Im Angesicht der Sekte

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Özcan hieß er eigentlich. Nannte sich selbst aber Maradona. Womit er ja nicht so weit entfernt war von all jenen Kids, die sich auf Bolzplätzen treffen oder trafen und sich vor 40 Jahren vielleicht „Günter“, „Jupp“ oder „Gerd“ nannten, in den 1980ern dann eben „Maradona“, „Zico“ (insbesondere Zicos gab es viele, was nicht nur an dessen Spielweise, sondern auch an der besonderen Attraktivität dieses Namens gelegen haben mag) oder „Socrates“, weil man damals schon irgendwie mehr zu den Nachnamen tendierte, die wesentlich später erst dann auf den Trikots erscheinen sollten. Man darf an dieser Stelle, wenn man selbst immer „Wuttke“ sein wollte, nicht allzu viel über „Maradona“ lästern, wenn er doch auch dazu gehörte. Zur Sekte der Fußballinfizierten. Die Sekte, die kein Oberhaupt und keine Regeln hat, deren Angehörige aber ähnlich bedauernswert sind wie jene, wie man liest, immer selben 20.000 Menschen, die bei 9Live und Ähnlichem anrufen, obwohl sie natürlich qua Regeln des Spiels nicht gewinnen können. Immer die selben 20.000 Spielsüchtigen, die genau auf diese eine Machart hereinfallen, internetferne Omis wahrscheinlich, denn wer Internet hat, der hat seine tatsächliche Spielsucht schon längst ins Internet verlagert und verfügt über 35 Accounts in Gibraltar, Surinam, Monaco, der Schweiz oder anderen nicht-Eu-konformen-Regionen. Wer hingegen fußballsüchtig ist, und schon in jungen Jahren infiziert wird, der hat überhaupt keine Chance, seiner Sucht zu entkommen. Es gibt nicht mal ein Anti-Sucht-Programm der Krankenkassen, keine Betty-Ford-Klinik für Fußballsüchtige. Wer einmal infiziert ist, der muss sich am Ende seines Lebens noch grämen, dass er nicht nur stirbt, sondern auch das Ergebnis der nächsten WM oder EM (je nachdem, was gerade ansteht) nicht mehr erfahren wird. Hajo Friedrichs hat eines seiner Interviews, als er schon dem Tode geweiht war, damit gestaltet, zu antworten, auf die Frage, was er bedauern würde, wenn bzw. dass er jetzt bald sterben würde: Dass er nicht mehr die EM 1996 erleben werde. Und wenn man deutsch ist und Deutschland gewinnt dann zufällig (wobei ausgerechnet 1996 eben eher nicht zufällig war, aber kann ja immer so sein) und man erfährt das nicht mehr, dann ist das traurig. Also, für einen Toten ist es natürlich nicht mehr traurig, denn tot ist tot. Aber stellen wir uns mal vor, man wüsste, dass eine deutsche Mannschaft mit guten Chancen zu einer WM führe. Und dann läge man todkrank auf der Intensivstation, und dann — das natürlich nur für den Fall dass man berühmt wäre — kämen Reporter vorbei und fragten so unangenehme Fragen wie was man am meisten vermissen würde, wenn man dann bald tot sei.

Das Ergebnis des nächsten großen Fußballturniers.

Wie traurig und peinlich zugleich. Dass man einfach so auf dem Sterbebett noch mal zugeben muss, dass man unheilbar dieser Sekte angehört. Und dass man nichts Besseres zu antworten weiß, weil es eben Realität ist, wie schlimm es ist, dass man weder wissen will, wer die nächste Bundestagswahl gewinnt, noch ob die Menschheit den nächsten Meteoriten-Einschlag oder die nächste Pandemie (die ja ohnehin niemals kommt) überleben wird, sondern dass man wissen will, wer nächster Europameister wird. Wird man dann aber nicht mehr erfahren. Auf der Intensivstation. Irgendwann gehen die Lichter aus.

Maradona war jedenfalls in seiner Spielweise sehr wenig maradona-like, außer, dass er auch nur ca. 1,50m groß war. Ein bisschen peinlich, auf dem Platz nach einer Flanke oder einem Pass von ihm zu verlangen; die Gegner lachten immer, wenn man ihn „Maradona“, der eigentlich Özcan hieß, rief.

Aber infiziert ist infiziert.

9 Kommentare

  1. Toll, Trainer.

  2. Liest sich so, als wäre es dann doch wohl mal langsam Zeit für Ernst-Kuzorra-seine-Frau-ihre-Klinik für die Fußballsüchtigen.

  3. Immer wieder faszinierend, wie Du hier Sachen aufgreifst, die einem jeden „Infizierten“ so oder so ähnlich schonmal durch den Kopf gegangen sind… es hat nur noch keiner dran gedacht, es aufzuschreiben. Danke!

  4. Es läge mir fern, Trainer, Deine anderen Texte herab zu würdigen, doch ich gebe zu:

    Wenn ein Text, den Du normalerweise auf 8 Absätze verteilen würdest, in einem einzigen Platz hat, weiß man (zumindest ich), dass es ganz besonders wichtig ist, diesen Text intensiv zu lesen.
    [ Auch wenn das offensichtlich Methode hat ;-) ]

  5. Ach so, fast vergessen:

    Falcão. Manchmal auch Schuster.

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