behauptet eben überhaupt nicht entscheidend ist, sondern jene im Leben.

Bis dahin hatte es noch den Konflikt gegeben zwischen der Frage, ob es besser wäre, zu proben, Proben zu proben, bei denen der Mangel an Talent immer wieder in solcher Dichte im Proberaum umherwaberte, dass man die Fenster öffnen musste. Mit geöffneten Fenstern aber durfte man nicht proben, also ging man raus und holte sich gleich eine dicke Schale Pommes, die ebenso passend zum Ende der Bundesliga-Konferenz einen willkommenen Anlass bot, gar nicht erst weiterzuproben, abgeschweift von dem eigentlich neu zu komponierenden Intro desjenigen Songs, der ganz besonders am Mangel an Talent krankte – so wie alle anderen Songs im Programm auch.

Proben oder doch lieber zum Fußballplatz gehen, wo zu jeder Jahreszeit Jungs rumhingen, die entweder stoned waren und Lust hatten, herumzukicken, oder noch nicht wieder richtig nüchtern vom Vorabend, es zu Hause aber nicht mehr aushielten, wo ohne Freundin und ohne neue DVD eventuell der Blick in den Spiegel gedroht hätte. Dieser Konflikt war nun keiner mehr, er würde von nun an an jedem Wochenende zum Platz gehen, um sich dem Nachdenken zu entziehen. Was die Hartnäckigkeit erklärte, mit der er bei jedem Wind und jedem Wetter am Platz aufkreuzte, auf dem die Regeln so einfach schienen und ein Mangel an Talent kein Hinderungsgrund war.

Denn echte Fußballer waren das hier alle nicht. Die wenigsten besaßen Scheinbeinschoner, die wenigsten wussten, wie man einen Einwurf regelgerecht ausführt, und dennoch trug die Hälfte von ihnen Trikots, vom AC Florenz, vom 1. FC Köln oder vom FC Liverpool. Mancher gar mit einem Tattoo davon irgendwo auf dem Körper, dessen Besitzer schlicht das Vorstellungsvermögen dazu fehlte, sich dieses Tattoo vom mit dem Wappen vom niemals alleine Gehen auf einem vergilbten Körper vorzustellen, wenn man ihn ins unterste Geschoss des Krankenhaus fahren würde. Und wie wenig von den auf den Körper gemalten Versprechungen geblieben sein würde, wenn man zufällig als Letzter aus dieser Runde ins Grass gebissen hätte. Dann würde man den Weg von der Kapelle bis zur Gruft zwar nicht alleine, aber doch ohne alte Freunde zurücklegen.

Vielleicht war es auch kein Mangel an Vorstellungsvermögen, vielleicht war es immer noch diese merkwürdige Mischung aus Glaube an die eigene Unsterblichkeit, die Spätpubertierende nun mal auszeichnet, vermengt mit der noch nicht spruchreifen Gewissheit, dass man ohnehin einen Weg wählen würde, der das Tattoo tatsächlich nicht besonders alt werden lassen würde. Die Verwesung beginnt wohl schon am ersten Tag, und je nach Kontostand wäre der Sarg ohnehin nicht übermäßig gegen Eindringlinge geschützt. Und nicht zuletzt wäre es dann ja ohnehin ganz egal.

Natürlich waren auch einige im FC-Bayern-Trikot dabei, mancher im Gladbach-Trikot und am Ende waren alle sowieso nicht gekommen, um diese Trikots spazieren zu tragen, sondern dem zu entgehen, was ohne Fußball am Wochenende gedroht hätte: Diese bleierne Sinnlosigkeit des Wochenendes. So aber schaffte das eine oder andere mehr erzielte Tor als der Gegner Sinn, wenigstens bis man zu Hause ankam. Und wem es dann noch nicht genug Eskapismus bot, zu fußballen, der verfasste dann auch noch Spielberichte über die erlebten Partien, auch wenn darin in Ermangelung von Schiedsrichtern, aufgebrachter Massen, die Busse auf Autobahnen stoppen oder an Galgen hängende Trainerfiguren bastelten, nicht allzu viel vorkommen konnte als dann doch wieder die eigene Talentlosigkeit. Wenn man darüber wenigstens lachen konnte, dann hatte man vielleicht doch dem Hinabschieben ins unterste Geschoss ein Schnippchen geschlagen, wenn auch nur temporär.

2 Kommentare

  1. Die Tatsache, dass ich sowohl Fußball als auch Musik liebe UND auch noch für beides einigermaßen Talent habe erklärt dann also hinreichend, dass ich mich mit 27 immer noch nicht dem Studienabschluss nähere? Puh, endlich weiß ich, woran’s liegt.



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