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Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, aber die Saison in der Liga jenes Vereins, für den ich zum ersten Mal eine Dauerkarte erworben habe, ist so gut wie gegessen. Es soll auch kein sportliches Fazit werden, sondern eines, das das Resultat meines kleinen Experimentes zusammenfasst. Eingeleitet wurde dieses mit dem Text „Sanfte Bande Sangesstunde Stadion“, in dem ich ankündigte, für die kommende Saison alles mitzusingen, was das Reservoir an Anfeuerungen, auch Schmähungen bereithält und natürlich sowieso alle Einlauf- und sonstigen Musikstücke, z. B. nach Torerfolgen oder in der Halbzeitpause.

Das Fazit ist so kurz wie positiv: ich habe den Fußball völlig neu für mich entdeckt.

Das gesamte Stadionerlebnis ist deutlich intensiver in allen Bereichen, die man sich für ein soziales Wesen wie es der Mensch eines ist, denken kann: Mehr Anteilnahme, größere Ausschläge der Empfindungen, intensivere Freude wie auch Trauer, sogar zur einen oder anderen Schiedsrichterbeschimpfung lässt man sich, einmal beim Mitsingen dabei, hinreißen und auch wenn Anteilnahme eigentlich das Selbe bedeutet: das Mitfiebern ist schlicht viel intensiver, ebenso wie die Verbundenheit mit dem Rest des Publikums, den Akteuren und der Idee des Vereins.

Wie das funktioniert, ist in dem oben verlinkten Text erläutert. Dass es eine solch starke Auswirkung aufs Stadionerlebnis haben würde, hätte ich allerdings nicht vermutet. Von jetzt an bin ich auch immer pünktlich 30 Minuten vor Anpfiff im Stadion, um alle einleitenden Songs mitzuträllern und muss keinen Pfennig mehr bezahlen, erlebe die Spiele aber doch viel intensiver.

Da ist man 30 Jahre lang der akademische Snob aus weißer Mittelklasse mit Stock im Arsch und singt fast nie mit, außer bei Aufstiegen oder Pokalsiegen. Weiß aber nicht, um welche Intensitäten man sich mit dieser Verweigerung bringt. Kann man jedem nur empfehlen, der lediglich als schweigender Zuschauer seinen Genuss pflegt, auch wenn das Erlebnis dann etwas roher, ungeschliffener und vielleicht auch etwas überwältigender wird, was ja nicht allen Menschen immer so zusagt.

Ein stumm bleibende Ansammlung von Fußballzuschauern, wird sich jedenfalls subjektiv nie so beteiligt empfinden wie eine singende Masse, gleichwohl die Zahl der Untersuchungseinheiten hier mit 1 (einer) ein wenig klein war, um allgemein gültige Aussagen zu treffen.

Dass Singen verbindet und auch die Chemie im Körper verändert, daran dürften Menschen, die in Kirchen, Chören, auf Konzerten oder zu Geburtstagen mit anderen Menschen zusammen singen, aber ohnehin keine Zweifel hegen.

Angenehm auch, dass im Stadion, anders als in einem Chor, niemanden interessiert, ob man überhaupt singen kann. Es reicht, wenn man für sich so ein bisschen mitsingt, vielleicht auch eher -gröhlt, ohne die Stehnachbarn mit allzu schiefen Lauten zu belästigen.

Ein tolles Fazit eines gelungenen Experimentes, das man im eigenen Interesse schon mal einige Jahrzehnte eher hätte durchführen sollen. Dessen Resultat dennoch komplett positiv zu bewerten ist.

So, wann ist die nächste Messe, äh, das nächste Spiel?

5 Kommentare

  1. Pingback: #Link11: Eingemauert | Fokus Fussball

  2. Werde ich mir zu Herzen nehmen.

  3. Möglicherweise entgeht mir hier dick aufgetragene Ironie, aber ich bezweifle es und freue mich über Dein allem Anschein nach sehr gelungenes Experimentierjahr, Trainer!

  4. Nö, absolut keine Ironie. Ich ging zwar schon immer hin und rief auch den Namen des Vereins (nach Torchancen oder nach Torerfolgen) und jene der Spieler bei der Verlesung der Aufstellung, aber gesungen hab ich vorher (fast, Ausnahmen etc.) nie. Ich kann nämlich nicht singen und das war auch der Grund, warum ich in einer damaligen Band zwar die Texte schrieb, aber nicht ans Mikro durfte/wollte. Singen war mir so fern wie mit Laserschwertern fechten. Aber das Experiment ist ja gelungen.

    Danke, heinz.

  5. Ein feines Experiment mit löblichem Ausgang. Negative Energie verfliegt und die Stimme bekommt am Morgen danach einen Hauch von … https://www.youtube.com/watch?v=9GYzG-cpne4



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